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Hexenverfolgung Blutrünstiger Bestseller

Im späten 15. Jahrhundert kommt es in Deutschland zur ersten Hexenverfolgungswelle. Antreiber ist ein fanatischer Mönch, dessen Hetzschrift noch lange nachwirkt.
Von Julian Heissler
aus SPIEGEL Geschichte 5/2009

Sommer 1486: In einem süddeutschen Kloster sitzt der Dominikanermönch Heinrich Kramer und schreibt wie besessen. Schließlich geht es um seine Ehre. Es ist noch nicht lange her, da war der Mönch zum päpstlichen Inquisitor ernannt worden.

Doch sein Prozess ein Jahr zuvor gegen sieben Frauen in der Diözese Brixen endete für ihn in einem Desaster. Der Richter, der Anwalt, der Bischof, sogar der Landesfürst - alle stellten sich gegen ihn. Kramer wurde schließlich weggejagt. Jetzt holt er zum Gegenschlag aus, er füllt Seite um Seite. Wichtig ist ihm der Inhalt: Kramer, der sich auch Institoris nennt, behauptet, dass es tatsächlich Hexenverbrechen gibt - und wie ein erfolgreicher Prozess gegen die Zauberinnen durchzuführen sei.

So entsteht in nur wenigen Monaten eines der blutrünstigsten Bücher der Christenheit: der »Malleus maleficarum«, der »Hexenhammer«. Das finstere Werk sollte die Hexenverfolgung für lange Zeit prägen.

Detailliert beschreibt Kramer, mit welchen Methoden Hexen zu überführen seien. Dies beginnt beim Rasieren aller Körperhaare, um verdächtige Teufelsmale zu entdecken, und steigert sich so weit, Frauen kochendes Wasser trinken zu lassen und mit glühenden Eisenstäben zu malträtieren. Der Tod ist für Kramer ein logisches Prozessende.

Der Inquisitor gibt seinem Verfolgungseifer auf 129 engbedruckten Blättern eine rechtsförmige, scheinbar rationale Gestalt. Dabei bricht er mit der vorherrschenden theologischen Tradition der Kirche.

Einzelne Hinrichtungen wegen Zauberei hatte es zwar schon in den Jahrhunderten zuvor immer wieder gegeben, doch eigentlich glaubte der Klerus nicht daran. Vermeintliche Teufelsanbeter und Zauberer wurden dafür bestraft, sich von Gott abgewandt zu haben. Dass sie wirklich durch arkane Künste die Welt beeinflussen könnten, nahm zumindest in höheren Kirchenkreisen kaum jemand an.

Anders Kramer. Seitenlang führt der fanatische Mönch aus, dass Hexen realen Schaden in der Welt anrichteten: Sie machten Männer impotent und Frauen unfruchtbar - oder vernichteten durch Wetterzauber die Ernten der Bauern.

Damit traf der Inquisitor den Nerv der Zeit. »Die deutsche Bevölkerung litt damals erheblich«, sagt Wolfgang Behringer, Professor für Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität des Saarlandes, ein profunder Kenner der Hexenverfolgung. In den Jahren um 1480 setzte in Mitteleuropa ihm zufolge eine Klimaverschlechterung ein. Missernten, Krankheitsausbrüche und Hungersnöte häuften sich. Die Preise für Lebensmittel schossen in die Höhe. Die Menschen suchten nach einem Sündenbock. Und Kramer lieferte ihn. Dabei war der Mönch keineswegs zim-perlich.

»Wir haben es mit einem Autor mit einer gigantischen kriminellen Energie zu tun«, sagt Behringer. Kramer habe in seinen Aufzeichnungen bewusst gelogen, Tatsachen verdreht und falsch zitiert. Und seine Strategie ging auf. Bald nach Veröffentlichung des »Malleus maleficarum« um den Jahreswechsel 1486/87 stieg die Zahl der Hexenverfolgungen in Kramers Einflussbereich spürbar an. Das Buch lieferte den Dorfpfarrern endlich die vermeintlich Schuldigen an der Misere der geplagten Bauern - und fand reißenden Absatz.

Bis zum Jahr 1523 erschienen 13 Auflagen des »Hexenhammers«. Großzügig gerechnet entsprach das rund 10 000 Ausgaben - genug, um sämtliche Bibliotheken der katholischen Christenheit zu versorgen.

Hinzu kam die Unterstützung durch angesehene Gelehrte. So übernahm der Benediktiner Johannes Trithemius in einem Brief an Kaiser Maximilian I. die Argumentation des »Hexenhammers«. Hexen seien »schaedliche leut«, schrieb der Abt des Würzburger Schottenklosters St. Jakob, die »an allen orten vnd enden gar außzureuten« seien.

