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Berliner Anti-Kriegs-Museum: »Ein Damoklesschwert, das immer noch über uns hängt«

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Michael Kister / DER SPIEGEL

Anti-Kriegs-Museum in Berlin »Die Bergpredigt sagt, liebt eure Feinde, aber mit Putin ist das momentan schwierig«

Das Berliner Anti-Kriegs-Museum wird 40 Jahre alt, zwei Vorgänger hatten die Nazis zerstört. Bei Putin erreiche der Pazifismus allerdings seine Grenzen, sagt der friedensbewegte Gründer Tommy Spree.

Am Berliner Hauptbahnhof laufen zahlreiche Frauen und Männer in gelben und roten Westen herum. Auf ihrem Rücken oder auf ihrer Brust tragen sie kleine runde Flaggen, die ukrainische oder die russische. Diese Freiwilligen helfen mit ihren Sprachkenntnissen dabei, ankommende Geflüchtete aus der Ukraine zum weißen Willkommenszelt vor dem Haupteingang zu lotsen. Dort erhalten die Vertriebenen eine erste Versorgung und die Möglichkeit, sich erst mal auszuruhen.

Vertrieben wurde einst auch Tommy Spree. Er kam 1940 im englischen Exil seiner Eltern zur Welt. Die Familie war gezwungen, das eigene Land zu verlassen, weil die Nationalsozialisten Sprees Großvater Ernst Friedrich verfolgten. Weil ihnen Friedrichs Gesinnung nicht gefiel, die nach dem Grauen des Ersten Weltkriegs so selbstverständlich hätte scheinen müssen: Pazifismus.

Heute leitet Tommy Spree das Anti-Kriegs-Museum in Berlin-Wedding. Geschwungene Lettern, die farblich zu den roten Balkonreihen darüber passen, verkünden die Funktion der sonst unscheinbaren Ladenwohnung in der Brüsseler Straße.

Tritt man durch die Glastür unter dem Schriftzug, ertönt ein Geläut wie einst im Tante-Emma-Laden. Statt Warenauslagen stehen an den Wänden allerdings auf Hüfthöhe Vitrinen, darin Zinn- und Plastiksoldaten und eine Butterform in Form des Eisernen Kreuzes fürs Sonntagsfrühstück. Gegenstände, die den Eindruck vermitteln sollten, dass Krieg zum Leben dazugehöre und normal sei.

Dass er das nicht ist, zeigen Bilder, die gegenüber vom Eingang hängen. Die Gueules Cassées, die »zerhauenen Visagen« Gesichtsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg transportieren eine eindeutige Botschaft: Nie wieder.

»Ich kenne keine 'Feinde' – weder jenseits noch diesseits der Grenzpfähle! Ich kenne nur Menschen.«

Tommy Sprees Großvater Ernst Friedrich, Kriegsdienstverweigerer

Es riecht nach alter Tapete und bequemen Sitzmöbeln. Die stehen im Hinterzimmer, um einen Tisch herum gruppiert. »Wir wollen durch Bildung junge Menschen für die Ideen von Toleranz, Völkerverständigung und Humanität gewinnen. Nur über ein globales Projekt der Erziehung zum Frieden können wir einen sicheren Planeten schaffen«, erklärt Spree aus dem Sessel am Fenster das Ziel seiner Dauerausstellung.

Dies ist schon das dritte Anti-Kriegs-Museum, die ersten beiden hatte Sprees Großvater gegründet. Ernst Friedrich, Jahrgang 1894, brach seine Buchdruckerlehre ab und nahm gegen den Willen des Vaters Schauspielunterricht. Er wurde zum begnadeten Rezitator, der Säle füllte, wenn er aus den Werken berühmter Schriftsteller vorlas. Spätestens ab seinem SPD-Eintritt 1911 engagierte sich Friedrich auch politisch. Auf Wanderschaft in Schweden lernte er kurz vor dem Ersten Weltkrieg den pazifistischen Pfarrer Per Gyberg kennen, der ihm Tolstoi nahebrachte und ihn entscheidend prägte.

Als dann die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts losbrach, war Friedrich einer der wenigen Kriegsdienstverweigerer in Deutschland. Auf Englisch nennt man Leute wie ihn conscientious objectors, was so viel bedeutet wie Verweigerer aus Gewissensgründen. Er stand zu seiner Überzeugung: »Ich kenne keine ›Feinde‹ – weder jenseits noch diesseits der Grenzpfähle! Ich kenne nur Menschen.« Dafür sperrte man ihn mehrfach ein, zunächst sogar auf der Beobachtungsstation für Geisteskranke. So obszön erschien der Obrigkeit sein Verhalten.

