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Buddhisten in der DDR

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Buddhisten in der DDR Erleuchtet im Arbeiter- und Bauernstaat

Von Fernost in den ganz Nahen Osten – auch in der DDR meditierten sich junge Menschen ins Nirwana. Cornelia traf mit 17 einen dänischen Guru und erzählt von einer spirituellen Szene, die heute fast vergessen ist.

Ihr Erweckungserlebnis war eine Fahrt in einem Westauto. 17 Jahre alt war Cornelia, die in Wirklichkeit anders heißt, an diesem Tag im Juli 1978, eine junge Potsdamerin, Tochter einer Lehrerin und eines Küchenmeisters. Am Steuer der silbernen Limousine: »ein Hippie mit Lederjacke«. Von Mönchen aus dem Himalaja erzählte er, vom Meditieren und inneren Frieden. So erinnert Cornelia sich heute, mehr als vier Jahrzehnte später.

Gebannt lauschte Cornelia auf dem Beifahrersitz – und auf der Rückbank blätterte ihr damaliger Freund in verbotenen BRD-Zeitschriften aus dem Gepäck des Fremden. Eigentlich hatte das Pärchen auf der Transitstrecke 5 in Brandenburg nur trampen wollen, Richtung Kühlungsborn an der Ostsee. Hinter Nauen hielt dieser eigenwillige Mann an.

Ole Nydahl, so stellte er sich vor. Ein Däne, Mitte 30, der fernöstliche Spiritualität nach Europa importierte: den von ihm gegründeten Diamantweg-Buddhismus, zugeschnitten auf postmodernen Individualismus. Inspiriert hatten ihn ranghohe Gelehrte der buddhistischen Karma-Kagyü-Linie. Der Aussteiger war nach Aufenthalten in Nepal und Indien zum Kenner der Materie und zu einem Intimus des dortigen Klerus geworden. Nun war er auf dem Rückweg von Treffen mit Glaubensangehörigen in West-Berlin, wie er jedenfalls der beeindruckten Cornelia erzählt.

»Bei mir ist damals etwas passiert«, sagt Cornelia, heute 60, über die Zufallsbegegnung. »Ich bekam einen Einblick in eine Welt, in der die Gedanken frei sind, es keine Schuld gibt.« Die junge DDR-Bürgerin, erzkatholisch mit Tischgebet und Beichte aufgewachsen, entwickelte sich zur Buddhistin – in einer sozialistischen Diktatur, deren Einwohnern der Lotossitz so vertraut war wie Papaya oder Peepshows.

Auf Missionstour in der DDR

Cornelia gehörte damit einer jungen Nischenszene an, die nach Befreiung strebte: von Macht, Gier und anderen Ego-Illusionen. Ole Nydahl missionierte auch in Ostblockstaaten und wurde ihr spiritueller Mentor. Nach der Spritztour durch die ostdeutsche Pampa schickte er ihr eine Karte mit buddhistischen Segenswünschen, später ein Exemplar seines Selbstfindungsbuchs »Die Buddhas vom Dach der Welt«. Und bis zur Wende rund 50 Briefe, auch neue Schriften. Sie trafen sich mehrfach, einmal in einer Gaststätte unter dem Ost-Berliner Fernsehturm. Nydahl verschenkte kleine, laminierte Hagiografien von buddhistischen Weisen.

Auch andere Buddhisten gingen auf Bekehrungsmission jenseits des Eisernen Vorhangs. So lehrte Alexander Berzin, ein amerikanischer Indologe mit Harvard-Promotion, junge Novizen Mantras und Meditationstechniken. Mit Tagestickets reiste der Weltenbummler, der jahrelang in Indien gelebt hatte, in den Achtzigerjahren immer wieder nach Ost-Berlin, wo Buddhisten in ihren Wohnungen meditierten. Gierig nach Wissen seien sie gewesen, sagt er heute.

