Berlin Wie ich lernte, das Stadtschloss zu lieben

Als 1950 das Berliner Stadtschloss gesprengt wurde, interessierte den 8-jährigen Wilhelm von Boddien nur die mächtige Explosion. Als Oberschüler empfand er zum ersten Mal die Leere in Berlins Mitte. Nach der der Wiedervereinigung begann Boddien seinen Kampf für den Wiederaufbau des Schlosses - inzwischen ist der beschlossene Sache.


3. Februar 1945. Das Berliner Schloss wird bei einem der größten Luftangriffe auf Berlin schwer zerstört und brennt vier Tage lang. Übrig bleibt eine gewaltige Ruine - aber durchaus wieder aufbaufähig und weniger zerstört als das Charlottenburger Schloss. Im Herbst 1950 wird die Ruine auf Befehl des Generalsekretärs der SED, Walter Ulbricht, gesprengt, um einem riesigen, trostlos öden Aufmarschplatz Raum zu geben.

Damals war ich acht Jahre alt und lebte am Rande Hamburgs. Meine sehr kunst- und architekturinteressierte Mutter hatte mir gerade bei einem Rundgang durch die Ruinen des Lübecker Doms und der Marienkirche eine kleine Baustilkunde vermittelt, Romanik, Gotik und Renaissance und mir stolz barocke und klassizistische Bürgerhäuser gezeigt. Sie erzählte es mir, wie kostbar die Überlieferung der Kultur früherer Zeiten für unsere neue Standortfindung nach dem Zweiten Weltkrieg sei und berichtete mir von der Barbarei der Sprengung des Berliner Schlosses.

Dies interessierte mich nur im Zusammenhang mit dem von mir vorgestellten riesigen Knall. Schließlich wurden auch in Hamburg viele Ruinen weggesprengt, aber die waren doch viel kleiner als das Schloss!

Horror vacui auf dem Marx-Engels-Forum

1961, 19-jährig, kurz vor meinem Abitur, fuhr ich im Auftrag der Redaktion der Schülerzeitung meines Gymnasiums nach Berlin. In den Herbstferien wollte ich den Bau der Berliner Mauer beobachten, seit dem 13. August war Westberlin abgeriegelt und Ostberlin eingemauert. Darüber sollte ich in einer Wandzeitung in unserer Schule berichten.

Meine Erlebnisse waren aufregend und beklemmend. Ich erlebte bewegende Szenen der Teilung der Stadt, die ja viel mehr war als nur eine geographische Grenzziehung. Familien wurden getrennt, Freundschaften beendet, Mehltau legte sich über die Stadt. Überall noch Fluchtversuche. Die Bernauer Straße hatte noch ihre östliche Bebauung mit Mietskasernen. Deren Wohnungen wurden gerade zwangsgeräumt, die Fenster danach zugemauert: Die straßenseitigen Außenwände der Häuser markierten zugleich den Grenzverlauf. Als Westdeutscher konnte man in den Osten der Stadt fahren, für die Westberliner gab es erst Jahre später eine Passierscheinregelung zum Besuch der anderen Hälfte der Stadt.

So kam ich auch an den Marx-Engels-Platz. Wirkte Ostberlin wegen seines wenigen Autoverkehrs und der wenigen Menschen auf den Straßen auf mich schon gähnend leer und düster, steigerte sich dieser Eindruck dort erschreckend, ich spürte den "Horror Vacui" dieses trostlosen Ortes.

Irgendjemand erzählte mir, dass dies der Standort des Schlosses gewesen sei.

Ein sehr exklusives Hobby

Meine Wandzeitung änderte sich: Hatte ich ursprünglich vor, 22 Tafeln dem Mauerbau zu widmen, wurden es nun nur noch 19. Drei beschrieben die Geschichte des Schlosses und seiner Sprengung. Die Geschichte Berlins, seine Menschen, aber auch seine Architektur fesselten mich seitdem. Fast dreißig Jahre lang, bis zur Öffnung der Mauer fuhr ich immer häufiger nach Berlin, wollte erleben wie es weitergeht mit der Stadt. Seit den siebziger Jahren begann ich, mich in den Archiven der Stadt herumzutreiben, auf der Suche nach Dokumentationen über das Schloss.

