Heldin der britischen Marine Schiffshündin Judy, die Kriegsgefangene mit der Nummer 81A

Sie rettete Soldaten, überlebte zwei Schiffsuntergänge, ebenso japanische Lager im Dschungel von Sumatra - der Zweite Weltkrieg machte Hündin Judy berühmt. Als einziges Tier erhielt sie offiziell den Status einer Kriegsgefangenen.

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Das Interview mit Großbritanniens wohl berühmtester Kriegsgefangener fiel knapp aus. Dabei hätte Judy den BBC-Hörern allerhand zu erzählen gehabt: Sie war stationiert im Fernen Osten, hatte im Zweiten Weltkrieg Schiffsunglücke überlebt, in japanischer Kriegsgefangenschaft Hunger und der Wut der Wachen getrotzt, den Bau einer "Todeseisenbahn" überstanden und zudem zahlreichen Mitgefangenen das Leben gerettet.

Doch als Judy im Juni 1946 vor die Mikrofone der beliebten Radiosendung "In Town Tonight" trat, fehlte es ihr an Ausdrucksvermögen. Statt heroischer Kriegsgeschichten erklang nur ein kurzes Bellen - denn sie war ein English Pointer. Ein Hund mit Alleinstellungsmerkmal: Judy war das einzige Tier, das bis dahin, aber auch seitdem offiziell als Kriegsgefangener anerkannt worden ist.

Als Maskottchen auf dem britischen Kanonenboot "HMS Grasshopper" geriet Judy in den Zweiten Weltkrieg in Südostasien. Der Pazifikkrieg tobte bereits seit 1937 und holte auch das Vereinigte Königreich ein, spätestens mit dem Angriff der Japaner auf Singapur, dem als uneinnehmbar geltenden "Gibraltar Südostasiens" im Januar 1942. Die von britischen Offizieren geführten Verteidiger der Stadt hatten der Wucht der Attacke wenig entgegenzusetzen und erlitten in der Schlacht um Singapur am 15. Februar eine vernichtende Niederlage.

Flucht schien der einzige Ausweg. Beladen mit Evakuierten aus Singapur traf die "Grasshopper" jedoch auf japanische Bomber. Unter massivem Beschuss gab Commander Jack Hoffman das Schiff auf: alle Mann von Bord, die Frauen zuerst. An den Hund dachte im Chaos niemand. Erst als das Schiff auf Grund gelaufen war und einzelne Soldaten auf der Suche nach Vorräten zurückkehrten, entdeckten sie die winselnde Judy, eingeklemmt unter einem umgestürzten Spind.

"Sie sprang wie ein wildes Biest"

Judy wurde gerettet - und bald selbst zur Retterin. Die Überlebenden verschlug es auf die Insel Posic vor der Ostküste Sumatras. Ihre Erleichterung wich schnell Panik: Trinkwasser war knapp, keine Quelle zu finden. Bis ein Soldat lautes Gebell vom Strand hörte. "Judy, aufgeregt heulend, begann, im nassen Sand zu wühlen. Neugierig machte es ihr der Soldat nach, bis auf einmal klares Wasser aus dem Boden kam", schrieb der Autor Edgar Varley 1973 in seinem Buch "The Judy Story" über den "Hund mit den sechs Leben".

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Kriegsgetier: Hunde, wollt ihr ewig leben?

Wochenlang schlugen sich die Gestrandeten auf der Suche nach Rettung durch Sumatras dichten Dschungel. Vergebens. Die meisten kamen als japanische Kriegsgefangene ins Lager Gloegoer Medan. Eine Begegnung dort sollte Judys weiteres Leben prägen: Alle hungerten, trotzdem überließ ihr der Airforce-Techniker Frank Williams beim Kennenlernen seine gesamte Reisration - und Judy wich ihm fortan nicht mehr von der Seite.

