Büchersturm in Indien Lob für einen Dämon

In Indien ist das Buch ein Beststeller - und der Autor, immerhin Ex-Außenminister, deswegen aus seiner Partei geflogen: Jaswant Singh hat eine Biografie über Pakistans Staatsgründer Jinnah geschrieben. Mit der Frage nach der Schuld an der Teilung des Subkontinents 1947 rührt er an offene Wunden.

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Jaswant Singh macht keinen glücklichen Eindruck, obwohl er der erfolgreichste Buchautor Südasiens ist. Sein Werk ist am 17. August 2009 erschienen, also gerade mal vor ein paar Wochen. Sein Verlag in Neu-Delhi lässt schon wieder eine neue Auflage drucken - die 17. Es wird wohl, sagen die Leute in seinem Verlag, das meistverkaufte Buch des Jahres in Indien und Pakistan.

Freude will bei Singh trotzdem nicht aufkommen. In Fernsehinterviews wirkt er zerknirscht, oft in Gedanken versunken, nicht ganz bei der Sache, als könnte er noch nicht verstehen, was ihm in den vergangenen Tagen widerfahren ist. Denn das Ansehen des inzwischen 71-jährigen Ex-Finanz-, Verteidigungs- und Außenministers Indiens ist größtenteils ruiniert: Seine Partei hat ihn drei Tage nach Erscheinen seines Buches hinausgeworfen, vermutlich ohne es überhaupt ganz gelesen zu haben. Brüsk wurde er am Hoteleingang, auf dem Weg zu einer Parteiversammlung, abgewiesen. Im indischen Bundesstaat Gujarat wurde sein Buch sogar verboten.

Denn Singh hat mit seiner 669 Seiten dicken Biografie des pakistanischen Staatsgründers Muhammad Ali Jinnah an eine Wunde gerührt, die 62 Jahre nach der Teilung Indiens noch immer nicht verheilt ist - jene Wunde, die entstanden ist durch Millionen Tote auf der Flucht, durch Zigtausende, die nach der Teilung in mehreren Kriegen starben und durch das Schicksal unzähliger Familien, die auseinandergerissen wurden und sich bis heute oft nur in Drittländern sehen können.

Parteinahme für einen Schuldigen

"Wenn wir Bücher verbieten", sagt Singh, "untersagen wir das Denken." Ein Gericht in Gujarat hat das Verbot inzwischen wieder aufgehoben, trotzdem sind die Menschen dort wie anderswo im Land noch wütend auf den Autor. An manchen Orten soll es sogar zu Bücherverbrennungen gekommen sein.

Singh, ein Ex-Offizier der Kavallerie, Pferdenarr und Whiskyliebhaber, der sich aus armen Verhältnissen hochgearbeitet hat, versucht, Haltung zu wahren. "Ich denke, ich habe meiner Partei in den vergangenen 30 Jahren nach bestem Vermögen gedient", sagt er. Offenbar ahnte er schon, dass sein Buch für Ärger sorgen würde. Die Veröffentlichung hatte er deshalb um ein paar Monate verschoben - auf einen Termin nach den indischen Parlamentswahlen im Mai.

Genützt hat es nichts, weder seiner Partei, der rechtskonservativen Bharatiya Janata Party (BJP), die eine herbe Niederlage erlitt, noch ihm. Vielleicht ist der jetzige Ärger um die Person Singh und die mediale Aufmerksamkeit, die auf diesen Polit-Veteranen gerichtet ist, auch eine Form der innerparteilichen Krisenbewältigung, ein Ventil für eine Menge Frust.

