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Aus Hinterhöfen in glitzernde Studios: Gestärkt, gebräunt, geölt

Foto: Karlheinz Jardner

Bodybuilding-Welle Brathähnchen im eigenen Schweiß

Schinderei im Hinterhof: Bevor Bodybuilding in den Achtzigerjahren seine Glanzzeit in glitzernden Fitnessstudios erlebte, war es eine raue Randsportart. Fotograf Karlheinz Jardner hielt die Anfänge des neuen Körperkults damals auf seinen Bildern fest - ebenso wie manchen späteren Weltstar.

"Bei dem Jürgen trainiert jetzt sogar ein Riese!" Das Gerücht, das 1983 in der Ruhrpott-Metropole Essen kursierte, klang maßlos übertrieben - neugierig machte es Karlheinz Jardner trotzdem. Der Fotograf suchte damals originelle Motive für seine Abschlussarbeit an der Essener Folkwangschule und streifte dafür schon seit einiger Zeit durch die Bodybuilder-Szene im Pott.

In einem Keller wurde er fündig. Jardner erblickte einen Mann, der sich gerade mit gebeugten Knien eine Langhantel von mindestens 150 Kilogramm auf den Rücken lud. Dann sah er, wie er sich aufrichtete - ein Koloss, der größer und immer größer wurde. 'Tarzan!', schoss es ihm durch den Kopf, 'er sieht aus wie ein moderner Tarzan!' "Hallo", sagte der Zwei-Meter-Mann, "ich bin der Ralf." Es war die erste Begegnung zwischen dem Fotografen Jardner und dem Bodybuilder Ralf Möller.

Der Kraftraum, in dem diese Begegnung stattfand, gehörte dem deutschen Bodybuilding-Meister Jürgen Brand. Der Raum erzählt viel darüber, was Bodybuilding damals noch war - Anfang der achtziger Jahre, bevor der große Boom einsetzte. Das Studio befand sich im unteren Geschoss eines Hauses, das nur über einen Hinterhof zu erreichen war. Die Einrichtung erinnerte an eine Werkstatt, viel Eisen, viel schweres Gerät, lautes Stöhnen.

Körper macht Karriere

Es überraschte wenig, dass Jardners Professor abgewunken hatte, als Jardner sein Projekt vorstellte: Bodybuilding sei doch kein Thema. Erst recht nicht für eine Examensarbeit. Der Student war anderer Meinung - spätestens seit es ihn zum Rückentraining selbst in ein Fitnessstudio verschlagen hatte und er sah, mit welchem verbissenen Eifer immer mehr Menschen unter Ächzen ihren Körper stählten.

Der einst verpönte Türstehersport lockte nun auch Schlosser an die Oberkörper-Drehmaschine, Buchhalterinnen in die Beinpresse, Beamte auf das Bauchmuskelbrett. Bodybuilding wurde in den achtziger Jahren zur Bewegung. Das neue Schönheitsideal bot endlich auch Underdogs die Chance, groß rauszukommen. Eine neue Körperlichkeit machte Karriere.

Das bemerkte 1981 auch der SPIEGEL und berichtete etwa von einer 19-jährigen "Miß Oberhausen", die sich vor einer Jury der internationalen Föderation der Bodybuilder schon auf Platz drei bei der Wahl zur "Miß Westfalen" gepost hatte - und dabei tatkräftig von ihren Eltern unterstützt wurde: "Zu Vaters Geburtstag und ähnlichen hohen Festen zieht die Schülerin (...) sich aus und präsentiert auf Wunsch der Familie ihre Muskeln."

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Foto: Karlheinz Jardner

Noch bestand Unklarheit darüber, was genau und wie viel an der deutschen Frau durch Krafttraining herausgearbeitet werden sollte. In den USA ging man aufs Ganze: "Jede erreichbare Faser" wurde "konsequent aufs Maximum getrimmt". Die Bodybuilder-Zeitschrift "Flex" beäugte durchaus problembewusst, was unter den Triangel-Bikinis der gestählten Eisenstemmerinnen zum Vorschein kam und beschrieb das Phänomen angemessen - kurz und knapp - mit: "zwei Erbsen auf einem Bügelbrett".

