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Gladbach in Tel Aviv - "das war kein Spiel, das war ein Konzert!"

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Diplomatie per Doppelpass Als der Fohlenelf israelische Herzen zuflogen

Borussia Mönchengladbach kickte vor 50 Jahren als erster Bundesligist in Israel. Die Kapitäne waren Günter Netzer und Mordechai Spiegler. Hier erinnern sie sich an ein wunderbares Fußballfest in Tel Aviv.

Ein Bus holt die jungen Männer daheim in Mönchengladbach ab und bringt sie heimlich zum Militärflughafen Köln-Wahn. Dort starten sie mit einer weißen Boeing 707 der Luftwaffe, am wolkenverhangenen Montagmorgen des 23. Februar 1970. Wohin das Flugzeug fliegen wird, weiß kaum jemand. Auch nicht, wer drinsitzt.

Es ist die legendäre "Fohlenelf" um Kapitän Günther Netzer: Borussia Möchengladbachs Talente wie Berti Vogts, Jupp Heynckes, Hacki Wimmer, Herbert Laumen zählen zu den besten deutschen Fußballern ihrer Zeit. Zwei Monate später, am 30. April 1970, wird das Team erstmals im Bökelbergstadion über die deutsche Fußballmeisterschaft jubeln. Doch zuvor steht ein anderes Spiel an, ein Freundschaftsspiel. Dabei gewinnen die Fohlen etwas, das wichtiger, größer ist als ein Titel - es sind die Herzen Tausender Israelis.

Am 25. Februar 1970, keine 25 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, spielte erstmals ein Bundesligist auf israelischem Boden. Gladbach besiegte Israels Nationalmannschaft im restlos ausverkauften Bloomfield-Stadion in Tel Aviv mit 6:0. Und die heimischen Fans? Skandierten keine "Nazis raus"-Chöre, sondern brachen in Begeisterungsstürme aus.

Ein Anruf bei Günter Netzer: "Diesen Freudentaumel werde ich niemals vergessen", schwärmt der damalige Gladbacher Kapitän, inzwischen 75. "Die Menschen standen auf den Bänken und sangen. Am Ende durchbrachen sie die Absperrung, umarmten uns, trugen uns auf den Schultern. Es war ein Fest, ein wundervolles Fest."

Stiefel gegen Brot getauscht 

Im exzellenten Dokumentarfilm "Geheimmission Tel Aviv" , den die ARD am Montagabend um 23.30 Uhr ausstrahlt, ist Netzer einer der Protagonisten. Wie auch eine israelische Fußball-Legende: Mordechai Spiegler war damals Nationalmannschaftskapitän - ihm gelang das einzige je von Israel erzielte WM-Tor. Es war das 1:1 gegen Schweden in der Vorrunde der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko, in die Geschichte eingegangen als "Tor von Toluca".

"Als ich euren Kaiser Franz traf, habe ich ihn gefragt: Hast du auch alle WM-Tore für dein Land geschossen?", sagt Spiegler und kichert ins Telefon. Er ist 75 wie Netzer - und genauso gerührt, wenn er an das legendäre Freundschaftsspiel zwischen Gladbach und seiner Nationalmannschaft vor 50 Jahren denkt.

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Gladbach in Tel Aviv - "das war kein Spiel, das war ein Konzert!"

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"Das war kein Spiel, das war ein Konzert", ruft Spiegler, "eines der großartigsten, das Israel je erleben durfte!" Mehr als an der sportlichen Leistung der Fohlenelf lag es daran, dass so ausgelassen gefeiert wurde. Alles andere als selbstverständlich. Gerade für Spiegler.

Der Sohn polnischer Juden kam am 19. August 1944 in Asbest, einer Stadt im Uralgebirge, zur Welt. Seine Familie, ständig auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, zog während des Zweiten Weltkriegs von Land zu Land. "Mein Vater verschenkte seine Stiefel an sowjetische Soldaten, um Brot für uns Kinder zu ergattern", erzählt Spiegler. Über Deutschland und Frankreich gelangte die Familie 1950 nach Israel.

