Angriff auf Sansibar Der kürzeste Krieg der Weltgeschichte

Aus vollen Kanonenrohren feuerte die britische Marine 1896 auf den Palast von Sansibar und stürzte einen rebellischen Sultan. Die koloniale Blitzschlacht dauerte nur 38 Minuten - die schnellste, die Geschichtsbücher je verzeichneten. Von Corina Kolbe

Angriff auf den Sultanspalast in Sansibar-Stadt am 27. August 1896: Aufgeboten hatten die Briten das Flaggschiff "St. George", die "Philomel", die "Sparrow", die "Racoon" und die "Thrush" (v.l.n.r.)
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Angriff auf den Sultanspalast in Sansibar-Stadt am 27. August 1896: Aufgeboten hatten die Briten das Flaggschiff "St. George", die "Philomel", die "Sparrow", die "Racoon" und die "Thrush" (v.l.n.r.)


"Alles klar zum Gefecht!" Schlag 9 Uhr am Morgen des 27. August 1896 gab der britische Konteradmiral Harry Rawson an Bord des Kreuzers "HMS St. George" den Einsatzbefehl. Als die ersten Geschützsalven übers Wasser donnerten und in den Sultanspalast von Sansibar einschlugen, konnte niemand ahnen, dass dieser Konflikt einmal als der kürzeste Krieg der Weltgeschichte ins "Guinness-Buch der Rekorde" eingehen würde.

Nie zuvor hatte es ein solches Truppenaufgebot in der Region gegeben. Im Hafen von Sansibar-Stadt hatte die Royal Navy fünf Kriegsschiffe zusammengezogen, um Chalid ibn Barghasch zu stürzen. Er hatte sich selbst zum Sultan ernannt. Doch als "Schutzmacht" hätten die Briten laut Vertrag mitbestimmen dürfen, wer als Nächster die Insel regierte.

Der Konflikt fiel mitten in die düstere Phase des Kolonialismus im ausgehenden 19. Jahrhundert, als europäische Mächte Afrika unter sich aufteilten und den Kontinent unterjochten. Zwischen Großbritannien, Frankreich und Belgien, Italien, Deutschland und Portugal setzte nach der Berliner Kongo-Konferenz 1884 ein regelrechter Wettlauf um Herrschaftsgebiete ein. Knapp zwei Jahrzehnte später war Afrika komplett aufgeteilt.

Die Inselgruppe Sansibar liegt strategisch günstig vor der Küste Tansanias, damals Teil Deutsch-Ostafrikas. Gleich nebenan in Kenia hatten die Briten das Sagen. 1890 erkannte das Deutsche Reich Sansibar als Einflussgebiet des Rivalen an und erhielt im Gegenzug die Insel Helgoland.

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38-Minuten-Krieg: Die Blitzschlacht um Sansibar

1890 wurde Sansibar faktisch Teil des britischen Kolonialreiches, die Briten wählten ihnen genehme Sultane aus, doch Sultan Hamad ibn Thuwaini starb unerwartet am 25. August 1896. Sein Cousin und Schwager Chalid ibn Barghasch sah sogleich seine Stunde gekommen. Es wurde gar gemunkelt, der bekennende Briten-Gegner habe Hamad eigenhändig mit Gift ins Jenseits befördert - zumal der machthungrige Chalid bereits drei Jahre zuvor versucht hatte, seinen verstorbenen Onkel zu beerben, den damaligen Sultan. Britische Marinesoldaten hatten ihn allerdings festgenommen und aus dem Verkehr gezogen.

Nach dem Tod Hamads, den London auf den Thron gehievt hatte, drohte der Kolonialmacht ein Kontrollverlust in Sansibar. Der 22-jährige Chalid zauderte nicht und besetzte den Palast mit ein paar Dutzend Getreuen. Bereits eine halbe Stunde nach Hamads Begräbnis rief er sich selbst zum Sultan aus.

Bald hatte er etwa 2800 mit Gewehren und Musketen bewaffnete Männer um sich geschart , darunter 700 sansibarische Askaris, die früher auf Seiten der Kolonialherren gekämpft hatten. Zivilisten ergänzten die bunt zusammengewürfelte Truppe. Konteradmiral Rawsons Verband gehörten dagegen 150 Marinesoldaten und 900 Askaris an.

