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Die Beatles in Hamburg - wie alles begann

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Beatles-Premiere in Hamburg "John Lennon trug eine Klobrille um den Hals"

Vor genau 60 Jahren spielten die Beatles erstmals in St. Pauli. Im Indra Club begann ihre Weltkarriere - Biograf Mark Lewisohn weiß über die Exzesse der harten, frühen Tage vermutlich mehr als die Musiker selbst.
Ein Interview von Christoph Dallach

Statt The Silver Beatles jetzt The Beatles - 1960 hatte sich das Quintett gerade umbenannt und war für zwei Monate in Hamburg gebucht. Der Stadtteil St. Pauli war ein raues Pflaster für die jungen Musiker. Im Indra Club  an der Großen Freiheit 64 begann es, danach spielten sie auch im Kaiserkeller, im Top Ten und im legendären Star Club, alles im Reeperbahn-Umfeld.

Das Jubiläum dieses historischen Debüts feiert Hamburg am 17. August ab 21 Uhr mit der Liveübertragung "Stream & Shout" . Dabei sind Beatles-Expertin Stefanie Hempel , Gäste aus dem Indra - und zugeschaltet der Brite Mark Lewisohn, 62. Der Historiker und Autor einiger Standardwerke ("The Complete Beatles Recording Sessions") gilt als kenntnisreichster Beatles-Experte des Planeten, die Band gewährte ihm auch Zugang zu ihren Archiven.

SPIEGEL: Mr Lewisohn, was lockte die Beatles von Liverpool an die Reeperbahn?

Lewisohn: Verantwortlich war Alan Williams. Er betrieb in Liverpool ein Café, wo Beatniks und Kunststudenten abhingen - so wie John Lennon, Stuart Sutcliffe, Paul McCartney und George Harrison. Williams versuchte sich auch als Musikmanager. Als er in Hamburg mal die Große Freiheit entlangspazierte, besuchte er den Kaiserkeller und fand die Band öde, die da Rock'n'Roll-Coverversionen spielte. Also bot er spontan Bruno Koschmider an, ihn mit besseren Bands aus England zu versorgen. Als Betreiber des Kaiserkellers und des Indra war Koschmider interessiert. John Lennon, Paul McCartney und George Harrison waren blutige Anfänger und traten erst seit zwei, drei Jahren sporadisch auf, weit entfernt von einer eingespielten Rockband. Nach Hamburg kamen sie mit Schlagzeuger Pete Best, den sie kaum kannten. Und mit Bassist Stuart Sutcliffe, der sein Instrument erst noch entdeckte.

SPIEGEL: George Harrison war erst 17, Paul McCartney 18. Und St. Pauli weltweit berüchtigt. Hatten die Eltern keine Bedenken?

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Lewisohn: Alan Williamson klapperte die Erziehungsberechtigten ab, beruhigte sie und versprach, sich um die Jungs zu kümmern. Aber er machte sich aus dem Staub, sobald die Beatles in Hamburg angekommen waren. Allerdings waren die auf sich gestellten Jungs auch hormongetriebene Teenager und begeistert von den Möglichkeiten, die St. Pauli ihnen offerierte, weit weg von strengen Eltern: Lange Nächte! Viele Mädchen!

SPIEGEL: Harte Arbeit war es schon auch, oder?

Lewisohn: Selbstverständlich. Die Beatles kamen am Nachmittag des 16. August 1960 an, schliefen sich aus und standen schon am nächsten Abend zum ersten Mal auf der Bühne des Indra. Sie hatten von Dienstag- bis Freitagabend viereinhalb Stunden zu spielen, samstags und sonntags sechs Stunden. Montag war frei. Es waren keine Konzerte im typischen Sinn: Die Beatles waren damals als Bar-Band gebucht. Viele Indra-Gäste scherten sich nicht im Entferntesten um die Musik auf der Bühne. Da tanzte auch keiner. Es ging nur um Hintergrundmusik zum Trinken und Plaudern.

SPIEGEL: Die Unterkunft der Beatles soll furchtbar gewesen sein.

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Lewisohn: Ja, es war ein heruntergekommener Abstellraum hinter der Leinwand im Bambi Kino. Koschmider hatte nicht auf dem Zettel, dass die Jungs irgendwo schlafen müssen, er improvisierte. Dass sie es da überhaupt ausgehalten haben, ist ihrer Jugend zuzuschreiben. Die Beatles hassten den Raum, fügten sich aber. Das Zimmer hatte nicht mal eine Heizung. Im August war das egal, im Winter hart. Aber letztlich war Hamburg für sie vor allem toll. Sie schlossen da lebenslange Freundschaften mit dem Grafiker und Musiker Klaus Voormann, mit den Fotografen Jürgen Vollmer und Astrid Kirchherr, die so kunstinteressiert waren wie sie und deren Einfluss auf die Beatles enorm war.

SPIEGEL: Eigene Songs hatten sie kaum. Was spielten die Beatles 1960 in Hamburg?