Grillhähnchen-Parade

Auch bei Männern griff der Trend zum neuen Körperbewusstsein um sich - allerdings verloren manche dabei das richtige Maß aus den Augen. Als "männliche Ungetüme, die mit kleinen Köpfen aus ihren Muskeln schauen wie Schildkröten aus ihrem Gehäuse", beschrieb SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf 1985 so manchen Bodybuilder.

Es war eine Welt für sich, mit einer eigenen Ästhetik, wie auch Fotograf Jardner schnell feststellte. Als er in München die Wettkämpfe um den "Mr. Olympia"-Titel fotografierte, fühlte er sich an "abgezogene Kaninchen" erinnert. Die sehnigen Körper waren vor der Show mit Bronzefarbe lackiert worden - für ihn sahen sie aus "wie Grillhähnchen".

Auch der gelernte Schwimmmeister Möller hatte sich an Auftritte dieser Art erst gewöhnen müssen. An seinem Arbeitsplatz im Hallenbad von Recklinghausen zollten die Leute dem 1,96 Meter großen Hünen Respekt, da sprang keiner mal eben so vom Beckenrand. Nun aber stand Möller immer öfter in Badehose - blankrasiert und eingeölt - auf der Bühne. "Dass dann 4000 Leute frenetisch schrien, wenn ich die Muskeln anspannte - war neu für mich."

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Abschrecken ließ er sich davon freilich nicht, im Gegenteil: Möller wurde Juniormeister im Bodybuilding, 1983 Deutscher Meister, 1986 sogar Weltmeister. Von seinem Schwimmbadjob hatte er sich beurlauben lassen. Geld verdiente er nun mit seinem Körper, trainierte dazu vier bis fünf Stunden am Tag und bewegte dabei in der Summe 20 Tonnen Eisen - fast einen Güterwagen. Sein ganzes Leben war auf Bodybuilding ausgerichtet. Einen Eindruck davon bekam auch Jardner, als er ihn zu sich nach Hause einlud. "Ich hatte Pizza gebacken - und er putzte tatsächlich das ganze Blech alleine weg", erinnert sich der Fotograf, "da war ich schon ziemlich erstaunt." "Masse aufbauen" hieß das bei den Sportlern.

An den Wochenenden gab Möller Seminare oder eröffnete Fitnessstudios. Marken wie Karstadt und Puma holten sich den Vorzeigeathleten, um entsprechende Produktlinien anzupreisen. Kleidung, Vitamine, Kraftnahrung, Trainingsgeräte - biedere Kaufhäuser wandelten sich zu Komplettausstattern. 1985 bekam die neuentstandene Fitnessbranche sogar eine eigene Messe - die Kölner Fibo für Fitness und Bodybuilding. Die Zahl der Studios wuchs seit Anfang der siebziger Jahre bis Mitte der Achtziger von rund 100 auf über 3000 im Bundesgebiet. Die weltweite Begeisterung für den Sport half dem Bademeister von Recklinghausen schließlich bis ins Filmgeschäft nach Hollywood.

Gesellschaftliche Anerkennung mussten sich Muskelmänner und -frauen hart erarbeiten - manchmal aber half auch der Zufall. Eines Tages brachte Jardner sein Modell mit in die Folkwangschule. Er wollte Ralf Möller für eine 1:1-Aufnahme mit einer großen Plattenkamera fotografieren. Der Besuch des Riesen blieb nicht unbemerkt. Auch Jardners Professor schaute vorbei. Muskelmann und Schalträger machten sich miteinander bekannt - und das Augenmerk des Professors fiel auf die zur Erwärmung bereitliegende Kurzhantel. Mit jovialer Geste griff er nach dem Trainingsgerät - und verharrte. Die 50-Kilo-Hantel bewegte sich nicht. Kein Stück. Es müssen solche Momente gewesen sein, die Bodybuilding populär machten.

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