Bombardierung Dresdens Als der Himmel brannte

Mütter umklammern ihre Kinder, das Licht flackert, dann geht es Schlag auf Schlag. Krachen, Dröhnen, Schreie, der Kellerboden bebt - am 13. Februar 1945 brach die Hölle über Dresden herein: Britische und amerikanische Bomber verwandelten das Elbflorenz in ein Inferno. Peter Grohmann war sieben Jahre alt, als das Feuer vom Himmel fiel.

AP

Die Wäsche hängt noch auf der Leine, steif gefroren. Wir müssen los, sagt die Mutter, schiebt den überladenen Kinderwagen, den Bruder an der Hand. Obendrauf ein Stück Wäsche, frisch von der Leine. Ich trage einen Kinderrucksack und meinen Teddybären mit dem fehlenden Arm. Bei der Breslauer Wetterwarte wartet kein besseres Wetter, der Kinderwagen darf nicht mit aufs Lastauto, "der ist sowieso schon überladen, nur das Notwendigste, haben wir doch ausdrücklich gesagt, und Ihre können doch schon laufen". Der Teddybär darf.

Im August 1944 hatte die Rote Armee die Grenzen Ostpreußens überschritten, westwärts. Schlimmes hatten sich die Frauen erzählt von den "russischen Tieren". Die Frontlinie lief im Winter über Warschau und Budapest, die Oder lag in Reichweite, Breslau war eine lächerliche "Festung", in der die Deutschen ihre eigenen Kinder verheizten. Die Luftangriffe auf die Stadt begannen am 18. Januar 1945. Da war der Opa schon im Schützengraben, der Vater, wie sich's gehört, unterwegs nach Sibirien und wir auf dem Lastwagen. Der wurde nach einer viertelstündigen Fahrt requiriert, also Fußmarsch durch den Winter, westwärts.

Übernachten im Stroh, daran erinnere ich mich, an Schulen oder Scheunen und dicke Ehebetten mit klammen Kissen, an Kälte und Dörfer und dass es in den Kuhställen immer am wärmsten war. "Gleich sind wir bei der Tante." Es gab da viele Tanten und Onkels in Dresden und in Meißen, Verwandtschaft, aber vielleicht doch keine echte. Das war gut so.

Wenn die Mutter heulte, heulten alle

Wir irrten mit einem kleinen Handwagen, den die Mutter im Eulengebirge hatte mitgehen lassen, durch Dresdner Nobelviertel und Armensiedlungen, manchmal mit der Straßenbahn, aber meistens zu Fuß. Endlos kam mir das alles vor. Überall Flüchtlinge, überhaupt waren überall Flüchtlinge, noch keine Vertriebenen. Hunderttausend, und kein Platz nirgends. Die falsche Tante war, vorerst, noch kein Flüchtling. "Glei dreie? Ne, das geht nicht". Die Mutter heulte, und wenn die Mutter heulte, heulte auch der Ingo, und wenn der Ingo heulte, heulten alle. Eine Nacht oder so konnten wir in Laubegast bleiben, aber zu Essen sollten wir uns anderswo was besorgen, es reichte ja nicht mal für die eigenen. Die Hakenkreuzfahnen hingen noch stolz im Winterwind. Alle Städte wollten Festung sein.

Manchmal waren es nur Übungen. Fehlalarm, Sirenen, die den Fliegeralarm probten. Es war spannend für uns Kinder, in den Keller zu rennen, durch Dresden, hochmütig über große Kreuzungen ohne Verkehr. LSR heißt Luftschutzraum, das musste jedes Kind wissen. In den Kellern Durchbrüche, wo es ging, zum Nachbarhaus, ein Holzverschlag dafür, "wegem Kartoffelklauen. Die Flüchtlinge klauen wie die Raben." Eine Reihe roter Eimer mit Sand, man durfte nichts rausnehmen, nicht mal eine Handvoll zum Spielen. "Hier wird nicht gespielt." Es spielten andere.

