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Mord an Octavio Catto: Triumph, Tumult und Tragödie in Philadelphia

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Historical Society of Pennsylvania

Bürgerrechtler in Philadelphia Black Lives Matter – vor 150 Jahren

Auch nach dem Ende der Sklaverei blieben Schwarze in den USA Bürger zweiter Klasse. Wer wählen wollte, riskierte sein Leben: 1871 wurde Octavius Catto von einem Rassisten auf offener Straße erschossen.

Eine zeitgenössische Darstellung zeigt die dramatische Szene: Mitten in Philadelphia schießt ein weißer Mann mit einem Revolver auf einen elegant gekleideten Schwarzen. Der flieht – offenbar in den Rücken getroffen – in die Arme eines herbeistürzenden Polizisten. Fußgänger und Frauen in einer Straßenbahn starren entsetzt auf das Geschehen. Etliche Augenzeugen erkennen den Angeschossenen: Octavius Catto. Der stadtbekannte Star des Pythian Baseball Clubs und Schulrektor drängt bei Kundgebungen auf gleiche Rechte für Afroamerikaner.

In dieser Mission zog der 32-Jährige am 10. Oktober 1871 durch Philadelphia. Es war Wahltag, er beschwor die Bürger in den schwarzen Vierteln, zu den Urnen zu gehen. Der US-Kongress hatte zugesichert, niemand dürfe »aufgrund der Rassenzugehörigkeit ausgeschlossen« werden, wie es im April 1870 verabschiedeten Verfassungszusatz (15th Amendment) hieß. Catto warb für die einst fortschrittlichen Republikaner – die Partei des Präsidenten Abraham Lincoln, der siegreich den Bürgerkrieg gegen die Sklavenhalterstaaten des US-Südens geführt hatte und dafür 1865 von einem weißen Rassisten ermordet worden war.

Dass Catto ein ähnliches Schicksal widerfuhr, widerspiegelte die Lage im Norden der Vereinigten Staaten. Weiße aus den ärmeren Schichten befürchteten Nachteile, vor allem Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, und unterstützten deshalb die damals noch für Rassentrennung stehenden Demokraten. Schwarze, so ihre richtige Annahme, würden republikanisch wählen.

In Philadelphia blockierten Mobs irischer Emigranten Afroamerikanern den Zugang zu den Wahllokalen. Die vielfach ebenfalls irischstämmigen Polizisten griffen kaum ein, als am Wahltag Unruhen ausbrachen und weiße Randalierer Häuser von Schwarzen demolierten.

In Philadelphia endete die »Underground Railroad«

Die vier Kugeln auf Octavius Catto, der noch am Tatort starb, feuerte Frank Kelly, Einwanderer aus Irland und als Aktivist der Demokratischen Partei bekannt. Der Mörder konnte in der Menge untertauchen und wurde erst sechs Jahre später angeklagt. Bei Ermittlungen vor Ort wie auch später vor Gericht sagten Zeugen aus, der Angegriffene habe keine Waffe gezogen; eine historische Darstellung dagegen zeigt Catto mit einer Pistole in der rechten Hand.

Zur Zeit von Cattos Ermordung auf offener Straße lebten unter den etwa 700.000 Einwohnern rund 22.000 Schwarze in Philadelphia. In dieser Hochburg der Anti-Sklaverei-Bewegung der Mitte des 19. Jahrhunderts endete die legendäre »Underground Railroad«; das Geheimnetzwerk schleuste geflohene Sklaven vom Süden in den Norden. Bürger aus der Religionsgemeinschaft der Quäker (»Das Licht Gottes lebt in jedem Menschen«) halfen den Flüchtlingen. Zusammen mit freien Afroamerikanern gewährten sie Schwarzen aus dem Süden Unterkunft, verschafften ihnen Jobs oder organisierten ihre Weiterreise nach Kanada.

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Mord an Octavio Catto: Triumph, Tumult und Tragödie in Philadelphia

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Octavius Catto kam 1844 als Fünfjähriger aus dem Sklavenhalterstaat South Carolina in den Norden. Die traumatische Erfahrung der Underground Railroad blieb ihm erspart, denn seine Eltern gehörten zu den wenigen freien Schwarzen des Südens. Seine Mutter Sarah Isabella Cain stammte aus Charleston; sein Vater William Catto war aus der Sklaverei entlassen worden und arbeitete als presbyterianischer Pfarrer.

In Philadelphia suchten die Cattos vor allem eine Zukunft für ihren Sohn. Eine schwarze Bourgeoisie betrieb in der Stadt Schulen und Geschäfte, Bibliotheken, Chöre und Klubs.

Attacken mit Brandfackeln und Pistolen

Menschen zweiter Klasse blieben die Afroamerikaner dennoch. Die von Pferden gezogenen Straßenbahnen der Stadt durften sie nicht nutzen und waren nie sicher vor Beleidigungen und Angriffen jugendlicher Rassisten, wenn sie durch die Stadt flanierten. »Schwarze Menschen im Norden mussten keine Auspeitschungen durch Sklavenhalter fürchten«, schreiben die Autoren Daniel Biddle und Murray Dubin, »aber ihnen drohten Beschimpfungen und Attacken mit Brandfackeln und Schusswaffen.«

Zwischen 1828 und 1849 gab es in Philadelphia fünf größere Unruhen, bei denen weiße Mobs Wohnhäuser und Geschäfte zerstörten. Eine wütende Menge brannte 1838 die von Philadelphias Anti Slavery Society errichtete Pennsylvania Hall nieder.

