Fotostrecke

Fotoband "American Odyssey": Als Amerika Farbe bekam

Foto: Collection Marc Walter / Courtesy TASCHEN

Fotoband "American Odyssey" Kunterbunte Staaten von Amerika

Schluss mit grau in grau: Ende des 19. Jahrhunderts machte ein neues Druckverfahren Schwarzweiß-Fotos farbig - und bescherte Hunderten Fotografen ein Riesengeschäft. Jetzt zeigt ein Bildband faszinierende Aufnahmen dieser Ära.

US-Präsident Ulysses S. Grant war hingerissen. Mit zahlreichen Parlamentariern des Kongresses bewunderte das Staatsoberhaupt im Jahr 1871 Fotografien aus einem weit entfernten Winkel des heutigen Wyoming. Bilder von riesigen Geysiren, die ihr Wasser in meterhohen Fontänen in die Luft schießen, von malerischen Wasserfällen, die in die Tiefe stürzen, und von der gewaltigen Schlucht, die der Yellowstone River über Jahrtausende bis zu 400 Meter tief in das Gestein gewaschen hat. Viele der eindrucksvollen Aufnahmen stammten von William Henry Jackson, der seine schwere Ausrüstung aus Fotoapparaten und einer mobilen Dunkelkammer mühsam per Maultier in diese unzugängliche Region befördert hatte.

Präsident Grant und der US-Kongress waren von den entstandenen Aufnahmen so begeistert, dass sie den Yellowstone 1872 kurzerhand unter Schutz stellten - als ersten Nationalpark der Welt.

Allerdings konnte der US-Präsident die Pracht des Yellowstone auf den Fotografien nur in Schwarzweiß bewundern. Was er nicht zu sehen bekam, war das farbenfrohe Spiel des Lichts, wenn sich das herausschießende Wasser der Geysire in der Sonne brach. Oder die Rot-, Ocker- und Gelbtöne, die den Grand Canyon of the Yellowstone so einzigartig machen. Bis Amerikas Naturwunder endlich in Farbfotografien zu bewundern waren, sollten noch Jahrzehnte vergehen.

Die bunte Revolution

Die Wende begann 1895 bei der Detroit Photographic Company (DPC), einer kleinen Verlagsanstalt mit einer großen Idee: Mittels eines neuartigen Verfahrens aus der Schweiz, dem Photochromdruck, konnten fortan Schwarzweiß-Negative nachkoloriert und farbig gedruckt werden. Bis zu 14 Farben machten im Photochromverfahren aus schnöden Grautönen eine bunte Wunderwelt. Eine tatsächliche Farbfotografie war das zwar noch nicht, da die Farben den Aufnahmen erst nachträglich hinzugefügt wurden und nicht immer mit den tatsächlichen Farben des Motivs übereinstimmten. Trotzdem war es eine Sensation. Der Fotopionier William Jackson übernahm begeistert die Stelle als Produktionsleiter der DPC - und begann, seine eigenen Schwarzweißbilder zu kolorieren.

In ganz Amerika schwärmten Agenten und Fotografen der DPC aus, für Reisen standen ihnen firmeneigene Eisenbahnwaggons zur Verfügung. Sie kauften renommierten Fotografen ihre besten Negative ab und fotografierten selbst in ganz Amerika Motive für die DPC. Zehntausende Bilder trug das Unternehmen auf diese Weise zusammen und druckte Farblichtbilder, Photochrome genannt, und Postkarten in großen Auflagen. Die Menschen waren hellauf begeistert, die Welt endlich in Farbe bewundern zu können.

Das Photochrom-Druckverfahren bescherte der DPC überwältigenden Erfolg. Rund sieben Millionen Bilder produzierte das Unternehmen in seiner Blütezeit um 1905. Photochrome und "Phostints" genannte farbige Postkarten fanden reißenden Absatz. Im Werbezug tingelten Mitarbeiter der DPC durch das Land und präsentierten den Menschen auf Riesen-Photochromen die Naturwunder der Nation in Farbe: den Grand Canyon, Yellowstone, Yosemite und viele mehr. Doch bald erhielt das Unternehmen Konkurrenz, und auch der Erste Weltkrieg machte der DPC zu schaffen - die Herstellung von Photochromen und Phostints war zu kostenintensiv in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Und so wurde das Unternehmen 1932 nach langem Siechtum endgültig aufgelöst.

Odyssee in Bildern

Auf rund 600 Seiten präsentiert nun der Bildband "An American Odyssey" die besten Fotografien der DPC aus den Jahren 1888 bis 1924. Zwischen den Buchdeckeln unternimmt der Leser eine Reise von der Ost- zur Westküste des nordamerikanischen Kontinents, mit Abstechern nach Kuba, auf die Bahamas oder nach Kanada. Er sieht Szenen vom montäglichen Wäschetag im Schmelztiegel New York, an dem Hunderte Kleidungsstücke ganze Innenhöfe in Little Italy bedeckten, bis hin zu afroamerikanischen Arbeitern, die Jahrzehnte nach der Sklavenbefreiung immer noch ärmlich in den ehemaligen Sklavenquartieren der Plantagen lebten, von Indianern in ihrer Stammestracht bis zu Cowboys, die beim Rodeo wilde Pferde bändigten.

Und das alles in Farbe.

einestages zeigt ein faszinierendes Panorama der USA zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende - in der Bildergalerie der spektakulärsten DPC-Fotos dieser Ära.

Anzeige

Marc Walter und Sabine Arqué:
American Odyssey

Photos From The Detroit Photographic Company 1888-1924 .

TASCHEN; 600 Seiten; 150 Euro.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.