Die gelebte Spiritualität im Verborgenen war der Kontrast zum Buddhismus als trockenes Forschungsobjekt in der Wissenschaft. Bereits 1966 war ein »Buddhist Centre« entstanden, unter dem Dach des Instituts für Orientalische Archäologie und Kunst der Universität Halle-Wittenberg. Die Studien sollten für internationales Prestige sorgen, fortan erschien das Jahrbuch »Buddhist Yearly«. Der Leipziger Reclam-Verlag veröffentlichte 1984 die Textsammlung »Die Vier Edlen Wahrheiten«, herausgegeben von Klaus Mylius, einem Indologen aus Leipzig.

Der Staat duldete die spirituelle Sinnsuche

Buddhistische Gruppen fanden sich über Ole Nydahl, andere Multiplikatoren aus dem Westen sowie Mund-zu-Mund-Propaganda von jungen DDR-Freigeistern. Cornelia war Geheimbündlerin im Untergrund und erinnert sich an Meditationskreise in Berlin, Leipzig, Dresden, Jena und Weimar – Hochschulstädte mit Künstlern, Intellektuellen und anderen Nonkonformisten. Auf mindestens tausend Leute schätzt sie die Szene.

Die DDR-Buddhisten waren diskret. Cornelia erzählt von Treffen in wechselnden Privatwohnungen, mit höchstens einem Dutzend Leuten. Eine Do-it-yourself-Kultur, zusammengeleimt aus Belehrungen der eingereisten West-Mentoren und mühsam beschaffter Fachliteratur über Achtsamkeit und »unermessliche Gefühle«. Ein anderer Zeitzeuge berichtet auch von improvisierten Veranstaltungen in Kirchengemeinden, Sporthallen und Kulturstätten, angekündigt etwa als Sport- oder Gesundheitskurse. Buddhistische Praxis kam dann inoffiziell hinzu. So wurden Stasi-Schnüffler offenbar in die Irre geleitet.

Das Verhältnis der Staatsoberen zur Spiritualität war ambivalent. »Die Stasi dürfte sich schon für die DDR-Buddhisten interessiert haben«, sagt Jens Gieseke vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung. Daraus sei jedoch »keine breite, öffentlich wirksame Bewegung entstanden«. Der Historiker folgert: »Es würde mich wundern, wenn es Überwachungsmaßnahmen in ganz großem Stil gegeben hätte, mit Abhöraktionen und Hunderten Spitzeln.«

Wunsch nach Ausreise

Nach anfänglicher Skepsis duldete das SED-Regime die Ausübung asiatischer Körper- und Mentaltechnik. Der Autor Matthias Tietke gehörte in der DDR der Achtzigerjahre selbst zu dieser Szene. In seinem Buch »Yoga in der DDR« schildert er, wie herabschauender Hund, Krieger und Tänzer zu salonfähiger Gymnastik wurden. Wissenschaftliche Ratio ebnete erneut den Weg. Vor allem Honoratioren eines »Arbeitskreises für Yoga und altindische Medizin« hatten die Praxis von Esoterik-Klischees befreit.

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Buddhisten in der DDR

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Cornelia konnte selbst Vorträge zu ihrem buddhistischen Weltbild halten, etwa im Potsdamer Kulturzentrum »Urania«. Einige in ihrem Umfeld hätten das Land sogar verlassen können, erzählt sie. Nach der KSZE-Schlussakte, im Jahr 1975 in Helsinki unterzeichnet, war Auswanderung keine Utopie mehr. Cornelia sehnte sich nach Dänemark, Heimat ihres Lehrmeisters, wo eine junge, buddhistische Subkultur erblüht war. Dreimal hatte die Baufacharbeiterin Ausreiseanträge gestellt und mit dem Wunsch auf »freie Religionsausübung« begründet. Am Ende blieb sie aber in der DDR – zu verbunden fühlte sich Cornelia, mittlerweile berufstätige Mutter, ihrer Familie.

Trotzdem war der Buddhismus eine transzendierende Erfahrung: »Ich habe gelernt, dass ich selbst für mein Leben die Verantwortung trage.« Sie löste sich von Gottesfürchtigkeit und vom Klammergriff eines bevormundenden Staates. Dank einer Lehre, deren Hüter absolute Wahrheiten für Blendwerk halten.

