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Stockholmer Blutbad: Das Blut floss rot durch die Gassen

Foto: Mary Evans / INTERFOTO

Morden im Norden anno 1520 Das Blutbad von Stockholm

Sie kamen zum Krönungsfest und saßen in der Falle. Ein Stockholmer Massaker an Adligen und Bischöfen wurde vor 500 Jahren zum historischen Wendepunkt – es stand am Anfang des Weges zum modernen Schweden.

Bischof Mattias von Strängnäs war der Erste, der den Kopf verlor. Er wurde gezwungen, auf ein improvisiertes Schafott zu steigen und vor dem Scharfrichter auf die Knie zu gehen. Mit einem Hieb trennte der Henker den Kopf vom Leib und platzierte ihn, die Mitra noch aufgesetzt, zwischen den Beinen der Leiche. Nachlässiger wurde er bei Bischof Vincent von Skara sowie den Adligen, Bürgermeistern und Stadträten Stockholms, die aufs Schafott folgten. Ihre Köpfe wurden schlicht in ein Fass geworfen, die Körper aufeinandergestapelt. Es folgten Bürger und Bedienstete der Adligen. Sie wurden nicht geköpft, sondern baumelten am Galgen.

Das Blut der Hingerichteten vermischte sich am 8. November 1520 mit dem strömenden Regen und floss rot durch die Gassen, wie zeitgenössische Quellen berichten. Über 80 Menschen ließen an diesem und am folgenden Tag ihr Leben auf dem Stortorget, dem Hauptmarkt Stockholms. Am 10. November brachte man die Leichen nach Södermalm südlich der Altstadt und verbrannte sie. Selbst der Leichnam des früheren Reichsverwesers Sten Sture des Jüngeren, bereits einige Monaten zuvor beerdigt, wurde ausgegraben und in Flammen gesetzt: Ein Ketzer sollte nicht in geweihter Erde liegen.

Was sich an den beiden Novembertagen abspielte, stach selbst im an Grausamkeiten reichen  16. Jahrhundert hervor und ging bald als Stockholmer Blutbad in die Geschichte ein. Nie zuvor wurden Bischöfe und so viele Hochadlige öffentlich hingerichtet. Kurz zuvor war der dänische König Christian II. zum schwedischen König gewählt worden – es war eine Machtdemonstration und zugleich ein Wendepunkt in der Geschichte des Nordens.

Dänische Dominanz durchbrochen

Dieser exzessive Gewaltausbruch wurzelte in den vorangegangenen Ereignissen: Ab Ende des 14. Jahrhunderts war Schweden Teil der Kalmarer Union, ebenso wie Norwegen und Dänemark. Dieser Zusammenschluss war kein fester Verbund, eher eine Personalunion unter dänischer Dominanz. Der dänische König sollte Herr über die drei Reiche sein. Das gelang aber nur einzelnen Monarchen. Insbesondere die Schweden akzeptierten die Herrschaft mehrerer dänischer Könige nicht. In diesen Zeiten übernahmen vom Reichsrat gewählte Reichsverweser die Regierung und boten den Dänen hartnäckig die Stirn.

Sten Sture der Jüngere war einer dieser widerspenstigen Reichsverweser. 1512 putschte er den dänenfreundlichen Erik Trolle aus dem Amt und ließ sich selbst an die Spitze wählen. Zu Stures großem Widersacher wurde daraufhin Gustav Trolle, Erzbischof in Uppsala und wie sein Vater Erik auf der Seite der Dänen. Ohne diese Feindschaft ist das Stockholmer Blutbad nicht zu verstehen.

Der Erzbischof verweigerte dem Reichsverweser die Gefolgschaft. Daraufhin ließ Sture die bischöfliche Burg Almare Stäket belagern, erobern und den Bischof absetzen. Auf Beschluss des Reichstags wurde die Burg dem Erdboden gleichgemacht – mit fatalen Folgen.

Während der abgesetzte Erzbischof in Gefangenschaft war, versuchte Dänemarks König Christian II., seine Herrschaft über Schweden auszudehnen, ganz im Sinne der Gründer der Kalmarer Union. Zunächst brachte Sten Sture ihm einige Niederlagen bei. Die Wende kam im Januar 1520, als eine Kanonenkugel Sten bei der Schlacht auf einem zugefrorenen See so schwer verletzte, dass er kurz darauf starb.

"Vergeben und vergessen" – die Finte zum Fest

Bald war der Widerstand gebrochen, die meisten hohen Adligen und der Klerus liefen zu Christian II. über. In den folgenden Monaten fielen die letzten Burgen, schließlich auch Stockholm, das Sten Stures Frau Christina Nilsdotter hartnäckig verteidigt hatte. Der Dänenkönig hatte zuvor Christina und ihren Verbündeten eine Amnestie versprochen: Alles sollte "vergeben und vergessen" sein. Am 7. September 1520 zog Christian II. triumphal in Stockholm ein.

Zum Krönungsfest Anfang November strömten Adlige und Geistliche aus dem ganzen Land nach Stockholm. Nur einer fehlte: Gustav Eriksson aus dem Hause Vasa. Er hatte guten Grund, dem Dänenkönig zu misstrauen und der Einladung nicht zu folgen. Schließlich hatte Christian II. ihn zwei Jahre zuvor heimtückisch entführen und nach Dänemark verschleppen lassen. Verkleidet als Ochsentreiber gelang dem jungen Gustav Eriksson jedoch die Flucht. Über Lübeck kehrte er im Mai 1520 nach Schweden zurück.

