Fotostrecke

"Warum repariert ihr ausgerechnet den Schrott der Nazi-Kriegsmarine?"

Foto:

Stefan Simons

Deutsche Bunker in der Bretagne Die U-Boot-Schrauber von Lorient

Ex-Seeleute restaurieren in der ehemaligen U-Boot-Basis Lorient Schiffsschrauben, Motoren und Sonargeräte. Für sie ist es eine Aufarbeitung der Besatzungszeit, für andere Franzosen nur die Reparatur von Nazi-Schrott.
Aus Lorient berichtet Stefan Simons

"Das ist unser kostbarstes Ausstellungsstück." Mit Schraubenschlüssel in der Hand steht Daniel Mille, 66, im Blaumann auf dem Umlaufgitter eines deutschen U-Boot-Motors. Der ehemalige französische Seemann versucht mit zwei Kumpeln, an den gewaltigen Diesel ein Zahnrad zu montieren: "Eine Arbeit, die langen Atem braucht. Es dauerte Monate, bis wir das Ungetüm erst einmal von Schmutz und Rost befreit hatten."

Der Motor - sechs Meter lang, 20 Tonnen schwer - war einst Antrieb eines deutschen Unterwasserbootes vom Typ VII. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs ruht der Koloss in den Werkstätten der einstigen U-Boot-Bunker von Lorient. In der Hafenstadt an der bretonischen Südküste verfügte Nazideutschland über einen der wichtigsten Stützpunkte. Danach war der Bunkerkomplex von enormen Ausmaßen im Besitz der französischen Marine, bis sie 1997 abzog.

Seither kümmert sich der Verein Mesmat (Museum der U-Boot-Staffel Atlantik) um den Erhalt und die Pflege des nautischen Nachlasses. "Wir wollen den deutschen Motor so weit restaurieren, dass die Funktionsweise wieder erkennbar wird", sagt Vereinspräsident Michel Scarpellini. Seine Mitstreiter treiben die Reparaturen jede Woche voran. Nach der Überholung soll der 1600-PS-Schiffsdiesel neben dem aufgebockten französischen U-Boot "Flore" Platz finden im Museum Lorient . Es erzählt die Geschichte der U-Boot-Basis mit Originalexponaten und historischen Filme.

"Unser Vorhaben war anfangs umstritten", sagt Scarpellini. "Man fragte, warum wir ausgerechnet den Schrott der Nazi-Kriegsmarine reparieren." Die Antwort liegt für den früheren U-Boot-Funker auf der Hand: "Motoren, Schiffsschrauben oder simple Kraftstofftanks sind Zeugnisse der Zeitgeschichte. Und damit Belege für den U-Boot-Krieg während der sogenannten Atlantikschlacht."

Zügiger Ausbau zur Kriegsmarinewerft

Dank der Arbeit der Schrauber wird hinter den Mythen vom heldenhaften Einsatz der deutschen U-Boot-Flotte die grausame Vergangenheit sichtbar: Beim maritimen Vernichtungsfeldzug versenkte die Flotte zwischen 1941 und 1945 rund 2800 alliierte Handelsschiffe - auf deutscher Seite sanken 780 U-Boote. "Deren Besatzungen hatten im Schnitt eine Lebenserwartung von 40 Tagen", sagt Scarpellini vor den Panzertoren des Bunkers.

Die Basis von Lorient war Teil des "Atlantikwalls" von Hitler-Deutschland, einer von fünf U-Boot-Stützpunkten entlang der französischen Küste, neben den Anlagen von Brest, Saint Nazaire, La Rochelle und Bordeaux. Die Festung auf rund 26 Hektar im Süden der Bretagne war das strategische Zentrum; von hier starteten die "grauen Wölfe" der Kriegsmarine zur Jagd auf britische und amerikanische Versorgungskonvois.

Fotostrecke

"Warum repariert ihr ausgerechnet den Schrott der Nazi-Kriegsmarine?"

Foto:

Stefan Simons

Die Entscheidung für den Standort fiel nur fünf Tage nach der Einnahme durch die Wehrmacht. Wegen der Nähe zur offenen See verfügte die Reede von Lorient über klare Vorteile als Basis zur Reparatur, Versorgung und Bewaffnung der U-Boote. Schon am 26. Juni 1940 besichtigte Admiral Karl Dönitz die Landzunge an der Mündung des Flusses Blavet.

Bei der Einnahme der Stadt waren zwar Kräne, Munitionsdepots und Kraftstofftanks zerstört worden, die Infrastruktur der Hafenanlagen aber blieb weitgehend intakt. Und gegenüber lag die malerische Villa Kérillon, die Dönitz sogleich mit zwei weiteren Anwesen als Hauptquartier requirierte. Lorients Ausbau zur Kriegsmarinewerft wurde auf Geheiß Adolf Hitlers zur Priorität: "Ankerplätze für 20 Schiffe - zehn mittlere und zehn große - müssen geschaffen werden", hieß es im Kriegstagebuch der Kommandantur Bretagne vom August 1940, "zusammen mit Ausrüstung zur Lagerung von 300 Torpedos."