Zu Beginn der achtziger Jahre kam ich so auch zum Schloss Charlottenburg. Dort arbeiteten drei Wissenschaftler am Nekrolog des Schlosses, der "Schlossmonografie", finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Man sollte die Geschichte des Schlosses dokumentieren, um es zumindest so für die Nachwelt zu erhalten.

Aber niemand interessierte sich für die Ausarbeitungen. Ich fand Berge von Akten, Ausarbeitungen, Fotos. Die Wissenschaftler freuten sich über mein Interesse und machten mich im Laufe der Jahre zum Schlossexperten. Ich hatte ein sehr exklusives Hobby, die Geschichte des wichtigsten Bauwerks Berlins - und ich hatte es für mich, weil sich niemand dafür interessierte.

Prominente Partner

Über die "Freunde der Preußischen Schlösser und Gärten", einen Kreis hoch gebildeter Multiplikatoren in Berlin und Deutschland, dem ich mich damals anschloss, lernte ich für meinen weiteren Weg wichtige Persönlichkeiten kennen, unter anderem Wolf Jobst Siedler und Joachim C. Fest.

Dann kam über Nacht die Wiedervereinigung. Siedler und Fest schrieben berühmt gewordene Essays über die Mitte Berlins, ihre neue Rolle in der Deutschen Hauptsstadt. Sie gipfelten in der Forderung nach einem Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Natürlich war ich davon animiert, endlich mein großes Wissen einmal anwenden zu können. So rief ich sie an und fragte, ob es schon eine Organisation für den Wiederaufbau des Schlosses gäbe - es gab sie nicht. Als damaligem Landmaschinenhändler war mir klar, dass ich ein solches Projekt niemals allein durchsetzen könnte. So kam uns die Idee, die Prominenz meiner Partner mit meinem Arbeitseifer zu verbinden. Die Gründung des Fördervereins Berliner Schloss erfolgte 1992, um die Kräfte zu bündeln - und natürlich auch, um die Gemeinnützigkeit zu erlangen.

Meine Freunde in Sachen Schloss standen als Ratgeber uneigennützig zur Verfügung. Ich versprach ihnen wenig Arbeit: Sie sollten nur tätig werden, wenn es um das Tür-Öffnen ging, wenn Beziehungen hergestellt werden sollten. In der Zeit versuchten wir, das fast völlig vergessene Schloss wieder in das Bewusstsein der Menschen zurückzuholen. Unzählige Termine mit Journalisten auf dem Schlossplatz wurden anberaumt. Manchmal kam auch jemand.

Abgetan als Phantast

Aber kaum einer war in der Lage, anhand von gezeigten Bildern sich das Schloss in dreidimensionaler Größe vorzustellen, ich wurde als Phantast abgetan. Dennoch begann in den Medien eine sehr abstrakte Debatte über das Thema. Aber es gab keinen Durchbruch, nur die in Berlin so sattsam bekannte Hin und Her um Geld und ob das überhaupt nötig sei, setzte ein. Ein zu uns gekommener, neuer Freund, der bekannte Kunsthändler Bernd Schulz, Villa Griesebach, voller Ideen und später Sammler von Millionenbeträgen, formulierte dann einen Satz, der spektakuläre Folgen hatte: "Wer nicht hören will, muss sehen!"

Das war die Geburtsstunde der Schloss-Simulation, die wir schon im Sommer 1993 realisierten und die bis in den Herbst 1994 das Bild der Berliner Mitte bestimmte - das damals bespöttelte "Plastikschloss". Wir organisierten damals eine Wiederkehr des Berliner Schlosses auf Zeit: Vor eine riesiges, maßstabsgerechtes Raumgerüst wurden Bahnen gespannt, auf die im Maßstab 1:1 in dreidimensionaler Malerei unter der Leitung von Catherine Feff französische Künstler aus Paris das Berliner Schloss gemalt hatten.

Die Idee dazu hatten der Bauhistoriker Goerd Peschken und sein Freund, der Architekt Frank Augustin. Über das inzwischen noch größer gewordene Netzwerk wurden Millionenbeträge gesammelt, um das Ganze zu finanzieren. Direkte Zuschüsse vom Staat gab es nicht, wir wollten es auch nicht, sahen wir diese Simulation auch als einen Test für die Spendenbereitschaft der Bevölkerung für einen späteren echten Wiederaufbau des Schlosses an.