Die alten Netzwerke verloren sich

Nach dem Mauerfall kehrte Cornelia der Buddhismus-Gemeinde den Rücken. Die alten Netzwerke aus DDR-Zeiten bröckelten: »Die Leute waren zu sehr mit anderen Sachen beschäftigt.« Und westliche Gruppen, die ihre Zentren für Gesinnungsschwestern und -brüder aus Ostdeutschland öffneten, fand sie »zu hermetisch«. Cornelia hangelte sich von Job zu Job, ließ sich etwa zur Heilpraktikerin ausbilden, war als ABM-Kraft am Aufbau eines Obstbau-Museums beteiligt, betrieb eine Reklamefirma.

Später arbeitete sie als Entwicklungshelferin in Ländern wie Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan. Aus der Bewusstseinsreisenden wurde eine Globetrotterin, die heute zwischen drei Wohnsitzen pendelt: einem Ort in Brandenburg, der usbekischen Hauptstadt Taschkent und Mound, einer Kleinstadt in Minnesota (USA). Noch heute versenkt sich Cornelia in Zen-Meditationen, meist allein, und schießt manchmal auch mit Pfeil und Bogen – eine weitere Übung aus der Zen-Praxis.

Einmal noch ist sie Ole Nydahl, ihrem einstigen Spiritus Rector, in den frühen Neunzigerjahren begegnet, als er in der Stadtbibliothek Potsdam eine Audienz hielt und verändert wirkte: Cornelia beschreibt ihn als »Guru in Alltagskleidung, der mechanisch sein Programm abspulte«.

»Im Kokon seiner verhärteten Weltanschauung«

Der Wanderprediger baute seine Lehren damals zum florierenden Lifestyle-Produkt aus. Mit Zentren auf mehreren Kontinenten, in Bonn und Bern, in San Francisco, Warschau und Sankt Petersburg – und mit massentauglichen Events. »Ein oberflächlicher ›Instant-Buddhismus‹, der mit tibetischem Buddhismus östlicher Lesart wenig gemeinsam hat«, urteilte der Religionswissenschaftler Martin Baumann 2005 in der »Neuen Luzerner Zeitung«. Nydahls Diamantweg-Buddhismus wird heute in weltweit mehr als 600 Einrichtungen gelehrt, davon 143 in Deutschland. Er nennt sich »Lama«, der Titel für einen tibetischen Lehrer des Dharma, also der buddhistischen Überlieferung.

Erleuchtungsprofi Nydahl (2005 in Immenhausen): Gesicht eines massentauglichen Lifestyle-Buddhismus

Erleuchtungsprofi Nydahl (2005 in Immenhausen): Gesicht eines massentauglichen Lifestyle-Buddhismus

Foto: Uwe Zucchi / dpa

Zugleich geriet Nydahl, Jahrgang 1941, auf Abwege: Seit Jahren irritiert er immer wieder in loser Rede mit Aussagen, die er selbst lediglich als Kritik am »politischen Islam« bezeichnet, die viele Zuhörer indes deutlich anders verstehen – als feindselige und pauschale Herabsetzung von Muslimen . Zudem traf Nydahl Rechtspopulisten vom Schlage des Niederländers Geert Wilders und empfahl, die AfD zu wählen.

Lange Kontroversen darüber trieben auch einen Keil in die Deutsche Buddhistische Union. 2019 hat der deutsche Ableger von Nydahls Diamantweg-Buddhismus den Dachverband verlassen. Ein Paukenschlag in dieser sonst so friedlichen Welt.

Nydahls Radikalisierung befremdet Cornelia. »Ole hat sich in den Kokon seiner verhärteten Weltanschauung eingehüllt«, sagt sie. »Er berührt mich nicht mehr.« Bis heute ist sie ihm aber dankbar: dafür, dass er als junger Mann den Buddha ins spirituelle Ödland brachte.

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