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Kultfilm "Casablanca": "Ich seh dir in die Augen, Kleines"

Foto: imago/Cinema Publishers Collection

Kultfilm "Casablanca" "Ich seh dir in die Augen, Kleines"

Als verzweifelte Romanze schrieb "Casablanca" Filmgeschichte. Doch das wirklich Bemerkenswerte an dem Film sind seine engen Bezüge zum realen Geschehen des Zweiten Weltkriegs.

Am Silvesterabend 1942 hatten US-Präsident Franklin D. Roosevelt und seine Frau Eleanor 21 Gäste ins Weiße Haus eingeladen. Nach dem festlichen Dinner wurde in dem kleinen Kinosaal des Amtssitzes ein Film vorgeführt, der zwar am 26. November in einem New Yorker Kino Premiere gehabt hatte, seither aber nirgendwo sonst gezeigt worden war.

Das Melodram handelte von politisch Verfolgten, die vor den Nazis aus Europa über Französisch-Nordafrika nach Amerika fliehen wollen, und von einer Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen dem amerikanischen Nachtklubbesitzer Rick Blaine, der jungen Norwegerin Ilsa und dem tschechischen Widerstandskämpfer Victor Laszlo. Der Filmtitel: "Casablanca". Die beiden Hauptdarsteller, Humphrey Bogart und Ingrid Bergman, sollten damit ihren Schauspielruhm begründen.

Nur wenige Eingeweihte wussten, dass Roosevelt neun Tage nach der privaten Kinovorstellung zu einer geheimen Konferenz mit dem britischen Premier Winston Churchill und den Generalstabschefs beider Länder in die marokkanische Metropole aufbrechen würde, die dem Film den Titel gab. In Casablanca wurden im Januar 1943 die Weichen für die weitere Kriegsstrategie gestellt. Roosevelt verkündete hier als Kriegsziel die "bedingungslose Kapitulation" der Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan.

Es ist jedoch nicht nur die Gleichzeitigkeit der Uraufführung des Filmklassikers und des Gipfeltreffens der beiden Regierungschefs, die Film und Politik verbinden. Die fiktive Spielhandlung und das reale Kriegsgeschehen sind eng miteinander verknüpft. Und das nicht zufällig: Die Drehbuchschreiber - insgesamt sieben Autoren - hatten sich um größtmögliche Authentizität bemüht, indem sie immer wieder aktuelle politische Ereignisse einflochten.

"Ich halte für niemanden den Kopf hin"

"Casablanca" war als Propagandafilm konzipiert: Die amerikanische Öffentlichkeit, die mehrheitlich gegen eine Beteiligung der USA am Zweiten Weltkrieg war, sollte überzeugt werden, dass es geboten war, die Eroberungsfeldzüge des Aggressors Hitler zu stoppen. Präsident Roosevelt hatte im März 1941 im Kongress nur mit einem Trick durchsetzen können, England und später auch die Sowjetunion mit Kriegsmaterial zu unterstützen: durch das "Pacht- und Leih-Gesetz", wonach die gelieferten Waffen nur "geliehen" waren und nach dem Krieg bezahlt oder zurückgegeben werden sollten.

Wie die meisten seiner Landsleute ist auch Rick anfangs abweisend, als er nach seinem politischen Standpunkt gefragt wird: "Ich halte für niemanden den Kopf hin." Ihm entgegnet ein anderer Barbesitzer: "Mein lieber Rick, wann wird Ihnen endlich klar, dass in der Welt von heute der Isolationismus keine zweckmäßige Politik mehr ist?" In der Filmparabel entscheidet sich Rick am Ende, sein privates Glück für die gute Sache zu opfern und sich der französischen Résistance anzuschließen.

Die politische Botschaft, die von "Casablanca" ausgehen sollte, war zum Zeitpunkt der Uraufführung bereits historisch überholt. Nach dem Angriff der Japaner auf den hawaiianischen US-Stützpunkt Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 war den Amerikanern die Entscheidung abgenommen - jetzt mussten sie sich verteidigen, zumal Hitler und Italiens "Duce" Benito Mussolini in ihrem Größenwahn den USA den Krieg erklärten.

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Die beiden Autoren des Theaterstücks, das die Grundlage für "Casablanca" bildete, hatten ihr Manuskript der Filmgesellschaft Warner Bros. angeboten. Sie war die beste Adresse für diesen Stoff: Harry und Jack Warner, die Eigentümer der Filmfabrik, hatten Roosevelt seit seiner ersten Präsidentschaftskandidatur 1932 unterstützt. Und Warner Bros. war lange Zeit das einzige der fünf großen Hollywoodstudios, das gegen die deutschen Nazis Position bezog - mit Filmen wie "Ich war ein Nazi-Spion" (1939) und "Sergeant York" (1941). Andere Studios, die ebenfalls jüdische Besitzer oder Manager hatten, trauten sich nicht, weil sie antisemitische Ressentiments in Amerika fürchteten. Allerdings wird auch in "Casablanca" mit keinem Wort erwähnt, dass es sich bei den Emigranten größtenteils um Juden handelt.

