Benimmregeln der Dreißiger Immer sauber bleiben!

Bei dreckigen Fingern Stockhiebe: In seiner Kindheit lernte Ernst Woll mitunter auf unsanfte Weise, dass Ordentlichkeit und gutes Benehmen für Erwachsene höchste Wichtigkeit hatten. Schnell merkte er jedoch, dass nicht jede Regel für alle gleichermaßen galt.

Ernst Dr. Woll

Während meiner Kindheit und Jugend in den dreißiger und vierziger Jahren, hörte ich meine über 70jährigen Großeltern oft sagen: "Früher war alles besser. Da benahmen sich die Menschen noch anständig!" Heute ertappe ich mich immer öfter dabei, Ähnliches selbst zu denken und zu äußern. Meine Erfahrungen sagen mir jedoch, dass diese Annahme sehr subjektiv sein kann. Das lehren mich jedenfalls einige Geschichten, die mir meine Großeltern darüber erzählten, was sich schickt und was nicht.

Meine Eltern führten mit den Eltern meiner Mutter einen gemeinsamen Haushalt. Das Zusammenleben funktionierte meinem Eindruck nach sehr gut, über Generationsprobleme wurde damals nicht gesprochen. Man passte sich eben an - und auch ich wurde angehalten, gegenüber allen Menschen, vor allem älteren, immer respektvoll und anständig zu sein.

Damals kümmerten sich häufig die Großmütter um die Beaufsichtigung der Kinder. Opa und Vater mussten als Erziehungsvorbilder herhalten, obwohl selbst mir als Kind auffiel, dass Mutter und Großmutter manchmal Mühe hatten, das Verhalten und die Manieren ihrer Gatten immer als untadelig auszuweisen. Wenn beispielsweise mein Großvater in unserem Bauernhof in schmutzigen Schuhen in die Küche kam oder sich in seiner Arbeitskleidung an den Esstisch setzte, sagte meine Oma: "Erwachsene Männer dürfen das, aber Kinder nicht."

Ich merkte bald, dass so manches, was sich das "starke Geschlecht" herausnahm, auch meine Großmutter störte. Sie hielt sehr viel vom guten Benehmen und Etikette. Aber eine öffentliche Kritik des Hausherrn war für sie trotzdem tabu. Aus heutiger Sicht erkenne ich hierin die bevorzugte Stellung der Männer, die in Deutschland bis in die fünfziger Jahre existierte. Sie hielt sich im Übrigen in der BRD deutlich länger als in der DDR, wo man ihr mit Staatsmitteln entgegenwirkte.

Das "beste Buch der Welt"

Wenn ich morgens zur Schule aufbrach, gab mir meine Großmutter immer mit auf den Weg: "Benimm dich anständig!" Das nervte mich furchtbar. Eines Tages fragte ich sie: "Warum? Und was heißt das eigentlich: anständig?" Diese Frage, das weiß ich heute, enttäuschte sie, denn sie hatte versucht, mir bereits als Vorschulkind durch viele Geschichten über Benimmregeln das wichtigste auf diesem Gebiet beizubringen. Sie las mir aus einem Buch vor, das ich noch immer aufbewahre und in dem ich später, als ich selbst lesen konnte, auch gern blätterte.

Dieses Benimm-Buch war nicht der bekannte "Knigge", sondern "Das ABC des guten Tons - ein Ratgeber für jedermann" von Edmund von Hagen, herausgegeben Ende des 19. Jahrhunderts. Heute sind viele seiner Richtlinien natürlich überholt. Ich zitiere sie aber noch immer gern bei Zusammenkünften im Freundeskreis, sie tragen dann oft zur Belustigung bei. Eigentlich gelten sie vorwiegend für Erwachsene, aber wir Kinder mussten sie damals auch schon lernen. Getreu dem Motto: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!".

Mein Großvater wusste zu fast allem Rat und Antwort. Er behauptete stets, die Bibel sei "das beste Buch der Welt". Hier finde man Antwort auf alle Lebensfragen - und die Geschichten seien zudem interessanter als Romane. Er kritisierte es deshalb, wenn die Frauen letztere lasen und meinte, für Heranwachsende sei diese Literatur sogar "Gift". Romane, so mein Großvater, würden den Charakter verderben, denn es seien zu viele Beispiele für unanständiges, gewalttätiges Verhalten darin beschrieben. Mit meinem heutigen Wissen würde ich ihm entgegnen, dass in der Bibel durchaus auch etliche Gewalttätigkeiten beschrieben sind.

"Wehret den Anfängen!"

Viel wird heute geredet über die Rolle der Medien und der Literatur und ihre Beeinflussung der Gewaltbereitschaft heutiger Jugendlicher. Es stimmt: Während meiner Kindheit und Jugend gab es kein Fernsehen, kein Internet und auch nur in wenigen Fällen Radios - es erreichten uns deshalb weniger Informationen oder Bilder über Brutalitäten. Trotzdem blieben Verbrechen nicht aus und fanden auch Nachahmer.

