Berliner Radio-Experiment Wie Radio-Anarchisten die Mauer zwei Wochen zu früh einstürzen ließen

Sie sahen sich als Radio-Freibeuter, sendeten nachts und verkündeten am 24. Oktober '89 die Grenzöffnung - 16 Tage bevor die Mauer tatsächlich fiel. Die Zuhörer reagierten verwirrt bis euphorisch. Und dann rief Gott an. Uli M Schueppel erinnert sich.

Fritz Brinkmann

Wie jeden Dienstag befinden wir uns auch am 24. Oktober 1989 im alternativen West-Berliner Sender Radio 100, um unsere nächtliche Sendung "Shlim-Line Show" live auszustrahlen. Für diese spezielle Nacht haben Johannes (Joe) Beck und ich uns etwas Besonderes ausgedacht. Das Hör-Abenteuer soll unauffällig beginnen, mit dem befreundeten Musiker Christoph Dreher sprechen wir in den ersten 25 Minuten über das kommende Album seiner Band "Die Haut", über seine Zusammenarbeit mit Nick Cave, Kid Congo Powers oder Lydia Lunch.

Um genau 2.25 Uhr im kleinen Studio in der Potsdamer Straße werfen wir uns alle komplizenhafte Blicke zu, bevor ich mir das Mikrofon zurechtrücke. Jetzt also! Ich bin aufgeregt, meine Stimme zittert. Aber das passt zur unglaublichen dpa-Eilmeldung, die ich nun vorlese:


"Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen in Ost-Berlin verlautet wurde, hat die SED-Führung in geheimer Sitzung die völlige Öffnung der innerdeutschen Grenze in beide Richtungen beschlossen. Der Beschluss soll auf einer Pressekonferenz heute Mittag, 12 Uhr, verkündet werden und sofort wirksam sein."


Eine Nachricht, die zu dieser Zeit noch völlig absurd erscheint. Die ZuhörerInnen reagieren sofort - alle Telefone im Studio beginnen zu klingeln. So beginnt eine wundersame Reise durch die Nacht.

Erinnerungen an 1989, West-Berlin: Zum Eintauchen gehören auch die Geräusche ausgestorbener Geräte aus der Vor-Internet-Zeit. Der "Ticker" zum Beispiel - diese überdimensionierten Maschinen standen noch in den Redaktionen der Zeitungen, Radios, TV-Anstalten und spuckten Nachrichten einer fernen Welt aus. Ich höre noch genau dieses Summen und Rattern. Fast konkrete Musik.

Zu den Geräuschen fliegen mir gleich Bilder zu. West-Berlin der Achtzigerjahre - natürlich in Schwarz-Weiß. Diese gefühlt kleine, eingemauerte, kreativ brodelnde Insel. Die Straßen, das Nachtleben, die Freunde an den Tresen und in den Plattenläden. Ich sehe mich in Musikstudios an Scripts schreiben und meine ersten Filme machen. Emotionale Orte: das "Risiko", das Hansa-Studio, das "Gift", das Ex'n'Pop, die Morgen im Café M und danach müde in den Seminaren der Filmakademie. Sehnsucht = s/w. Der Osten, "Berlin - Hauptstadt der DDR", genauso grau.

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Mauerfall zu früh: "Hallo, hier spricht Gott"

Mich zog es zum Ende der 80er schon eher raus nach New York, London oder Paris. West-Berlin, diese kreative Spielwiese, ging zu Ende, schien sich langsam auszublenden. Es war zu spüren. Ost-Berlin war noch ferner. Und Farbe kam sowieso später.

Immer grell inmitten dieses West-Berlins blinkt unsere Radiosendung "Shlim-Line Show", in der wir lange schon Grenzen des Radiomachens experimentell ausloten. Die Sendung vom 24. Oktober '89 wird zum finalen Höhepunkt, ohne dass wir es ahnen.


Anrufer Stefan: "Ich bin total von den Socken. Das ist 'ne Botschaft durchs Radio, wie: Morgen scheint die Sonne zum ersten Mal seit 100.000 Jahren! Gestern hab' ich noch diesen Bericht gesehen, über Mutter Erde und wie finster es aussieht. Laut ARD bleiben sowieso nur noch 30 Jahre, wa". Wir im Studio: "Also Wiedervereinigung nutzt uns sowieso nicht mehr? Nun haben wir aber auch noch 30 Jahre Gesamtdeutschland zu überstehen."


