Fan-Hass beim Baseball Wie Steve Bartman seinem Herzensklub den Titel versaute

Waren sie verflucht? So lange schon hofften die Chicago Cubs auf die Baseball-Meisterschaft, als 2003 ein langer Ball Richtung Tribüne flog. Ein junger Fan schnappte danach - sein Leben änderte sich für immer.

John Biever/ Sports Illustrated/ Getty Images

Da sitzt er nun, Gang 4, Reihe 8, Sitz 113. Starrt durch schmale Brillengläser angestrengt ins Leere, die Kappe tief ins fahle Gesicht gezogen, Kopfhörer auf den Ohren, den grünen Rollkragenpulli hoch um den Hals, als wollte er darin verschwinden. Finger zeigen auf ihn, "Asshole"-Rufe tosen durchs Stadion Wrigley Field.

Steve Bartman ahnt vielleicht, dass sein Leben ein anderes sein wird, nachdem dieser vermaledeite Ball in seine Richtung geflogen ist. Jemand kippt Bartman Bier über den Kopf, Leute spucken, schließlich geleiten Security-Mitarbeiter den jungen Fan der Chicago Cubs von der Tribüne. Er hat seinem Team, so wird es später heißen, gerade die Chance auf die Meisterschaft 2003 versaut.

Baseball, das ist Amerikas liebste Freizeitbeschäftigung. Dieser Geruch von Gras und Fast Food, das antiquierte Flöten der Stadionorgel, das helle Klacken, wenn das Holz des Schlägers den Ball voll trifft. 18 Spieler, vier Bases, ein Schläger und ein Ball - aber ist es nicht viel mehr als das? Die epischen Triumphe und krachenden Niederlagen, all die Geschichten, die Väter und Mütter an ihre Kinder weitergeben wie kostbare Geschenke.

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Steve Bartman: Ein Fan, ein Foulball, ein Fluch

Kein Sport in den USA ist älter, keiner so tiefer Teil der amerikanischen Seele. Die World Series, das Finale zwischen den besten Teams der American und der National League, existiert seit 1903. Baseball ist unendlich reich an Legenden und Mythen. Und an Flüchen.

Murphy's Law: Der Fluch der Ziege

All das weiß Bartman, 26. Das Team der Chicago Cubs ist sagenumwoben, so dominant in den Meisterjahren 1907 und 1908 wie danach erfolglos. Als der Klub sich 1945 anschickte, die World Series endlich wieder zu gewinnen, wurde ein Mann namens Billy Sianis des Stadions verwiesen, weil er seine Ziege Murphy mitgebracht hatte. Sianis verfluchte die Cubs, sie mögen nie wieder die World Series erreichen. Die Worte eines Spinners, klar, aber auch ein Stück Baseballgeschichte - denn die Cubs verloren spektakulär und blieben über Jahrzehnte ohne große Erfolge.

Am 14. Oktober 2003 jährt sich der "Fluch von Billys Ziege" fast auf den Tag genau zum 68. Mal. Die Cubs umweht mittlerweile eine gewisse Vergeblichkeit. Jetzt aber könnte sich alles zum Guten wenden. Im National-League-Finale um den Einzug in die World Series brauchen sie nur noch einen Sieg gegen die Florida Marlins. Sie dominieren, der Triumph scheint nahe, die Fans feiern. Dann schlägt Marlins-Spieler Luis Castillo einen Ball weit die Grundlinie runter Richtung Zuschauerränge.

Cubs-Spieler Moises Alou rennt, springt und streckt seinen Handschuh in die Höhe, sein ganzer Körper ein angespannter Muskel. Der Ball, ein kleiner weißer Tropfen in einem Ozean aus Möglichkeiten, stürzt exakt auf Höhe der Balustrade zwischen Feld und Tribüne vom Himmel.

