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Von der Wucht einer kleinen Atombombe – die Explosion in Oppau 1921

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KHARBINE-TAPABOR / imago images

BASF-Explosion 1921 »Das Ende der Welt schien gekommen«

Der pfälzische Big Bang hatte enorme Wucht: Als in Oppau ein BASF-Silo detonierte, starben 559 Menschen. Die Katastrophe nährte vor hundert Jahren weltweit den Verdacht einer neuen Kriegswaffe – und hallt in der Region bis heute nach.

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Dem Reporter der »Frankfurter Zeitung« verschlug es die Sprache, als er sich dem Unglücksort näherte. »Die grauenhaften Bilder von dieser Katastrophe, aus der Erde gestampft, hemmen die Feder«, schrieb er in seinem Bericht vom 22. September 1921, und weiter:

»Auf den Wagen weinende Frauen und verstörte Kinder. Auf dem ganzen Weg kein Haus ohne Spuren der Explosion ... Eisenmassen jeden Formats liegen auf den Äckern. Ein wie Teig zusammengerollter Kessel von mehreren hundert Zentnern hat sich etwa 400 Meter von der Explosionsstelle entfernt in den Boden gegraben. Eisenbahnschienen stecken wie Wurfspeere in der Erde. Reste von Menschenleibern vermehren das Grauen.

Immer noch quellen die Ammoniakdünste in dicken Wolken auf, und je näher wir herankommen, umso schwerer wird das Atmen ... Haushohe Löcher, in deren Tiefen das Grundwasser gurgelt, hemmen den Weg. Hier haben die explodierten Behälter gestanden. Hier war die Flamme brausend aufgeschlagen. Von hier aus war in wenigen Sekunden die Explosion über die gesamte Anlage gerast und hatte sie zerdrückt wie ein Bretterhaus.

Jetzt sehen wir auch das nahe Dorf Oppau. Wie mit tausend Fäusten hat der Luftdruck in das unglückliche Dorf hineingegriffen und kein, aber auch kein Haus verschont ... An einer Leichenhalle steigen wir ab. Hier liegen die Toten wie hingemäht, Männer, Frauen und Kinder jeglichen Alters mit furchtbaren Verletzungen.«

Das Gespenst der Zerstörung

Was der Redakteur in Worte zu fassen versuchte, gilt bis heute als größte Explosionskatastrophe der deutschen Geschichte: Am 21. September um 1921 detonierte ein mit 4500 Tonnen Ammonsulfatsalpeter befülltes Düngemittelsilo auf dem Gelände der Badischen Anilin und Sodafabrik (BASF) in Oppau, heute ein Stadtteil von Ludwigshafen. 559 Menschen starben, knapp 2000 wurden verletzt. Die Uhrzeit des Desasters lässt sich exakt beziffern – die Druckwelle stoppte alle Kirchturmuhren im Umkreis um 7.32 Uhr.

Wer überlebt hatte, wurde Zeuge grauenvoller Szenen: »Wirbel und Dämpfe und Gase und dichte, unheimliche schwarze Lavaluft, das Jüngste Gericht mit all seinen Schauern, das Ende der Welt schien gekommen«, schrieb ein Beobachter. Auch Zeitzeuge Max Krause beschwörte in seiner Denkschrift von 1921 das »Weltende« – ein »Gespenst der Zerstörung«, das sich mit »einem apokalyptischen Nein übermächtiger Energien« dem Dorf Oppau genähert hatte.

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Eine Bäuerin sei auf einem etwa tausend Meter entfernten Feld von »Betonbrocken getroffen und auf der Stelle zermalmt« worden, schrieb der »Generalanzeiger Ludwigshafen«. Die »Rheinische Zeitung« schilderte den Anblick von »formlosen Fleischklumpen, schwarz und entstellt«, die »nichts Menschenähnliches mehr« besäßen.

»Kein Kunstfehler und keine Unterlassungssünde«

Selbst wenn manche Berichterstatter zu Ausschmückungen neigte: Die zwei dicht aufeinander folgenden Detonationen erreichten die Wucht einer kleinen Atombombe, ihr Grollen war laut Zeitzeugen noch bis Zürich, Göttingen und München zu hören. Im 25 Kilometer östlich gelegenen Heidelberg deckte die Druckwelle Häuser ab, drückte Scheiben ein und hob eine Straßenbahn aus den Schienen; selbst im 80 Kilometer entfernten Frankfurt gingen Fenster zu Bruch.

Wo einst das mit Dünger gefüllte Riesensilo gestanden hatte, klaffte nun ein gigantischer Krater: 18,5 Meter tief, fast eineinhalb Fußballfelder lang und eines breit. Von knapp tausend Wohnungen waren in Oppau nur noch hundert bewohnbar und mehr als 7000 Menschen mit einem Schlag obdachlos.

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Von der Wucht einer kleinen Atombombe – die Explosion in Oppau 1921

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Und die BASF? Das Unternehmen wies zunächst jede Schuld von sich, wie die Historikerin Lisa Sanner in ihrer Dissertation über das Unglück dargelegt hat. »Kein Kunstfehler und keine Unterlassungssünde hat die Katastrophe herbeigeführt. Neue, uns auch jetzt noch unerklärliche Eigenschaften der Natur haben all unseren Bemühungen gespottet«, beteuerte der Vorstandsvorsitzende Carl Bosch am 25. September 1921 bei der Trauerfeier für die Toten.

Vier Tage zuvor, am Abend der Katastrophe, hatte der Chemiker noch ganz anders geklungen und sichtlich schockiert unter Tränen bei einer Krisensitzung des Oppauer Gemeinderats versichert: »Die Anilin kommt für alles auf.« Noch am Unglückstag stoppte BASF mit sofortiger Wirkung die Produktion von Ammonsulfatsalpeter.