In diesen Radionächten auf der UKW-Frequenz 103,4 entwickeln wir wilde akustische Trips durch Musikgenres, zerhackt mit selbst aufgenommenen oder aus Filmen gesampelten Audioclips. Den improvisierten Live-Charakter betonen die Telefonleitungen, die wir für die ZuhörerInnen zur direkten Interaktion offen schalten. Die Sendungen sind zwar konzeptuell vorgedacht, aber wir wissen selbst nie, wie sie sich entwickeln werden. Wir sehen uns als akustische Freibeuter.

Joe und ich treffen uns jeden Dienstag vor Mitternacht in der Schöneberger Nachtbar Ex'n'Pop mit Aktenkoffern voller Musikkassetten, unser Sendematerial - sie sind an die Startpunkte vorgespult. Dann geht es in den Sender. Manchmal laden wir Gäste ein, die Texte zwischen Sounds und Musikfragmenten vortragen oder in Gesprächen über ihre Kunst- und Musikprojekte berichten.

Die Idee zur "Mauerfall"-Sendung entstand nach der Show eine Woche zuvor: Studiogast am 17. Oktober '89 war Gudrun Gut von der Berliner Band Malaria!, als plötzlich der Ticker im nächtlich leeren Redaktionsraum neben dem Studio wild losklapperte. Lange Papierbögen kündeten von einem dramatischen Erdbeben in San Francisco. Wir rissen die Blätter ab und lasen Fragmente gemeinsam live über unsere vorbereitete Soundcollage. Als Cut-up, als reale Poesie.

Das alles wirkte wie Fiktion, so wurden die realen News auch wahrgenommen - als Hörspiel. Die AnruferInnen sagten, sie glauben uns nicht. Erst am nächsten Tag erfuhren sie aus den Medien, dass die Katastrophe tatsächlich stattgefunden hat.


"Hallo, ich habe doch auch letzte Woche die San-Francisco-Meldung gehört, und das hat genau den umgekehrten Effekt von diesem Hörspiel über Außerirdische oder das 'Millionenspiel' von Menge. Die Leute sagen ja, Informationen über Fernseher oder Radiosender sind nur noch Fiktion. Aber eure Sendung hat den Charakter eines Hörspiels, ohne es zu sein. Mir ist das bei der Sendung letzte Woche passiert. Danach bin ich ins Bett gegangen und dachte, es wäre ein gutes Hörspiel gewesen. Am nächsten Morgen wache ich auf und sehe als erstes diese zusammengekrachte Brücke."


Eine Woche später sind wir zu allem bereit, wollen viel weiter gehen, inspiriert vom Spiel mit den Reaktionen und fasziniert vom Radiomachen als Möglichkeit des fiktionalen Erzählens. In der nächsten Sendung wollen wir das Ganze ins Unermessliche toppen! Und was ist zu dem Zeitpunkt das Absurdeste? Was kommt im Oktober '89 einer Landung von Aliens am nächsten, im Sinne des Radiohörspiels "Der Krieg der Welten" von Orson Welles 1938?

Noch viel unwahrscheinlicher schien uns nur die plötzliche Öffnung der Mauer. Aber sofort bemerken wir aus den direkten Reaktionen, dass diese Vision wohl doch schon denkbar ist. Kaum ist die Meldung verlesen, schrillen im Studio die Telefone. Die Menschen sind teils emotional völlig aufgelöst und begeistert, teils bestürzt und nachdenklich. Sie erzählen ihre ganz persönlichen Ost/West-Geschichten.


Anrufer: "Oh Mann, das kann nicht sein! Ist das jetzt wirklich echt? Das verändert alles. Ich hab 'ne Geliebte da drüben..."


Natürlich stellen manche ZuhörerInnen die Meldung infrage und bezeichnen sie als "Ente", um sich dann mit Vergleichen im Tierreich zu verlieren, oder rufen sogar als "Ente" an. Andere finden Gründe, warum es sich nur um eine Falschmeldung handeln kann:


Anrufer: "Wegen der Meldung, die ihr eben gebracht habt, es gibt da mehrere Dinge, warum das unmöglich ist. Denn unser Bundeskanzler würde da ja nie mitmachen. Der würde es ja nicht zulassen, dass die Leute, ohne ihn zu fragen, die Grenze aufmachen... Das geht nicht, das bringt ja internationale Verwicklungen mit sich!"



Einige Anrufer spielen die fiktionale Handlung ironisch mit.


Anrufer: "Krenz, Egon hier. Dies ist West-Propaganda! Ich muss mich auf das Entschiedenste dagegen verwahren. Nichts gegen die Entscheidung als solche, aber die bleibt mir vorbehalten!"


