Herbst 1987 Wie ein Ölgemälde von Bob Dylan aufs Konzert in Ost-Berlin kam

»Trageelement« mit Komplikationen: Zu Dylans 80. Geburtstag erinnert sich sein treuester deutscher Fan an den Moment, da er mit dem Bild im Treptower Park eintraf – und sich vor ihm die Menge teilte. »Es war ein Triumphzug«.
Foto: Patrick Piel / Gamma-Rapho / Getty Images

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»Bob Dylan war mein Held«, sagt Reinhard Straach, »und er ist es bis heute geblieben«. Wenn der Mann aus der brandenburgischen Kleinstadt Herzberg über den amerikanischen Sänger, Liedermacher und Dichter redet, ist seine Begeisterung in jedem Satz spürbar. Einen größeren Fan hat der Künstler, seit 2016 Nobelpreisträger der Literatur, wohl nie gehabt. Straach selbst bezeichnet sich ein wenig ironisch als »den größten Verehrer Dylans in der nördlichen Galaxie«.

Zum achtzigsten Geburtstag seines Idols am Pfingstmontag hat der heute 64-Jährige ein paar gute Freunde eingeladen, alle Musikfans wie er. Hanno und Corinne haben schon zugesagt, Hubertus und Katrin kommen wohl auch. Zusammen wollen sie Platten von früher hören, aber auch ihre Gitarren hervorkramen und ein paar von den alten Liedern singen: »Hey, Mister Tambourin Man« vielleicht, oder auch »Like a rolling stone«. Und, na klar, sich an den Herbst 1987 erinnern.

Besonders an jenen unvergesslichen Abend, als der damals bekannteste Protestsänger der Welt leibhaftig in der DDR auftrat, vor rund 100.000 Zuhörern auf den Treptower Festwiesen in Berlin, eine Sensation. Und an den Moment, als auch Reinhard Straach plötzlich im Mittelpunkt stand, von Reportern interviewt und dutzendfach fotografiert wurde, berühmt für eine Viertelstunde.

Verdammt lang her – aber noch immer gegenwärtig.

Wann immer in den Medien an das legendäre Konzert erinnert wird, fehlt fast nie ein bestimmtes Foto: Dylan-Fan Straach mit Sonnenbrille und dunklem Bart, der inmitten der riesigen Menge stolz ein großes Ölgemälde mit dem Konterfei des US-Künstlers in die Luft reckt. Rechts neben ihm sieht man seine damalige Freundin, hinter ihm lächelt seine Schwester.

Für 100 Ostmark die erste Platte

Wie es zu dieser Szene kommen konnte, hat Straach jetzt dem SPIEGEL erzählt – mit dem Abstand von 34 Jahren und mithilfe seiner Tagebücher, die er seit seiner Jugend führt. Eine Zeitreise in die Vergangenheit, als es noch die DDR und die Mauer gab, als Musik vom Klassenfeind aus dem Westen zwar offiziell verpönt war, aber trotzdem hunderttausendfach gehört und geduldet wurde.

Reinhard Straach war 20, als er Fan von Bob Dylan wurde, eine Beziehung für die Ewigkeit. Er war fasziniert von den aufrührerischen Texten, dem heiser-nöligen Gesang, den wilden Melodien. War hingerissen von der Ausstrahlung des Barden, der mit Gitarre und angeklemmter Mundharmonika auf der Bühne stand, unangepasst, provozierend, lässig. War tief beeindruckt von den spektakulären Aktionen des Künstlers gegen den Vietnamkrieg und gegen die Rassentrennung, oft an der Seite der Sängerin Joan Baez. Und glaubte an Dylans Verheißung einer neuen, besseren Zeit: »The Times They Are a-Changin`«.