Tränen 1954. Und Jubel 1974 

Als die deutsche Nationalelf vier Jahre darauf in Bern Weltmeister wurde, weinte der damals Neunjährige vor Wut: "Es war für mich als jüdischen Jungen klar, dass Deutschland niemals gewinnen darf." 20 Jahre später, Spiegler kickte mittlerweile bei Paris Saint-Germain, sprang er vor dem Fernseher herum und jubelte über den neuerlichen Sieg der Deutschen im WM-Finale gegen die Niederlande 1974. "Günter, Berti, Jupp und all die anderen, sie waren längst meine Freunde", sagt Spiegler. Beinah wäre er sogar zu Mönchengladbach gewechselt.

Der Sport als Brückenbauer: Was heute zur hohlen Phrase zu verkommen droht, trug vor 50 Jahren tatsächlich enorm zur Aussöhnung von Deutschen und Israelis bei. Erst fünf Jahre vor dem Freundschaftsspiel in Tel Aviv, am 12. Mai 1965, hatten beide Länder offiziell diplomatische Beziehungen aufgenommen.

Sonstige / nicht zuzuordnen

"Geheimmission Tel Aviv" (Regie: Dietrich Duppel), 17.2.2020, 23.30 Uhr, ARD

Dass der Fußball damals so völkerverbindend wirken konnte, geht maßgeblich auf die enge Beziehung zweier Fußballtrainer zurück: dem Fohlen-Vater Hennes Weisweiler und Emanuel "Edi" Schaffer, Kind jüdischer Eltern aus Recklinghausen. Obwohl die Nazis seine gesamte Familie ermordet hatten, betrat der nach Israel ausgewanderte Schaffer 1958 wieder deutschen Boden - um beim knorrigen Weisweiler an der Sporthochschule Köln das Trainerdiplom zu erwerben.

Der Schüler und sein renommierter Mentor schlossen Freundschaft. Sie schrieben und besuchten sich, Schaffer schickte Apfelsinen nach Mönchengladbach. 1969 war er bereits Nationaltrainer und kam mit seiner Mannschaft zum Freundschaftsspiel auf den Bökelberg. Anfang 1970 stand das Rückspiel in Tel Aviv an. Um ein Haar jedoch wäre es gar nicht dazu gekommen.

"Das kann uns der Verein nicht zumuten" 

Denn kurz vor dem Abflug weigerten sich die Gladbacher Spieler, nach Tel Aviv zu fliegen. Mit gutem Grund: Im Februar 1970 erschütterte eine Reihe antisemitischer Anschläge die Welt. Am 10. Februar versuchte ein palästinensisches Terrorkommando, eine in München zwischengelandete israelische El-Al-Maschine zu entführen, der junge Arie Katzenstein warf sich auf eine Handgranate und verhinderte mit seinem Tod ein Blutbad.

Drei Tage später stand das Jüdische Gemeindehaus in München in Flammen, sieben Menschen erstickten oder verbrannten - unter ihnen die Holocaust-Überlebenden David Jakubovicz und Eliakim Georg Pfau. Und am 21. Februar, nur zwei Tage vor der geplanten Abreise der Fußballer, detonierten in den Frachträumen gleich zweier Zivilmaschinen Paketbomben. Sie hatten eigentlich El-Al-Flugzeugen gegolten.

Der Austrian-Airlines-Pilot konnte notlanden, doch die Menschen an Bord des Swissair-Fluges 330 nach Tel Aviv hatten keine Chance: Die mutmaßlich von palästinensischen Terroristen gezündete Bombe riss 47 Menschen in den Tod. Und nun sollten deutsche Sportler in eine Maschine nach Israel steigen? "Wir waren uns einig: Da gehen wir nicht hin, das kann uns der Verein nicht zumuten", erinnert sich Netzer.