Lewisohn: Das Problem war, dass sie jeden Abend stundenlang auftreten mussten. Das hatten sie noch nie gemacht und griffen auf Coverversionen zurück. Aber sie waren ehrgeizig und hatten sich zum Ziel gesetzt, niemals an einem Abend einen Song zweimal zu spielen. Also versuchten sie sich an jeden Song zu erinnern, den sie jemals gehört hatten: alles, was sie von Carl Perkins, Elvis, Chuck Berry, Jerry Lee Lewis oder Little Richard kannten. Dazu kamen alte Standards, die sie als Jugendliche bei ihren Eltern mitbekommen hatten, wie "September Song" oder "Moonglow" aus einer Ära, in der der Rock'n'Roll noch nicht erfunden war. Diese intensive Auseinandersetzung mit so viel unterschiedlicher Musik erklärt ihr späteres Können und Wissen. Die musikalische Intelligenz der Beatles war einzigartig.

SPIEGEL: Es kursieren viele Geschichten über die Exzesse der Beatles auf St. Pauli. Wie viel davon ist wahr?

Lewisohn: Einiges davon entspricht der Wahrheit, anderes ist mit den Jahren immer mehr aufgeblasen worden. Ich bin Historiker und glaube nur, was sich belegen lässt. Die Geschichte, dass John Lennon eines Abends bei einem Konzert nur mit seiner Unterhose bekleidet und einer abgerissenen Klobrille um den Hals auf der Bühne stand, dürfte allerdings wahr sein.

SPIEGEL: Stimmt es, dass sie regelmäßig das Aufputschmittel Preludin einwarfen, um die harte Arbeit besser ertragen zu können?

Lewisohn: Anfangs tranken sie nur Alkohol. Preludin, eigentlich ein Schlankheitsmittel für Frauen, kam später dazu. Versorgt wurden sie unter anderem von den Toilettenfrauen im Top Ten. John nahm die meisten Pillen. George schluckte auch viele, gern mit John. Stuart war eher zurückhaltend, Paul ebenfalls. Und Pete nahm gar nichts.

SPIEGEL: War John Lennon der wildeste Beatle?

Lewisohn: Ja, John war der wildeste, aber jeder von ihnen konnte mal über die Stränge schlagen. Dass John besonders die Puppen tanzen ließ, ist wohl auf seine Biografie zurückzuführen, die von viel Ärger und Frustration geprägt war. In Hamburg ließ er das alles raus. Und auf St. Pauli war schlechtes Benehmen letztlich erlaubt. 

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SPIEGEL: Wie kam es, dass George Harrison im November 1960 als Minderjähriger vorübergehend ausgewiesen wurde und Paul McCartney und Pete Best Feuer in ihrer Unterkunft legten?

Lewisohn: Harrison war 17 und ging jeden Abend bei der Ausweiskontrolle in Deckung, denn Minderjährige mussten um 22 Uhr die Klubs verlassen. Das klappte eine Weile, aber als das Verhältnis der Beatles zu Bruno Koschmider in die Brüche ging, weil sie im Konkurrenzladen Top Ten angeheuert hatten, verpfiff er Harrison bei der Polizei. Der musste zurück nach Liverpool. Als Paul und Pete ihre Sachen bei Koschmider packten, zündelte Paul aus Rache ein wenig und versuchte, ein Kondom anzuzünden, was nicht wirklich klappte. Ein Feuer war es jedenfalls nicht. Da wird viel übertrieben. Es blieb nur ein schwarzer Fleck an der Wand - aber Koschmider ging zur Polizei und behauptete, Paul habe versucht, sein Etablissement abzufackeln. Paul und Pete wurden verhaftet, zur Davidwache gebracht und schließlich ebenfalls nach England zurückgeschickt. Kein gutes Ende ihres ersten Hamburg-Engagements. Aber sie kamen ja bald zurück.

SPIEGEL: Mit dem Produzenten Bert Kaempfert machten die Beatles dann ihre ersten offiziellen Plattenaufnahmen in Hamburg-Harburg, oder?

Lewisohn: Korrekt. Das war Anfang 1961 als Backing-Band für Tony Sheridan, der sie dafür zu The Beat Brothers umbenannte. Die Beatles unterzeichneten auch einen Vertrag für diese Aufnahmen. Sie hatten keinen blassen Schimmer, was sie da eigentlich unterschrieben, weil alles auf Deutsch war. So sind junge Leute nun mal.

SPIEGEL: Aber angeblich weckte diese Tony-Sheridan-Single die Aufmerksamkeit von Brian Epstein, ihrem legendären Manager in Liverpool, der sie dann zum Weltruhm führte.

Lewisohn: Genau so war es. Letztlich führte in der Geschichte der Beatles immer jedes Ereignis konsequent zum nächsten, ihre Karriere kam immer schneller in Fahrt.

SPIEGEL: Vor dem Weltruhm änderte sich allerdings noch die Besetzung, mit der sie nach Hamburg gekommen waren: Stuart Sutcliffe verließ die Beatles freiwillig und starb mit 21 an einem Hirntumor. Und Pete Best musste Platz machen für Ringo Starr. Wie kam es dazu?

Lewisohn: Die Beatles kamen insgesamt viermal nach Hamburg, Ringo bekam den Job zwischen dem dritten und vierten Besuch. Die genauen Gründe sind Stoff für zahlreiche Spekulationen. Für ihr letztes Gastspiel an der Elbe kehrten sie jedenfalls mit Ringo zurück. Bald darauf erschien in England ihre erste richtige Single "Love Me Do", dann ging alles ganz schnell, und sie wurden zu groß für Hamburg. Aber in der Geschichte der Beatles ist Hamburg eines der allerwichtigsten Kapitel.

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