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08. Februar 2016, 13:51 Uhr

Inselkünstler César Manrique

Der Vulkan von Lanzarote

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Wo andere Ödnis sahen, entdeckte er ein Juwel: César Manrique machte die karge Insel Lanzarote schöner. Den Rest seines Lebens kämpfte er gegen Massentourismus und Monsterhotels - bis ihm nur noch Dynamit einfiel.

Nur ein Blick in den Lavatunnel, schon hatte César Manrique das ganze Unheil vor Augen. Im Norden der Kanareninsel Lanzarote war das Höhlensystem, mit sieben Kilometern Länge eine der größten Vulkanblasenketten der Welt, zur Müllhalde verkommen. Schutt und Unrat stapelten sich inmitten des blauschwarzen Lavagesteins. Eine ökologische Katastrophe.

Doch Lanzarotes bekanntester Künstler hatte einen Plan. Auf der wackligen Holztreppe drehte Manrique sich zu seinem Begleiter um und deutete auf den Höhleneingang: "Wenn du mir hilfst, mache ich daraus einen der schönsten Plätze der Welt", sagte er zu seinem Jugendfreund Pepin Ramírez, seit Kurzem Präsident der Inselverwaltung.

So beschreiben die Autoren Manfred Sack und Walter Fogel in ihrer Manrique-Biografie, wie es 1966 zur Eröffnung der Jameos del Agua kam, fortan eine Touristenattraktion: Von zwei Seiten offen, beinhaltet der hundert Meter lange Höhlenabschnitt einen kleinen See, in dem sich weiße Krebse tummeln. Im dunklen Wasser glauben Besucher, glitzernde Sterne zu sehen. Am Höhlenausgang erwartet sie ein Swimmingpool, dahinter ein Gewölbe, in dem Konzerte stattfinden.

Den See, das Gewölbe, den Tunnel - all das hat César Manrique vorgefunden. Sein Verdienst war es, das Potenzial darin zu erkennen und es mit ein paar architektonischen Anpassungen für alle sichtbar zu machen. Manrique zeigte seine Insel so, wie er sie immer wahrgenommen hatte: als ein Juwel, ideal für Landschafts- und Kulturfreunde.

Rasanter Aufstieg als Künstler

Dabei galt die östlichste der sieben kanarischen Hauptinseln vor der Küste Afrikas lange als unattraktiv. Lanzarote hat keine weißen Sandstrände wie Fuerteventura, auch nicht die beeindruckende Vegetation von Gran Canaria oder La Palma. Ein Großteil der Insel besteht aus schwarzem Lavagestein, karg und schwer zu beackern. Vor allem aus Spanien, zu dem die Islas Canarias gehören, schaute man immer hinab auf Lanzarote und die Bewohner.

Das erlebte auch César Manrique, 1919 in der Inselhauptstadt Arrecife geboren. Als 18-jähriger Freiwilliger kämpfte er in der Armee des rechten Putschisten General Franco. Als er mit 26 nach Madrid zog, um an der Kunstakademie zu studieren, galt er als Hinterwäldler aus der kanarischen Provinz, wusste sich aber zu behaupten.

Gerade erst hatte er seinen Architekturberuf an den Nagel gehängt - gegen den Willen seines Vaters. Schon im ersten Studium auf der Nachbarinsel Teneriffa hatte Manrique mit dem Malen angefangen. Seine erste große Ausstellung in Arrecife begeisterte den leitenden Generalkapitän der Kanaren so sehr, dass er Manrique ein Stipendium verschaffte.

In Madrid malte Manrique als einer der ersten spanischen Künstler abstrakte Bilder, inspiriert von seiner Heimat. Zweimal wurde er auf die Biennale eingeladen, bevor er 1963 nach New York zog. Bereits nach wenigen Wochen hingen seine Bilder in der angesagten Galerie von Catherine Viviano, neben Werken von Joan Miró oder Max Beckmann.

Das "Paradies der Wenigen"

Und doch zog es ihn zurück. Er spürte: Lanzarote brauchte ihn - und er brauchte die Insel. "Ich bin in diesem Land der Vulkane selbst ein Vulkan", zitieren ihn seine Biografen Sack und Fogel. Bei einem Besuch entwickelte Manrique das Konzept für die Höhlenattraktion Jameos del Agua. Und ging zwei Jahre nach der Eröffnung endgültig zurück nach Lanzarote.

