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Care-Pakete: 22 Kilogramm neue deutsch-amerikanische Freundschaft

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75 Jahre Carepaket Liebesgaben aus Übersee

Als Europa in Trümmern lag, leisteten die USA Nothilfe. Carepakete konnten den Hunger nicht abstellen, aber die Herzen der Besiegten gewinnen. Die ersten kamen vor genau 75 Jahren in Bremerhaven an.

Der Mann, der später mit Carepaketen Geschichte schrieb, lernte Europa unter nicht eben günstigen Umständen kennen. Arthur Ringland war ein aufstrebender Beamter der US-Forstverwaltung und verstand sich selbst als Naturschützer. 1914 schickte man ihn nach Frankreich, um ein Sägewerk für die Holz-Massenverarbeitung für die Front zu leiten. Nach dem Ersten Weltkrieg zog es ihn nicht nach Hause. Ringland wollte mehr sehen, vielleicht sogar Russland erkunden.

Stattdessen landete er in Prag und fütterte Kinder: Ein Freund hatte ihn für die US-Wiederaufbauhilfe rekrutiert, die der spätere Präsident Herbert Hoover leitete. Es war Hoovers Idee, Amerikaner zu Spenden aufzurufen. Die davon bezahlte Lebensmittelhilfe sollte in Europa gezielt an Personen gehen, die von den Spendern bestimmt werden durften – und diese innovative Idee erhöhte die Spendenbereitschaft merklich.

Weil Hoover zur Glaubensgemeinschaft der Quäker gehörte, blieb der Begriff Quäkerspeisung hängen. Schnell wurde Ringland zum Leiter der Lebensmittelhilfe in der Tschechoslowakei, später der Flüchtlingshilfe in der Türkei. Und war bestens vernetzt, als er Mitte der Zwanzigerjahre in seinen alten Job zurückkehrte. Über Jahre hatte er mit Staatspräsidenten verhandelt, US-Politiker kennengelernt und sich mit Fridtjof Nansen ausgetauscht, damals Leiter der Flüchtlingshilfe des Völkerbundes. Ebenso kannte Ringland die Strippenzieher der wichtigsten karitativen Organisationen.

Man erinnerte sich an ihn, als die USA 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Im Außenministerium stieg er bei Kriegsende zum Vizevorsitzenden der US-Behörde für die Koordination von Hilfsleistungen auf – eine Mammutaufgabe in Ländern rund um den Globus. Besonders in Europas zerbombten Städten herrschte blankes Elend.

Drei Männer, eine Idee

Was Ringland bereits 1945 erkannte: Den zahlreichen privaten Hilfsorganisationen, die gern zur Versorgung der vom Krieg verwüsteten Nationen beigetragen hätten, fehlte es für die Logisitik an Ressourcen und Know-how. Über beides verfügte die US-Army im Überfluss. Seit der deutschen Kapitulation war sie vor allem in den von den Amerikanern besetzten Gebieten für die Aufrechterhaltung der Grundversorgung zuständig, stieß bei vielen Besiegten aber auf Misstrauen.

Arthur Ringland wusste, dass sich nach dem Ersten Weltkrieg gerade die Kooperation von Armee und karitativen Organisationen als effektiv erwiesen hatte – und als höchst nützlich für das Image der Amerikaner. Nur war keine Hilfsorganisation in der Lage, die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Ringland suchte Kontakt zu Lincoln Clarke, der von der Logistikabteilung der US-Armee zur frisch gegründeten Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung UNRRA der Vereinten Nationen gewechselt war.

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Ringland machte Clarke Ende 1945 einen Vorschlag: Die US-Armee sollte 2,8 Millionen Notfallrationen freigeben, die noch immer in einem philippinischen Warenlager auf die nie stattgefundene Invasion Japans warteten. Gemeinsam entwarfen sie den Plan einer Paketverteilung nach dem Vorbild der Quäkerspeisung. Übernehmen sollte das weder die Armee noch die UNRRA, sondern ein zu schaffender Bund karitativer Organisationen: »Zusammen«, erklärte Ringland die Idee 1976 in einem Interview, »konnten die ja schaffen, was sie allein nicht hinbekamen.«

Clarkes Frau Alice soll als Namen »CARE« vorgeschlagen haben, »Fürsorge«. Das Kurzwort stand für »Cooperative for American Remittances to Europe«, also »Kooperative für amerikanische Rücksendungen nach Europa«. Auch Wallace Campbell, Chef des amerikanischen Genossenschaftsverbandes, begeisterte die Idee, Hilfslieferungen aus Armeebeständen von Privatleuten sponsern zu lassen. Clarke und Campbell gingen Klinken putzen. Zu den Genossenschaftlern gesellten sich bald 21 weitere Organisationen aus dem religiösen oder karitativen Spektrum – das Care-Projekt wurde konkret.