Schaurige Stille vor der Schlacht

Gegen die britischen Schiffe brachte Chalid sogleich seine Artillerie in Stellung, darunter zwei von Kaiser Wilhelm II. geschenkte Zwölfpfünder-Feldkanonen. Ein Ultimatum ließ er verstreichen. Das britische Militär ging zum Angriff über, mit Genehmigung von Premierminister Lord Salisbury. Britische Frauen und Kinder waren vorher in Sicherheit gebracht worden.

"Die Stille in Sansibar war beängstigend", schrieb der US-Diplomat Richard Mohun über die Stunden vor Kriegsausbruch. "Normalerweise hörte man hier Trommeln und Babygeschrei, doch in jener Nacht gab es kein einziges Geräusch", zitiert ihn Kevin Patience im Buch "Zanzibar and the Shortest War in History".

Bei der Blitzschlacht nahmen ein Torpedokreuzer und zwei Kanonenboote den Sultanspalast sofort unter vollen Beschuss, um eine Truppenlandung vorzubereiten. Im Nu wurde eine Zwölfpfünder-Kanone der Araber vernichtet. Chalids Kämpfer, Diener und Sklaven verschanzten sich hinter Behelfsbarrikaden.

Der Regierungs- und Wohnsitz des Sultans fiel in Schutt und Asche. Versenkt wurde die marode hölzerne Jacht des Sultans; die Besatzung der "HHS Glasgow" hisste zum Zeichen der Aufgabe die britische Flagge und wurde gerettet. Unbeeindruckt vom Gewehrfeuer der Kämpfer Chalids brachten die britischen Soldaten den Palast und die Umgebung unter ihre Kontrolle.

Kurz, aber tödlich

Um 9.38 Uhr war der Krieg bereits vorbei - und dennoch äußerst verlustreich für die Sansibarer. Im Gefecht hatten die Briten etwa 500 Granaten, mehr als 4000 Maschinengewehrsalven und 1000 Schuss Munition abgefeuert, so Buchautor Kavin Patience. Etwa 300 Anhänger des Sultans wurden getötet und weitere 200 verletzt. Dagegen wurde auf britischer Seite lediglich ein einziger Offizier verwundet.

Bereits am Nachmittag des 27. August setzten die Briten den neuen Sultan Hamud ibn Muhammed ein. Auf Sansibars Straßen ließen sie 150 Sikhs patrouillieren, die sie aus dem kenianischen Mombasa geholt hatten.

Chalid floh ins deutsche Konsulat von Sansibar. Trotz britischer Proteste gewährte das Deutsche Reich ihm Asyl, brachte ihn an Bord des Kreuzers "SMS Seeadler" nach Deutsch-Ostafrika und ließ ihn von Daressalam für die kaiserliche Kolonialverwaltung arbeiten. Dort geriet Chalid im Ersten Weltkrieg nach der Eroberung Daressalams vorübergehend in britische Gefangenschaft. Später wurde er in die Verbannung auf die Seychellen und - wie Napoléon Bonaparte - nach Sankt Helena geschickt.

Auf der Insel Sansibar, heute ein halbautonomer Teilstaat Tansanias, kam es bis zum Ende des britischen Protektorats 1963 zu keinem weiteren Aufstand mehr. An den Krieg erinnerten zunächst noch die Reste der "Glasgow". Ihre Masten ragten aus dem seichten Wasser des Hafens, bevor das Wrack 1912 verschrottet wurde.

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Julian Schmidt, 26.08.2016
1.
Das war kein Krieg, sondern eine Verprügelungsaktion. Die Briten haben einen völlig unterlegenen Gegner so zusammengeschossen, dass man von Glück reden konnte, dass am Ende noch jemand kapitulieren konnte.
Andreas Sinambari, 26.08.2016
2. Der wirklich kürzeste Krieg der Weltgeschichte
Nicht jeder kurze Krieg ist der kürzeste. Spiegel Online selbst berichtete unter http://www.spiegel.de/einestages/mikronation-conch-republic-als-key-west-den-usa-den-krieg-erklaerte-a-951119.html über einen Krieg, der nur 60 Sekunden gedauert hat.
Thorsten Staerk, 26.08.2016
3. schöner Beitrag...
...war 39ct wert :)
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