Für seine erste Platte, »Bob Dylans Greatest Hits«, zahlte Straach auf dem Schwarzmarkt 100 Ostmark, viel Geld für einen gelernten Landschaftsgärtner, aber das war ihm so was von egal. Nach und nach stockte er seine Sammlung auf 40 Alben auf, wurde glühend beneidet. »Dabei spielte der materielle Wert nur eine Nebenrolle«, sagt Straach, »entscheidend war nicht der Besitz, sondern der moralische Wert.« Er war damals Teil einer hippen Musikszene, einer verschworenen Gemeinschaft, in der sich Fans verschiedenster Richtungen wie Blues, Punk, Hardrock oder Reggae zusammenrauften.

»Wir waren wie eine große Familie«, erinnert sich Straach. »Die Hauptsache war, man fühlte sich anders als die große Masse, man hatte wie selbstverständlich eine Antihaltung zu Staat und Obrigkeit.« Um dazuzugehören, waren lange Haare zwar nicht Pflicht, aber vorherrschend. »Wir wollten uns schon äußerlich von den braven Jungs und Mädels der kommunistischen Parteijugend unterscheiden«, berichtet der Dylan-Fan. Dass sich unter ihnen auch ein paar Spitzel tummelten, wurde achselzuckend hingenommen. Wer wirklich petzte, stellte sich erst hinterher heraus.

Nachsingen und -malen

Wann immer möglich, reisten die Szenemitglieder zu Konzerten innerhalb der DDR, wer es sich leisten konnte, riskierte zu Ostern oder zu Pfingsten einen Trip zu Festivals in Prag, mehr ging nicht. Alle träumten jedoch von den großen Open-Air-Konzerten im Westen, in San Francisco, in São Paulo, in Mexiko City. »Die relative Enge war zwar bedrückend«, sagt Straach heute, habe aber zu einem wichtigen Nebeneffekt geführt: »Unsere Gemeinschaft rückte immer dichter zusammen.«

Wie einige andere aus der Szene begann er zu musizieren, versuchte, die Lieder seines großen Vorbildes nachzusingen. Mal im Freundeskreis, mal auf Kleinkunstbühnen. Spielte mit Freunden auch die Sketche des Humoristen Loriot nach, den er aus dem Westfernsehen kannte, schaffte es mehr und mehr, auch selbst kreativ zu sein.

Als Laiendarsteller beim Herzberger Arbeiter- und Bauerntheater lernte Straach den Dekorationsmaler Rüdiger Stallinger kennen, im Theater zuständig für die Bühnenbilder und bis heute ein guter Kumpel. Dem Maler verdankt er auch seinen kurzfristigen Ruhm. Denn Stallinger, der um die Leidenschaft des Freundes wusste, malte das bewusste Porträt von Bob Dylan, Öl auf Leinwand, 60 mal 80 Zentimeter, und schenkte es Reinhard Straach zum Geburtstag.

Reinhard Straach mit dem von Rüdiger Stallinger gemalten Dylan-Porträt

Reinhard Straach mit dem von Rüdiger Stallinger gemalten Dylan-Porträt

Foto: Patrick Piel / Gamma-Rapho / Getty Images

»Das war Handwerk«, erinnert sich der Maler, der seit über 30 Jahren in Bochum lebt, von Berufswegen großflächige triste Außenwände von Häusern und Fabriken mit naturalistischen Landschaftsmotiven verziert. Für Bob Dylan in Öl, hellblauer Hut, buntes Halstuch, orangefarbiger Himmel, habe er nur ein paar Stunden gebraucht, reine Routine. Als Vorbild diente ihm das Plattencover von Dylans Album »Desire«. »Ich habe es einfach abgemalt.«

»Goldumrahmt am Besenstiel«

Den Vorschlag eines Gefährten, das auffallende Gemälde mit zum Dylan-Konzert nach Berlin zu schleppen, hielt Reinhard Straach zunächst für eine Schnapsidee, ließ sich dann aber doch, nach einigem Hin und Her, breitschlagen. Prompt kam es zu Komplikationen. Weil ihr Wartburg mehrfach im Stau stecken blieb, waren die Fans aus Herzberg ohnehin spät dran, mussten außerdem noch die Tickets abholen. Und weil das Bild noch auf ein Kantholz genagelt werden musste, wie es den DDR-Vorschriften für »Trageelemente« entsprach, ging weitere Zeit verloren.

