Basketball-Pionier Charlie Hoefer Wie es der erste Deutsche in die NBA schaffte - und in Vergessenheit geriet

Goodbye Deutschland: Für Basketball-Auswanderer läuft es zurzeit gut in der NBA. Dort spielte Charlie Hoefer aus Hessen schon 1946. Er und sein Klub sind fast vergessen - der Sport hat sich radikal gewandelt.

Boston Celtics

Von Christian Woop


Als ein wenig bekanntes Stück deutsche Basketball-Geschichte geschrieben wird, ist Dirk Nowitzkis Vater drei Jahre alt. Am 1. November 1946 in der Sportarena von Toronto dabei zu sein, kostet zwischen 75 Cent und 2,50 Dollar. Jeder, der größer als 2,03 Meter ist, sieht das Spiel umsonst - ein Werbeköder der Veranstalter.

Charles Henry Hoefer, 25, ist viel kleiner und auch dabei. Aber aus anderen Gründen: Er steht im Mittelpunkt, nämlich auf dem Spielfeld. Er ist ein Husky.

In den Maple Leaf Gardens treffen an diesem Freitagabend die Toronto Huskies auf die New York Knickerbockers - das erste Spiel der Basketball Association of America (BAA), aus der drei Jahre später die heutige NBA hervorgehen wird. Die NBA zählt die BAA-Zeit zu ihrer eigenen Historie dazu. Charlie Hoefer sieht den ersten Sprungball der Liga aus wenigen Metern Entfernung, sein weißes Trikot ist bedruckt mit der Nummer 13. Er wurde am 16. September 1921 als Adolph Hoefer in Hanau geboren und ist der erste deutsche Profibasketballer in den USA.

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Basketballer Charlie Hoefer: Der Husky aus Hanau und seine Nachfolger

Hoefer erzielt in diesem Heimspiel vor 7000 Zuschauern insgesamt acht Punkte, von der Freiwurflinie trifft er alle seiner vier Versuche. Seine Toronto Huskies verlieren am Ende jedoch 66:68. Die Saison werden sie später als zweitschlechteste Mannschaft der Liga mit nur elf Teams abschließen - und sich gleich danach auflösen. Hoefer ist da bereits nach Boston weitergezogen.

Basketball steckte damals noch in den Kinder-Chucks; Dunkings etwa waren eine ganz neue Erfindung, als "unfair" verrufen und später sogar zeitweise verboten. Eine Drei-Punkte-Linie für Distanzwürfe gab es erst Jahrzehnte später in der NBA, ab 1979. Das Spiel war nicht im Ansatz so schnell und dynamisch wie heute, und oft sahen die Zuschauer Bewegungen, zu denen heute kein Basketball-Lehrbuch rät: Würfe aus dem Stand etwa oder Korbleger mit beiden Händen auf Brusthöhe.

Von lokalen Ligen zum Milliardengeschäft

Charlie Hoefer, Spitzname "Dutch", spielte auf der Point-Guard-Position und hätte mit seiner Körpergröße von nur 1,75 Meter alles andere als Gardemaß für den heutigen Basketball. In der BAA reichte sie für durchschnittlich 5,6 Punkte pro Partie, bei einer Wurfquote von lediglich 25 Prozent. Zum Vergleich: Stephen Curry, einer der besten Schützen aller Zeiten, trifft 43 Prozent - und zwar bei seinen Dreiern.

Den heutigen Superstar Curry kennen nicht nur NBA-Fans, Hoefer ist nahezu vergessen. Die Geschichte des Hessen ist eine, wie sie viele junge Deutsche Anfang des 20. Jahrhunderts erlebten. Im Zuge der Wirtschaftskrise wanderte Hoefer 1926 mit seinen Eltern nach New York aus, spielte später am College im Stadtteil Queens und in der örtlichen Profiliga bei den Wilmington Bombers Basketball. Im Zweiten Weltkrieg diente er in der US-Marine und legte seinen Geburtsnamen Adolph ab, verständlicherweise.

Ganz ähnlich verlief die Karriere von Frido Frey, der ebenfalls 1921 in Deutschland geboren wurde und mit seinen Eltern nach New York kam. In Brooklyn reifte er zum Mannschaftskapitän seiner Schule, um dann von 1945 bis 1949 als Profi anzutreten. Manche Sportsfreunde führen ihn als ersten Deutschen in der NBA, doch er spielte zunächst für die Brooklyn Gothams in der Liga ABL und erst ab 1947 für die New York Knicks in der BAA. Wie Hoefer hatte auch der 1,88 Meter große Basketballer die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und zählte eher zu den Ergänzungsspielern als zu den umjubelten Korbkönigen.

Ein Auswanderer war ebenso Maurice Podoloff, geboren in Russland. Er prägte stark die Entwicklung dieses Sports zur milliardenschweren Eliteliga mit weltweitem Zuschauerinteresse. Podoloff war in den Vierzigerjahren zunächst Präsident der nationalen Eishockeyliga - und wenig später auch der BAA. Die Betreiber der Arenen wünschten sich größere Umsätze, also ließ Podoloff an eishockeyfreien Abenden in den Hallen Basketball spielen. Er expandierte klug im ganzen Land und schloss 1954 den ersten großen TV-Vertrag ab. Eine Goldgrube. Heute bekommt der MVP, der wertvollste Spieler der Liga, die Maurice-Podoloff-Trophäe überreicht.