9,8 Pfund Dosenfleisch, 6,5 Pfund Cornflakes, Haferflocken und Kekse, 3,6 Pfund Obst und Pudding, 2,3 Pfund Gemüse, 3,9 Pfund Zucker, 1,1 Pfund Getränkepulver, 0,8 Pfund kondensierte Milch, 0,5 Pfund Butter, 0,4 Pfund Käse, ein Päckchen Zigaretten, Kaugummi

Inhalt der ursprünglichen CARE-Pakete

Die Genehmigung für die Versorgung von Frankreich und Italien zu bekommen, war kein Problem. Bereits im Mai 1946 erreichten erste Carepakete den französischen Hafen Le Havre. Weit mehr Beachtung sollte aber eine Lieferung ernten, die am 2. Juli 1946 in New York startete: die erste aus privaten Spenden finanzierte Hilfslieferung an Menschen im besiegten Deutschland.

Nur Monate zuvor hatte es noch hitzige Debatten darüber gegeben, ob man das Land, das zwei Weltkriege verschuldet hatte, auf dem Niveau eines armen Agrarstaates halten sollte – der berüchtigte »Morgenthau-Plan«. Doch nicht zuletzt US-General Lucius D. Clay hatte die Notwendigkeit zum Wiederaufbau erkannt und diesen auch forciert: »Ohne ein Deutschland, das sich selbst versorgen kann und das für sich selbst verantwortlich ist, lässt sich die Stabilität in Europa nicht wiederherstellen.«

So konnte sich Care, als es seine Arbeit in Europa aufnahm, auch auf die Hilfe der US-Armee stützen, nicht allein auf die Kooperation mit örtlichen Hilfsorganisationen.

Am 15. Juli 1946 lief in Bremerhaven, Teil der amerikanischen Besatzungszone, die »American Ranger« ein. Das Schiff aus dem Not-Schiffbauprogramm der USA war einer der letzten, schnellen Victory-Frachter, die noch kurz vor Kriegsende in Dienst genommen wurden. Tausende dieser eilig zusammengenieteten Schiffe hatten ab 1941 Soldaten und Ausrüstung über den Atlantik getragen. Dieser Frachter brachte nur noch Soldatennahrung, abgepackt in angeblich 35.700 Paketen mit jeweils rund 40.000 Kalorien. Von nun an sollten jeden Monat 15 solche Frachter ankommen.

Was sie entluden, konnte den Hunger in Deutschland nicht stillen. Die Lieferungen erreichten nur wenige, auserwählte Adressaten. Doch es wurden immer mehr, und auch die Kriterien begannen sich zu verändern. Statt ihnen bekannte Personen direkt zu unterstützen, konnten amerikanische Sponsoren ab 1947 auch allgemeinere Wünsche äußern: »An eine Krankenschwester« mochte eine Adressierung nun lauten, oder »An einen Lehrer«. Wer dann genau beliefert wurde, entschieden die karitativen Organisationen vor Ort.

Ein Löffel Pulver und drei Löffel Wasser ergeben ein Ei

Gebrauchsanweisung für das Anrühren eines CARE-Eis in Pulverform

Der Effekt war enorm. Das Carepaket wurde zur Glücksgabe, wie ein Lotteriegewinn. Die »Süddeutsche Zeitung« berichtete am 17. September 1946:

»In manche Münchner Familie ist in den letzten Tagen ein Schreiben des Caritasverbandes geflattert, das zur Abholung eines CARE-Paketes aufforderte. Mit strahlenden Gesichtern treffen die glücklich Beschenkten bei der Verteilungsstelle ein. Manche kommen sogar mit einem Leiterwägerl, denn ein Paket wiegt 44 Pfund, wovon allerdings 17 Pfund auf die vorbildliche Verpackung entfallen. Ein CARE-Paket enthält zehn amerikanische Tages-Armeerationen.«

Und das zu einer Zeit, als vielen Städtern nicht einmal 1500 Kalorien am Tag zur Verfügung standen. »Liebesgaben aus Amerika« nannte die »SZ« die Pakete.

Schnell wurden sie zum Objekt des Begehrens und setzten auch kriminelle Energien frei. Einzelne Bestandteile landeten auf dem Schwarzmarkt – etwa Zigaretten: »Mangel breitet sich nicht aus, hast du ›Lucky Strike‹ im Haus«, dichtete der Volksmund. Nicht selten verschwanden auch ganze Pakete.

