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Boybands der Neunziger: Musik für Mädchen

Foto: Corbis

Boygroups der Neunziger Sexsymbole vom Reißbrett

Mit Songs wie "Back for Good" sangen sie sich in die Herzen einer ganzen Mädchengeneration. Für den Welterfolg mussten die süßen Jungs von Take That, Backstreet Boys oder NSYNC ihre Jugend knallhartem Drill opfern.

Nigel Martin-Smith hatte keinen Schulabschluss, aber er hatte ein Ziel: im Showgeschäft viel Geld verdienen. 1989 saß der Model-Agent in seinem Büro im Royal Exchange, einem Theater in Manchester, und schmiedete einen Plan. Gerade hatte er New Kids on the Block (NKOTB) bei einer TV-Show kennengelernt, fünf Jungs aus Boston, die sich an die Spitze der US-Charts getanzt und gesungen hatten. "Sie hatten eine große Entourage und traten völlig ignorant auf. Da habe ich beschlossen, eine britische Version zusammenzustellen", erinnert sich Martin-Smith. Er stellte ein Profil nach dem Vorbild der New Kids zusammen: "Sie müssen nicht singen können. Aber sich bewegen. Und sie brauchen Star-Qualität. Das war entscheidend."

Das Projekt sollte sein Durchbruch im Musik-Business werden, die Lizenz zum Gelddrucken. Dabei verletzte der Agent gleich bei seinem ersten Wunschkandidaten die eigenen Vorsätze. Er kannte da einen 19-Jährigen Blondschopf, der sogar ganz ordentlich singen konnte. Martin-Smith zeigte ihm Videos von New Kids on the Block und erklärte: "Ich will dich in einer Band." Gary, so der Name des Jungen, schüttelte nur den Kopf: "Aber ich kann doch nicht tanzen." Martin-Smith lächelte: "Du stellst dich in die Mitte und singst, die anderen tanzen um dich herum."

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Jetzt hatte er ihn überzeugt: Gary Barlow war dabei. Martin-Smith stellte ihm vier Kollegen zur Seite, die jeden Mädchengeschmack abdeckten: ein Nesthäkchen mit Teddybär-Charme, zwei Tänzer mit Waschbrettbauch, einen Gruppenclown. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen - der unter dem Namen Take That die Welt erobern sollte.

Es war die Mustergeburt einer Boyband, das Patentrezept im Musik-Business der Neunzigerjahre: materialisierte Teenagerträume am Reißbrett, erdacht von älteren Geschäftsmännern und verkauft an die, die am meisten träumten. Eine ganze Generation meist weiblicher Heranwachsender tapezierte fortan ihre Jugendzimmer mit glatten Hühnerbrüsten unter offenen Hemden. Eine so simple wie lohnende Formel: Bis 2015 sollten allein die erfolgreichsten zehn Boybands rund 800 Millionen Platten verkaufen.

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Natürlich zog die Boyband-Goldgräberstimmung im Musik-Business der Neunzigerjahre auch dubiose Gestalten an. So stellte etwa 1992 der Geschäftsmann Lou Perlman für drei Millionen US-Dollar in Florida seine eigene Formation zusammen. Die Backstreet Boys sollten die kommerziell erfolgreichste Boygroup der Geschichte werden. So erfolgreich, dass Perlman noch einige Male sein eigenes Erfolgsrezept kopierte: unter anderem mit NSYNC, die 2000 "No strings attached" herausbrachten. Die Platte verkaufte sich in der ersten Woche so oft wie keine zweite der Musikgeschichte - 2,4 Millionen Mal. Doch Perlman vermehrte seinen Reichtum nicht nur mit legalen Mitteln: 2008 wurde er unter anderem wegen Geldwäsche zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Es ist nur eine Randnotiz in dem unfassbaren Medienrummel, der ab Mitte der Neunziger um das Phänomen Boygroup entstand. Denn meist standen im Zentrum der Schlagzeilen befürchtete Bandauflösungen, Gerüchte über Freundinnen - oder gar Homosexualität. Heikle Themen für eine Industrie, die ihr Geld mit den Wunschträumen junger Mädchen verdiente: "Wir wurden als Sexsymbole vermarktet. Freundin haben oder schwul sein: Das war tabu", sagte Caught-In-The-Act-Sänger Lee Baxter 2014 dem Sender Arte.

Dass viele britische Gruppen wie Take That und Westlife ihre Karriere in Schwulenclubs begannen, dass viele Mitglieder tatsächlich in Beziehungen waren, ob hetero- oder homosexuell, wurde erfolgreich übertönt von der perfekt geölten Marketingmaschine der Boybands. Die Gefahr geplatzter Träume war zu groß, um etwas dem Zufall zu überlassen. Träume der Fans, aber auch Träume der Manager. Die hatten schließlich viel investiert, nun sollten jugendliche Flausen nicht die Rendite in Gefahr bringen.

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Minutiös bestimmten die Manager das Leben ihrer Schützlinge. So erinnerte sich Brian Littrell von den Backstreet Boys im einestages-Interview an "zwei Jahre brutales Tanz- und Gesangstraining, bevor überhaupt die erste Single erschien". Das half dem Umsatz, jedoch nicht immer der Entwicklung der jungen Stars. "Es war ein zweischneidiges Schwert", so NKOTB-Sänger Donnie Wahlberg 2014 in einer Vox-Dokumentation: "Auf der einen Seite war es die beste Erfahrung auf der Welt. Auf der anderen Seite war es frustrierend, weil wir kein wirklich normales Leben führten."

Backstreet-Boys-Sänger Kevin Richardson erinnert sich, wie der Druck ihn überwältigte: "Es gibt einen Punkt, an dem du merkst: Wir müssen eine Pause machen, oder ich werde verrückt." Richardson zog die Konsequenzen: 2006 verließ er die Backstreet Boys - wenn auch nur zeitweilig.

Auch Robbie Williams, Klassenclown von Take That, verließ nach Gruppenkoller, Drogen und Alkohol 1995 seine Band - und sorgte damit für den wohl größten Furor des Boygroup-Zeitalters. Williams sollte eine der wenigen Ausnahmeerscheinungen bleiben, die ihre Karriere auch über das goldene Jahrzehnt der Boybands hinaus retten konnten.

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Aber auch, wenn der große Boom der ungezählten Take-That-Verschnitte vorbei ist: Noch glauben einige an das Konzept. Im September 2015 tauchte ein Inserat auf der Plattform auctionsfree.com auf. Gesucht: "hart arbeitende Boys, die Erfolg im Musikbusiness haben wollen". Absender: Take-That-Manager Nigel Martin-Smith.

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