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Brennende Archive, gefährliche Rettung

Heikle Rettungsmission für kostbare Urkunden Die Odyssee der MS »Main 68«

Um ihre Bestände zu retten, fassten Düsseldorfer Archivare 1944 einen riskanten Plan: Sie versuchten, 25 Tonnen kostbarer Dokumente zu einem sicheren Bergwerk zu lotsen – per Schiff quer durch den Bombenhagel.

Am 27. Dezember 1944 verließ ein kleines Schiff mit außergewöhnlicher Fracht den Düsseldorfer Hafen. Im Laderaum des Motorschiffs »Main 68« lagen Akten, Pergamente, Schriftgut aus mehreren Jahrhunderten. Die ältesten Stücke stammten aus dem Mittelalter.

Mitten in der mörderischen Endphase des Zweiten Weltkriegs sollte dieser Kahn 2540 Aktenpakete und 60 Säcke voll Schriftgut retten und in halbwegs sichere, unterirdische Stollen bringen – insgesamt 25 Tonnen Geschichte. Es war der Beginn einer riskanten Mission, die in eine monatelange Odyssee quer durch das NS-Reich mündete.

1933 schlummerten die Akten der MS »Main 68« noch im preußischen Staatsarchiv Düsseldorf. Das deutsche Archivwesen erlebte gerade einen Aufschwung, befeuert durch die Ideologie der Nationalsozialisten. Von einer »Bereinigung« westlicher Kultur war die Rede. Ernst Zipfel, Generaldirektor der preußischen Staatsarchive, wähnte die Archive Polens bereits als »historisch abgeschlossen«; dahinter stand die Vorstellung, mit den deutschen Eroberungen sei die Geschichte Osteuropas im Grunde vollendet.

Wohin mit all den wertvollen Urkunden?

Entsprechend verhielten sich manche Archivare in den ab 1938 vom NS-Staat besetzten Gebieten wie Raubritter. Auch zwischen den Akten auf der »Main 68« verbargen sich Dokumente, die der NS-Staat zuvor aus Belgien erbeutet und ins Reich geschafft hatte.

Um die Sicherheit der eigenen Bestände im Kriegsfall sorgten sich die deutschen Archivare zunächst nicht. Erst im März 1939 fragte sich Generaldirektor Zipfel, ob nicht »auserlesene« Stücke evakuiert werden sollten. Der Zweite Weltkrieg begann knapp ein halbes Jahr darauf mit dem deutschen Überfall auf Polen, der Bombenkrieg, die vernichtenden Feuerstürme standen noch bevor.

Immerhin verlagerten manche Archive bald besondere Dokumente in Banktresore. Eine oft trügerische Sicherheit: So gelangten zum Beispiel uralte Papyri der Universitätsbibliothek Gießen in ein Schließfach der Dresdner Bank, wo sie 1945 durch Grundwassereinbrüche schwer beschädigt wurden. Düsseldorfer Urkunden aus dem 12. Jahrhundert wurden in die mächtige Festung Ehrenbreitstein gegenüber der Moselmündung in Koblenz verlagert. Doch auch die Rechnung, dass eine strategisch unbedeutende Burg im Krieg verschont werden würde, sollte nicht aufgehen.

Flucht aufs Land

Und dieser Krieg kam rasch, auch für das Düsseldorfer Staatsarchiv. 1940 wurden sieben Mitarbeiter eingezogen, Archivleiter Bernhard Vollmer wurde abkommandiert. Die Beamten Wilhelm Classen und Friedrich Wilhelm Oediger hielten den Betrieb mit ein paar Angestellten am Laufen.

Die alliierten Luftangriffe auf die deutschen Innenstädte ab Frühjahr 1942 verschärften die Lage, denn in den Stadtzentren befanden sich die meisten Archive. Daher schrieb Ernst Zipfel am 1. Mai 1942, die Archive seien »nunmehr doch« gezwungen, »ihre wertvollen Bestände in stärkerem Maße als bisher auseinanderzuziehen«. Keine zwei Wochen später wurden die ersten Archivalien abtransportiert; den ganzen Sommer über rollten Lastkraftwagen und Güterwaggons zu Lagern auf dem vermeintlich sicheren Land.