Zweimal von den Nazis zerstört

Nicht zuletzt deshalb dürfte er den Krieg, der allein in Deutschland gut zwei Millionen Tote und etwa 2,7 Millionen Kriegsversehrte forderte, überlebt haben. 1919 nahm er noch am Spartakusaufstand teil, überwarf sich aber bald mit den Kommunisten. Die waren ihm zu moskautreu. Weil seiner Überzeugung nach Krieg von Staaten ausging, lehnte er sie ab und wurde Anarchist.

Friedrich setzte sich zur Aufgabe, Kriege zu verhindern, indem er über ihren Schrecken aufklärte. Dazu gründete er 1925 das »Erste Internationale Anti-Kriegs-Museum« in einem gedrungenen Häuschen in der Parrochialstraße 29 in Berlin.

Blumenerde statt Soldatenkopf: Ernst Friedrich provozierte mit seinem Anti-Kriegs-Museum in einer Zeit, in der der Militarismus noch stark verbreitet war.

Blumenerde statt Soldatenkopf: Ernst Friedrich provozierte mit seinem Anti-Kriegs-Museum in einer Zeit, in der der Militarismus noch stark verbreitet war.

Foto: ullstein bild

Kennzeichen waren neben dem Schriftzug, der dem heutigen sehr ähnlichsah, die beiden Stahlhelme, die an der Fassade hingen: falsch herum, voller Erde und gefüllt mit Blumen. Schon diese Zweckentfremdung war den Nazis ein Dorn im Auge. Sie konfiszierten das Gebäude im März 1933. Die SA richtete darin ein Sturmlokal ein, in dem sich die Braunhemden trafen und vermeintliche Regimegegner folterten.

Ernst Friedrich flüchtete nach einer Inhaftierung im KZ Oranienburg mit seiner Familie über Tschechien und die Schweiz nach Brüssel. Dort eröffnete er 1936 mit lokaler Unterstützung das zweite Anti-Kriegs-Museum. Bis die Nazis in Belgien einfielen. Wieder zerstörten sie sein Mahnmal zum Frieden. Friedrich versteckte sich danach in Frankreich auf dem Land. Seine Tochter und ihr Mann, die Eltern von Tommy Spree, waren damals schon in London.

Am 2. Mai 2022 ist es genau 40 Jahre her, dass Tommy Spree das Museum neu gründete. Damals war er noch Lehrer für Englisch, Geschichte und Sport, außerdem, und das ist er immer noch, SPD-Mitglied und Friedensbewegter.

Die Internationale Liga für Menschenrechte hatte Spree 1981 eingeladen, einen Diavortrag über seinen Großvater Ernst Friedrich und dessen Museum zu halten. Im Anschluss daran gab ein flammender Wortbeitrag des Visual-History-Pioniers Diethart Kerbs ihm den Anstoß, das Museum neu aufzubauen: als Begegnungsstätte für Anhänger der Friedensbewegung, für solche, die es noch werden wollen, und vielleicht gerade für die, die es nicht sind. Mit Unterstützung einer Gruppe von Lehrern, die seine Überzeugungen teilten, feierte Spree am 15. Todestag des Großvaters Ernst Friedrich die Wiedereröffnung.

Ein Feuerball über Berlin

Einige der früheren Exponate konnte er zurückgewinnen. Ein Original aus der Zeit des Ersten Weltkriegs hängt heute rechts vom Eingang, an einem Pfeiler in der Fensterfront: Das Propagandaplakat zeigt die größte deutsche Artilleriegranate, die zwischen 1914 und 1918 auf belgische und französische Städte fiel; als »Erfolge« sind Lüttich, Namur, Longwy und Maubeuge aufgelistet. Wenn Russland heute solche Poster drucken würde, dann müssten Städtenamen wie Mariupol, Charkiw und Irpin darauf stehen.

»Die Bergpredigt sagt, liebt eure Feinde, aber mit Putin ist das momentan schwierig. Die Fratze seines Krieges erlaubt es, sich zu wehren, aber nicht, dass eine weltweite Aufrüstung stattfindet«, kommentiert Spree den russischen Überfall auf die Ukraine. »Der Pazifismus hat seine Grenzen. Hitler wäre ohne die Gegenwehr der Alliierten nicht besiegt worden.« Trotzdem müsse man an eine Zeit nach Putin denken. »Man darf sich nicht so verfeinden, dass man danach nicht mehr miteinander redet«, sagt der Leiter des Anti-Kriegs-Museums.

