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Hintergrund einer berühmten Komposition Das rätselhafte Loch im Notenblatt

Eigentlich wollte Ludwig van Beethoven seine 3. Symphonie dem französischen Machthaber Napoleon widmen. Doch dann packte den Komponisten die Wut.
aus SPIEGEL Geschichte 1/2021
Korrektur: Beethoven betitelte seine 3. Symphonie mit »Bonaparte« – aber er radierte die Widmung später brutal aus

Korrektur: Beethoven betitelte seine 3. Symphonie mit »Bonaparte« – aber er radierte die Widmung später brutal aus

Foto: Fototeca Gilardi / akg images

Es ist eine der beliebtesten Anekdoten über den eigensinnigen, sonst eher unpolitischen Klassiker: Als Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) in den Jahren 1802/03 in Wien seine 3. Symphonie, die »Eroica« (»Heroische«), komponierte, wollte er sie aus Bewunderung Bonaparte, dem ersten Konsul der Franzosen, widmen. Für den revolutionären Freiheitswillen der Franzosen konnte er sich begeistern; schon häufig hatte er in seinen Werken ähnlich viele martialische Blechbläser und Trommeln eingesetzt wie seine Kollegen in Paris.

Doch 1804 machte der Korse sich zum Kaiser. Daraufhin, heißt es, habe Beethoven voller Zorn das Titelblatt des Manuskripts zerrissen, worauf schon »Buonaparte« stand, und habe geflucht: »Ist der auch nichts anders wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird sich nun höher, wie alle andern stellen, ein Tyrann werden!«

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2021

Napoleon und die Deutschen: Wie ein Franzose dem Nationalstaat zum Aufstieg verhalf

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Passiert ist die erst seit 1838 verbreitete Geschichte so wohl kaum. Einen wahren Kern hat sie aber. Denn die von Beethoven überprüfte Abschrift der Symphonie ist erhalten.

Darauf stand ursprünglich als Titel »Sinfonia grande intitulata (betitelt) Bonaparte«. Dann wurde die Zeile mit dem Namen so rabiat ausradiert – wahrscheinlich von Beethoven selbst –, dass ein Loch im Papier entstand.

Letztlich widmete der gefeierte Komponist das Werk einem seiner Gönner, dem Fürsten Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz. Er selbst aber hat auf dem ramponierten Deckblatt unten mit Bleistift festgehalten, das Werk sei »geschrieben auf Bonaparte«, und auch seinem Leipziger Verleger erklärte er mit typischer Rechtschreib-Nonchalance, »die Simphonie ist eigentlich betitelt Ponaparte«.

Als französische Truppen 1805 Wien erst belagerten und dann eroberten, als zahllose Soldaten und Zivilisten in den Kriegen umkamen, die Donau-Auen nördlich von Wien 1809 zum blutgetränkten Schlachtfeld wurden und bald danach die Mauern der Stadt auf französischen Befehl gesprengt werden mussten, war an Sympathie für den Angreifer kaum noch zu denken.

Beethoven allerdings blieb trotz der Kriegsschrecken pragmatisch. Immerhin war er Anfang 1809 schon fest entschlossen, als gut bezahlter Kapellmeister an den Hof von Jérôme Bonaparte nach Kassel zu gehen. Dann aber taten reiche Freunde sich zusammen, setzten ihm eine höhere Rente aus, und er blieb doch in Wien.

Eindeutig pro oder kontra Napoleon hat sich der Komponist später nicht mehr geäußert. Immerhin nannte er den von Elba zurückgekehrten Alleinherrscher 1815, kurz vor der finalen Schlacht bei Waterloo, in einem Brief nebenbei einen »Usurpator«. Andererseits haben Gesprächspartner und Zeitzeugen mehrfach erzählt, dass Beethoven die »Größe« des Korsen nicht bezweifeln mochte und er auch später mit Respekt von ihm gesprochen hat – gewissermaßen auf Titanenebene.

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