Aber nicht überall fand der »Hexenhammer« Anklang. So scheiterte 1519 ein Hexenprozess in Metz, in dem sich der Inquisitor auf die Argumentation des Buchs stützte. Der Verteidiger der Frau, der Humanist Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, ging den Ankläger frontal an: Er sei ein »blutgieriger Mönch«, der ein armes Bauernweib nicht auf die Folterbank gezerrt habe, um sie zu verhören, »als vielmehr sie abzuschlachten«. Sogar die berüchtigte Spanische Inquisition lehnte das Buch ab.

Auch zahlreiche andere Gelehrte stellten sich gegen Kramers Behauptungen. So lehnten der Jurist Andrea Alciati, der Franziskaner Samuel de Cassinis und auch Erasmus von Rotterdam die Hexenverfolgungen ab. Trotzdem stieg die Zahl der Prozesse an.

Denn Kramer vertraute nicht allein auf die Kirche. Vielmehr war es sein Ziel, »weltliche Richter im Führen von Hexenprozessen zu unterweisen«, so Experte Behringer. Mit Erfolg. Der »Hexenhammer« fand Eingang in weltliche Rechtsbücher. So in den »Layenspiegel«, eine Einführung in das damals gelehrte Recht, die 1511 um ein Hexenkapitel auf Basis des »Malleus maleficarum« erweitert wurde.

Die Erklärung für die Beliebtheit des »Hexenhammers« scheint einfach: Kramer wertete sein Buch auf, wo er nur konnte. So fügte er ihm bald die päpstliche Bulle hinzu, die ihn zum Inquisitor ernannt hatte, und er stellte dem Werk ein - vermutlich gefälschtes - Gutachten der angesehenen theologischen Fakultät der Universität Köln voran. In einer Rechtfertigung findet sich zudem die Angabe, dass Kramer den »Hexenhammer« nicht allein geschrieben habe, sondern zusammen mit dem Kölner Prior Jakob Sprenger.

Historiker halten das für zumindest unwahrscheinlich. »Sprenger war einer der entschiedensten Gegner Kramers«, so Behringer. Kramer durfte auf Sprengers Anweisung hin nicht mehr predigen, Dominikanerklöster in der Provinz »Teutonia« sollten ihm den Zutritt verweigern. Den Namen Sprenger habe Kramer nur benutzt, vermutet Behringer, um seinem Buch mehr Autorität zu verleihen.

Um 1520 ebbte die Welle der Hexenverfolgungen, die der »Hexenhammer« ausgelöst hatte, merklich wieder ab. Dafür war nicht nur die aufkommende Reformation verantwortlich. Zwar lehnten Reformatoren wie Luther oder Calvin den »Hexenhammer« als »papistisches« Machwerk ab - der überkommende Hexenglaube war ihnen aber nicht fremd.

Auch in den katholischen Gebieten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation sank das Interesse an Kramers Buch. Als 1532 Kaiser Karl V. mit der »Constitutio Criminalis Carolina« eine neue Gerichtsordnung für das Reich erließ, fand sich darin zwar ein Gesetz gegen das Schadzaubern, auf den »Hexenhammer« nahm das Werk allerdings keinen Bezug.

Trotzdem: Als das Reich Mitte des 16. Jahrhunderts erneut in eine Krise geriet, erinnerten sich viele an Kramers Hetzschrift. 1574 wurde nach Jahrzehnten wieder eine Auflage des Buchs gedruckt - es folgte die größte Welle der Hexenverfolgung, die Tausende Menschen das Leben kostete.

Wie im Hochstift Würzburg: Anfang des 17. Jahrhunderts quollen die Verließe der Stadt geradezu über mit angeblichen Hexen und Zauberern. Die dortigen Fürstbischöfe gehörten zu den schlimmsten Hexenjägern ihrer Zeit. Allein zwischen 1627 und 1629 starben rund 900 Männer, Frauen und Kinder durch Schwert, Strang oder Feuer. »Der bischoff läßt nit nach, bis er die gantze statt verbrennt hat«, klagte eine verhaftete Frau.

Vielerorts in Deutschland brannten wieder die Scheiterhaufen, entzündet sowohl von Katholiken als auch von Protestanten. Ihre Rechtfertigung bezog diese neue Generation von Hexenjägern zumeist nicht mehr aus der Schrift Heinrich Kramers - neue Autoren, wie der Jesuit Martin Delrio, nahmen die Argumentation des Dominikaners auf und verbreiteten sie weiter. Erst 1782 wurde in Europa die letzte Frau wegen Hexerei verurteilt und hingerichtet.

Rund 25 000 Menschen hatten bis dahin hierzulande ihr Leben verloren - mehr als irgendwo sonst auf dem Kontinent.

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