Die Bauarbeiten begannen im Februar 1941. In der ersten Ausbaustufe entstand ein Komplex für zwölf Boote, die Bunker Keroman I und Keroman II, benannt nach der örtlichen Halbinsel. Die Bunker, etwa 140 mal 130 Meter groß, werden geschützt von mächtigen Panzertoren und einer Dachkonstruktion aus norwegischem Granit. Zwischen beiden Anlagen wurden die U-Boote per Seilwinde an Land gezogen und dann über eine Drehscheibe in eine der 13 Bunkerkammern verholt. Das dauerte maximal eine Stunde.

Ein massives Bollwerk

Weil die Ausweitung des U-Boot-Kriegs bald zusätzliche Bunker erforderte, entstand ab September 1942 der Großbunker Keroman III. Die parallel laufenden Bauvorhaben erreichten ein gigantisches Volumen. Für die Konstruktion aus armiertem Beton wurde ein Zementwerk installiert, dazu eine Entsalzungsanlage für den nötigen Meersand.

Insgesamt schufteten bis zu 22.000 Menschen auf den Baustellen - darunter Zwangsarbeiter unter dem Kommando der Organisation Todt (OT): Die paramilitärische Truppe, im Reich verantwortlich für den Bau der Autobahnen, übernahm die Projektleitung. Rund 200 Lkw waren im Einsatz, neue Schienenwege nach Keroman transportierten Bau- und Kriegsmaterial. Viele Elemente wie Kräne, Dachträger, Hebebühnen wurden vorgefertigt aus Deutschland herangeschafft.

Beteiligt waren neben lokalen Unternehmen die Spitzen der deutschen Bauwirtschaft. MAN lieferte Pumpen, Rollschlitten und Schleusenkammern, die Firma Carl Brandt übernahm Tiefbauarbeiten, die Gutehoffnungshütte errichtete die Tore der U-Boot-Boxen. Siemens organisierte Bauarbeiten und Elektroinstallationen, und die Philipp Holzmann AG kümmerte sich um die Metallkonstruktion.

Trotz der Angriffe alliierter Flieger waren die Anlagen im Januar 1943 fertiggestellt. Damit konnte der Großbunker, 170 Meter breit und rund 140 Meter lang, die neuen U-Boote vom Typ XXI aufnehmen. Allein Keroman III verfügte über sieben Boxen für bis zu 13 U-Boote. Zwei Liegeplätze konnten auch gelenzt werden, was Reparaturen wie in einem Trockendock erlaubte. Wegen der zunehmenden Bombardements wurde die Bunkerdecke auf bis zu sieben Meter Dicke verstärkt, zusätzliche Fangroste schützten vor der Wucht von Explosionen.

So ausgebaut wurde die "Kriegsmarinewerft" Lorient zum massiven Bollwerk, einschließlich Flugabwehrstellungen, Werkstätten und Munitionslager, dazu ein Elektrizitätswerk, Heizungsanlagen sowie Kraftstoff- und Wassertanks. Für die Deutschen entstand eine Kaserne mit Kantine, Kino und Klinik. Von den 1149 Überholungen in Frankreich fanden 492 in Lorient statt, schreibt das Stadtarchiv von Lorient .

"Kuratoren moderner Kriegsarchäologie"

1945 nahmen US-Truppen die Basis ein, nach Kriegsende wehte dort die Trikolore. Übernommen wurde auch unversehrte Ausrüstung: "Unsere ersten französischen U-Boote nach 1945 waren durchweg Kriegsbeute", berichtet Michel Paulmier, früher U-Boot-Kommandant. "Die Besatzungen wurden zu einem Gutteil aus Elsässern rekrutiert, denn die Beschriftungen und Betriebsanleitungen von Maschinen, Steuer- und Kommandozentrale waren auf Deutsch."

Nach der Schließung 1997 tat sich die Stadt Lorient lange Zeit schwer mit dem Erhalt der U-Boot-Basis. Man sah die Bunker als sperriges Erbe der Nazis; sie stehen für die traumatischen Erfahrungen von Okkupation und alliiertem Bombenkrieg, der die Stadt 1943 fast vollständig zerstörte.

Mittlerweile hat sich Lorient mit den unheilvollen Hinterlassenschaften arrangiert. Für Regattasegler entstand eine "Cité de la voile", nautische Spezialfirmen haben sich in Bunkern angesiedelt, das Museum zählt jährlich 70.000 Besucher. Das Stadtarchiv beschreibt die U-Boot-Basis von Keroman als das "wichtigste Monument des II. Weltkriegs in Lorient", als eines der "seltenen Relikte der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Totalitarismus und damit ein wichtiges Element des Kulturerbes".

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

So argumentiert auch Fotograf Stéfane France, der die akribische Schrauberarbeit seiner Landsleute per Plattenkamera dokumentiert . "Die ehemaligen U-Boot-Fahrer erhalten eine Vergangenheit, die nicht vergessen werden darf", sagt der Amateurhistoriker. "Die Männer sind keine verschrobenen Hobbybastler, sondern Kuratoren moderner Kriegsarchäologie."

In die Erklärung platzt plötzlich anschwellendes Sirenengeheul. "Damit wurde früher an Bord der U-Boote bei Abtauchen Alarm gegeben", sagt Vereinschef Scarpellini grinsend. "Aber kein Grund zur Panik - es ist nur Zeit für den wöchentlichen Umtrunk. Seeleute brauchen ihren Apéro."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.