Die Aktivisten gegen die Sklaverei finanzierten auch das Institute for Colored Youth, das unter anderem Latein, Griechisch und höhere Mathematik lehrte. Dort machte Octavius Catto 1858 sein Examen, Jahrgangsbester. Als einer der ersten Afroamerikaner wurde er Dozent und schließlich Leiter der Eliteschule.

Daneben profilierte er sich als Politiker und rief seine Mitbürger zu den Waffen, als Südstaatentruppen im Bürgerkrieg bis Pennsylvania vorstießen. »Men of color, to arms to arms, now or never«, stand auf Plakaten in Philadelphias schwarzen Vierteln. Catto initiierte eine der ersten Divisionen afroamerikanischer Freiwilliger in der Armee des Nordens; kommandiert wurden die United States Colored Troops von weißen Offizieren.

Im Krieg Soldaten, im Frieden gleichberechtigte Bürger

Catto meldete sich selbst zur Armee. Als hochgebildetes Organisationstalent wurde er Offizier – aber nur im Hinterland eingesetzt. Die weiße Militärführung wollte vermeiden, dass Schwarze direkt gegen Weiße Krieg führten. Afroamerikaner aber hofften, wie später in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, für ihren Soldateneinsatz mit der Anerkennung als gleichberechtigte Bürger belohnt zu werden. »Let soldiers in war be citizens in peace«, forderte Catto bei einer Kundgebung in Philadelphia zwei Wochen vor dem Kriegsende am 9. Mai 1865.

Die erhofften Reformen blieben aus und auch Philadelphias öffentliche Verkehrsmittel Weißen vorbehalten. Jetzt aber formierte sich Widerstand. Am 18. Mai 1865 berichtete die »New York Times«, »a colored man« habe eine Straßenbahn bestiegen und sich auszusteigen geweigert. Nach langen Diskussionen habe der verunsicherte Fahrer die Pferde ausgespannt und die Haltestelle verlassen, während sich Sympathisanten um den Mann versammelten – es war Octavius Catto.

Mit dieser Aktion begann die wohl erste Kampagne zivilen Ungehorsams in den Vereinigten Staaten. Gut ein Jahrhundert vor Rosa Parks und Martin Luther King missachteten schwarze Männer und Frauen Verbote und stiegen immer wieder in Philadelphias Straßenbahnen – bis Pennsylvanias Parlament 1867 per Gesetz die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln untersagte.

Gegen Diskriminierung kämpfte Catto auch im Sport. Als begeisterter Baseballspieler gründete er mit einem Freund den Pythian Base Ball Club (genannt nach den Pythischen Spielen, Wettkämpfen im antiken Griechenland). In der Liga durfte das schwarze Team nicht antreten.

Immerhin kam es im September 1869 zu zwei Begegnungen mit weißen Mannschaften: Die Pythians verloren 23:44 gegen die Olympians, Philadelphias führenden Klub, siegten aber gegen eine Stadtauswahl. Der »Philadelphia Inquirer« berichtete ausführlich von beiden Spielen, die viele Zuschauer anlockten und ohne Zwischenfälle verliefen.

Der Mord blieb ungesühnt

Dass Schwarze nun im Nationalsport Baseball mitmischten, konnten die Weißen offenbar hinnehmen. Aber wählen? Das ging vielen zu weit. In Philadelphia wüteten weiße Mobs, als Afroamerikaner 1871 ihre Stimme abgeben wollten. Catto, der eine Kampagne für ihre Registrierung leitete und für den Wahlgang trommelte, wurde erschossen – und der Mord blieb ungesühnt.

Sechs Jahre danach wurde der mutmaßliche Täter in Chicago verhaftet und nach Philadelphia überführt. Er trug nun den Namen Charles Young. Im Prozess im April 1877 gab es Unklarheiten über die Identität des Angeklagten; zudem behaupteten manche Zeugen, auch Catto habe eine Waffe gezogen und geschossen. Dennoch berichtete die »Philadelphia Times« von »überwältigenden« Beweisen für die Schuld von Kelly alias Young. Die Geschworenen entschieden – im Zweifel für den Angeklagten – auf Freispruch. Sie waren allesamt Weiße.

Zu Cattos Beerdigung strömten Tausende; Philadelphias Zeitungen beschrieben den Toten als »the pride of his race in the city«. Doch später wurde Catto weitgehend vergessen. Erst 2010 erschien ein Buch über den Vorkämpfer für schwarze Bürgerrechte. Es inspirierte den Komponisten und Pianisten Uri Caine zu »The Passion of Octavius Catto« , einem Requiem für Kammerorchester, Gospelchor und Jazz-Trio.

2017 enthüllte der Bürgermeister vor dem Rathaus eine Catto-Statue. Sie wurde zum Sammelplatz für Philadelphias Black-Lives-Matter-Demonstrationen.