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Kindheit im Pfarrhaus: Promis mit "guter Kinderstube"

Foto: Bernd Gurlt/ dpa

Ensslin, Merkel, Motörhead Die berühmtesten Pfarrerskinder der Welt

Sie hatten die gleiche Kinderstube, dann wurden sie Terroristen, Rockstars oder Bundeskanzlerin: Kinder von Geistlichen spielen in der Gesellschaft immer wieder eine besondere Rolle. einestages zeigt die weltweit berühmtesten Töchter und Söhne aus Pastorenfamilien - und was aus ihnen wurde.

Als ihre Tochter Gudrun im Gefängnis Stammheim Selbstmord beging, brach Ilse Ensslin ihr Schweigen. Jahrelang hatte sich die evangelische Pfarrersgattin und Mutter der RAF-Terroristin geweigert, öffentlich Stellung zu beziehen. Doch einen Tag nach der Beerdigung der Tochter änderte sie ihre Meinung. Die Regisseure Volker Schlöndorff und Alexander Kluge waren zu Besuch im Pfarrhaus von Bartholomä, um Material für den Episodenfilm "Deutschland im Herbst" zu sammeln.

Ilse Ensslin führte die Filmemacher zum Treppenhaus und deutete auf ein Ölgemälde, das den gekreuzigten Christus zeigte. "Wenn kleine Kinder sich so was schon ansehen müssen, darf man sich über nichts wundern", sagte sie in schwäbischem Tonfall und forderte die Besucher auf, näher heranzutreten. "Sehen Sie, die Blutstropfen an den rostigen Nägeln, genau auf Augenhöhe von Sechsjährigen!"

Der Kommentar wurde aus dem Film gestrichen. Und damit auch die kontroverse Botschaft, die in den Worten der bitter gewordenen Mutter mitschwang: Gudrun Ensslin, die damals bekannteste Pfarrerstochter Deutschlands, habe durch den strengen Glauben einen Hang zum Märtyrertum entwickelt. Deswegen sei sie bereit gewesen, für ihre Überzeugungen zu sterben.

Das Pfarrhaus als Schmiede für linksradikales Gedankengut - eine hochbrisante These. Und dennoch nicht neu.

Terroristin aus Gewissensgründen?

Immer wieder hatten Psychologen in Bezug auf die RAF-Kämpferin Ensslin einen Kausalzusammenhang herstellen wollen zwischen der Kindheit als Pastorentochter und den gewalttätigen Aktionen. Schon bei der ersten Untersuchungshaft 1968, nach dem Brandbombenanschlag auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt, wurde die Terroristin von einem Psychiater befragt. Dieser hielt in seinen Unterlagen fest: Ensslin "wollte in die Tat umsetzen, was sie letztendlich im Pfarrhaus gelernt hatte. Sie wollte den Nächsten en gros erfassen - gegen seinen Willen."

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Kindheit im Pfarrhaus: Promis mit "guter Kinderstube"

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Einen ähnlichen Ansatz verfolgte Strafverteidiger Ernst Heinitz: Er stellte seine Mandantin als "Gewissenstäterin" dar. Und verwies dabei auf das Leben im Pfarrhaus in der schwäbischen Alb, wo Ensslin früh mit politischen Fragen in Berührung gekommen sei. Vater Helmut hatte während der NS-Diktatur als Mitglied der Bekennenden Kirche gegen das Hitler-Regime Stellung bezogen. Und auch nach dem Krieg sorgte er dafür, dass seine Kinder vor rechtem Gedankengut gefeit seien. Man las das linke Kirchenblatt "Stimme der Gemeinde", diskutierte kritisch über die Adenauer-Regierung. Diese Erziehung, zusammen mit der christlichen Heilslehre, hätten Gudrun Ensslin darin bestärkt, als junge Frau gegen Ungerechtigkeiten wie den Vietnam-Krieg zu kämpfen - auch mit illegalen Mitteln. "Es gibt nun einmal auch ein irrendes Gewissen", sagte Heinitz.

Die Argumentation des Anwalts überzeugte das Gericht nicht: Ensslin wurde mit Andreas Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Als sie aufgrund eines Revisionsantrags auf freien Fuß kam, ging sie in den Untergrund: Die RAF war geboren.

Rebellion: Strenge Werte und ständige Beobachtung

Bis heute gilt Gudrun Ensslin als das bekannteste aufbegehrende Pastorenkind der Bundesrepublik. Doch sie war bei weitem nicht die Einzige. Immer wieder rebellierten vor allem junge Männer gegen das strenge Leben im Pfarrhaus - darunter spätere Schriftsteller und Philosophen.