Daraufhin rief Borussias Manager Helmut Grashoff beim Außenministerium an, schilderte das Problem, bat um Hilfe. Kanzler Willy Brandt war die symbolische Freundschaftsgeste dieses Spiels so wichtig, dass er mit Verteidigungsminister Helmut Schmidt - offenbar vorbei an wichtigen Entscheidungsträgern - eine Bundeswehrmaschine organisierte, um die Fußballfohlen sicher nach Israel zu bringen.

Regierung hebelt eigene Weisungen aus 

Die Boeing der Luftwaffe sollte am 23. Februar 1970 um 11 Uhr abheben. Eine Viertelstunde vorher ereilte die Piloten ein Anruf: Der Flug könne nicht stattfinden, entschied ein Legationsrat des Außenministeriums. Er verstoße gegen die - angesichts der Nazi-Gräuel verständlichen - Richtlinien, "wonach jeglicher Kontakt deutschen militärischen Personals und Materials mit Israel zu vermeiden sei".

Kurz darauf jedoch hob Helmut Redies das Verbot wieder auf. Der Nahostbeauftragte des Auswärtigen Amtes traf sich just an diesem Montagmorgen mit dem israelischen Außenminister: Abba Eban war als erstes Regierungsmitglied des jüdischen Staats zu einer offiziellen Visite nach Bonn gereist. Um den diplomatischen Fauxpas einer Spielabsage zu vermeiden, setzte sich die Bundesregierung kurzerhand über geltende Gepflogenheiten hinweg - und die Kicker hoben ab.

Vom regierungsinternen Hickhack um den Flug bekamen sie wenig mit: "Wir wussten um die Nazi-Gräuel, wussten um die Bedeutung des Fußballspiels, aber weiter dachten wir nicht als junge Männer. Wir waren eine neue Generation", sagt Netzer.

Seine Fohlenelf glänzte in Tel Aviv mit großem Fußball. "Die zauberten, dass uns Hören und Sehen verging", so Spiegler. Schon zur Halbzeit stand es 0:3, Trainer Schaffer bangte um seinen Job. Und bat Weisweiler, seine Jungs ein wenig zu bremsen, erinnert sich Netzer. "Als wir das hörten, beschlossen wir: Jetzt erst recht!", sagt er und lacht.

Depression namens "Borussianitis" 

Wimmer schoss das vierte, Netzer das fünfte und Verteidiger Vogts in der 90. Minute das sechste Tor. "Wäre unser Keeper nicht so gut drauf gewesen, hätte das auch 0:10 ausgehen können. Am nächsten Tag wusste ich nicht mehr, wo mein rechter Fuß, wo meine linke Hand war", sagt Spiegler. Trotz der hohen Niederlage ließ sich Israels Elf von der ausgelassenen Stimmung der 22.500 Fans im Stadion anstecken.

Bei der Rückschau bekommen beide Ex-Kapitäne noch heute Gänsehaut. Nach der Partie, sagt Netzer, sei ein deutsches Botschaftsmitglied zu den Fohlen gekommen und habe frohlockt: "In 90 Minuten schafft ihr, was wir in jahrelanger Arbeit nicht vermochten."

Allerdings teilten nicht alle Israelis die Euphorie der Stadionbesucher, wie Sportwissenschaftler Robin Streppelhoff betont. Die "Zeit" schrieb im April 1970 gar von einer grassierenden Depression namens "Borussianitis"- und berichtete, in der Knesset habe ein Abgeordneter gefragt, "was die Regierung dagegen zu tun gedenke, dass sich derartige Demütigungen wiederholen".

Dennoch: Eine erste, zarte Bande war geknüpft zwischen den Kindern der Täter und der Opfer. Verfestigt haben sie abseits des politischen Parketts private Freundschaften wie jene zwischen Weisweiler und Schaffer, Netzer und Spiegler. Die beiden Kapitäne von einst haben sich lange nicht mehr gesehen - jetzt vereinbarten sie am Telefon, einander baldmöglichst zu besuchen.

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