1968 fuhr er monatelang gemeinsam mit Jugendfreund Pepin Ramírez über die Insel, um die Landschaft und die Architektur zu dokumentieren. Ihm schwebte eine besondere Form des Fremdenverkehrs vor: "Ich hoffte nicht auf reiche, sondern auf neugierige, gebildete, empfindsame, kurzum auf kultivierte Touristen."

Manrique träumte von einem "Paradies der Wenigen" und entwickelte Kunstbauten, die sich perfekt in die Landschaft integrierten. Etwa das Mirador del Río: Der verglaste Erker mit Blick auf die kleine Nachbarinsel La Graciosa ist wegen seiner erdfarbenen Fassade von außen fast nicht zu erkennen. Oder das El Diablo mitten im Vulkanreservat Timanfaya: Dieses Restaurant ließ Manrique an die heißeste Stelle bauen. Ein brunnentiefes Erdloch dient bis heute als Ofen, über dem Fleischgerichte gebraten werden.

Die Landschaft entdecken, ohne sie zu zerstören - das war Manriques Vision. In der Realität kam es anders: Ab Anfang der Siebzigerjahre galten die Kanaren als neues Reiseziel für gestresste Europäer. Hoteliers kauften die ersten Fischerdörfer auf Lanzarote auf.

Die Geister, die er rief...

Manrique sah auch Vorteile: Die Touristen brachten seinen Landsleuten einen unbekannten Wohlstand. Dennoch wollte der Künstler den Tourismus begrenzen und die Schönheit der Insel bewahren. 1974 lobte er in seinem Buch "Lanzarote: unveröffentlichte Architektur" die einheimische Bauart: weiße, würfelförmige Häuser, keines höher als zwei Stockwerke.

Seine Missionsarbeit begann. Manrique kaufte abrissreife Kirchen und Höfe, um sie zu restaurieren und weiß zu tünchen. Sie sollten als Restaurants oder Kulturzentren dienen. Bauern, die ihre Häuser umbauen wollten, erinnerte er an die traditionelle Architektur.

Für Aufsehen sorgte auch seine eigene Residenz. Der Legende nach entdeckte Manrique bei einer Inselrundfahrt einen Feigenbaum mitten im erkalteten Lavafluss vor dem Dorf Tahiche. Aus der Nähe sah er, dass der Baum aus einer Lavablase emporwuchs, stieg ins Innere und fand vier weitere Hohlräume. Der Künstler kaufte das Stück Land und ließ ein teils unterirdisches Haus errichten. Jede der fünf Lavablasen wurde aufgebrochen, Licht konnte hineinströmen. Ein Tunnelsystem verbindet sie heute.

Manriques Einsatz trug Früchte: Die Inselverwaltung unterschrieb ein Gesetz, das den Bau von Hochhäusern verhindern sollte. Heute erzählt man Touristen, keines der Gebäude dürfe höher als eine Palme sein. Außerdem wurde die Vulkanregion Timanfaya zum Naturreservat.

"Dynamit, in die Luft sprengen"

Trotz allem veränderte sich Lanzarote mit den Jahren - zum Missfallen Manriques. Gegen seine vehementen Proteste entstanden Schnellstraßen, Ampelanlagen, erste Hotelkomplexe. 1986 sah sich Manrique zu einem Manifest genötigt, Titel: "Lanzarote liegt im Sterben". Und er wandte sich in Interviews an die Weltgemeinschaft.

Wegziehen, wie er mehrfach gedroht hatte, das konnte Manrique nicht. Stattdessen versuchte er, Hotelmonster durch Skulpturen und Mobiles zu verschönern, und wurde zusehends verzweifelter. "Wenn es nach mir geht: Dynamit, in die Luft sprengen", lautete 1988 seine Antwort auf die SPIEGEL-Frage, was mit all den barbarischen Bauten und Siedlungen geschehen sollte, die der Tourismus bereits geschaffen hatte. "Wir hatten es fast geschafft, und jetzt kommen diese Geier, diese Spekulanten ohne jede Moral. Sie wollen uns alles stehlen."

Seinen größten Erfolg konnte er nicht mehr erleben. 1993 ernannte die Unesco Lanzarote zum Biosphärenreservat - als erste Insel der Welt. Nur ein Jahr zuvor war Manrique bei einem selbstverschuldeten Autounfall ums Leben gekommen. Am Unfallkreisel steht heute ein überlebensgroßes Windspiel. Zur Erinnerung an den wichtigsten Künstler der Insel.

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