"Nu geht doch rieber innen Großen Garten." Das "Garten" ausgesprochen wie "Karten". "Da stellnse poar Baracken uff, da isses worm und Gulaschkanonen." Gulaschkanonen sind schöne Kanonen, aber die Schlangen drum herum waren endlos. Alle sahen verhungert aus, die zwei Baracken waren restlos überfüllt. Es war arschkalt. Die Leute kamen nirgends unter. Sie hatten Holz gesammelt, dann Sträucher abgehackt, später Äste, zum Schluss ganze Bäume. Große Feuer im Großen Garten. Der ganze Große Garten brannte, aber erst später.

"Er hat's an der Seele"

Wir liefen todmüde in die Neustadt, irgendwo bei der Lutherkirche sollte sie wohnen, die zweite falsche Tante. Sie wollte erst nicht aufmachen, dann wollte sie uns wegschicken. "Dann schlafen wir ebent auf der Treppe", schnappte die Mutter zurück. "Der Onkel ist doch krank", entschuldigte sich die falsche Tante und murrte uns rein. Der Onkel giftete schon im dunklen Flur, kein Gruß, doch der böse Blick machte uns Angst. "Er hat's an der Seele."

Ich weiß nicht mehr, wo und wie und ob wir schliefen, aber der Schrank begleitete meine Erinnerungen noch lange, lange. Oben drauf lagen Äpfel, abgedeckt mit Papier, der ganze Raum duftete nach Äpfeln, und ich holte einen nach dem anderen herunter, bis sie alle alle waren. Es war der 13. Februar 1945.

Was ist Fantasie, was tatsächlich Erlebtes, Erfahrenes? Was ist Gehörtes, Gesehenes? Ist es ein im Schrecken der Nacht entstandener Alptraum? Wo sind Ängste geblieben, wo Ahnungen? Was ist vergessen, verdrängt, ausgelöscht? Für immer?

Der Schrei der Sirenen

1990 kehrte ich in die Vaterstadt zurück. Ich lief an den Ufern der Elbe, suchte in Laubegast jenes Bäckerhaus, das uns offen stand nach den schweren Angriffen. Ich suchte die Straßen stadtauswärts, stadteinwärts, durch die sich Mütter und Kinder und Alte geschleppt hatten im endlosen Zug ohne Orientierung, verdreckt, verrußt, verletzt, taub und stumm, und sehe mich selbst, nicht einmal acht Jahre alt, mit offenem Mund am Straßenrand oder mitlaufend. Ich zog nach der Rückkehr, der Wende, die Kreise enger und enger, eroberte fünfzig Jahre später unbewusst jenes Terrain des 13. Februar 1945. Die Tränen und Träume kamen erst nachts, wie der Schrei der Sirenen.

Der Traum, wie ich den Teddy mit dem fehlenden Arm umklammerte. Der Luftschutzkeller überfüllt. Die Mütter halten den Kindern die Ohren zu. Von der Kellerdecke rieselt unablässig Staub. Die Lippen sind ausgetrocknet. Das Licht flackert, geht ganz aus. Dann Schlag auf Schlag. Einschläge. Krachen. Kerzen werden angezündet. Der Kellerboden bebt. Aus der Decke lösen sich Putz und kleine Steine. Der Onkel tobt im Dunkeln, die Frauen müssen ihn festhalten. Er reißt sich los und stürmt zu einer eisernen Feuerschutztür. Sie ist heiß, so heiß, dass sein Schrei das Weinen der Kinder und das Jammern und das Krachen und Dröhnen draußen übertönt. Dann sagt jemand "Wir sind verschüttet."

