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"Sunny"-Sänger Bobby Hebb: "Genießt jeden Moment, den ihr habt"

Foto: Harald Hoffmann

Geschichte eines Songs "Sunny" - wie Bobby Hebb ein Jahrhundert-Hit gelang

Er schrieb 3000 Songs, berühmt machte ihn ein einziger: Mit "Sunny" glückte Bobby Hebb 1966 ein Ohrwurm. Wer war dieser Musiker? Das lange Leben eines Welterfolgs - dazu die schönsten und schrillsten Coverversionen.

Von wegen gute Laune! "Money, one so true, I love you", bellt MC Motherfucker ins Mikro, zornig treibt die E-Gitarre die Melodie vor sich her, es wummern die Beats. Das Video zeigt fiese Werbefritzen mit schweinsrosa Hemden , Goldkettchen und John-Travolta-Sonnenbrillen. Sie beklauen die Klofrau, aschen dem Bettler in die Geldbüchse, rempeln Leute von der Rolltreppe. Ein Albtraum. Und die wohl radikalste Cover-Version, die "Sunny" je erdulden musste.

Dabei verfremdete die Berliner Punkband Terrorgruppe den Wortlaut nur minimal: "Aus dem harmlosen 'ssss-Sunny' wurde 'mmm-Money'. Mit der Veränderung eines einzigen Buchstabens verwandelte sich der Text in eine beißend bös-plumpe Geld- beziehungsweise Kapitalismus-Verehrung", so Terrorgruppe-Gründer Johnny Bottrop zu SPIEGEL ONLINE.

"Sunny" als Aggropop wider die Herrschaft des Mammons? Der Urheber des bittersüßen Jahrhundert-Hits hatte anderes im Sinn, als er den Song in einer Novembernacht 1963 komponierte. Doch was genau? Und wer war der Mann? Diesen Ohrwurm kann jeder mitsingen - den "Sunny"-Komponisten selbst kennt kaum einer: Es ist Bobby Hebb, Sohn schwarzer Musiker aus Nashville, die beide blind waren.

Als Kind durch Nachtklubs getingelt

Trotz ihrer Behinderung brachten William und Ovella Hebb ihrem Sohn Bobby Gitarre und Klavier bei. Schon als Dreijähriger hatte er im Sommer 1941 sein Bühnendebüt und tingelte mit seinem großen Bruder Harold durch die Nachtklubs von Nashville, TV-Auftritt inklusive.

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"Sunny"-Sänger Bobby Hebb: "Genießt jeden Moment, den ihr habt"

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Country-König Roy Acuff förderte den talentierten Bobby und holte ihn zu seinen "Smokey Mountain Boys". Aus der Country-Szene stammte auch Hank Williams, ein weiterer wichtiger Mentor. Er gab dem jungen Musiker den Tipp: "Einen Song schreibt man wie einen Brief."

Wie ein Brief klingt der "Sunny"-Text tatsächlich:

Sunny
Yesterday my life was filled with rain
Sunny
You smiled at me and really eased the pain
Now the dark days are gone,
and the bright days are here
My sunny one shines so sincere
Sunny one so true, I love you

Viel wurde gerätselt, was Hebb dazu bewog, das melancholische Liebeslied zu komponieren. Den Ausschlag gaben zwei Tragödien: Am 23. November 1963 starb Hebbs Bruder Harold bei einer Messerstecherei; am Tag zuvor war US-Präsident John F. Kennedy erschossen worden. "Ich musste mich wieder aufbauen, und 'Sunny' half mir dabei", sagte Hebb in Interviews zu seiner Motivation.

Vom purpurfarbenen Sonnenaufgang inspiriert

Den Song schrieb der Musiker, wie er später erzählte, "unter dem Einfluss von Sour Mash Whiskey" - und zwar nach einer nächtliche Musik-Session in New York City, wo Hebb seit 1961 lebte. "Ich war betrunken, torkelte herum, begann, Gitarre zu spielen. Dann schaute ich hoch und erblickte einen purpurfarbenen Himmel. Ich begann zu schreiben, weil ich so etwas noch nie gesehen hatte. Als ich den Song fertig hatte, war ich nüchtern", zitierte der britische "Independent" ihn 2010.

Binnen 45 Minuten habe er "Sunny" vollendet, Text und Musik seien ihm gleichzeitig zugeflogen, so Hebb. Was er damit ausdrücken wollte, erklärte er im Jahr 2000 im Interview mit dem US-Magazin "Nashville Scene":

"Bei 'Sunny' geht's um deine Stimmung, die kann sonnig oder aber miserabel sein. Entweder schreist du jemanden an und bist sauer, oder du sagst: Nein, ich bin nicht böse, lass uns entspannt und in Ruhe darüber reden. Diese angenehme Art, das ist die sonnige Stimmung. 'Sunny' bedeutete damals auch Kampf für Frieden - nicht unbedingt Frieden in Vietnam. Aber wie wär's mit innerem Frieden?"

