Die Beatles bei ihrer Ankunft in Tokio am 29. Juni 1966

Die Beatles bei ihrer Ankunft in Tokio am 29. Juni 1966

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Sankei Archive/ Getty Images

Kreative Einsamkeit In der Isolation zur Inspiration

Physik, Politik, Pornografie: Dass man soziale Abgeschiedenheit auch für große Ideen nutzen kann, zeigt der Blick in historische Biografien - von Marquis de Sade über Lenin zu den Beatles.

Wie sollte das bloß gut gehen? John, Paul, George und Ringo in einem Hotelzimmer. Drei volle Tage lang. Die Beatles waren im Juli 1966 für drei Konzerte nach Japan gekommen. Doch nach Morddrohungen fürchteten die lokalen Behörden um die Sicherheit der Stars, ihre Suite im Tokyo Hilton durften sie nur zu den Shows verlassen.

Bandmanager Brian Epstein ahnte: Das barg Sprengstoff. Also ließ er den Musikern Farben und Pinsel aufs Zimmer bringen, breitete auf dem Tisch eine große Leinwand aus und stellte eine Lampe in die Mitte. Jeder durfte sich nun an einer Ecke zu schaffen machen. Tourfotograf Robert Whitaker hielt die Szene fest und erzählte später, er habe die vier "nie ruhiger und zufriedener gesehen als zu dieser Zeit".

Aus knalligem Gelb, Rot, Grün und Blau entstand in drei Nächten ein 75x100 Zentimeter großes Gemälde - mit einem weißen Fleck in der Mitte, wo die Lampe gestanden hatte. In dem Kreis signierten die Beatles ihr abstraktes Kunstwerk und schenkten es dem Chef des Beatles-Fanklubs von Tokio. 2012 wurde "Images of a Woman", so der Titel, für 155.250 Dollar versteigert.

Das Aufeinanderhocken auf engstem Raum, abgeschieden von der Außenwelt, kann ebenso wie erzwungenes Alleinsein Depressionen oder Aggressionen erzeugen. Erst recht, wenn die soziale Isolation deutlich länger anhält als bei den Beatles. Die Geschichte aber kennt Fälle, in denen dabei Großes entstand: Menschen nutzten ihre buchstäblich ausweglose Situation produktiv und kreativ - in Quarantäne oder Verbannung, im Exil oder Knast hatte ihr Kopf Platz für neue Ideen.

Isaac Newton: Der einsame Grübler

In einem Notizbuch mit dem Titel "Quaestiones quaedam philosophicae" notierte der junge Isaac Newton seine Erkenntnisse seit Beginn seines Studiums in Cambridge. Besonders ergiebig waren demnach die Jahre 1665/66.

Der 24-jährige Newton hatte am Trinity College gerade den Bachelor-Abschluss erlangt, als die Uni im Sommer 1665 wegen einer nahenden Pestepidemie den Lehrbetrieb einstellte. In seinem Heimatort Woolsthorpe begab er sich quasi selbst in Quarantäne und grübelte allein vor sich hin. In dieser Zeit entwickelte er die Grundideen für große Theorien in Physik und Mathematik, die ihn später bekannt machen sollten: Differential- und Integralrechnung, Optik und Gravitationstheorie.

Nach zwei Jahren kehrte Isaac Newton an die Uni zurück, stand danach allerdings im Ruf eines eher unverträglichen Einzelgängers.

Frida Kahlo: "Ich male mich selbst, weil ich allein bin"

Sehr lebenslustig war dagegen ursprünglich Frida Kahlo, als Tochter eines deutschen Fotografen und einer mexikanischen Malerin 1907 in Mexiko geboren. "Frieda", wie sie damals noch hieß, erkrankte mit sechs Jahren an Kinderlähmung. Als sie das Krankenbett verlassen konnte, war ein Bein kürzer und dünner. Sport trieb sie trotzdem. Bis zum September 1925.

Da saß sie in einem Bus, der mit einer Straßenbahn zusammenstieß. Eine Haltestange bohrte sich durch das Becken der 18-Jährigen, ihre Schulter wurde ausgekugelt, ein Fuß zerschmettert, das bereits verkümmerte Bein mehrfach gebrochen. Abermals musste sie lange das Krankenbett hüten – und begann aus Langeweile zu malen.

Kahlo lernte wieder gehen, musste jedoch gut 30 Mal operiert werden und viel Zeit im Bett verbringen, ihr Körper fixiert in Korsetts aus Gips und Stahl. Ein Jahr nach dem Unfall entstand ihr erstes Selbstporträt, sie wurde als Künstlerin berühmt. Es war ihre Art, mit der Zwangslage umzugehen: "Ich male mich selbst, weil ich allein bin. Ich bin der Gegenstand, den ich am besten kenne."

