Berühmter Dichter als Hassprediger Die dunklen Seiten des Heinrich von Kleist

Bis heute werden die Texte des romantischen Dramatikers in Schulen gelesen. Dabei gehören seine blutrünstigen Werke zum Unangenehmsten, was der Nationalismus seiner Epoche hervorbrachte.
Er predigte mit National-Furor: Heinrich von Kleist (1777 bis 1811) auf einem zeitgenössischen Porträt

Er predigte mit National-Furor: Heinrich von Kleist (1777 bis 1811) auf einem zeitgenössischen Porträt

Foto: Dito / ullstein bild

Bis zur Lebensmüdigkeit mit sich selbst unzufrieden, hatte der Dichter Heinrich von Kleist 1803 in Paris mit dem Gedanken gespielt, den Tod in französischen Militärdiensten zu suchen. Wenige Jahre später aber weckte Napoleon mit seinen Kriegszügen den politischen Trotz des preußischen Offiziers.

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2021

Napoleon und die Deutschen: Wie ein Franzose dem Nationalstaat zum Aufstieg verhalf

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Widerstandsgeist flammte erst recht in ihm auf, als Kleist 1807 im besetzten Berlin als Spion festgenommen, zur Haft nach Frankreich deportiert und erst im Juli wieder freigelassen wurde. Ende 1808 hatte er ein Schauspiel fertig, das den Vernichtungskampf gegen einen übermächtigen Feind am antiken Muster darstellte: »Hermannsschlacht« – nach Ansicht des Kleist-Experten Gerhard Schulz ein »blutgetränktes« Stück, das »die Methoden des totalen Krieges« vorwegnimmt. In Kleists nächstem Drama war der kriegerische Visionär »Prinz Friedrich von Homburg« der Titelheld.

Nach dem Vorbild österreichischer Kriegslieder dichtete Kleist zudem als Leitworte einer geplanten Zeitschrift »Germania« Verse, deren wilder Hass noch heute erschüttert: Alle Deutschen sollten wie ehedem als »Römerüberwinderbrut« hinab »ins Tal der Schlacht« ziehen; »schäumt, ein uferloses Meer, / über diese Franken her!«

»Alle Plätze, Trift' und Stätten,
Färbt mit ihren Knochen weiß;
Welchen Rab' und Fuchs verschmähten,
Gebet ihn den Fischen preis;
Dämmt den Rhein mit ihren Leichen ...«

Der fremde »Wolf« müsse vernichtet werden:

»Schlagt ihn tot! Das Weltgericht
Fragt euch nach den Gründen nicht.«

Mitte 1809 begann Kleist ein chauvinistisch-ironisches »Lehrbuch der französischen Journalistik« (»Was man dem Volk dreimal sagt, hält das Volk für wahr«), und in einem »Katechismus der Deutschen« nannte er Napoleon »den Anfang alles Bösen und das Ende alles Guten«. Es gehe um eine vaterländische »Gemeinschaft«, die »nur mit Blut, vor dem die Sonne erdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll«.

Gedruckt wurde keiner dieser agitatorischen Texte; das hätte schon die strenge Zensur der Besatzer nicht geduldet. Aber was nicht Fragment blieb, kursierte unter der Hand.

Als Frankreichs Siegesserie endete, hatten Freiheitsliteraten Konjunktur: vom jungen, 1813 gefallenen Freischärlerpoeten Theodor Körner  bis zu Ernst Moritz Arndt, der neben patriotischen Traktaten viele martialische Kriegs- und Vaterlandslieder dichtete. Auch Freunde Kleists, etwa der katholische Staatsdenker Adam Müller, äußerten sich mit nationalem Pathos.

Kleist erlebte davon fast nichts mehr. Nach einem weiteren Zeitschriften-Misserfolg immer verzweifelter geworden, erschoss der 34-jährige visionäre Dichter am 21. November 1811 am Berliner Wannsee seine Bekannte Henriette Vogel und sich selbst. Erst 1821 wurden Kleists Dramen »Die Hermannsschlacht« und der »Prinz von Homburg« gedruckt – im Todesjahr Napoleons.

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