Auf Tour mit den Beatles

Für inneren Frieden jedoch schien sich zunächst niemand zu interessieren: Mehrere Labels hätten es abgelehnt, "Sunny" mit ihm aufzunehmen, so Hebb. Trotzdem fand der Song einen Musikverlag, ein Demotape kam in Umlauf. Die japanische Sängerin Mieko Hirota sowie der Chilene Buddy Richard intonierten "Sunny" 1965/65 als erste, es folgte eine jazzige Vibraphon-Version von US-Musiker Dave Pike.

Erst am 21. Februar 1966 überzeugte Hebb seinen Produzenten Jerry Ross, "Sunny" selbst einsingen zu dürfen. Er war gerade dabei, sein Debütalbum aufzunehmen. Erst ganz am Ende der Session, weil noch ein paar Minuten Studiozeit übrig waren, willigte Ross ein - ein Großteil der Musiker war bereits fort. So entstand die "Sunny"-Single, laut Hebb in Rekordzeit und wenigen Takes.

Nach der Veröffentlichung im April 1966 stürmte "Sunny"  im Juni die US-Hitparade, eroberte Platz zwei der Pop- und Platz drei der R&B-Charts des Billboard-Magazins. Über Nacht avancierte Hebb zum Star: Der "Sunny"-Mann war so beliebt, dass er als Co-Headliner der Beatles auftreten durfte, die im Sommer 1966 ihre letzte USA-Tournee absolvierten. 1967 tauchte sogar ein falscher Bobby Hebb auf, der sich Buchungen erschwindelte: Der Gauner flog laut "Independent" erst auf, als man merkte, dass er kein einziges Instrument spielen konnte.

"Lasst uns doppeltes Tempo machen!"

An die Magie seines Evergreens vermochte Hebb nie mehr anzuknüpfen. Andere sprangen auf die Bühne, um sein Erbe in Bares zu verwandeln: Kaum ein Song, abgesehen vielleicht von "Yesterday", wurde so ausdauernd gecovert wie "Sunny". Mehr als 2000 Fassungen soll es geben, das Hamburger Plattenlabel Trocadero brachte jetzt eine One Song Compilation  mit 15 Coverversionen heraus - darunter James Brown , Ella Fitzgerald , Stevie Wonder  und Shirley Bassey .

Ob Jazz oder Swing, Rock oder Rap, Reggae, Punk oder Latino: kein Genre, das nicht an "Sunny" erprobt worden wäre. Die mexikanischen Musik-Revoluzzer Pantéon Rococó  machten Ska daraus, die japanische Heavy-Metal-Lady Carmen Maki  lieferte eine grelle Schrammel-Version. "Mr Spock"-Schauspieler Leonard Nimoy  schleuderte sein "Sunny" elegisch Richtung Weltraum, und die österreichische "Zieh mich aus"-Chansonette Gisela Wuchinger (Gilla)  sang eine blitzblanke, deutsch-alpine Fassung.

Niemand jedoch räumte so ab wie Boney M. , die deutsche Glitzer-Hitmaschine. Produzent Frank Farian, der "Sunny" bereits in den Sechzigern mit seiner Band "Frank Farian und die Schatten" spielte, erinnerte sich 1976 an den Song: "Die Disco-Zeit war mehr als heiß. Ich schlug vor: Lasst uns einfach doppeltes Tempo machen und Philly-Geigen drüberlegen!", erzählte Farian SPIEGEL ONLINE. Die Fans liebten das: In zahlreichen Ländern schoss der Discoknaller an die Spitze der Charts und blieb dort wochenlang.

Job bei der Autobahnmeisterei

"Es gibt wenige Songs, die so schön sind, was Harmonie und Komposition angeht", sagt Farian über "Sunny". Und kaum einer brachte mehr Geld: Laut Farian bedankte sich Tantiemen-Kassierer Bobby Hebb mehrfach überschwänglich für die lukrative Cover-Version. "Lieber Frank Farian", schrieb Hebb einmal in einem Brief, "Du glaubst ja gar nicht, wie froh ich bin, dass Du 'Sunny' so groß gemacht hast."

Mehr als 3000 Songs soll Hebb laut "Rolling Stone Encyclopedia of Rock & Roll" komponiert haben - reich machte ihn ein einziger. Aber nicht glücklich. Nach Scheidung, Alkohol- und anderen Problemen hängte das "One Hit Wonder" die musikalische Karriere auf richterlichen Rat hin an den Nagel. Hebb tauchte ab und arbeitete längere Zeit bei einer Autobahnmeisterei. Erst 2005 startete er ein zartes Comeback, nahm auf Betreiben von Trocadero-Chef Rüdiger Ladwig eine neue Platte auf, tourte durch Klubs in Japan und Deutschland.

In Hamburg trat der Soul-Altmeister am 9. März 2006 im Mandarin Kasino auf der Reeperbahn auf. Sein Konzert beendete er laut "Welt" mit den Worten: "Genießt jeden Moment, den ihr habt. Glaubt mir, wenn ich euch sage: Es ist später, als ihr denkt." 2010 starb Hebb in seiner Geburtsstadt Nashville an Lungenkrebs.

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