Victor Hugo: Verbannt auf die Insel

Er war Lyriker und Romancier, Dramaturg und Politiker - Victor Hugo beschrieb sich selbst als "eine öffentliche Angelegenheit". Bis es still um ihn wurde. Öffentlich hatte er sich gegen den Staatsstreich aufgelehnt, mit dem Louis-Napoleon Bonaparte 1852 die Monarchie wieder einführte und sich zum Herrscher auf Lebenszeit machte. Napoleon III. ließ Hugo verhaften und verbannte ihn aus Frankreich.

Den Ort seiner Isolation durfte Hugo selbst wählen – und ließ sich auf der nahen englischen Kanalinsel Jersey nieder, später auf Guernsey. Von dort aus rechnete er mit der französischen Gesellschaft ab und schrieb das Werk, das ihn weltbekannt machen sollte: "Les Misérables" ("Die Elenden"). Aus dem Exil kehrte Hugo erst viel später zurück, nach der Niederlage Napoleons III. 1870 im Krieg gegen die Deutschen.

Marquis de Sade: Porno als Kulturgut

In Festungshaft landete zuvor ein anderer Franzose, Donatien Alphonse Francois de Sade, besser bekannt als Marquis de Sade. Er hatte vier Marseiller Prostituierte für Sexorgien gefügig machen wollen, indem er ihnen Bonbons mit aphrodisischer, allerdings auch toxischer Wirkung verabreichte. Ein Gericht verurteilte den Flüchtigen dafür 1772 zum Tode. 1777 wurde er gefasst und saß danach erst in Vincennes, dann in der Pariser Bastille ein.

Bekannt geworden war der Adelsspross - abgesehen von seinem ausschweifenden Lebenswandel - vor allem durch pornografische Schriften über obszöne Gewaltfantasien. Zumindest im Kopf des Marquis kannte die Perversion keine Grenzen. Er hatte schon viel gesehen: Mit 16 war er als Offizier Zeuge von Gräueln des Siebenjährigen Krieges geworden.

Seine Publikationen ließen einen deutschen Psychiater später den medizinischen Fachausdruck "Sadismus" prägen. In der Bastille verfasste Sade seinen berühmtesten Text: "Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung" - und bezeichnete ihn stolz als "schmutzigsten Bericht, seit es die Welt gibt".

Vollenden konnte Sade ihn nicht, da er 1789 - kurz vor dem Sturm auf die Bastille - für geisteskrank erklärt und in die "Irrenanstalt" von Charenton verlegt wurde. Sein Manuskript in winziger Schrift auf einem aufgerollten, aus Zetteln zusammengeklebten zwölf Meter langen Papierstreifen blieb zunächst im Versteck zurück und wurde erst 1904 veröffentlicht. Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini verfilmte "Die 120 Tage von Sodom" 1975 und verlegte sie in Mussolinis faschistische Republik von Salò. 2017 erklärte Frankreich das Manuskript zum nationalen Kulturgut.

Puschkin: Schreibhoch in der Provinz

Alexander Puschkin saß in seinem nicht sehr langen Dichterleben (er wurde nur 37) mehrfach fest. 1829 wollte der russische Adlige endlich heiraten, doch die Mutter der Braut zögerte mit der Zustimmung. Kurzentschlossen reiste er stattdessen in den Kaukasus, wo die russische Armee gerade Krieg führte und ins türkische Arzrum vorrückte. Fast zeitgleich mit den Truppen erreichte die Pest den Ort.

Der General drängte Puschkin zur Abreise, der allerdings zuvor unbedingt noch ein Feldlager mit Pestkranken besuchen wollte. Bei der Rückkehr nach Russland stellte man ihn im Norden Armeniens für drei Tage unter Quarantäne, bevor er nach Tiflis weiterreisen durfte und sich im Mai 1830 endlich verloben konnte.

Puschkins Vater vermachte ihm dazu einen Teil seines Gutes im Gouvernement Nischni Nowgorod. Zur Regelung der Eigentumsverhältnisse reiste der Dichter daher im Spätsommer 1830 erst mal noch in das "gottverlassene Nest", wie er es nannte, rund 600 Kilometer östlich von Moskau. Und musste wegen der "plötzlich hereingebrochenen Choleraflut" mehr als drei Monate bleiben; das Militär hatte das Gebiet abgeriegelt. Wirklich allein war Puschkin nicht, zum Gut gehörten etwa 200 Leibeigene.

Der Dichter hatte sich gesorgt, dass ihm die Hochzeit seine beste Arbeitszeit - den Herbst – vermasseln könnte. Nun wurde es Puschkins produktivste Phase überhaupt. Bis zur Abreise Ende November schrieb er die beiden letzten Kapitel des Versromans "Eugen Onegin", einige kleine Tragödien, Erzählungen und an die 30 Gedichte.

