Fotostrecke

Deutscher Alltag in der Provinz

Foto: Martin Langer

Bielefeld in den Achtzigern So lebten die Ostwestfalen

Ein Rodeoreiter auf einer Bullenattrappe, eine Misswahlkandidatin mit Achselhaaren und ein kleinwüchsiger Muskelmann – Fotograf Martin Langer studierte in den Achtzigerjahren das Leben in der Provinz.

Bielefeld? Gibt's doch gar nicht! Zumindest behaupteten das mal ein paar Verschwörungstheoretiker in Kiel. »Ausgerechnet Kiel«, seufzt der Fotograf Martin Langer. »Nicht gerade der Nabel der Welt. Na gut, Kiel hat immerhin einen Zugang zur Ostsee, den hat Bielefeld nicht zu bieten.«

Langer kann ziemlich glaubhaft bezeugen, dass die ostwestfälische Stadt tatsächlich existiert. Von 1980 an studierte er dort nämlich Fotodesign. Selbst aussuchen konnte er sich den Ort freilich nicht, denn darüber entschied die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, kurz ZVS. »Andere Städte wären vielleicht aufregender gewesen. Bielefeld hat mir aber auch nicht geschadet«, sagt er trocken.

Wie die Bielefelder ticken, wurde ihm schon bald nach seinem Umzug klar. Im Haus eines Friseurs bewohnte er unterm Dach ein winziges Zimmer zur Untermiete: »Nach ein paar Tagen entwickelte ich meinen ersten Film, damals lief noch alles analog. Zum Schluss musste ich den Film eine halbe Stunde lang unter fließendem Wasser spülen. Da kam mein Vermieter nach oben und fragte, weshalb ich so lange duschen würde.«

Der Karikaturist Ernst Volland, der am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld unterrichtete, brachte Langer dazu, sich näher mit den absurden Seiten des Alltags zu befassen. Mit einigen Kommilitonen entwarf er das Buch »Fotosatire heute. Kurios und gnadenlos« und recherchierte dafür auch im Bildarchiv des SPIEGEL. »In Hängeregistertaschen suchte ich kreuz und quer nach komischen Aufnahmen. Das Wort ›Fotosatire‹ kam nirgendwo vor.«

Alles Bunte wirkt künstlich

Langer war angefixt und zog bald durch die Straßen Bielefelds, um Motive für eigene Satirefotos zu finden. Eine Auswahl daraus ist in seinem Bildband »Das Land des Lächelns« zu sehen. Ohne Bösartigkeit nimmt er die Provinzbürger auf den Arm, entlarvt ihre Schwächen und zeigt dabei auch immer ein bisschen Verständnis. Die Satire, so erkennt der Betrachter, bewegt sich zumeist auf einem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik.

»Bielefeld nähert man sich immer am besten in Schwarzweiß«, bemerkt der Paderborner Kabarettist Erwin Grosche in seinem Nachwort zu dem Buch. »Alles Bunte wirkt dort aufgesetzt.« Auf Langers Fotos sieht man Menschen mit verschlossenem Gesichtsausdruck, die durch die Innenstadt hasten, am Wühltisch eines Kaufhauses stehen oder auf der Kirmes gedankenverloren an ihrer Eiswaffel schlecken. Bis früher oder später hinter ihnen jemand lautstark auf die Pauke haut und sie aufschreckt.

»Bielefeld hat sich als Kulisse für romantische Liebesfilme nicht durchsetzen können«, witzelt Grosche. So manche junge Frau wollte sich aber wohl zumindest den Traum von einer gewonnenen Misswahl erfüllen. Eine Kandidatin, die in einer damals angesagten Großraumdisco selbst im ultraknappen Badeanzug nur gelangweilte Blicke auf sich zieht, erhält durch Langers Blitzlicht wenigstens einen Hauch von Glamour. Auch wenn sie ihre Achseln nicht rasiert hat, was inzwischen ja schon wieder »in« ist. Inmitten einer größeren Menschenmenge wirkt sie einsam und verloren.

Hier gibt es nichts zu lachen

»Diese Szene hat mich irgendwie berührt«, bekennt Langer. »Niemand lacht, es herrscht keine fröhliche, ausgelassene Stimmung. Ganz so, als hätte jemand gerade geschrien: ›Jetzt mal alle ruhig‹.«

Zwei ältere Frauen im Pelzmantel präsentieren sich auf einem anderen Foto im fast identischen Look, ohne dass es ihnen bewusst zu sein scheint. Sie schauen verbissen drein. Langer will den Missmut aber nicht zur Grundstimmung erheben. »Bevor ich auf den Auslöser gedrückt habe, oder auch kurz danach, könnten die beiden gelacht haben. Wer sagt denn, dass es nicht genau so gewesen sein kann?«

Und sind solche Aufnahmen wirklich typisch für Bielefeld? »Bielefeld ist eine typisch deutsche Stadt, ja«, sagt Langer. »Mehr aber auch nicht.« Seine Motive fand er nicht in Hamburg, Berlin oder Regensburg, weil er halt in Ostwestfalen lebte.

Er will sich auch nicht als Dokumentarfotograf oder Chronist der Achtzigerjahre verstanden wissen. Seine Eindrücke von Bielefeld führten ihn zu Beginn seiner Laufbahn auf eine Art Eroberungsfeldzug. Die Aufnahmen, sagt er, seien aus einer rein subjektiven Perspektive entstanden.

Der »hässliche Deutsche« als Hosenpisser

»Das Entscheidende ist immer, beim Fotografieren den richtigen Moment zu erwischen«, sagt Langer, der seit fast 30 Jahren von Hamburg aus als freier Fotograf arbeitet . »Solche Aufnahmen gelingen nur, wenn die eigene Persönlichkeit mit hineinspielt. Wer nicht den Schalk im Nacken sitzen hat, erkennt die komische Situation nicht.«

Jahre später, während der ausländerfeindlichen Ausschreitungen im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen, schoss Langer für den SPIEGEL ein Foto, das ihn weit über Deutschland hinaus bekannt machte: Während ein wütender rechter Mob Molotowcocktails auf ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter schleuderte, zeigte der arbeitslose Baumaschinist Ewert den Hitlergruß.

Ein Foto, das einerseits erschüttert und zugleich mit beißender Ironie den »hässlichen Deutschen« in all seiner Hilfslosigkeit zeigt. Denn auf Ewerts Trainingshose prangt ein großer dunkler Fleck. Als »Hosenpisser« ging er in die Geschichtsbücher ein.

Die Bilder in »Das Land des Lächelns« sind leiser, aber nicht weniger eindrücklich. Eines von Langers Lieblingsfotos zeigt einen älteren Mann auf einem Jahrmarkt. In einem Anzug mit frischer Bügelfalte, den Gehstock elegant über den Arm gelegt, steht er ganz allein da. Langer hat ihn den »Pechpilz« getauft, denn sein trauriger Gesichtsausdruck verrät, dass er am Losstand eine Niete gezogen hat. Doch selbst als Verlierer behält er seine Würde.

»Wer hier wegwollte, wusste nicht wohin«, stichelt Kabarettist Grosche. 1986 fotografierte Langer ein Teilstück einer unfertigen Autobahn, die scheinbar im Nichts beginnt und im Nirgendwo endet – sie sollte Bielefeld und Detmold verbinden. Die Bielefelder werden es ihm womöglich verzeihen können.

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