Die Autorin Christine Eichel, selbst Pastorenkind, hat in ihrem Sachwerk "Das deutsche Pfarrhaus" zu erklären versucht, welcher Druck auf Pastorenfamilien laste. Das harmonisch wirkende Heim mit seinem Rosengarten und der offenen Tür stehe unter ständiger Beobachtung der Gemeinde. "Pfarrer und ihre Familien befinden sich permanent im Praxistest", schrieb Eichel. Man müsse ein Familienidyll herstellen - sonst leide die Glaubwürdigkeit des Pfarrers.

Die häufigste Reaktion war Rebellion, meist in Schriftform. Am deutlichsten trat diese Kritik bei Friedrich Nietzsche auf, der alle Priester als "Giftmischer" bezeichnete und in seinem Spätwerk "Der Antichrist" mit dem Christentum abrechnete. Auch die Pfarrerssöhne Jean Paul und Gottfried Benn äußerten sich in ihren Schriften kritisch gegen das Gemeindeleben. Genau wie Hermann Hesse, dessen Eltern zwar keine Pastoren im eigentlichen Sinne waren, dafür als strenggläubige Missionare den Sohn in das evangelisch-theologische Seminar in Maulbronn einschrieben. Als er mit 15 Jahren aus der Einrichtung floh und Selbstmord begehen wollte, steckten ihn die Eltern in eine psychiatrische Anstalt - um seinen "rebellischen Willen" zu brechen. In Werken wie "Unterm Rad" verarbeitete Hesse diese Erlebnisse.

Das Pfarrhaus - Hort der Bildung und des Engagements

Dass die meisten Pastorenkinder-Rebellen als Literaten Erfolge feierten, hat einen geschichtlichen Grund. Seit Beginn galt das evangelische Pfarrhaus als Hort der Bildung, als Bollwerk des Humanismus, in dem die Kinder ihre Talente entwickeln sollten. Es wurde gelesen und geschrieben, auch Musik spielte eine entscheidende Rolle.

Ein weiterer Erziehungsschwerpunkt lag auf sozialem Engagement. Pfarrerskinder wurden schnell in das Gemeindeleben integriert, sangen im Chor, leiteten Gruppen, spielten Orgel. TV-Moderator und Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, selbst Sohn eines evangelischen Predigers, sagte einmal scherzhaft in einem Interview, wie begrenzt ihm sein beruflicher Werdegang erschien: "Als Pfarrerskind wird man entweder Terrorist oder Kanzlerin." Und fügte dann über seiner eigenen Arbeit hinzu: "Schriftsteller liegt vermutlich irgendwo dazwischen."

Der Verweis auf Angela Merkel leuchtet ein. Heutzutage hat die Bundeskanzlerin die Terroristin Ensslin als berühmteste Pastorentochter Deutschlands überholt. In Biografien und Aufsätzen wird immer wieder auf die vom Protestantismus geprägte Kindheit der jungen Angela Kasner hingewiesen, deren Vater Horst im Dorf Templin als Seelsorger arbeitete. Doch auch andere Politiker der Nachkriegszeit entstammen Pfarrfamilien: Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) etwa, der Grünen-Politiker Rezzo Schlauch oder Bundespräsident Johannes Rau.

Die kreativen Wilden: Musik, Regie, Malerei

Wirft man einen Blick über deutsche Landesgrenzen hinaus, wird die Liste der berühmten Pfarrerskinder bunter - und künstlerisch vielfältiger. In den USA, in denen evangelikale Glaubensrichtungen weit verbreitet sind, haben gleich mehrere Pastorenkinder die Musikcharts erobert. Katy Perry, Tochter eines Pfingstgemeinde-Pfarrers, lässt sich bei Touren häufiger von ihrem Vater begleiten. Und Alice Cooper spricht gerne von seinem Vater, der als Laienprediger durchs Land zog.

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Eichel, Christine

Das deutsche Pfarrhaus: Hort des Geistes und der Macht

Verlag: Bastei Lübbe (Quadriga)
Seitenzahl: 368
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In Schweden gilt Filmemacher Ingmar Bergman als bedeutendstes Pastorenkind, dessen Werke sich immer wieder mit Schuld und verweigerter Vergebung auseinandergesetzt hatten. Die Holländer haben ihren Künstler Vincent van Gogh, die Briten berufen sich gerne auf den Architekten Christopher Wren, Erbauer der Londoner St. Paul's Cathedral.

Doch egal ob Kirchenkritiker, Musiker oder Politiker - allen Pfarrerskindern bleibt gemein, dass sie dem elterlichen Heim auf starke Weise verbunden bleiben. "Kein Pfarrerskind verlässt das Haus, ohne symbolisch immer wieder dorthin zurückzukehren", fasste der Theologe Wolfgang Steck in einem vielbeachteten Aufsatz zusammen.