Weil Abgeschiedenheit für viele eine schlimme Strafe bedeutete, griff das Zarenreich häufig zum Mittel der Verbannung, um missliebige Zeitgenossen loszuwerden. Meist in den Osten nach Sibirien. So gesehen hatte Puschkin zuvor noch Glück gehabt: 1824 war er wegen einer unpassenden Äußerung in St. Petersburg aus dem Staatsdienst geflogen und nach Westen verbannt worden, genauer: auf ein elterliches Gut nahe Estland. In seinen zwei Jahren dort waren die zentralen Kapitel von "Eugen Onegin", das Drama "Boris Godunow" sowie etliche Gedichte entstanden.

Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski musste dagegen am 24. Dezember 1849 eine über 3000 Kilometer weite Reise nach Sibirien antreten. Zum Schreiben kam er im Zwangsarbeitslager bei Omsk nicht: Er war mit gewöhnlichen Kriminellen untergebracht und vier Jahre lang zumeist angekettet. Nur heimlich auf der Krankenstation gelangen ihm ein paar Notizen. Seine "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" konnte er daher erst nach Haftentlassung verfassen.

Lenin: Mit der Braut in Sibirien

Ganz andere Arbeitsbedingungen genoss Wladimir Iljitsch Uljanow, Tarnname Lenin. Während seiner Verbannung im ostsibirischen Schuschenskoje gelang es ihm nicht nur, sein erstes großes Werk "Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland" zu schreiben, sondern auch eine Gesinnungsgenossin zu ehelichen.

Wladimir Iljitsch Lenin und Nadeschda Krupskaja verlassen Schuschenskoje. Gemälde von I. Raddrogin

Wladimir Iljitsch Lenin und Nadeschda Krupskaja verlassen Schuschenskoje. Gemälde von I. Raddrogin

Foto: SPUTNIK/ ullstein bild

Der aufstrebende Revolutionär hatte an einer illegalen Zeitung gearbeitet, als er 1895 verhaftet wurde. 14 Monate saß er im Gefängnis und konnte sich seine Zelle als Studierzimmer mit Bibliothek einrichten.

Wie Lenin wurde auch Nadeschda Krupskaja 1897 in dreijährige Verbannung geschickt – ursprünglich ins westsibirische Ufa. Als Braut durfte sie jedoch zu Uljanow ins klimatisch angenehmere Schuschenskoje ziehen. Ihren Berichten zufolge war das Leben dort ein Idyll: mit Jagen, Baden, Fischen, Spaziergängen.

Grund für die behaglichen Bedingungen dürfte die soziale Herkunft gewesen sein. Uljanows Vater war seinerzeit in den Adelsstand erhoben worden; er selbst verdiente sein Geld als Rechtsanwalt.

Nelson Mandela: Examen in der Knast-Uni

Mehr als 27 Jahre musste Nelson Mandela in Haft verbringen, davon 18 auf der Gefängnisinsel Robben Island, zwölf Kilometer vor Kapstadt. Die Isolation, so der Plan des südafrikanischen Apartheid-Regimes, sollte den Führer der Befreiungsbewegung ANC und seine Mitstreiter politisch verstummen lassen.

Auf der Insel mussten die Häftlinge in den Sechzigerjahren Schwerstarbeit im Steinbruch leisten und schliefen auf nasskaltem Steinboden. Über die Jahre erreichten sie Haftverbesserungen - und verwandelten das Zuchthaus in eine Art Knast-Uni.

Mandela nutzte seine Freizeit, um sein zweites juristisches Staatsexamen abzulegen, und motivierte Mitgefangene zum Fernstudium. Obwohl es verboten war, schrieb er in der Haft wesentliche Teile seiner 1994 veröffentlichten Autobiografie "Long Walk to Freedom" und ließ Abschriften von Mithäftlingen aus dem Gefängnis schmuggeln.

Boxer Jack Johnson: Patente Erfindung

Zu den Ausnahmesportlern in den USA zählte Jack Johnson, der sich 1908 als erster Schwarzer den Titel des Boxweltmeisters im Schwergewicht erkämpfte. Neben seinem sportlichen Talent war er auch sehr praktisch veranlagt.

Im Ring war Johnson von weißen Herausforderern kaum zu schlagen. So wurde in der Zeit der Rassentrennung sein Lebensstil zur Angriffsfläche, seine Beziehungen zu weißen Frauen. Nach der Falschaussage einer unter Druck gesetzten Ex-Geliebten verurteilte eine ausschließlich weiße Jury ihn 1914 in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe wegen des Vorwurfs, er habe Frauen "zu unmoralischen Zwecken" in einen anderen Bundesstaat gebracht.

Johnson floh nach Europa, stellte sich aber 1920 und saß seine Strafe ab. Die Haftzeit nutzte er, um ein Werkzeug zu erfinden: einen verstellbaren Schraubenschlüssel für Schrauben und Muttern unterschiedlicher Größe. 1922 wurde ihm das Patent zuerkannt. Das Gefängnis hatte Jack Johnson da bereits verlassen.

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