Die Hündin brachte Ratten oder Schlangen ins Camp, für die Häftlinge eine willkommene Extra-Mahlzeit. Zudem erwies sie sich als Schutzengel, wie der Kriegsgefangene Les Searle später Varley berichtete: Als ein Sack Reis gestohlen wurde, setzten die Japaner zur Inspektion der Unterkünfte an - bei Entdeckung des Diebesguts drohten harte Strafen.

"Mit Sicherheit hat Judy die Anspannung registriert", so Searle, "und sie wusste genau, was zu tun ist. Sie wusste auch, wie alle von uns, dass die Japaner eine tiefe Angst gegenüber allem hatten, was mit dem Tod in Verbindung stand. Es kann also kein Zufall sein, dass Judy auf einmal wie ein wildes Biest in den Raum sprang, die Ohren angelegt, die Augen rot glühend, zwischen ihren Zähnen ein menschlicher Schädel." Die Razzia war vergessen, der Zorn der Wachen auf Judy dafür immens.

Mörderische Schinderei im Dschungel

Diesen Hund galt es für die Männer vor den Schüssen der Wachen zu schützen. Frank Williams setzte alles auf eine Karte: Mit einem von Judys Welpen suchte er eines Abends die Unterkunft von Lagerleiter Hirateru Banno auf. Williams wusste, dass der Colonel ein Verhältnis mit einer Dorfschönheit aus der Umgebung hatte, Liebesbeweise folglich gern gesehen waren. Mit dem Welpen und viel Verhandlungsgeschick überredete er Banno: Judy wurde offiziell Kriegsgefangene, ihre Nummer lautete 81A Medan. Dieser Status, hoffte Williams, sollte Judy ein Mindestmaß an Schutz bieten.

1944 lösten die Japaner das Lager auf und transportierten die verbliebenen Gefangenen mit einem alten Frachtschiff gen Norden. "Höllenschiffe" wurden die abgetakelten Kähne genannt: Tausende Gefangene waren hier über Wochen zusammengepfercht, bei wenig Nahrung, Wasser und Sauerstoff, bei Hitze und enormem Gestank.

Weil eine spezielle Kennzeichnung fehlte, machten nicht selten U-Boote der Alliierten Jagd auf ihre eigenen Leute. Auch das Schiff von Frank Williams und Judy, die "Harukiku Maru", erreichte den Zielhafen nicht - zwei Torpedos der britischen "HMS Truculent" trafen es am Morgen des 26. Juni.

Im Kampf gegen das Ertrinken schlug Judys große Stunde als "fantastischer Lebensretter", wie sich Marine-Veteran Leonard Walter Williams später im Interview mit dem Imperial War Museum erinnerte. "Sie brachte Trümmerteile zu Männern, die nicht schwimmen konnten. Eine Menge Menschen verdanken ihr das Leben." Dann erst wurde Judy aus dem Wasser gezogen, "mehr tot als lebendig", sagte ein Augenzeuge dem Journalisten Robert Weintraub. "Sie hatte sich für die Rettung der Männer selbst aufgeopfert."

Williams und Judy blieben ein weiteres Jahr in japanischer Kriegsgefangenschaft. Wie bei der Eisenbahnstrecke durch Thailand, bekannt durch den Film "Die Brücke am Kwai", mussten die Gefangenen auch auf Sumatra Gleise durch den Dschungel legen und nannten es später die "Todes-Eisenbahn von Pekanbaru". Denn an der Trasse wurde vorn gebaut, hinten begraben: Bei der mörderischen Schinderei starben knapp 700 Kriegsgefangene und mehr als 100.000 indonesische Zwangsarbeiter, sogenannte Romushas.

"Frank und Judy waren niemals getrennt"

Zu den Überlebenden zählten Williams und Judy, die den Hunger der Menschen mit von ihr erlegten und herbeigeschleppten Tieren zumindest hatte lindern können. Frei kamen Hund und Herrchen am 15. August 1945, neun Tage nach der Atombombe auf Hiroshima und sechs Tage nach der Bombardierung Nagasakis.

