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19. Juni 2013, 11:41 Uhr

Stadtschloss-Fotos

Hier wohnt die Wut

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Seit Jahren wird um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gestritten - nicht zum ersten Mal. Der Prunkbau war Bühne für Schlüsselmomente deutscher Geschichte und immer wieder Gegenstand erbitterter Auseinandersetzungen. Bis er im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Es begann mit einem Volksaufstand. Im Frühjahr 1448 schlossen sich die Bürger der freien Städte Berlin und Cölln zusammen, um gegen ein Bauprojekt zu protestieren. Kurfürst Friedrich II., wegen seiner Härte als "Eisenzahn" betitelt, wollte ein Schloss errichten - und brauchte dafür Land, das er kurzerhand den Städtern abnahm. Die reagierten wenig glücklich auf die Zwangsenteignung und setzten die Baustelle unter Wasser. Mit Werkzeugen öffneten sie gewaltsam ein Wehr und jubelten, als die Spree die neu errichtete Baugrube zerstörte. Ein Protestakt, der als "Berliner Unwille" in die Geschichte einging. Und eine wichtige Demonstration gegen deutsche Großbaustellen - gut fünf Jahrhunderte vor Stuttgart 21.

Verhindern konnten die Städter den Bau nicht: Das Berliner Schloss wurde 1451 fertiggestellt - und diente über Jahrhunderte hinweg als Königs- und Kaisersitz. Mit der Zeit verwandelte sich die Trutzburg in einen strahlenden Palast, der wichtige Architekturströmungen vereinte: von den Renaissence-Flügeln über die barocke Prunkfassade bis hin zur modernen, 1854 eingeweihten Rundkuppel. Ein Wahrzeichen der Residenzstadt Berlin, zentral auf der Spreeinsel gelegen, an dem sich alle Bauten zu orientieren hatten.

Kaiser Wilhelm II. setzte durch, dass kein anderes profanes Gebäude das Stadtschloss Unter den Linden überragen durfte. Als der Architekt des neuen Reichstags, Paul Wallot, eine Glaskuppel plante, die größer war als die Residenz, tobte Wilhelm. Er sah die Souveränität des Monarchen bedroht. Der Reichstag gab schließlich nach und hielt seinen Bau niedriger. Der Kaisersitz blieb der imposanteste Prunkbau Berlins - bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.

Am 3. Februar 1945 setzten alliierte Bomber die Hauptstadt unter Beschuss und trafen mehrmals das Stadtschloss. Vier Tage lang brannte die Residenz, vom ehemaligen Hohenzollern-Sitz blieben nur Ruinen zurück. Statt diese jedoch neu zu errichten, ließ die DDR-Regierung unter SED-Generalsekretär Walter Ulbricht das Gebäude 1950 abreißen. Das Stadtschloss musste weichen, an seiner Stelle entstand der Palast der Republik, der Sitz der Volkskammer. Nach der Wiedervereinigung wurde auch dieser Repräsentationsbau eingerissen. Zwei Jahrzehnte lang dauerte der Streit, ob das Stadtschloss wieder errichtet werden soll. Vor einer Woche war der Spatenstich zu Deutschlands größter Kulturbaustelle. Geplant ist, die Residenz fast originalgetreu nachzubauen.

Ein neuer "Berliner Unwille" ist bisher nicht zu erwarten. Und das, obwohl Experten davon ausgehen, dass die Kostenobergrenze von 590 Millionen Euro überschritten wird. 2019 soll alles fertig sein und der Prunkbau als "Humboldt-Forum" in neuem Glanz erstrahlen: zur Erinnerung an den Ort, an dem das Volk auf den Ersten Weltkrieg eingeschworen und die sozialistische Republik ausgerufen wurde.

einestages erinnert an den Prunk und die Zerstörung des Gebäudes, an dem diese historischen Ereignisse ihren Lauf nahmen - in der großen Stadtschloss-Bildergalerie.

Zum Weiterlesen:

Richard Schneider: "Das Berliner Schloss in historischen Photographien". Lukas Verlag, Berlin 2013, 157 Seiten.

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