»Neues Gas mit furchtbarer Explosionskraft«

Carl Bosch, gemeinsam mit Fritz Haber, Vater des Haber-Bosch-Verfahrens, wusste genau um das Gefahrenpotenzial des synthetischen Ammoniaks: Das Produkt war als Düngemittel laut Bosch dazu »bestimmt, Millionen unseres Vaterlandes Nahrung zu schaffen«. Es hatte aber als Ausgangsbasis für Sprengstoff auch massenhaften Tod über die Menschen gebracht – so geschehen im Ersten Weltkrieg.

Angesichts des bereits Ende 1914 erkennbaren Munitionsmangels hatte die BASF die deutsche Sprengstoffindustrie zuverlässig mit Salpetersäure versorgt und war zudem im Krieg zum Hauptlieferanten für die Giftgase Chlor und Phosgen avanciert – was nach der Katastrophe weltweit den Nährboden für den Verdacht einer neuen deutschen Kriegswaffe bot.

In Oppau sei »insgeheim ein neues Gas mit furchtbarer Explosionskraft« hergestellt worden, mutmaßte der britische »Daily Telegraph«. »1500 Deutsche sterben bei der Explosion eines Kriegsgaswerks«, schrieb der »Boston Daily Globe« in den USA; auch dem französischen »Figaro« zufolge hatte ein »neues Gas« die Explosion ausgelöst.

Derweil orakelte das renommierte »Wall Street Journal«: In der badischen Fabrik sei »ein Gas entwickelt« worden, das auf einen Schlag »mehrere Infanterie-Bataillone« pulverisieren und »eines unserer 50.000-Dollar-Kriegsschiffe in eine selbstzerstörende Bombe verwandeln« könne.

Nichts davon stimmte. Kein ominöses Monstergas hatte die Detonation ausgelöst, sondern: das Team um BASF-Sprengmeister Hermann Humpe.

»Historische Chance vertan«

Denn das in Oppau produzierte Düngersalz (ein Mix aus dem hochexplosiven Ammoniumnitrat und dem ungefährlichen Ammoniumsulfat) neigte zum Verbacken und Verhärten. Damit es nicht mühsam mit Hacke, Spaten und Bagger abgebaut werden musste, lockerte man die Düngemittelberge regelmäßig mit Dynamit auf.

Diese Routine mutet irrwitzig an, wurde aber jahrelang praktiziert, weil das Mischsalz mit einem Nitratanteil unter 60 Prozent als nicht zündfähig galt. 20.000 Mal war nichts passiert – beim 20.001. Mal explodierte die Fabrik.

Die (erst später erkannte) höchstwahrscheinliche Ursache: Durch ein neu eingeführtes Sprühtrocknungsverfahren hatte sich das Düngesalz teilweise entmischt, der Nitratanteil im Dünger war gestiegen; an manchen Stellen lag im Oppauer Silo sogar reines Ammoniumnitrat vor – jene Substanz, die 2020 auch zur verhängnisvollen Detonation im Hafen von Beirut  führte.

So jagte die BASF sich selbst in die Luft und verursachte enormes Leid. Allein: Für die Schäden kam das Unternehmen erst nach teils jahrelangen Klagen der Geschädigten auf. »Die BASF hat sich doch sehr bitten lassen«, kritisiert Historiker Stefan Mörz, Leiter des Ludwigshafener Stadtarchivs.

Das Unternehmen habe die »historische Chance vertan, mit einer großherzigen Regelung Vertrauen zu stiften« und die »vergiftete Beziehung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgeber zu verbessern«, so Mörz. Die Explosion von 1921 halle ein Jahrhundert später noch immer nach: »Bis heute mischt sich in der Region Stolz auf das Weltunternehmen mit der Angst vor einer Wiederholung des Big Bang.«

»Der Tod läuft so schnell als deine schnellen Maschinen«

Zudem blieb es am Ludwigshafener BASF-Standort nicht bei der einen Katastrophe: 1943 explodierte ein Kesselwagen mit Butadien, 70 Menschen starben – zumeist Zwangsarbeiter. 1948 detonierte in der Nitrolack-Fabrik ein Kesselwagen mit Dimethyläther. Mehr als 200 Menschen kamen ums Leben, 3800 wurden verletzt. 1970 explodierte ein mit Benzol beladenes Tankschiff, was zu fünf Toten führte. Erneut starben fünf Menschen, nachdem 2016 im BASF-Hafen ein falsches Rohr angeschnitten worden war.

»Das Unglück von damals, aber auch jeder andere Unfall, der sich in einem BASF-Werk ereignet, ist für uns eine eindringliche Mahnung«, sagt der Vorstandsvorsitzende Martin Brudermüller. »Eine Mahnung, dass wir alles Erdenkliche dafür tun müssen, damit solch ein Unglück nicht wieder geschieht.« Am Jahrestag der Katastrophe wird er mehrere Gedenkstätten für die Opfer auf Ludwigshafener Friedhöfen besuchen.

Ob man sich bei dieser Gelegenheit an die Worte des Pfarrers Paul Josef Scholten erinnert? »Wir mögen in unseren Erfindungen fortschreiten, wie wir wollen, der Tod ist mit in die sorgfältigsten Werke eingebaut«, sagte Scholte 1921 bei der Trauerfeier für die Opfer des Unglücks. »Er läuft so schnell als deine schnellen Maschinen. Er hängt sich an deine gewaltigen Teilräder. Er blitzt aus deinen stärksten Riesenzylindern heraus.«

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