Später. Auf der Straße steht ein Lastauto, auf der Plane ein rotes Kreuz, die Plane ist halb verbrannt, das rote Kreuz auch. Die Klappen sind heruntergelassen. Neben dem Auto ist ein riesiger Bombentrichter, in dem eine Wasserfontäne sprudelt. Im Bombentrichter liegt ein angezogener Arm. "Die Kinder zuerst". Der Hauseingang ist verschüttet, überall Trümmerteile. Aus dem Seitenabgang zum Keller, über die Steine, wird der Onkel getragen, er schlägt mit den Armen um sich.

Es ist ein leises Weinen in der Luft

Später. Das Auto holpert durch die Nacht, dem Morgenrot entgegen. Das ist das Waisenhaus. Uns Kindern sind mit Lappen und Tüchern die Augen verbunden. Ich halte mich an der Ladeklappe des Autos fest. Mein Teddy hat auch den zweiten Arm verloren. Die Lappen stinken. Alles stinkt. Es ist tonlos.

Später. Ich stelle mich mit dem Rücken zu den Erwachsenen. Mein Augentuch verrutscht. Ich helfe nach. Es ist ein leises Weinen in der Luft. Das Auto kann nicht weiter, die Straße brennt. Wie Straßen brennen können. Aus dem Fenster des Hauses wird ein kleines Bündel geworfen und wieder eins. Auf den Trümmern vor dem Haus liegt ein Holzbrett. Auf dem Holzbrett liegen schon Bündel. Und wieder ein Bündel. Der Stoff löst sich, der Stoff, der das Bündel umschließt. Ich sehe die verbrannte Puppe.

Sie legen sie neben die anderen Bündel. Sie legen den Stoff darüber. So viele Puppen, kindergroße.

Später. Rot-golden leuchtet der Himmel. Es ist der schönste Himmel, den ich je gesehen habe. "Wer das Weinen verlernt hat, lernt es wieder beim Untergang Dresdens", proklamierte Gerhard Hauptmann nach 1945. Dresden hat nicht geweint, vorher. Es hat unseren und seinen Soldaten zugejubelt, es hatte keine Tränen für die Arbeitssklaven, keinen Blick auf Auschwitz.

Als ich zurückkehre in die Dresdner Neustadt, 1995, in die Nähe der Kirche, die dem Feuersturm standhielt, weine ich.

Der russische Soldat teilt sein Brot

Wir werden die Stadt verlassen, wir werden nach Breslau zurückkehren. Wohin sonst?! Russische Soldaten lassen uns mitfahren, wieder auf einem Lastauto. Unterwegs, Dresden im Rücken, ostwärts gefahren, wir sitzen vorn im Führerhaus - im Führerhaus? Dort bricht der Soldat, der Sascha heißt und deutsch kann, ein Stück Brot in vier Teile, damit wir nie mehr Feinde sind. Ob Kinder auch Feinde sind, frage ich meine Mutter.

Gelegentlich träume ich. Ich rieche im Traum den Duft der Äpfel im Winter. Ich umklammere meinen Teddy. Er hat keine Arme, keine Beine mehr. Er ist ein Bündel, gewickelt in verbranntes Tuch. Ich sehe den Onkel im Traum, wieso hängt die Haut seiner Hand herunter? Am Himmel dieser Tage sehe ich Flugzeuge. Erst sind es wenige. Sie fliegen hoch, sind kaum zu erkennen. Und dann ist der ganze Himmel voll von ihnen. Ich möchte rufen, warnen, aber der Traum lässt es nicht zu. Ich wache auf, schweißnass, den Mund voller Staub aus dem Keller.