Die Golden State Warriors, damals noch in Philadelphia und nicht in Kalifornien beheimatet, wurden 1947 der erste BAA-Champion. Doch vier Klubs verließen die Liga schon nach der ersten Saison. Podoloff musste handeln: Finanziell lief es zwar gut, doch um den Spielbetrieb zu sichern, fusionierte er die BAA am 3. August 1949 mit der Konkurrenzliga National Basketball League.

Döörks frühe Wegbereiter

An die Pioniere aus den Vorjahren dachte lange Zeit niemand mehr. Und die Spieler selbst rechneten zu der Zeit, als die Huskies die Knickerbockers empfingen, wohl nicht damit, was aus der BAA einmal werden sollte. So meldete sich die NBA erst im Jahr 1982 bei Ossie Schectman - denn er hatte am 1. November 1946 als Spielmacher der Knicks die allerersten Punkte erzielt. "Sie haben mir gesagt, dass ich der erste NBA-Korbschütze bin. Es stimmte, nur hatte ich bis dahin nie darüber nachgedacht", sagte Schectman einmal in einem Interview.

So wird es wohl auch Hoefer gegangen sein. Nach seiner Premierensaison wechselte er zu den Boston Celtics, die zu einer der berühmtesten Basketball-Mannschaften der Welt werden sollten. Ende der Fünfzigerjahre gewann das Team aus Massachusetts mit dem legendären Bill Russell gleich acht NBA-Titel in Folge. Hoefer indes hatte schon lange seine Karriere beendet. Nach 42 Partien im Celtics-Dress spielt er noch für die Saratoga Indians, Trenton Tigers und Schenectady Packers, bis 1949 für ihn Schluss war.

Mit den paar Hundert Dollar im Monat, die es für Spieler zu verdienen gab, hatten die frühen Profis deutscher Herkunft nicht ausgesorgt. Frido Frey wurde Kaufhausmanager und starb am 16. Mai 2000. Charlie Hoefer arbeitete bis 1969 im Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten, am 12. Juni 1983 starb er in South Dakota.

Das war eine Woche vor Dirk Nowitzkis fünftem Geburtstag. Acht Jahre später begann er, Basketball zu spielen. In den Jahrzehnten davor kam die NBA ganz gut ohne deutsche Profis aus, in den Achtzigern schafften dann Spieler wie Christian Welp, Uwe Blab und vor allem Detlef Schrempf den Sprung (siehe Fotostrecke). In seinen 16 NBA-Jahren erzielte "Det the Threat" eindrucksvolle 15.761 Punkte.

Das sollte Nowitzki in 21 Spielzeiten glatt verdoppeln. Er legte 1998 ein fulminantes Spiel beim "Nike Hoop Summit" hin: der Durchbruch für "Döörk from Wörtsbörg" - und der Beginn einer ganz großen Karriere, ein halbes Jahrhundert nach den ersten deutschen Pionieren in der NBA.

Mitarbeit: Jochen Leffers

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dragondeal, 02.08.2019
1. Da die beiden,
soweit ich den Artikel richtig verstanden habe, zu Zeiten Ihrer Basketballkarrieren bereits eingebürgert waren, würde ich nicht unbedingt von den ersten Deutschen in der NBA sprechen.
daniel stahll, 02.08.2019
2.
Naja, mit 4 in die USA ausgewandert (worden). Da ist er eigentlich ein US Amerikaner. und kein Deutscher. Ich dachte zuerst, ein Deutscher hat 1948 in Detuschland so gut Basketball gespielt, dass er in der US Liga spielen durfte.
Dirk D'Arcy, 02.08.2019
3. Die beiden ersten deutschen Spieler in
der NBA, die mit Basketball in D angefangen haben, waren Schrempf und Blab. Blab spielte immerhin 4 Jahre dort. Welp konnte sich nicht halten auf dem Level.
Heiner Müller, 02.08.2019
4. Titel verwirrt
Basketball hat zu dieser Zeit in der BRD noch keine Grundlage. Willi Daum e spielte deshalb Basketball 1936 für Deutschland weil es nur wenige Basketballer gab. Daume war jedoch Handballer. Erst nach dem WK II wurde durch die USA Armee Basketball in der BRD populär z. B. In Bamberg. Auch Bert Pessler kam aus dem Handball, der im Rahmen dieser Entwicklung die Bedeutung des Spiels in Bamberg förderte. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Bert_Peßler https://de.m.wikipedia.org/wiki/Willi_Daume
Heiner Müller, 02.08.2019
5. Die Geschichte des Basketball in Deutschland
Der DBB hat vor einigen Jahren ein Studie erstellen lassen die letztlich erklärt warum ein Spieler aus Deutschland- der hier trainiert worden ist - in der NBA nicht gespielt haben kann es sei denn mit anderem Namen. https://www.deutschlandfunk.de/braune-vergangenheit-ungeschoent-aufgeschrieben.1346.de.html?dram:article_id=220012
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