Fängt Alou den Ball, ist Castillo raus. Landet er auf den Rängen, ist es ein Foulball und Castillo kriegt einen weiteren Schlagversuch. "Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass ich den Ball gefangen hätte", sagt Alou nach dem Spiel, "aber wie aus dem Nichts war da eine Hand."

Die von Steve Bartman.

Jeder, der mal live dabei war, kennt das Gefühl, wenn ein Spiel "kippt". Schon ein, zwei Aktionen können reichen. Als Bartmans ausgestreckter Arm den Ball abfälscht und dieser irgendwo unter den Sitzschalen von Gang 4 landet, als Alou wütend seinen Handschuh in den Dreck feuert, ist das Spiel noch nicht vorbei. Aber doch für die Cubs verloren.

Unter Lebensgefahr aus dem Stadion

Foulbälle zu fangen, gehört zum Baseball. Auch andere Fans neben Bartman strecken ihre Hände danach. Das will aber bald niemand mehr wissen. Die Cubs verlieren erst den Faden, dann das Spiel, mit 3:8 nach 3:0-Führung. Aus Fassungslosigkeit der Fans wird Wut, eine "Lynchmentalität", wie ein Security-Mann später sagt. In den Katakomben wollen manche Bartman an den Kragen, einer bastelt noch beim Spiel ein Plakat: "Tötet den Fan."

Die Sicherheitsleute verstecken und verkleiden ihn, um ihn heil aus dem Stadion zu bekommen. Noch weiß keiner, wer dieser Typ im Rollkragenpulli ist, aber schnell steht sein Name im noch jungen Internet, samt Adresse.

Tags darauf verlieren die Cubs das entscheidende Spiel und fahren wieder nicht zur World Series. Schuld daran, so die öffentliche Meinung, ist der Fan, der das Spiel versaute. Spieler und Funktionäre der Cubs rufen dazu auf, ihn in Ruhe zu lassen. Vor Bartmans Haus stehen Kamerateams und wegen der vielen Morddrohungen bis zu sechs Polizeiwagen.

Und Bartman? Lässt eine Erklärung veröffentlichen: "Es gibt keine Worte dafür, wie fürchterlich ich mich fühle und was ich in den letzten 24 Stunden erleben musste." Er habe Alou nicht gesehen, sei vom Moment vereinnahmt gewesen, verstehe ganz und gar den Zusammenhang seiner Aktion mit dem Spielausgang. "Ich möchte mich bei Moises Alou, den Cubs und allen Fans entschuldigen, aus der Tiefe meines gebrochenen Cubs-Fan-Herzens."

Der Ball wird gesprengt und zu Pastasauce

Es hilft nichts. Bartman muss untertauchen, Morddrohungen und Polizeischutz sind fortan Teil seines Lebens. Ein Chicagoer Stadtrat empfiehlt Bartman, nach Alaska zu ziehen, der Gouverneur von Illinois rät gar zum Zeugenschutzprogramm. Im Internet werden fiese Bartman-Fotomontagen ein eigenes Genre, "Death to Steve Bartman"-Seiten tauchen auf.

Er selbst bleibt verschwunden, ignoriert Interviewanfragen aus aller Welt, schlägt auch ein sechsstelliges Angebot für einen Werbespot aus. Der Mythos wächst mit jeder Saison, weil er nie zu hören und zu sehen ist. Manche sagen, Bartman habe sich beim Schönheitschirurgen das Gesicht verändern lassen oder lebe unter falschem Namen im Ausland. Es gehe ihm gut, lässt Anwalt Frank Murtha ausrichten, ein Freund der Familie, bei dem sämtliche Anfragen versanden.

Mit den Jahren wird aus dem Vorfall Baseball-Folklore, wie einst aus Billys Ziege. Zu Halloween laufen Chicagoer in Bartman-Kostümen herum, sein Sitz im Stadion wird zum Wallfahrtsort. Es gibt einen Bartman-Sketch bei "Saturday Night Live", einen bei "Family Guy", in der Krimiserie "Law and Order" fängt ein Fan einen Foulball und wird ermordet.

