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07. Februar 2008, 15:36 Uhr

Bettenknappheit in Ostdeutschland

Lektion in Emanzipation

Wer nach dem Mauerfall als "Aufbauhelfer" in den Osten Deutschlands ging, konnte ganz neue Erfahrungen machen: Karl Wilhelm Meier vermisste in Neubrandenburg vor allem ein Hotelzimmer. Dafür kam es in der Dusche seiner Notunterkunft zu einer überraschenden Begegnung.

Mein früherer Chef machte alles selbst. Erst teilte er mir in seiner charmanten Art mit, dass ich wohl für ein paar Monate in Neubrandenburg arbeiten müsse. Dann folgte eine wenig sensible Einführung in die DDR-Gesellschaft: "Fragen Sie die Typen mal", schwadronierte er, "wie das im Kommunismus mit der Frauenförderung war, ob die da nach oben kommen konnten. Wenn es hoch kommt, dann verweisen sie auf eine Sekretärin, die Kaffee zu kochen hatte. Die waren auch nicht weiter als wir."

Das ging mir noch durch den Kopf, als ich 1990 auf der Autobahn in Richtung Berlin fuhr. Was weiß ich eigentlich von der DDR, fragte ich mich, und was nicht? Wie geht man mit Menschen um, denen man gerade gesagt hatte, 'Jungs, das mit der neuen Gesellschaftsordnung, das war nur so eine Idee'? Keinen Plan hatte ich, keine Ahnung - wie alle.

Ein Hotelzimmer in Neubrandenburg? - Fehlanzeige. In den wenigen, die es gab, residierten schon die anderen Aufbauhelfer. Für mich fand man aber ein Appartement im Sportklub. Das mit dem Umgang und so im Hinterkopf fragte ich, warum es denn ein Appartement sein müsste und kein normales Zimmer sein könnte. Meine Kollegin druckste 'rum: "Na, ja... "- "Also gut", entschied ich und nahm es.

Das mit der Milchglasscheibe in der Tür und dem Licht auf dem Flur hätte man mir ja auch sagen können. In meinem Alter ist man die Jugendherbergssituation nicht mehr so gewohnt. Ich wälzte mich im Bett hin und her, hatte das Gefühl, überhaupt nicht schlafen zu können.

Ich sah ein, dass eine Vereinzelung der Menschen im Westen eine Folge der kapitalistischen Wirtschaftsordnung war - und ging ohne zu murren zur Gemeinschaftsdusche. Alternativen dazu gab es nicht, und ich wollte auch am ersten Tag vermeiden, wie ein fleißiger Werktätiger zu riechen. Dass das Kollektiv allerdings so groß und die Frauen darin so emanzipiert waren, hatte ich nicht geahnt.

Bei der ersten Frau, die nackt den Duschraum betrat, hatte ich noch gewisse Schuldgefühle: War das wirklich die Herrendusche? Ab der Dritten, die nach zwei weiteren Herren zum Duschen kam, genoss ich einfach den Anblick. Ob die Damen etwas zu genießen hatten, möchte ich nicht weiter diskutieren. Die Ossis waren doch freizügiger als wir. Heimlich sprach ich ihnen meine Anerkennung aus.

Frau Müller, die Vorzimmerdame aus meinem Büro, machte allerdings an diesem Tage den Eindruck, als sei sie völlig durch den Wind. Das habe sie nicht gewusst, entschuldigte sie sich, dass im Sportklub die Duschen neu gemacht werden und nur eine Dusche zur Verfügung stand. "Macht nichts", antwortete ich forsch, "Sie glauben doch wohl nicht, im Westen sind die Leute verklemmt."

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