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09. Mai 2008, 17:20 Uhr

Böse Fouls

Die Flachleger

Ist das noch Kicken oder schon Kickboxen? Wenn beim Fußball Gegner mit Karateeinlagen statt Doppelpässen mattgesetzt werden, zieht der Fan die Luft durch die Zähne - doch fiese Fouls gehören zum Fußball wie grandiose Tore. Ein Rückblick auf die schmerzhaftesten Augenblicke der Fußballgeschichte in Bildern.

Zielsicher und in hohem Lauftempo, den Ball eng am Fuß geführt, strebte Mittelfeldspieler Ewald Lienen am 14. August 1981 auf das Tor von Werder Bremen zu. Sekunden später wälzte sich der langmähnige Regisseur von Arminia Bielefeld auf dem Rasen des Stadions. Ungläubig umfasste der Sportler mit beiden Händen sein rechtes Bein und starrte mit vor Schmerz weit aufgerissenen Augen auf seinen Oberschenkel: Dort klaffte von kurz über dem Knie bis weit hinauf gen Hüfte eine offene Fleischwunde. Lienens Schenkel war vom Stollenschuh seines brutal eingestiegenen Gegners aufgeschlitzt worden wie eine Blutwurst.

Szenenwechsel, ein knappes Jahr später: Fußball-Weltmeisterschaft in Spanien, Halbfinale Deutschland-Frankreich am 8. Juli 1982. Der französische Nationalspieler Patrick Battiston nähert sich gefährlich dem Tor der Deutschen - und wird mit voller Wucht vom heranfliegenden Fuß des deutschen Keepers Toni Schumacher am Kopf getroffen. Bewusstlos knallt Battiston auf den Rasen. Er verliert drei Zähne und wird mit einer schweren Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert.

Es waren diese wohl fiesesten Fouls der deutschen Fußballgeschichte, an die Fans vergangenen Dienstag bei der Flugattacke von Werder Bremens Torhüter Timo Wiese gegen den HSV-Stürmer Ivica Olic unweigerlich denken mussten. Nur, weil sein Opfer nicht wie Battiston im Hospital landete, wird Wiese wohl nicht in die ewige Brutalstenliste der Bundesiga aufgenommen werden. Toni Schumacher wird bis heute von der Szene im Sanchez-Pizjuan-Stadion von Sevilla verfolgt.

Die schnellste Gelbe Karte aller Zeiten

Nicht, dass die Deutschen besonders brutal wären: Dass ein Kicker mit beiden Beinen voraus unvermittelt einen Fan anspringt, wie der für Manchester United spielende Franzose Eric Cantona 1995, ist hierzulande noch nicht vorgekommen. Und eine Type wie der britische Ex-Profi Vinnie Jones ist unter den karriereorientierten Stromlinienspielern der Bundesliga kaum vorstellbar.

Bevor Jones Anfang der Neunziger als erfolgreicher Macho-Darsteller vom Stadion ins Filmfach wechselte, kassierte er 13 Platzverweise sowie die schnellste Gelbe Karte aller Zeiten (nach drei Sekunden). Als "Die Axt" berüchtigt, scheute sich Jones nicht davor, seinen Gegenspieler Paul Gascoigne heimtückisch und hinterrücks kräftig am Gemächt zu zwacken oder in einem Freundschaftsspiel per Blutgrätsche einen Knirps im Grundschulalter umzunieten. Und nachdem Jones ausnahmsweise einmal selbst unsanft von den Beinen geholt worden war, soll er dem Übeltäter, der schottischen Kickerlegende Kenny Dalglish, gedroht haben: "Mach das noch einmal, dann reiße ich dir das Ohr ab und spucke in das Loch!"

Der Trend geht allerdings wohl weg von den spektakulären, filmreifen Fouls à la Schumacher oder Wiese - und hin zu den fies versteckten, deswegen nicht minder brutalen Tätlichkeiten wie einer kurzen trockenen Kopfnuss auf die Nase des Gegners, zu der sich auch schon einmal ein als Gentleman auf dem Platz geltender Spieler wie "Sir Michael" Ballack hinreißen lässt. Nur solche Fouls können den allgegenwärtigen TV-Kameras mit etwas Glück noch entgehen - es sei denn, man heißt Zinedine Zidane und muss sein Gegenüber ausgerechnet in einem WM-Finale vor 30 Millionen Zuschauern per Rammstoß niederstrecken.

hmk

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