Um den Fluch zu brechen, kauft ein PR-freudiger Restaurantbesitzer den Bartman-Ball für gut 100.000 Dollar, sprengt ihn vor Fans in die Luft und verarbeitet die Überreste zu Pastasauce. "Der Ball ist wie der Ring aus 'Herr der Ringe'", sagt der Gastronom. "Und wir sind alle wie Frodo, die das alles hinter uns bringen wollen."

Und dann endet der Fluch

Und die Cubs? Verlieren, na klar, die wichtigen Spiele, Saison für Saison. Aber dann: 2016 haben sie wieder eine aufregende Mannschaft, die Saison läuft gut und immer besser. Die Cubs erreichen das große Finale und gewinnen 4:3 gegen die Cleveland Indians - alle Flüche, die auf dem Klub lasten, enden als gefangener Ball im Handschuh des Spielers Anthony Rizzo.

Bei der Parade zur ersten Meisterschaft seit 108 Jahren sind fünf Millionen Menschen auf Chicagos Straßen. Vielleicht ist Steve Bartman unter ihnen, der Ausgestoßene, dessen Leben ein kleiner Fehler so dramatisch verändert hat. Mit den Jahren merken das die Chicagoer, er gilt nicht länger als "Seuchenvogel", wie Fußballtrainer Jürgen Klopp sagen würde - sondern als Opfer und Sündenbock einer ganzen Stadt, außerstande, ein normales Leben zu führen.

Das wissen auch die Cubs und veröffentlichen kurz nach dem Titel ein Statement: "Wir sind stolz, einen 2016 World Series Ring an Mr. Steve Bartman zu übergeben. Wir hoffen, dass diese Geste ein unglückliches Kapitel unserer Geschichte schließt." Meisterschaftsringe sind in den USA die größte Ehre, die einem Sportler zuteilwerden kann. Jeder der Sieger bekommt einen. Und nun auch Bartman, der daraufhin sein Schweigen bricht.

"Auch wenn ich mich dieser Ehre als unwürdig empfinde", schreibt er, "bin ich zutiefst bewegt." In seinen Worten geht es um einen Heilungsprozess, darum, dass diese Saga nun ein Ende und sein Team eine Meisterschaft hat. Dass er wieder Teil der Cubs-Familie ist. Und keine Interviews geben wird.

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Homer J, 14.10.2019
1. Es gibt auch eine Folge
des US Sitcoms Grounded for Life (Keine Gnade für Dad) gibts die gleiche Story. Der Protagonist Sean Finerty fängt den Ball und wird von wütenden New Yorkern gejagt
Dominique Dietz, 14.10.2019
2.
Unglaublich zu welchem Wahnsinn Menschen wegen eines Spiels fähig sind. Wäre aber bei unserm heiligen Fußball kaum anders. Ein Leben zerstört wegen so einem Pipifax
Christian Matschke, 14.10.2019
3. Sport und Krieg
Die psychologische - auch massenpsychologische - Nähe von Sport und Krieg ist manchmal erschreckend. Die versöhnliche Geste des Teams in allen Ehren: Unter vernunftbegabten Christenmenschen hätte sie bereits 2003 gezeigt werden müssen, nicht?
Alex Smith, 14.10.2019
4. Infassbar
Mehr fällt mir dazu nicht ein.
martin hillmann, 14.10.2019
5. wäre der Baseball...
in Richtung meines Gesichtes geflogen, hätte ich den auch lieber gefangen, als dass er mich verunstaltet. Ihn weg zu fangen ohne dass eine Gefahr für sich selbst bestünde ist was anderes. Aber generell Mist wenn man wegen eines Spiels dann Morddrohungen erhält. Am Ende sind die Cubs selber Schuld. Wer das Spiel am Ende dennoch 3:8 verliert...
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