50.000 Briten waren in japanische Kriegsgefangenschaft geraten, Judy war unter ihnen bekannt wie kein anderer und bekam nun eine Menge Fans im britischen Militär. Und überhaupt im Vereinigten Königreich. Als einziges Tier wurde sie offiziell Mitglied im Verband der zurückgekehrten Kriegsgefangenen. Auch die Dickin-Medaille der britischen Tierschutzorganisation PDSA war ihr sicher, eine Auszeichnung für Tiere, die im Krieg gedient haben. Und obendrein drei militärische Orden.

Als der von Nazideutschland entfesselte Zweite Weltkrieg endlich vorüber war, gab es ein großes öffentliches Interesse an Heldengeschichten, die auch Trost spenden konnten in diesen Verheerungen. Erzählungen von tapferen Tieren waren beliebt, ob von Militärhündin Judy, dem Soldatenbären Wojtek oder dem Schiffskater "Unsinkable Sam", der jedem Untergang trotzte.

Nicht immer war der Wahrheitsgehalt bis ins Detail überprüfbar - schon möglich, dass die Veteranen manche Tiertaten ins Phantastische überhöhten. Bei Judy erlauben aber die Vielzahl und die Übereinstimmung der Zeitzeugen-Aussagen den Schluss, dass sie genau das war, als was sie noch heute gefeiert wird: eine Retterin mit verdientem Heldenstatus.

Viel mehr noch bedeutete sie dem Mann, der sie im Lager adoptiert hatte. Der Kriegsgefangene Tom Scott erinnerte sich im Gespräch mit Buchautor Varley: "Frank und Judy waren niemals getrennt. Sie haben füreinander gelebt. [...…] Ohne Frank wäre Judy auf jeden Fall gestorben - an einem gebrochenen Herz."

Als beide in Ostafrika waren, wo Williams nach dem Krieg zu arbeiten begann, beendeten die Folgen einer Tumor-Operation Judys Leben. Danach sollte Frank Williams nie wieder einen Hund haben, bis er 53 Jahre später starb.

insgesamt 4 Beiträge
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Michael Schmidt, 01.11.2019
1. Kleine Korrektur...
der Krieg gegen die Briten in Fernost begann ebenfalls am 7.12.41, durch die Landungen der Japaner im heutigen Myanmar...und die 3 Tage später erfolgte Versenkung der HMS Prince of Wales und HMS Repulse. Singapur war dann das Ende des Malaya-Feldzuges, auch Hong Kong wurde schon am 8.12. angegriffen.
Dieter Bürkel, 02.11.2019
2.
Bild 4: Als der Krieg rum war, sollte Judy in Asien zurückbleiben wie ein nicht mehr benötigter Schrank. What the ... - Was für ein Idiot.
Wilfried Huthmacher, 04.11.2019
3. Wenn ich das richtig gelesen hatte.
Zitat von swandueBild 4: Als der Krieg rum war, sollte Judy in Asien zurückbleiben wie ein nicht mehr benötigter Schrank. What the ... - Was für ein Idiot.
war es der Techniker, der das Tier mit nach England geschmuggelt hatte anstatt es in Asien zurück zu lassen. Who is the idiot?
Stefan Matthäus, 04.11.2019
4.
Die Knochenbahn Moeara-Pekanbaroe und deren Zeugnisse, die noch heute existieren, u.a. mehrere verrostete Dampflokomotiven javanisch/niederländisch/deutschem Urspungs mitten im Dschungel, wären sicher mal eine eigene Story wert. Sie steht in nichts der Todesbahn vom River Kwai in nichts nach. Es ist nicht nur so, dass vorne gebaut und hinten gestorben wurde, die Bahnlinie wurde zwar vorne fertig, zerfiel aber hinten schon wieder. Und während die Japaner schon kapitulierten, dauerte es noch mehrere Tage/Wochen, bis auch die japanischen Soldaten vor Ort von der Kapitulation Japans Wind bekamen und bis dahin munter weiter bauen ließen.
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