Peter Grohmann sagt von sich, er sei 1937 in Breslau geboren und neu geboren 1945 in Dresden. Der Autor und Kabarettist lebt und arbeitet in Stuttgart und ist Initiator des Bürgerprojekts "Die AnStifter"



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Ferdinand Schumacher, 15.02.2008
1.
Die Bilder und die Berichte zu den Bombenangriffen berühren mich sehr. Ich selber habe als Vierzehnjähriger einen dieser Bombenangriffe aus nächster Nähe und in Sichtweite erlebt. Das Datum 27.9.44, also etwa ein halbes Jahr vor der Dresdener Katastrophe, war für mich das Ende der Welt. Und für die Stadt Köln eine Katastrophe. In meinem Bericht "Rauchwolken über der Domstadt" werden auch meine Empfindungen aus meiner Sicht als Jugendlicher zu diesen Erlebnissen geschildert. Warum zu diesem Zeitpunkt da der Krieg schon entschieden war, noch diese Zerstörungen durchgeführt wurden ist mir ein Rätsel. Das hat mit normalen menschlicher Logig nichts gemein mehr. Mit freundlichen Grüssen F.Schumacher
Thomas Glöckner, 19.02.2008
2.
Sehr geehrter Herr Schumacher, glauben Sie denn, dass der Krieg menschlich ist, weil Sie nach Menschlichkeit fragen ? Und hat denn die Deutsche Luftwaffe bei ihren Angriffen auf Städte Menschlichkeit walten lassen ? Der Krieg war zwar schon fast entschieden, jedoch brachte die Wehrmacht weiterhin Truppenverbände über den Eisenbahnknotenpunkt Dresden an die "Ostfront" und in das Protektorat Böhmen und Mähren zum Kampf gegen die Rote Armee. Ich denke die Kriegsnotwendigkeit eines Angriffes auf Dresden war aus militärischer Sicht durchaus gegeben und hat mit menschlichen und humanitären Überlegungen, da es eben Krieg war, auch zu diesem Zeitpunkt, nichts zu tun. Bedauerlich aber wahr; vielleicht haben die Deutschen, die immer dazu neigen sich die Opferrolle zuzuschieben, zu diesem Zeitpunkt begriffen, wen sie 1933 gewählt und wem sie blind in den Krieg gefolgt sind!! Hochachtungsvoll Thomas Glöckner
Gerd Schurmann, 27.02.2011
3.
- inkl. KORREKTUR : Allerdings ! Nach der Zerstörung des "Reichsluftschutzkellers" Dresden mit dem höchsten NS-Anteil pro Stadt-Kopf war der Traum vom Wunderwaffen-Endsieg erstmals radikal erledigt, wie Goebbels oder wars die GeStaPo notiert haben soll. Und die letzten Juden Dresdens wurden mit dem Bombenangriff auch noch gerettet , - ich glaube Viktor Klemperer war dabei und sollte ursprünglich mit "dem Rest" in die Vernichtung. Und wo seltsamerweise fast kein "menschlicher" Deutscher mit seinem verlogenen "der Krieg war doch fast schon zu Ende" drauf kommen will : Wieviele Opfer mehr hätte eine Eroberung Deutschlands mit ihren Fanatikerfestungen vor allem für die alliierten Soldaten - nur mit Infanterie, Artillerie und Fahrzeugen - bedeutet, - und seitens der Bevölkerung sicher mit mehr Hunger und Seuchen . . . und haben Sie mal die von den Deutschen im e r s t e n Weltkrieg ohne Luftwaffe belagerten französischen oder belgischen Städte gesehen ?! - Vermutlich 100-tausende bis Mio. zusätzliche Tote ! - Abgesehen vom Feuersturm : Da haben Deutschlands Städte nochmal Glück gehabt, - zum Vergleich siehe Wesel mit 90 % Zerstörung und statt Halb-/Ruinen eine Trichterlandschaft ! Mit ca. 550 - 600.000 Todesopfern der strategischen Luftkriegsführung gegen das deutsche Hinterland und seiner totalen Kriegsbevölkerung liegt dank dieser die Todesrate unter 1 %, inklusive der wirklich unschuldigen Kinder, wie meine Eltern. Schrecklich ist ein Frieden, den die Deutschen so herr-lich gerÄcht und bis 1941 so großartig fanden .... und die Gründe für das Grauen schufen.
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