»Als wir endlich den Einlass passiert hatten, war die Bühne Hunderte Meter entfernt«, erinnert sich Straach, »Zehntausende standen dicht an dicht vor uns«. Vordrängeln schien sinnlos. Doch dann geschah das Wunder: Als die Menschen das Transparent mit Bob Dylans Antlitz sahen, klatschten viele Beifall, bildeten spontan eine Gasse. Straach und seine Freunde gingen durch ein Spalier begeisterter Besucher, arbeiteten sich bis 40 Meter an die Bühne heran. »Es war ein Triumphzug«, berichtet Straach stolz, »niemand sonst hatte etwas Vergleichbares in den Händen.« In einer Zeitung stand später: »Einer war sogar dabei mit Dylan in Öl, das Ganze goldumrahmt am Besenstiel.«

Bereits beim Vorprogramm herrschte euphorische Stimmung. Den Auftritt der US-Rockband Tom Petty & the Heartbreakers und des Folksängers Roger McGuinn empfanden die meisten Zuhörer schon als sensationell. Doch richtig laut wurde es, als endlich Bob Dylan die Bühne betrat.

Tausende sangen mit, als er seine bekannten Lieder anstimmte, die Ballade von »Maggies Farm« und, natürlich, »Blowin in the Wind«. »So hatte ich mir immer Woodstock vorgestellt«, schwärmt Reinhard Straach noch heute.

Das alte T-Shirt passt noch

Dabei spulte der Star sein Programm so routiniert herunter, wie er das bis heute auf seiner Never-Ending-Tour praktiziert. Sang eine Nummer nach der anderen, ohne zwischendurch mit dem Publikum zu sprechen, spendierte nur eine einzige Zugabe, Schluss. Kein Winken am Ende, kein freundliches Abschiedswort. »Störte mich überhaupt nicht«, erinnert sich sein größter Fan, »dieses Verhalten war ja bekannt«. Und habe der Begeisterung der Zuhörer in Berlin auch kaum Abbruch getan.

Reinhard Straach ist inzwischen Rentner, seine schon damals etwas spärlichen Haare auf dem Foto sind inzwischen völlig verschwunden, das alte T-Shirt mit Dylans Wuschelkopf passt ihm aber noch, immerhin. Und seine Treue zu Bob Dylan blieb über die Jahrzehnte hinweg unerschütterlich.

Die vielen Phasen und Häutungen seines Lieblingsbarden hat er unbeirrt mitgemacht und überstanden: Die vorübergehende Hinwendung zum Christentum etwa, die zu mystisch-religiösen Texten führte, die Schaffenskrise Anfang der Neunziger, die irritierende Spezialität, seine bekanntesten Titel so zu spielen, dass sie niemand wiedererkennt, die vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber den Anhängern. »Weil ich das weiß, habe ich auch nie persönlichen Kontakt gesucht«, erklärt er.

Stattdessen sammelte er Notenbücher, hortete Liedertexte seines Idols, teilweise mit der deutschen Übersetzung. Über 600 Songs hat Dylan geschrieben, mit berührenden, verstörenden und manchmal schwer verständlichen Aussagen. So viel Kreativität, meint sein Fan, solle ihm erst mal einer nachmachen.

Zum sechzigsten und zum siebzigsten Geburtstag seines Helden hielt Straach jeweils Vorträge, umrahmt mit viel Musik zum Mitsingen, mit Filmausschnitten und alten Fotos, in seiner Heimat gilt er längst als Dylan-Experte. Über zehnmal hat er sein Idol inzwischen live gehört, in der Hauptstadt, in Leipzig, in Dresden. Fasziniert war er stets aufs Neue. Doch so intensiv wie beim ersten Mal in Ost-Berlin hat er Bob Dylan nie wieder erlebt. »Dieses Gefühl bleibt für immer«, versichert er.

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