Meine Erfahrung ist: Vererbte Veranlagungen können durch die Erziehung gesteuert werden, erst dann führen dann zum Guten oder Bösen. Diesen Grundsatz behielt ich von meiner Großmutter, die immer sagte: "Verbrecher werden nicht geboren, sondern erzogen."

Sie wusste von einem Mann im Nachbardorf zu berichten, der als gewalttätiger Einbrecher verurteilt worden war. Im Schlusswort hatte er dem Richter gesagt: "Meine Eltern tragen eine Mitschuld daran, dass ich hier vor Gericht stehe. Schon als kleiner Junge habe ich gestohlen. Wenn ich das Diebesgut nach Hause brachte, verlangte mein Mutter: 'Bring mehr mein Söhnchen!' Das ging so weit, dass ich später zwischen Recht und Unrecht nicht mehr unterscheiden konnte." Meine Großmutter sagte dazu nur: "Wehret den Anfängen!"

Stockhiebe für schmutzige Hände

Zum guten Benehmen gehörten nach Auffassung meiner Großmutter auch ordentliche Kleidung, sauberes Taschentuch, gerade Haltung und gepflegter Körper. Ich hasste es, wenn mir als Kind beim Gang zur Schule oder zu Veranstaltungen, die Worte nachgerufen wurden: "Hast du auch ein sauberes Taschentuch?" "Ja!", rief ich immer zurück. Auch, wenn es nicht stimmte.

Während meiner Kindheit war eine gründliche tägliche Körperpflege noch nicht in allen Familien üblich. Viele Eltern meiner Spielgefährten kümmerten sich nicht darum, und so konnten sich diese Kinder häufig vorm täglichen Waschen drücken. Bei uns war das anders. Ich entsinne mich, dass das Waschwasser nach meiner Abendtoilette meistens eine dunkle dreckige Brühe war. Ich höre meine Mutter noch sagen: "Dich muss doch der Dreck regelrecht anspringen, du siehst ja schwarz wie ein Neger aus!"

Nach unserer Einschulung 1938 wurde die gründliche Körperpflege dann von einer Kür zur Pflicht. Zu jeder ersten Schulstunde mussten wir uns in Reihe neben den Bänken aufstellen und der Lehrer kontrollierte unsere Sauberkeit. Bei schmutzigen Händen, Hals oder Ohren gab es Stockhiebe. Diese Prozedur erfolgte ungefähr bis zu einem Alter von elf Jahren. Wir Jungen wurden dann auch allmählich eitel, wir wollten den Mädchen gegenüber sauber sein.

Unproletarische Krawatten

Nachdem wir mit zehn Jahren ins Deutsche Jungvolk, der Kinderorganisation der Hitlerjugend, aufgenommen worden waren, betrieben wir immer mehr eine ordentliche Körperpflege und achteten auf saubere Kleidung. Nun wurde uns befohlen, wie wir unseren Körper zu pflegen und wie wir uns anzuziehen hatten. Die Uniform wurde zum Festkleid und zum Dienstanzug.

Nach dem Krieg verglichen wir das Äußere der einmarschierenden Amis mit deutschen Offizieren und Soldaten - und waren enttäuscht: Wie konnte man bloß mit Lackschuhen und laschem soldatischem Verhalten den Krieg gegen zweckvoll ausgestattete deutsche Soldaten mit perfekter Dienstkleidung und strammer Haltung gewinnen? Freilich: Die Amerikaner trugen im Gegensatz zu den sowjetischen Soldaten, deren Einmarsch wir dann im Juni 1945 erlebten, saubere, gepflegte Uniformen.