Ein großer Wurf

Die Simulation erregte größtes Aufsehen - und bewirkte etwas: Der 1994 entschiedene, internationale Spreeinsel-Wettbewerb, mit dem die Raumstruktur des Zentrums festgelegt werden sollte, setzte mit den Siegerentwürfen dreimal die Kubatur des Schlosses als Maßstab für die Neubebauung des Zentrums auf die Spitzenplätze. Das Schloss war wieder in der Gegenwart angekommen.

Eine endlose Debatte setzte nach dem Abbau der Schlosssimulation ein, das Vakuum beherrschte wieder die Mitte. Auch eine heftige Debatte über den Erhalt des Palastes der Republik wurde durch uns ausgelöst. Zunehmend setzten sich auch Politiker und Journalisten öffentlich für den Wiederaufbau des Schlosses ein.

Den Durchbruch brachte schließlich die Idee des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, neben der Museumsinsel auf dem Schlossareal einen Ort der Weltkunst und Weltkulturen zu schaffen, das Humboldt-Forum. Die "Internationale Kommission Historische Mitte Berlin" empfahl die Verwirklichung dieses Konzeptes im äußerlich wieder aufgebauten Schloss. Acht Jahre nach Abbau der Schloss-Simulation beschloss der Deutsche Bundestag 2002 den Wiederaufbau des Schlosses als Humboldt-Forum. Es gab fast eine Zweidrittelmehrheit. 2007 verabschiedet der Bundestag das Budget, die Realisierung steht unmittelbar bevor: Baubeginn 2010, Fertigstellung 2014.

Es wäre ein großer Wurf, wenn der gesamte Komplex aus Museumsinsel und Schloss am 3. Oktober 2015 der Öffentlichkeit übergeben werden könnte: Eine Vision auch über die künftige kulturelle Rolle Deutschlands, benannt nach Wilhelm und Alexander von Humboldt, beendet nach 25 Jahren den Wiedervereinigungsprozess und weist der deutschen Hauptstadt eine maßgebliche Führungsrolle im föderalistischen Deutschland zu. Mein Beitrag dazu war der der "Spinne im Netz", ich war wohl das Energiezentrum. Mehr nicht.



insgesamt 2 Beiträge
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Sven Stursberg, 16.11.2007
1.
Hmmm.... das stieß mir auf: '...der Leitung von Catherine Feff französische Künstler aus Paris das Berliner Schloss gemalt hatten' Ohne jetzt in irgendeiner Form 'deutschelnd' wirken zu wollen: Hätten das deutsche Künstler nicht auch hinbekommen? Es stößt mir auf weil ich mich auch immer fragen muss warum ein Unternehmen aus, sagen wir, Detmold in, sagen wir wieder, Düsseldorf einen Bauauftrag bekommt für, bleiben wir beim 'sagen wir', eine Asphaltarbeit. Ausschreibungen hin und her - denkt jemand an die Gewerbesteuer bzw die Erhaltung der lokalen Betriebe? Ähnlich klingt es auch hier. Schönes Unterfangen und meine volle Unterstützung für das Projekt - aber deutsche Künstler oder Kunststudenten hätten sicher mehr profitiert - und das Land auch.
Eberhard Doerr, 06.01.2008
2.
Klingt ja erst einmal romantisch, wie Herr von Boddien für seine wiederentdeckte Liebe kämpft. Aber er blendet, wie oft bei Verliebten, dabei etwas aus: Auch der "Palast der Republik" steht für einen wichtigen Teil deutscher Geschichte, die man jetzt, kurz danach, häufig offenbar gerne ausblenden möchte - so wie mit der Sprengung des Schlosses seinerzeit etwas ausgeblendet werden sollte. Und dann kommt in zig Jahren vielleicht wieder eine Bewegung, die eben diese Erinnerung zurück holen will, auch wieder mit guten Gründen. Wäre es nicht einfacher, die Liebe zur Nostalgie beiseite zu lassen und sich der (jüngeren) Geschichte zu stellen?
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