Zu den tiefsten Abgründen von Menschen herbeigeführter Zerstörung war es im Zweiten Weltkrieg durch die deutschen Vernichtungsfeldzüge gekommen; danach endete das Grauen nicht sofort. Nachdem die deutsche Wehrmacht bereits am 8. Mai 1945 kapituliert hatte, schien es dem amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman zweckdienlich, noch im August ’45 auf Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki werfen zu lassen, um den Krieg auch in Asien zu beenden.

Zu diesen Schrecken führt eine Falltür aus hellem Holz im Boden des Museums. Eine schmale Treppe weist den Weg in einen Schlauch von einem Raum. An der Wand hängt eine Karte von Berlin, konzentrische Kreise gehen von ihrem Mittelpunkt aus. Sie illustrieren, welche Verwüstungen eine Atombombe auf die Hauptstadt anrichten würde: ein Feuerball im Zentrum, die sich ausbreitende tödliche Strahlung und schließlich die Druckwelle, die über mehrere Kilometer Gebäude einstürzen ließe.

Die Bundeswehr schickt Offiziersanwärter ins Museum

»Die Menschheit muss diese Atomwaffen wegschaffen, damit wir überleben können. Sie sind ein Damoklesschwert, das immer noch über uns hängt«, sagt Tommy Spree. Als er die schwere Metalltür zum nächsten Kellerraum öffnet, wird der Blick auf einen Original-Luftschutzkeller aus dem Zweiten Weltkrieg frei. Die Wände der stellenweise bröckelnden Ziegelwände sind weiß getüncht, so war es damals Vorschrift. Küchenstühle stehen aufgereiht an einer Wand; wer sich hier vor alliierten Bombardements in Sicherheit bringen wollte, musste seinen eigenen Stuhl mitbringen. Zwei einsame Teppiche sollten der Zuflucht mehr Wohnlichkeit verleihen, falls jemand hier dauerhaft ausharren musste. So wie die Menschen in Mariupol, die sich nicht vor die Tür trauen können, weil überall russische Raketen einschlagen.

Bombennächte: Im Zweiten Weltkrieg suchten Anwohner Schutz in diesem Keller, den das Anti-Kriegs-Museum der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Bombennächte: Im Zweiten Weltkrieg suchten Anwohner Schutz in diesem Keller, den das Anti-Kriegs-Museum der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Foto: Anti-Kriegs-Museum Berlin

In einer Ecke schaltet Spree das alte Röhrenradio ein. Blechern plärrt eine Aufnahme vom April 1945 und warnt vor nächtlichen Luftangriffen, dann die Tonspur eines Bombenhagels, das charakteristische Pfeifen herabfallender Sprengkörper. Wäre einer davon in das Haus über diesem Schutzraum eingeschlagen, hätten die Insassen versucht, durch den Mauerdurchbruch ins Nachbargebäude zu entkommen – eine Stelle lockeren Mauerwerks, gerade groß genug, um hindurchzukriechen und immer noch sichtbar.

Das Haus blieb aber glücklicherweise stehen. So empfängt die Berliner Ladenwohnung über dem Luftschutzkeller nun regelmäßig Besucher aus aller Welt, besonders Schulklassen. Sogar die Bundeswehr schickt jeden Monat einige Offiziere in Ausbildung. Nebenan ist die Peace Gallery. Mit wechselnden Sonderausstellungen bietet sie Kunst, die sich mit Krieg und Frieden auseinandersetzt, eine Bühne.

Im Hauptraum stehen in einem etwas abgenutzten Gästebuch Friedensbotschaften auf Englisch, Chinesisch, Arabisch, aber keine auf Ukrainisch aus den vergangenen Monaten. Auch nicht auf Russisch.

Wäre das Anti-Kriegs-Museum nicht ein geeigneter Ort für den ersten Schritt aufeinander zu? Zum Beispiel vor dem Porträt von Leo Tolstoi, das im Philosophenraum zwischen denen anderer Vordenker des Pazifismus hängt. Seine Erfahrungen im Krimkrieg zwischen 1853 und 1856 öffneten dem russischen Schriftsteller die Augen: »Eine vernünftige Erklärung dafür, warum Länder und Völker gegeneinander Krieg führen sollten, gibt es nicht und kann es nicht geben.«