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20. März 2013, 09:56 Uhr

In sieben Schritten

Wie englische Milchmägde "Big Brother" zum Comeback verhalfen

Per Wikipedia durch die Weltgeschichte: Jeden Monat wühlt sich Danny Kringiel durch die uferlose Online-Enzyklopädie - und entdeckt auf einer absurden Zeitreise, dass absolut alles mit absolut allem zu tun hat.

1. Teil: Milch macht müde Mägde munter

Das biblische Land, wo Milch und Honig fließen mag England um 1300 zwar nicht gewesen sein - aber immerhin das Land, wo Milch floss. Und zwar reichlich: Bereits im Mittelalter produzierte der kuhreiche Inselstaat mehr Milchprodukte, als er für den Eigenbedarf überhaupt benötigte.

Viele Haushalte hielten ihre eigenen Milchkühe, die sie selbst molken. Die wohlhabenderen Bürger überließen diese lästige Arbeit lieber anderen: Sie stellten Milchmägde ein, die nicht nur das Melken der Kühe übernahmen, sondern auch die weitere Verarbeitung von Milch, Sahne, Butter oder Käse. Viel Arbeit, doch offenbar nicht genug - denn in ihren Arbeitspausen…

Vom Hocker gehauen

…hatten zumindest die Milchmägde der Grafschaft Sussex im 14. Jahrhundert noch ausreichend Muße, eine neue Sportart zu erfinden: Stoolball (Stuhl-Ball).

Nach einem Sitzmöbel benannt war dieser Sport, weil die Mägde dafür ihren Melkschemel zweckentfremdeten: Sie legten ihn so auf eine Wiese, dass die Sitzfläche nach vorne zeigte. Eine Fängerin stellte sich vor den Stuhl und musste versuchen, ihre Mitspielerin davon abzuhalten, ihn mit Ballwürfen zu treffen. Gelang es ihr, den Ball abzufangen, bekam sie einen Punkt. Berührte der Ball den Schemel, erhielt die Werferin einen Punkt.

Stoolball erfreute sich großer Beliebtheit, und schon bald wurden die Regeln ausgefeilter: Der Werfer musste nun nach erfolgreichem Wurf zwischen zwei Schemeln hin- und herlaufen, um Punkte zu erzielen - und der Fänger bekam einen Holzschläger mit Bratpfannenform, um den Ball wegzuschlagen. Ganz langsam entwickelte sich aus dem Melkschemelspiel eine andere Sportart, das bis heute…

Beliebte Schlägertypen

…vor allem in den USA beliebte Baseball. Statt auf einen Melkschemel warfen die Baseballspieler auf einen Fänger, der hinter dem Schlagmann stand. Und statt eines bratpfannenförmigen Holzbretts verwendete der einen langen, kegelförmigen Schläger.

Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in den USA erste Baseballvereine wie etwa die "New York Knickerbockers", die als erste ein schriftliches Baseball-Regelwerk aufstellten. Schon bald erfasste von New York aus ein Baseball-Fieber ganz Nordamerika, das bis heute nicht nachgelassen hat - und mitunter Menschenleben rettete. Denn…

Genie wider Willen

…auch der 1919 in Milford, Massachusetts geborene Joseph Edward Murray begeisterte sich schon in jungen Jahren schwer für Baseball. Er war einer der besten Spieler seiner Highschool, und so beschloss er nach seinem Schulabschluss, eine Hochschule zu besuchen. Nicht, weil ihm so viel an Bildung gelegen hätte - sondern, weil er plante, in einem der angesehenen US-Hochschulteams seine Baseballkarriere weiter voranzutreiben.

Doch das Schicksal machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Murray musste feststellen, dass sich sein Studium keineswegs so leicht mit seinen Baseball-Trainingszeiten vereinbaren ließ, wie er gedacht hatte. Daher war er gezwungen, den Sport nach und nach aufzugeben und sich doch auf sein Studium zu konzentrieren.

Pech für den sportbegeisterten jungen Mann, aber ein Glücksfall für die Welt: Denn Murray studierte mit dem gleichen Feuereifer an der Harvard Medical School Medizin, mit dem er zuvor den Baseballschläger geschwungen hatte - und wurde ein brillanter Arzt. So brillant sogar, dass…

Das ging an die Nieren

…ihm am 23. Dezember 1954 ein sensationeller medizinischer Durchbruch gelang - die erste längerfristig erfolgreiche Nierentransplantation am Menschen. Am Peter Bent Brigham Hospital in Boston verpflanzte er Richard Herrick eine Niere seines Zwillingsbruders Ronald. In den folgenden Jahren schaffte Murray es sogar, mithilfe von Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, Nierentransplantationen zwischen nicht verwandten Spendern und Empfängern zu ermöglichen.

Seither hat Murrays Verfahren Tausenden Menschen das Leben gerettet. 1990 wurde der visionäre Chirurg für seine Pionierarbeit mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Seine Erfindung ermöglichte allerdings auch…

Survival of the Sickest

…einer maroden Medienfirma, mit einem äußerst geschmacklosen PR-Stunt wieder auf die Beine zu kommen. 2007 sah die Zukunft des niederländischen Fernsehproduktionsunternehmens Endemol ("Nur die Liebe zählt", "Wer wird Millionär?") alles andere als rosig aus: Sieben Jahre zuvor war es an den spanischen Telekommunikationskonzern Telefónica verkauft worden und hatte binnen kurzer Zeit rapide an Wert verloren. 2005 hatte man sich an einem Börsengang versucht - mit so miserablen Ergebnissen, dass Endemol zwei Jahre später wieder von der Börse genommen werden musste.

Und so startete man in größter Verzweiflung noch im selben Jahr einen PR-Coup, um das Unternehmen erneut in die Schlagzeilen zu bringen - mit "De grote Donorshow" ("Die große Spendershow"). In der ungewöhnlichen Gameshow traten mehrere Kandidaten gegeneinander an, die dringend eine Spenderniere benötigten. Dem Gewinner, der per SMS-Publikumsentscheid ermittelt wurde, winkte als Belohnung die tadellose Niere einer todkranken 36-Jährigen.

Nach der Ausstrahlung Ende Mai 2007 brach ein Sturm der Entrüstung über das makabre Konzept aus, obwohl die Sendung an ihrem Ende als eine mit Schauspielern inszenierte Täuschung enthüllt worden war, die nur auf die Problematik der Spenderorgansuche aufmerksam machen wolle. Ob dies nun gelang oder nicht - auf jeden Fall schaffte es Endemol, wieder in die Schlagzeilen zu kommen. Und so konnte das Unternehmen…

Ich bin ein Star, lasst mich hier drin!

…am 14. März 2013 gemeinsam mit dem Fernsehsender Sat.1 den glorreichen Plan bekanntgeben, das seit 2000 auf RTL II ausgestrahlte und zuletzt im Quotenkeller versunkene Proll-Terrarium "Big Brother" wieder zurück auf die Bildschirme zu bringen: als "Celebrity Big Brother" mit echten Berühmtheiten. Das Format, mit dem Sat.1 dem "Dschungelcamp" von RTL Konkurrenz machen will, soll bereits Ende 2013 anlaufen.

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