"Jinnah. India - Partition - Independence" lautet der etwas dröge Titel. Das Buch, Ergebnis von fünf Jahren Recherche, soll Muhammad Ali Jinnah, den damaligen Chef der indischen Muslim Liga, "endlich entdämonisieren". In Indien gilt Jinnah als der Schuldige für die Teilung Indiens nach Abzug der britischen Kolonialherrscher 1947. Jinnah, so die weitläufige Meinung, habe aus persönlicher Machtgier die Spaltung vorangetrieben und bei den Briten einen neuen Staat Pakistan durchgesetzt. In Pakistan dagegen wird der Vater der Nation "Qaid-e-Azam" genannt, der "große Führer", obwohl er nur ein Jahr nach Staatsgründung an Tuberkulose starb.

Kritik an den Nationalhelden

Ausgerechnet Jaswant Singh, ein (nunmehr: Ex-)Mitglied der hindunationalistischen BJP, findet jetzt lobende Worte für Jinnah, der ein großer Staatsmann gewesen und in Indien missverstanden worden sei - und kritisiert dagegen den ersten indischen Premier Jawaharlal Nehru, dessen Mitstreiter Sardar Vallabhbhai Patel aus Gujarat - daher die dortige Aufregung - und sogar Mahatma Gandhi. Diese Männer, schreibt er, trügen letztlich größere Schuld an der Teilung des Subkontinents als Jinnah. Nun gehörten diese drei der Kongress-Partei an, dem politischen Gegner der BJP, so dass es kaum verwundert, dass Singh sie kritisiert. Heutige Kongress-Politiker sehen darin denn auch ein durchsichtiges politisches Manöver, das allerdings gründlich schief gegangen sei, weil selbst BJP-Politiker Kritik an diesen Nationalhelden und Lob für Jinnah nicht gutheißen würden.

Doch die Geschichtsdeutung ist nicht neu - nur dass die historischen Erkenntnisse bislang nicht solche Durchschlagskraft hatten wie das Buch von Singh, das in Indien und Pakistan seit Tagen in Zeitungen, Magazinen und Talkshows diskutiert wird. So stellte schon der Spielfilm "Jinnah", eine britisch-pakistanische Produktion aus dem Jahr 1998 mit Christopher Lee in der Hauptrolle, den indischen Kongress-Politiker Nehru als einen Mann dar, der Jinnah als ersten Premierminister Indiens verhindern wollte, um selbst dieses Amt einzunehmen. Daher, so das Fazit, sei der gewiss ehrgeizige Jinnah geradezu gedrängt worden, einen neuen Staat zu fordern.

Jaswant Singh belegt die Abneigung Nehrus gegen Jinnah mit einem Tagebuchzitat von 1943: "Er [Jinnah] entwirft, mit all seiner Gerissenheit und seinen Fähigkeiten, ein Bild von mir als einen äußerst ignoranten, nicht verstehenden Mann, der nicht einmal in der Lage ist, die Welt und ihre Probleme zu erfassen. (...) Mein Gefühl sagt mir, dass es besser ist, ihm Pakistan oder irgendetwas anderes zu geben, damit man Jinnah fernhalten kann und ihm keine Gelegenheit gibt, sich ständig mit seinem verwirrten und arroganten Kopf in die Fortschritte Indiens einzumischen."

"Den Preis für die Teilung haben die Muslime bezahlt"

Jinnah habe keineswegs, wie der letzte britische Statthalter, Lord Mountbatten, behauptete, engstirnig am Ziel eines Staates für Muslime gearbeitet. "Jinnahs Sorge war das Wohlergehen der Muslime in Indien, die den Hindus zahlenmäßig unterlegen waren. Er wollte lediglich sicherstellen, dass sie "Raum im System" hätten: Sie hätten, in einem föderalen Indien, das Sagen haben sollen in jenen Regionen, in denen sie die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Doch Nehru habe einzig an ein zentralistisches Indien geglaubt - in dem er an der Spitze stehen sollte.

