Berlin-Blockade Narben der Vergangenheit

"Sie haben Dich durchgelassen?" Als der 13-jährige Willi Grünberg 1948 seine Verwandten in West-Berlin besuchte, traf er auf vier völlig verängstigte Erwachsene. Zwei Tage zuvor hatten die Sowjets die Stadt abgeriegelt.

AP

Zwar waren wir nach dem Zweiten Weltkrieg noch Kinder. Aber für Politik interessierten wir uns trotzdem. Die Angst vor einer Wiederholung der schrecklichen Vergangenheit trieb uns dazu, das Geschehen in Deutschland und Europa mit wachen Augen zu verfolgen und den geradezu unmöglichen Versuch zu unternehmen, es zu verstehen. Die unsichtbaren psychischen Narben, die uns die jüngere Vergangenheit zugefügt hatte, waren noch lange nicht verheilt, die physischen waren allgegenwärtig. Aber so sehr wir uns auch bemühten - die Tragweite der verhängnisvollen Entwicklungen begreifen konnten wir kaum.

Als im Juni 1948 die Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion Angst und Schrecken verbreitete, war ich 13 Jahre alt. Die Schienen-, Straßen- und Wasserwege zwischen West-Berlin und Westdeutschland waren gesperrt. Die Versorgung der 2,1 Millionen Westberliner war nicht mehr möglich. Lieferungen von Kohle und Strom aus der sowjetischen Besatzungszone in die Berliner Westsektoren wurden eingestellt. Auch die Stromlieferungen nach Westberlin aus dem Großkraftwerk Zschornewitz fanden am 24. Juni ein Ende. In Folge der fast einjährigen Einschüchterungsblockade, mit der die Sowjets auf die nicht abgesprochene Währungsreform der Alliierten in den Westsektoren reagierten, wurde die berühmte Berliner Luftbrücke eingerichtet. Mithilfe der sogenannten Rosinenbomber wurde West-Berlin durch die Alliierten fast ein Jahr lang ausschließlich über den Luftweg am Leben erhalten.

Am dritten Tag der Blockade, dem 26. Juni, besuchte ich meine Oma in Siemensstadt, im britischen Sektor von Berlin. Am Vorabend hatten meine Eltern zu mir gesagt: "Morgen fährst du zur Oma. Versichere ihr und allen anderen, dass wir für sie da sind, dass wir helfen werden. Wir lassen sie nicht allein." Die Bahnfahrt von Beelitz nach Siemensstadt verlief völlig ruhig, sogar die übliche Polizeikontrolle auf dem Bahnhof Drewitz blieb aus. Oma und Herr Wehrke waren nicht daheim. Ich fand sie bei Onkel Gustav und Tante Marie vor dem Rundfunkempfänger sitzen und den Nachrichten lauschen. Es gab Neuigkeiten. Aber keine Guten, soviel war gewiss. Mein Erscheinen allerdings überraschte sie dann doch.

"Verlass dich nicht auf die Amis!"

Verwundert und zugleich erleichtert sahen sie mich an. "Also hat man die Reiseverbindungen nach West-Berlin noch nicht dichtgemacht", räsonierte Onkel Gustav, als er mich in Empfang nahm. "Hat man dich so ohne Weiteres durchgelassen?", fragte Tante Marie ungläubig. "Ja, heute wurde überhaupt nicht kontrolliert." Man erzählte mir, dass die Russen ausnahmslos alle Versorgungswege nach West-Berlin unterbrochen hätten und dass die fadenscheinigen Erklärungen, mit denen die Verantwortlichen die Vorgänge plausibel zu machen versuchten, lächerlich und haltlos seien. Widersprüche, hieß es, nichts als Widersprüche und Lügen. Das Ziel der Aktion sei doch sonnenklar.

"Die wollen uns aushungern, und anschließend werden die Russen wieder einmarschieren und die Stadt besetzen", sagte Herr Wehrke. Angst schwang in seiner Stimme. "Ist es nicht so?" Er sah mich fragend an. So als müsste ich, der ich als 13-Jähriger aus der Ostzone zu meinen Verwandten in den Westen gekommen war, es am besten wissen. Ich schwieg. Tante Maria packte die Angst: "Dann geht es wieder los mit den Vergewaltigungen, den Plünderungen, den Verhaftungen und Erschießungen. Nein, das werde ich nicht noch einmal überleben." Tante Marie verbarg ihr Gesicht in den Händen. Meine Oma beschwichtigte ihre ältere Schwester: "Na ganz so schlimm wird es nicht werden, auch wenn sie hier einmarschieren, die Russen." Ein schwacher Trost.