Instrumentalisieren ließen sich sogar nicht vorhandene Pakete. So verhaftete die Münchner Polizei 1947 einen »Care-Onkel«, der Hungernden angeblich echte Adressen von Spendern auf der Suche nach deutschen Bedürftigen verkauft hatte, für 2,60 Mark pro Stück. »Wirst du mich auch wirklich heiraten?«, fragte in einer Karikatur von 1947 ein Mädchen ihren dünnen Liebsten. Der antwortete: »Kriegst du auch wirklich jeden Monat ein CARE-Paket, Rose-Marie?«

Das schnell sprichwörtlich gewordene Carepaket eroberte die Herzen der Besiegten. Verteilt von etablierten Hilfsorganisationen, bezahlt von verblüffend Mildtätigen in Übersee trug es dazu bei, den Kollaps am Kriegsende zunehmend als Befreiung zu empfinden: Keine Frage mehr, wer hier moralisch handelte – auch gegenüber denen, die sich das nicht verdient hatten.

Natürlich war Care außer Fürsorge auch Politik

Völlig rein blieb aber auch die Care-Weste nicht. Ihre Glaubwürdigkeit bezogen die Pakete vor allem daraus, dass sie nicht Teil der offiziellen Notversorgung waren. Sie kamen aus unabhängigen, nicht militärischen oder staatlichen Quellen. Dass der Staat in Gestalt von Arthur Ringland Geburtshelfer gespielt hatte, war nur wenigen bewusst.

Zu einem veritablen Imageschaden führte darum eine offensichtlich politische Instrumentalisierung der Hilfslieferungen. 1947 sank, bedingt durch die schlechte Ernährungslage der Bergleute, die Ausbeute der Ruhrkohle-Förderung auf ein historisches Tief. Der Erlös floss jedoch zu großen Teilen in die Kriegsreparationen. Henry Edward Collins, Chef der britisch-amerikanischen Kohlekontrollgruppe, kam auf die Idee, die Arbeitsleistung durch eine Kalorienlotterie zu heben: Wenn sie bestimmte Förderquoten erreichten, sollten die leistungsfähigsten Kumpel mit Carepaketen belohnt werden.

Zweimal gelang es so, die Produktion merklich anzuheizen: »Die Kumpels im Ruhrgebiet schwingen die Haue mit aller Macht, um sich zu Weihnachten noch ein Care-Paket zu verdienen«, berichtete der SPIEGEL im November 1947. Doch selbst die Initiatoren der höchst umstrittenen Aktion wussten: Das würde nicht reichen. »Wenn die Ernährungslage sich nicht verschlechtert«, sagte Collins dem SPIEGEL, »dann werden wir die Förderung halten können. Viel mehr wird es aber wohl nicht werden.«

Genau so kam es. Ein Bergmann erklärte dem SPIEGEL im Januar 1948 in Ruhr-typischen Klartext, woran das lag: »Wir haben nicht genug zu fressen.« Tatsächlich hatten mehr Arbeiter die geforderte Förderquote erreicht, als Collins zu verteilen hatte. Bald zog das bloße Versprechen auf mehr Carepakete nicht mehr.

Im Osten Deutschlands verbuchte man das PR-Desaster mit gehöriger Häme: »Es wäre viel wichtiger, die gesamte Ernährungslage des Ruhrkumpels und seiner Familie zu verbessern, als den Bergmann durch Liebesgaben zu einer erhöhten Arbeitsleistung anzutreiben«, kommentierte die »Berliner Zeitung« schon im Dezember 1947. Der Wirbel ums Carepaket sei »übertriebene Propaganda«, die Hilfslieferung nur als »soziale Tat« dargestellt, obwohl doch Briten und Amerikaner an der Ruhrkohle verdienten. Die politische Instrumentalisierung drohte, die humanitäre Leistung zu diskreditieren.

Die Luftbrücke: Hilfe vom Himmel

Dass Care im Osten weniger populär war, obwohl auch die sowjetische Besatzungszone zeitweilig mit Paketen beliefert wurde, lag daran, dass sich die Konkurrenz zwischen den ehemaligen Verbündeten zuspitzte und die Spaltung Deutschlands abzeichnete. Und dann sperrte die Sowjetunion am 24. Juni 1948 alle Zufahrtswege nach Berlin – West-Berlin war abgeschnitten. In den folgenden eineinhalb Jahren transportierten die Flieger der »Luftbrücke« unter anderem über 200.000 Carepakete nach Berlin.

Die Pakete wurden damit endgültig zum Mythos. Care lieferte bis 1960 rund zehn Millionen davon nach Deutschland, nicht mehr nur mit Dosenfleisch gefüllt, auch mit Kleidung, Tafelkreide oder Spielzeug. Die Organisation packt bis heute Pakete und liefert sie in 104 Nationen der Welt: Ihrer Tradition folgend an Projekte, die man gezielt fördern kann, wenn man will. Oder man lässt sie einfach dahin schicken, wo es gerade »am nötigsten ist«.

Arthur Ringland hatte das Glück, die Blüte seiner Idee erleben zu können: Er starb erst 1981, im Alter von 99 Jahren.

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