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Christina Nilsdotter, Sten Stures Gattin, war Gustavs Tante, weshalb er zum engeren Zirkel um den verstorbenen Reichsverweser und damit zu den Gegnern der Dänen zählte. Als ihn die Einladung zum Krönungsfest erreichte, befand er sich gerade auf dem Schloss seines ebenfalls eingeladenen Schwagers Joakim Brahe, der aber nicht auf Gustavs Warnungen hörte und nach Stockholm reiste. Er sollte es mit dem Leben bezahlen.

Die Festlichkeiten begannen am 4. November mit Christians Krönung zum König von Schweden, die der alte und wieder neu eingesetzte Erzbischof Gustav Trolle vollzog. So konnte der Mann der Kirche sich im Glanz des Siegers sonnen. Aber Trolles Rachepläne waren noch lange nicht vollendet. Davon freilich ahnten die Gäste der Krönung nichts.

Wohl war die Stimmung selbst auf der Seite der schwedischen Verlierer gut: Der König hatte eine Amnestie versprochen, der lange Krieg ein Ende gefunden, und beim mehrtägigen Fest zeigte sich Christian alles andere als knickrig. Gaukler, Spielleute und Turniere sorgten für Unterhaltung, es wurde reichlich aufgetischt, der Wein floss in Strömen.

Der König und die Ketzer

Am Vormittag des 7. November endete die Feier jäh. Die Wachen erhielten Befehl, die Türen zu verschließen – das Fest wurde zur Falle. Und zum Tribunal, als Erzbischof Gustav Trolle vor die Versammelten trat und seine Anklage vortrug.

"Hochverehrter Fürst und König von Gottes Gnaden, verhilf uns und der gesamten Christenheit zum Recht über diese offensichtlichen Ketzer", so beginnt der letzte Absatz der Anklageschrift. Wer sich gegen Gustav Trolle gewandt, ihn ab- und gefangengesetzt und seine Burg zerstört hatte, wurde als "Ketzer" bezeichnet. Und alle wussten, dass Ketzern der Tod drohte. Mit einem Dokument hatte der Reichstag drei Jahre zuvor Sten Sture freie Hand gewährt und maßgeblich zum Sturz des Erzbischofs beigetragen. Wer hier sein Siegel angebracht hatte, galt nun als Ketzer.

Noch hofften sie auf die Amnestie des Dänenkönigs. Doch nun zeigte sich, dass Gustav Eriksson zurecht Misstrauen hegte. Die Argumentation: Christians Straferlass bezog sich allein auf weltliche Taten, also auf den Kampf der Schweden gegen den dänischen König. Dies konnte er vergeben. Aber ein Vergehen gegen die Kirche und Gott – Ketzerei! Kein König konnte dafür eine Amnestie erteilen. Die Angeklagten wurden ins Turmgefängnis gesperrt. Am 8. November bestätigte ein geistliches Gericht das Urteil: Es handle sich um Ketzerei.

Die Strafe war der Tod. Und sogleich begann die Gewaltorgie.

Die aufgestapelten Leichen, die in Fässern gesammelten Köpfe, die Ausgrabung des Leichnams des Sten Sture – all dies ist festgehalten auf einem Kupferstich aus dem Jahr 1524, angefertigt im Auftrag Gustav Erikssons. Wie fast alle dazu überlieferten Quellen ist sie propagandistisch gefärbt und gibt dennoch eine Vorstellung vom Stockholmer Geschehen dieser beiden Tage anno 1520.

Bürgerkrieg mit Bauern und Bergmännern

So brutal das Blutbad auch gewesen war, für den Dänenkönig war es ein Triumph. Im November 1520 stand er an der Spitze der Reiche des Nordens. Die Kalmarer Union war wiederhergestellt. Zugleich markierte das Massaker indes einen Wendepunkt.

Denn ohne die Nachrichten von diesen Grausamkeiten wäre es dem flüchtenden Gustav Eriksson kaum gelungen, die Bauern und Bergmänner Dalarnas zum Aufruhr zu bewegen. Vielleicht wäre er im Winter 1520/21 über die Berge nach Norwegen geflohen und dort, wenn nicht im Schnee, so doch in der Bedeutungslosigkeit versunken.

Als aber die Bewohner der mittelschwedischen Region Dalarna vom Blutbad hörten, griffen sie an Gustav Erikssons Seite zu den Waffen. Aus der Revolte wurde ein Bürgerkrieg, daraus ging Eriksson als Sieger hervor. 1523 zog er triumphal in Stockholm ein – als Gustav I., neuer König der Schweden, besser bekannt als: Gustav Vasa.

Er löste Schweden aus der Kalmarer Union, zentralisierte das Reich, führte die Reformation durch. Damit legte er die Grundsteine für den Nationalstaat, für das moderne Schweden. Das schwedische Mittelalter war abgeschlossen. Somit war das Blutbad von Stockholm nicht nur ein furchtbares Gemetzel. Es stand auch am Anbeginn einer neuen Zeit.

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