Onkel Gustav versuchte es pragmatisch: "So einfach wird das auch nicht gehen mit dem Einmarschieren. Schließlich sind immerhin noch die Amerikaner und die Briten da. Die werden das nicht einfach stillschweigend hinnehmen." Herr Wehrke sah es anders: "Verlass dich nicht auf die Amis, Gustav. Was können die denn groß machen? Die Russen sind in der Übermacht, rund um Berlin sind Zehntausende stationiert."

Aber Onkel Gustavs unerschütterliche Glaube daran, dass alles gut werden würde, brach sich erneut Bahn. Die Amerikaner würden die Berliner nie im Stich lassen, da war er überzeugt: "Sie werden, falls die Russen nicht einlenken, die Stadt durch die Luft mit Flugzeugen versorgen." Er sprach von den Luftkorridoren, die man bereits unmittelbar nach Ende des Krieges vereinbart hatte und dass die sich nun beileibe nicht einfach so absperren ließen. "Ihr habt es ja im Radio mitgehört: Das erste Flugzeug mit Versorgungsgütern ist heute bereits in Tempelhof gelandet." Als Onkel Gustav seinen Satz beendet hatte, ging mit einem Mal das leise eingestellte Radio aus. Die Senderskala erlosch.

Der Lehrer klärt auf

"Stromsperre", sagte Oma. "Nun geht das schon wieder los. Vor ein paar Tagen haben sie das erste Mal den Strom abgestellt." Herr Werke ergänzte: "Es war wie im Krieg, zum Glück hatten wir noch Kerzen. Aber schlafen konnte ich trotzdem nicht. Die schrecklichen Erinnerungen an die letzten Jahre hielten mich wach, und als ich dann weit nach Mitternacht eingeschlafen bin, verfolgten mich fürchterliche Träume." Herr Wehrke erzählte davon, wie er sich wieder im Ersten Weltkrieg hat kämpfen sehen und wie mittendrin die Bomben des Zweiten Weltkriegs auf Berlin fielen. "Schweißgebadet bin ich dann aufgewacht, habe in der Küche ein Glas kaltes Wasser getrunken und mich auf den Küchenstuhl gesetzt." Früh morgens hat ihn dann meine Oma fest schlafend auf dem Stuhl vorgefunden.

"Warten wir erst mal ab, vielleicht renkt sich das wieder ein", sagte Oma. Und zu mir gewandt: "Sag deinen Eltern, es ist gut zu wissen, dass ihr für uns da seid, wenn die Umstände eure Hilfe erfordern. Richte ihnen bitte unser aller Dank aus." Ich blieb über Nacht und fuhr am Sonntagabend wieder zu meinen Eltern nach Beelitz. Ich ließ vier alte Menschen in ihrer Ungewissheit, mit ihren Zweifeln und Zukunftsängsten allein zurück.

Am darauffolgenden Montag hatten wir in der ersten Stunde Geschichte. Herr Holder, unser Klassen- und Geschichtslehrer, betrat von Rektor Meier begleitet das Klassenzimmer. "Guten Morgen, sechste Klasse! Setzt euch!", sagte Rektor Meier, während Herr Holder mit dem Rücken zum Fenster stand und den Ausführungen seines Kollegen zuhörte. Was uns nun entgegen tönte, war eine feurige Verteidigungsrede der Blockade. Es handele sich um die Verbreitung schamloser Unwahrheiten, sagte Rektor Meier, und zwar in westlichen und amerikanischen Rundfunksendern. "Mit den dreisten Lügen soll Unruhe unter der deutschen Bevölkerung, auch in den Westzonen, verbreitet werden. Man will damit machtpolitische Ziele verfolgen und entgegen unseren Bemühungen die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands torpedieren."

Angeblich, so Rektor Meier abschließend, hätten die Sowjets den Menschen in West-Berlin angeboten, ihre Versorgung abzusichern. Auch über die gegenwärtigen, sogenannten "technischen Störungen" hinaus. Das Wort Blockade war selbstverständlich Tabu.

Damit waren wir Schüler im sozialistischen Sinne aufgeklärt.



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