Ende 1942 war das oberste Geschoss des Düsseldorfer Archivs schon ausgeräumt. Danach wurde das Haus befestigt. Eine 25 Zentimeter dicke Sandschicht auf dem Dachboden sollte Bombeneinschläge mildern, ein Löschwasserbecken wurde installiert, man vermauerte Fenster und Türen im Erdgeschoss. Bald darauf auch wurden Classen und Oediger eingezogen. Die Stellvertretung übernahm Staatsarchivrat Otto Korn.

Archivare wurden zu Luftschutzwächtern

Als der Luftkrieg Düsseldorf erreichte, trafen Minen und Sprengbomben bei einem Großangriff im Juni 1943 auch das Staatsarchiv. Brände im Gebäude konnten zwar gelöscht werden, aber einige Archivare erlitten Verbrennungen und schwere Augenentzündungen durch den Phosphorqualm.

Räumungsarbeiten nach dem Luftangriff auf Düsseldorf 1943

Räumungsarbeiten nach dem Luftangriff auf Düsseldorf 1943

Foto: Hanns Hubmann / Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte

Aus Archivmitarbeitern wurden überall in Deutschland Luftschutzwächter. Schon im März 1943 war ein britischer Flieger vor das Staatsarchiv in Nürnberg gestürzt, während zeitgleich eine Bombe in das Beständehaus einschlug. Und Anfang Oktober wurde das Staatsarchiv in Hannover völlig zerstört.

Den Glauben an den »Endsieg« verloren viele NS-Funktionäre dennoch nicht. So verweigerten der Gauleiter in Breslau und der Reichsverteidigungskommissar die Auslagerung des örtlichen Staatsarchivs, obwohl die Front bereits näher kam. Ein Rückzug schien ihnen »defätistisch«. Auch Ernst Zipfel reagierte mit Durchhalteparolen und sprach vom »Kampf um die Erhaltung des Traditionsgutes des deutschen Volkes«.

Letzte Rettung Bergstollen

Otto Korn koordinierte derweil den Abtransport der verbliebenen Düsseldorfer Bestände. Im Sommer 1944 wurde klar, dass die bisherigen Ausweichlager nicht mehr sicher waren. Alliierte Bodentruppen nahten, Bomben trafen auch die Festung Ehrenbreitstein. Archivbestände wurden fortan unterirdisch in Stollen von Salz- und Kalibergwerken gesichert. Der Platz war knapp – Gemälde lagerten dort mitunter neben Waffen und Munition.

Die Archivtransporte verzögerten sich, weil es an Treibstoff fehlte, Gleise zerbombt waren und in der Hektik Fehler passierten. So flatterten Akten des Marburger Staatsarchivs 1944 von einem Laster, als ein Kistendeckel sich löste. Erst drei Monate später wurden sie am Straßenrand gefunden.

Etwa zur gleichen Zeit begann auch die Odyssee der Düsseldorfer Akten. Der zurückgekehrte Archivleiter Bernhard Vollmer wollte einen Großteil davon im Salzbergwerk Grasleben südöstlich von Wolfsburg sichern und suchte wegen der massiven alliierten Luftschläge auf Bahnhöfe und Gleise Alternativen zum Zugtransport. Also entschied er sich für eine andere, ebenfalls riskante Taktik: den Transport per Schiff.

Die erste Irrfahrt

Das hatte bis dato nur das Geheime Staatsarchiv in Berlin gewagt. Doch für das Schiff sprach allein die schiere Menge an Dokumenten, die es transportieren konnte. Umsichtig verteilten die Düsseldorfer Archivare ihre wertvolle Fracht auf zwei Kähne. So wäre nicht alles verloren, wenn einer von beiden sank.