Während der Dreharbeiten im Sommer 1942 erzielte Nazi-Deutschland große militärische Erfolge: Die U-Boot-Flotte im Atlantik, die bis vor New York kam, versenkte Hunderte alliierter Handelsschiffe, die Wehrmacht eroberte große Teile der Sowjetunion, das Afrikakorps näherte sich in der libyschen Wüste Ägypten und dem Suezkanal. Die Filmaufnahmen in einem kalifornischen Studio standen ganz unter dem Eindruck dieses Bedrohungsszenarios.

Die Suche nach einem Ausweg

Doch dann kam die Wende: In Stalingrad war seit dem 22. November 1942 die deutsche 6. Armee eingekesselt, und schon Anfang November landeten amerikanische und britische Truppen in Französisch-Nordafrika, das bis dahin von der mit den Nazis kollaborierenden Regierung im südfranzösischen Kurort Vichy verwaltet worden war. Unter dem Eindruck dieses Etappensiegs setzte Warner Bros. alles daran, "Casablanca" möglichst schnell ins Kino zu bringen.

Die Filmhandlung spielt jedoch - wie das Datum auf einer von Rick abgezeichneten Kassenanweisung zeigt - Anfang Dezember 1941, also wenige Tage vor Pearl Harbor, als die USA noch nicht in den Krieg eingetreten waren. Im Film buhlen Emigranten aus ganz Europa auf dem Schwarzmarkt und bei korrupten französischen Beamten um Ausreisevisa nach Lissabon. Die portugiesische Hauptstadt war seit Juni 1940, als Frankreich besiegt und Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg getreten war, die einzige neutrale Stadt in Westeuropa, von der aus es Atlantik-Schiffspassagen und Flugverbindungen in die USA gab.

Auch die meisten der 75 in "Casablanca" mitwirkenden Schauspieler waren Emigranten aus Europa. Von den 14, die im Vorspann namentlich erwähnt werden, waren nur Bogart, Dooley Wilson als Pianospieler Sam und Joy Page als junge Bulgarin gebürtige Amerikaner.

Anders als der Film suggeriert, waren Flüchtlinge im Einwandererland Amerika damals nicht willkommen. Die USA hatten für jedes Herkunftsland niedrige jährliche Höchstquoten festgelegt. Immer wieder ereigneten sich menschliche Tragödien, weil die USA den Asylsuchenden die Einreise verweigerten. Am bekanntesten ist das Schicksal des deutschen Dampfers "St. Louis", der im Jahr 1939 mit 937 Flüchtlingen an Bord abgewiesen wurde und nach Europa zurückkehren musste.

Noch schlimmer als Emigranten, die aus politischen, ethnischen oder rassischen Gründen verfolgt wurden, erging es aktiven Widerstandskämpfern, die sich von Amerika Hilfe erhofften. Einen wie den im Film "Casablanca" dargestellten Victor Laszlo hätten sich die Amerikaner in Wirklichkeit vom Hals gehalten. Der Diplomat Adam von Trott zu Solz etwa, der 1944 hingerichtet wurde, bemühte sich vergeblich, von Roosevelt oder Churchill angehört zu werden.

Nach der Premiere in New York am 26. November 1942 wurde "Casablanca" überraschend auf Eis gelegt. Erst am 23. Januar 1943, einen Tag vor Abschluss der Konferenz in Casablanca, startete der Film landesweit in den USA, in den folgenden Tagen in rund 200 Kinos.

Zufall? Wohl kaum. Zwar gibt es keinen schriftlichen Beleg, dass der Filmmogul Jack Warner und der mit ihm befreundete Präsident Roosevelt eine Absprache trafen, aber viele Indizien legen den Zusammenhang nahe.

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Pötzl, Norbert F.

Casablanca 1943: Das geheime Treffen, der Film und die Wende des Krieges

Verlag: Siedler Verlag
Seitenzahl: 256
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30.01.2023 20.30 Uhr

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"Casablanca" wurde mit drei Oscars ausgezeichnet und avancierte zum Klassiker. In Deutschland kam der Film 1952 in die Kinos - in einer um 25 Minuten gekürzten und inhaltlich völlig verfälschten Fassung. Alle Hinweise auf den Weltkrieg und die Nazi-Herrschaft waren getilgt. "Den Kern der Handlung", so das Kinobesitzer-Fachorgan "Film-Echo", bildete nun "ein geheimnisvoller Mordfall". Es war die deutsche Niederlassung von Warner Bros. selbst, die den Film verstümmelt hatte - man glaubte, dem westdeutschen Publikum sieben Jahre nach Kriegsende keinen Anti-Nazi-Film zumuten zu können.

Erst 1975 strahlte die ARD "Casablanca" neu synchronisiert und ungekürzt aus. Die Dialoge, von denen sich manche zu geflügelten Worten entwickelten (etwa "der Beginn einer wunderbaren Freundschaft" oder "die üblichen Verdächtigen"), wurden wörtlich übersetzt - bis auf einen oft zitierten Satz, den Rick mehrfach zu Ilsa sagt: "Ich seh dir in die Augen, Kleines" ist im Original "Here's looking at you, kid!" - ein Trinkspruch, auf Deutsch etwa "Hoch die Tassen!"

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