In der Folgezeit mussten wir die Richtlinien, wie sie in Büchern über bürgerliche Benimmregeln nachzulesen waren, vergessen. In diesem Neuanfang nach dem Krieg war es in Ostdeutschland deshalb selbst bei Feiern verpönt, Schlips und Kragen oder Zylinder und weiße Handschuhe zu tragen. Festliche Kleidung war in den Augen der Arbeiterfunktionäre "unproletarisch". Ich persönlich hielt mich nicht gern an diese Regel.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Siegfried Wittenburg, 02.11.2011
1.
"Aus heutiger Sicht erkenne ich hierin die bevorzugte Stellung der Männer, die in Deutschland bis in die fünfziger Jahre existierte. Sie hielt sich im Übrigen in der BRD deutlich länger als in der DDR, wo man ihr mit Staatsmitteln entgegenwirkte." Ich denke eher, weil ein großer Teil der Frauen die Berufstätigkeit anstrebt, ändern sich diese Gepflogenheiten. "Meine Eltern tragen eine Mitschuld daran, dass ich hier vor Gericht stehe. ... Das ging so weit, dass ich später zwischen Recht und Unrecht nicht mehr unterscheiden konnte." Wenn er mit diesen Worten Schuld zuweist, konnte er sehr wohl zwischen Recht und Unrecht unterscheiden. Es ist schon heftig, seine Eltern anzuklagen. Doch die Eltern beeinflussen die Entwicklung ihrer Kinder nur zu einem recht geringen Teil. Eher trifft ein afrikanisches Sprichwort zu: "Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf." Trotzdem: Danke für Ihre Zeitporträts, Herr Woll.
Georg W. Leonhardt, 03.11.2011
2.
Sehr geehrter Herr Wittenburg, "Doch die Eltern beeinflussen die Entwicklung ihrer Kinder nur zu einem recht geringen Teil." als Trainer einer Jugendfußballmannschaft muss ich leider immer wieder feststellen, dass das Elternhaus einen recht großen Einfluss auf das Benehmen des Nachwuchses hat. Ich möchte dazu das folgende Sprichwort anführen: "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm." Viele Grüße Georg W. Leonhardt
Siegfried Wittenburg, 03.11.2011
3.
Sehr geehrter Herr Leonhardt, danke, doch diese Beobachtung ist subjektiv. Forschungen haben ergeben, dass der Anteil des Elternhauses an der Entwicklung etwa 25 Prozent beträgt, oft noch weniger. Doch diese 25 Prozent werden sicher als sehr groß empfunden. Besonders, wenn man sich ärgert. Verschiedene Gene der Eltern (Stamm) werden natürlich an die Kinder (Äpfel) vererbt, richtig. Doch es ist möglich, dass im Laufe der Zeit stark abweichende Züchtungen der Äpfel möglich sind, um beim Gleichnis zu bleiben. Aber ich bin kein Forscher auf diesem Gebiet. Ich wollte dem Autor meine Anerkennung mitteilen. Viele Grüße Siegfried Wittenburg
Ernst Woll, 03.11.2011
4.
Sehr geehrte Herren Wittenburg und Leonhardt, ich freue mich, eine Debatte über den Einfluss des Elternhauses auf die Erziehung angeregt zu haben und sage ein großes Dankeschön für die Hinweise. Eine wichtige Rolle scheint hierbei aber auch das richtige oder falsche Zusammenwirken zwischen Elternhaus und Schule zu spielen. Noch heute erinnere ich mich wie Ende der 1930er Jahre meine Eltern meine Erziehung mit der in der Schule koordinierten. Es hieß: ?Lehrer sind Respektspersonen, ihr Wort, ihre Anweisungen gelten unangefochten.? Das war übertrieben, schlimmer finde ich es jedoch, dass derzeit nicht selten, selbst vor den Kindern, die Autorität der Lehrer untergraben wird. Elternbeschwerden in der Schule mehren sich. Nie konnte ich meine Mutter bewegen, gegen die mir ungerecht erscheinenden Entscheidungen der Lehrer Widerspruch einzulegen. Ein Beispiel: Mit großer Mühe hatte ich als Erstklässler zu Hause schöne akkurate Buchstaben auf die Schiefertafel geschrieben. Ergebnis: Note 2; Mädchen schrieben nach meiner Meinung schlechter, erhielten jedoch eine eins. ?Warum werden Mädchen immer bevorzugt?? fragte ich. Antwort meiner Mutter: ?Der Lehrer wird es wissen, sie machen alles exakter!? Als ich allerdings 1941 Pimpf im Deutschen Jungvolk wurde ließ ich mir in der Folgezeit von den Eltern immer weniger Vorschriften machen. Der dortige Einfluss war enorm und stärker als das Elternhaus, das kaum oder nicht intervenieren konnte.
Siegfried Wittenburg, 03.11.2011
5.
Sehr geehrter Herr Woll, danke für Ihre Worte. Mein Sohn hat bereits die Schule verlassen, doch er hat die gleichen Erfahrungen wie ich machen können: Es gibt Lehrer, die in der Lage sind, die Kinder für ihr Fach zu begeistern. Diese werden auch von den Schülern respektvoll behandelt. Und es gibt Lehrer, die im Kern den falschen Beruf ergriffen haben. Das merken die Schüler ziemlich schnell und dem entsprechend sind die Auswirkungen. Doch Eltern und Lehrer sind aus natürlichen Voraussetzungen heraus oft nicht in der Lage, ausreichend zu differenzieren und es werden einfache Schubfächer gebastelt. Gestern überwog das eine Schubfach, heute überwiegt das andere. Ich war mit meinem leiblichen Nachwuchs öfter in Skandinavien. Dort habe ich einen viel lockeren Umgang der Erwachsenen mit den Kindern erlebt, der richtig gut tat. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu folgendem Ergebnis: Die Erwachsenen dort erweisen den Kindern den gleichen Respekt, den sie von ihnen erwarten. Sie leben es vor. Paragraf 1 im deutschen Grundgesetz. Es ist so einfach, und doch so schwer.
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