Wir samplen gleichzeitig Fragmente der Anrufe, eine fast dadaistische Audio-Collage entsteht. Manche Gesprächsfetzen wirken völlig sinnfrei und klamaukhaft - und doch spielen schon einige West/Ost-Vorurteile und Konflikte hinein, die später auch real in den Folgejahren der Wiedervereinigung die Menschen beschäftigen werden.

Da ist der West-Deutsche mit schwäbischen Akzent, der sofort eine Kneipe im Ostteil der Stadt eröffnen will, "um die da drüben mal mit dem zu konfrontieren, was hier so abgeht kneipenmäßig". Aber auch die umgekehrte Reaktion. Eine Anruferin - aus dem Osten, sagt sie - will nicht, dass nun die ganzen Wessis rüberkommen, will nicht rausgedrängt werden aus ihrem Prenzlauer Berg.


Anruferin: "Ich will hier bleiben! Ich will doch gar nicht rüber! Ich will nicht weg! Was soll ich denn da drüben machen? Ihr mit eurer Freiheit, was soll ich denn damit? Was ist'n da so toll?"


Auch wir im Studio nehmen scherzhaft, aber auch naiv "übergriffig" West/Ost-Übernahmefantasien auf, indem wir uns vorstellen, wie einfach es jetzt werden könnte, sich Häuser an den Seen oder gar ganze Schlösser zuzulegen.

Bald ist im Studio ein chaotischer Zustand erreicht. Während Christoph Dreher und ich die vielen Anrufe annehmen, sind Joe und Suzie an der Technik dabei, aus den Soundschnipseln die Sendung akustisch in eine fast schmerzhafte Kakofonie zu treiben, die so gar nichts mit der übertriefenden emotionalen Reaktion auf den echten Mauerfall zwei Wochen später zu tun hat. Und wenn ich die Show heute nachhöre, schwingt da trotz des surrealen Humors, trotz dieses Zeitgeist-Momentums auch etwas metaphorisch Bedrohliches mit in diesem verfrühten, fingierten Mauerfall-Tondokument.

Alles gipfelt im Anruf eines Hörers, der sich "Gott" nennt und seine angebliche kleine Schwester ein Lied singen lassen will. Sie stimmt die zweite Strophe des Deutschlandlieds an - im Radio verboten, weil mit Nazideutschland verbunden. Wir lassen sie unkommentiert singen und stellen die "Internationale", das Kampflied der Arbeiterbewegung, dagegen.

Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass diese Aktion das Ende der "Shlim-Line Show" bedeutet. Im Plenum des links-alternativen Senders wird das "allzu postmoderne" Reagieren auf die Deutschlandhymne als nicht korrekt empfunden und die Sendung "mit sofortiger Wirkung" abgesetzt. Nicht kritisiert wird das eigentliche Konzept des fiktionalen Mauer-Öffnens. Als nur 16 Tage nach unserer Sendung am 9. November tatsächlich die Mauer wie aus dem Nichts fällt, sind wir sprachlos.

Wir sind unschuldig!

Zum Autor
  • Patricia Morosan
    Uli M Schueppel (Jahrgang 1958) ist Regisseur und Filmer. Er zog 1983 nach Berlin, studierte Film und drehte zum Abschluss eine Doku zur Nordamerika-Tournee von Nick Cave & The Bad Seeds 1989. Seitdem hat Schueppel rund 20 Spiel- und Dokumentarfilme sowie Musikvideos veröffentlicht. Auf seiner Homepage schueppel-films.de kann man ab 24. Oktober 2019 die "Shlim-Line Show", die 30 Jahre zuvor lief, als ganze Sendung nachhören.
insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
peter baetz, 24.10.2019
1. einfach
nur geil! ich war ja damals auch nicht allzuweit vom ort des geschehens entfernt, aber - davon hab ich nie was gehört. aber - die schilderung (all diese west-berliner interna) passt, deshalb ++!! was ist schon eine vorhersagbare karriere, wenn mans einmal richtig machen kann ...
Jörg Steinbeck, 24.10.2019
2.
Der Beitrag ist ja der Hammer und die Kombination mit den Soundeinlagen echt geniales Konzept. Hätte mich geärgert ihn nicht zu lesen.
Andreas Meinhold, 24.10.2019
3. wahrscheinlich hat Günter Schabowski zwei Wochen später....
einen Zettel von den beiden in die Pressekonferenz gereicht bekommen.....
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