Was anderes als eine schmerzhafte Teilung hätte die Folge sein können?, fragt Singh. Nicht einmal vier Jahre nach Nehrus Tagebucheintrag war es so weit: Bis zu zehn Millionen Menschen verließen ihre Heimat, Muslime flohen in Richtung Westen, in den neuen Staat Pakistan, Hindus und Sikhs Richtung Osten. Eine Million Menschen verloren dabei ihr Leben - verhungert, verdurstet, an Krankheit und Schwäche gestorben oder ermordet, massakriert, bei lebendigem Leib verbrannt. Aus früheren Nachbarn waren Feinde geworden, die Religion bestimmte, in welches Lager man gehörte.

Singh behauptet, für die derzeit rund 160 Millionen Muslime in Indien habe sich die Lage bis heute nicht verbessert: "Schauen Sie in die Augen der Muslime, die heute in Indien leben, und Sie sehen den Schmerz, in dem sie leben. Wir behandeln sie wie Fremde. Den Preis für die Teilung haben ohne Zweifel die Muslime bezahlt. Sie wären signifikant mächtiger in einem geeinten Indien."

Was ist Indien?

Singh rührt damit an der Kernfrage, die Südasien spaltet, über die man aber nicht so gern öffentlich redet: Wenn also Pakistan der Staat der Muslime ist und als solcher mit der Teilung einverstanden, was ist dann Indien? Ein hinduistischer Staat, wie manche Ultrakonservative es fordern? Aber was ist dann mit den Millionen Muslimen in dem Land, die laut Singh so sehr in Schmerz leben? Ist Indien nicht vielmehr, wie es die Mehrheitsmeinung ist, ein säkularer Staat mit Platz für jede Religionsgruppe? Aber dann wäre die Teilung ein Fehler - und Jinnah kein Held, sondern ein Verräter. Oder doch nicht? Indirekt hinterfragt Singh mit seinem Buch die Identität der Menschen in Südasien. Was für eine Nation sind wir? Wohin gehören wir? Und welche Rolle darf Religion spielen?

Als vor vier Jahren Lal Krishna Advani, damals Chef der BJP, am Grab von Jinnah im pakistanischen Karatschi ins Gästebuch schrieb, Jinnah sei "ein Botschafter der hinduistisch-islamischen Einheit" gewesen, musste er nach wütenden Protesten in der indischen Heimat vom Parteivorsitz zurücktreten. Er kämpfte sich zurück auf die politische Bühne und ist jetzt, trotz seiner bald 82 Jahre, wieder zum Oppositionschef gewählt worden.

Singh dagegen zieht es nicht zurück in die Politik. Er sagt, er wolle zwar weiter im Parlament bleiben, aber erst einmal für sein Buch werben. Im Oktober wird er zu Vorträgen in Pakistan erwartet. Sein Gastgeber, ein alteingesessener Buchhändler in Islamabad, will ihm eine große Willkommensparty bereiten.



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Mathias Völlinger, 14.09.2009
1.
"Was ist Indien?" Genausogut kann man fragen: "Was ist Europa?" Indien, genauso wie Europa, ist ein Konglomerat von Völkern, deren Werte sich in der Mehrheit sich historisch aus einer religiösen Tradition definiert. Christentum in Europa, Hinduismus in Indien, dort, historisch gesehen, eine Ansammlung von Königreichen und Fürstentümern, wie in Europa. Nur in "Indien" hatten die, historisch gesehen, eine signifikante "Minderheit" von Muslimen. Und die Briten haben dies in "ihrer" Zeit dort auch skrupellos ausgenutzt. Und bis zum Schluss haben sie, die Briten, versucht beide Religionen gegeneinander auszuspielen. Also war die Teilung "Partition" eine "logische" Konsequenz britischer Politik. Nicht Jinnah, nicht Nehru, nein, die Briten sind letztendlich verantwortlich. Wenigstens versuchte Jinnah "seinen" Staat Pakistan, nach dem Vorbild Atatürks in der Türkei, als einen säkularen Staat zu etablieren. Leider ist dieser charismatische Mann viel zu früh verstorben. Und der Rest ist Geschichte...
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