Der erste Transport mit dem Motorschiff »Rhenus 39«, das Zwangsarbeiter hatten beladen müssen, brauchte fast vier Monate. Kanalsperrungen und Eisgang erschwerten die Fahrt, Eisenbahnwaggons zum Be- und Entladen fehlten. Nachdem die 15 Tonnen Archivgut der »Rhenus 39« endlich das Bergwerk Grasleben erreicht hatten, entschied man sich trotz aller Schwierigkeiten für eine zweite, noch umfangreichere Fahrt – die der »Main 68«.

Gesicherte Gemälde im Bergwerk Grasleben

Gesicherte Gemälde im Bergwerk Grasleben

Foto: Zentralarchiv, SMB / Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte

Das Schiff sollte seine Fracht bis zum Hafen Haldensleben fahren, unweit vom Bergwerk Grasleben. Das letzte Stück vom Hafen in den Stollen sollte mit Waggons überbrückt werden.

Es ging schon schlecht los. Der Mittellandkanal war bei Angriffen schwer beschädigt und danach gesperrt worden. Die »Main 68« bekam keine Freigabe für diesen Abschnitt und musste in den Dortmund-Ems-Kanal ausweichen. Über den Küstenkanal ging es weiter nach Bremen. Der Kahn mit seinen Schätzen passierte die Hansestadt am 7. März 1945 und fuhr die Weser aufwärts. Am 12. März erreichte das Schiff einen weiteren Zwischenstopp, den Hafen Hannover-Linden. 

Feuersturm im Hafen

Dort machte die »Main 68« vor den Lagerräumen der Spedition Rhenus fest. Teile der Ladung wurden gelöscht, die Archivalien jedoch blieben an Bord, zur Weiterfahrt nach Haldensleben, wo schon drei Reichsbahn-Waggons für den Abtransport ins Bergwerk bereitstanden.

Vergeblich. Denn am 14. und 15. März 1945 bombardierten die Alliierten den Lindener Hafen, verwandelten das Ufer in eine Mondlandschaft und versenkten mehrere Schiffe. Das Motorschiff »Main 68« wurde von Spreng- und Brandbomben getroffen. Es brannte teilweise aus und sank im Hafenbecken. Die Mission war gescheitert.

Ernst Zipfel erreichte der Bericht vom Untergang der Akten am 23. März in Berlin. Auf dem Schreiben notierte jemand, vermutlich der örtliche Archivdirektor Georg Winter: »Ein furchtbarer Verlust für die Geschichte des Niederrheins!« In Düsseldorf hingegen ahnte man davon nichts. Der Bericht war in den Kriegswirren nicht mehr angekommen.

Akribische Rettung

Erst Wochen später war klar: Nicht alle Aktenbündel waren verbrannt. Sie lagen noch in den vollgelaufenen Schotten des Schiffs und konnten nach dem Krieg geborgen werden, allerdings teils zerfetzt und zu backsteinähnlichen Klumpen verklebt.

Die systematische Wiederherstellung dieser im Sommer 1945 geborgenen und getrockneten »Kahnakten« begann erst 1975 und dauert bis heute an. Es ist damit das langwierigste deutsche Restaurationsprojekt aufgrund von Kriegsschäden. Mithilfe mehrerer Werkstätten und modernster Technik trennt das Landesarchiv NRW die Seiten und macht sie wieder lesbar.

Vieles ist dabei mühselige Handarbeit: Mit Falzbein, Spatel und Messer werden die Blätter voneinander gelöst, Schmutz und Schimmel entfernt. Ultraviolettes Licht kann verblasste Schriften wieder sichtbar machen. Allein die Seiten eines einzigen Aktenbündels zu trennen, dauert bis zu 40 Stunden.

Doch die zeitaufwendige Arbeit lohnt sich. Denn nicht nur längst verschollen geglaubte, für die Forschung wertvolle Texte werden so gerettet. Auch vergangenes Unrecht kann zumindest ansatzweise korrigiert werden: So wurden 250 der einst aus Belgien geraubten Akten im April 2013 restauriert zurückgegeben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.