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Champagner-Unruhen 1911: Die Wut der Winzer

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Aufstand französischer Weinbauern Champagner oder Tod

Bei den »Champagner-Unruhen« wehrten sich Winzer 1911 gegen Macht und Machenschaften großer Kellereien. Als Straßenkämpfe entflammten und ganze Dörfer loderten, rückte die Armee an.

Im Januar 1911 hielt sie nichts mehr auf. Ihre Wut brach sich Bahn, zunächst in den Dörfern Damery und Hautvilliers. Als Lastwagen voller Trauben aus der Loire in den kleinen Orten der Champagne eintrafen, hatten die Weinbauern dort endgültig genug. Sie fingen die Lastwagen ab, zogen die Fahrer heraus und schütteten die ganze Ladung in den Fluss Marne.

Der Tross zog weiter zu den Kellern großer Champagnerkellereien, wo Tausende von Flaschen zerschlagen wurden und Fässer in der Marne landeten. Aus dem umzingelten Champagnerhaus Achille Perrier konnte der Besitzer gerade noch fliehen und versteckte sich in der Wohnung seines Hausmeisters. »Nieder mit den Betrügern!«, schrien die Protestierenden.

Bald trafen die Proteste das Dorf Ay, wo auch das Traditionshaus Bollinger seinen Sitz hat. Eine zornige, brandschatzende und plündernde Menge zog durch die Straßen, trat Türen ein, verwüstete Häuser. Erst gingen einige Lagerhäuser in Flammen auf, dann brannte fast die gesamte Stadt.

»Wir befinden uns in einer Art Bürgerkrieg!«, telegrafierte der Präfekt der Region nach Paris. Die Zentralregierung entsandte mehr als 40.000 Soldaten in die Champagne, in jedem kleinen Dorf wurde ein Posten bezogen. Aber bis Ruhe herrschte, sollte es lange dauern, wie der Autor Dominique Fradet in seiner Chronik über das Jahr 1911 und die »Champagnerrevolution« schreibt.

Die Reblaus kam als blinder Passagier

Fast 20 Jahre schon hatte der Ärger in der Champagne gegärt, der Weinbauregion im Nordosten Frankreichs. Das größte Problem war zunächst die Reblaus: Sie hatte die Weinstöcke befallen, nagte an den Wurzeln, ernährte sich vom Pflanzensaft und ließ Wunden zurück, durch die viele Krankheiten entstehen konnten.

Die Reblaus kam als blinder Passagier, als unerwünschte Beifracht zu Setzlingen auf Dampfschiffen. Als gesichert gilt, dass sie um 1862 von der US-Ostküste eingeschleppt wurde. In diesem Jahr hatte ein Winzer nördlich von Avignon ein paar Rebstöcke aus den USA von einem Freund geschenkt bekommen und gepflanzt – eine fatale Entscheidung. Nach zwei Jahren entdeckte er, dass sich die Blätter seltsam verfärbt hatten und seine Rebstöcke verkümmerten. Die Krankheit breitete sich rasch in allen Weingärten aus.

Die verzweifelten Winzer versuchten alles, um weiter Geld verdienen zu können. Sie brachten etwa Schwefelkohlenstoff in den Boden ein – ein Nervengift, um der Reblaus den Garaus zu machen. Aber das funktionierte nur für kurze Zeit.

Blasmusik sollte die gierigen Läuse erschrecken

Die Regierung versprach eine Belohnung von 20.000 Francs für ein Gegenmittel, die seltsamsten Ideen wurden ausprobiert. So marschierte eine Blaskapelle in einen Weinberg und versuchte, die Reblaus mit Marschmusik zu vertreiben; jemand vergrub eine lebendige Kröte zwischen den Reben. Doch ganz unbeeindruckt nagten die Läuse einfach weiter.

Die Katastrophe nahm ihren Lauf; im Jahr 1900 mussten auf 2,5 Millionen Hektar Anbaufläche alle Weinstöcke vernichtet werden. Die Winzer hatten keine Wahl, sie mussten ihre Weinberge neu anlegen. Nur wenige besaßen Ersparnisse, die Regierung gab keine Hilfen. Auf die nächste Ernte in der Champagne mussten die Weinbauern drei bis fünf Jahre warten.

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Champagner-Unruhen 1911: Die Wut der Winzer

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Mit der Reblaus kam das Verhängnis über den Atlantik – die Rettung aber auch: robuste amerikanische Rebstöcke, deren Wurzeln die fiesen Läuse nichts anhaben konnten. Auf diese importierten Wildreben als Unterlage konnte man Sorten wie Cabernet Sauvignon oder Chardonnay aufpfropfen; widerstandsfähige Hybride ließen Trauben für edle Tropfen wachsen. So wird es heute weltweit praktiziert.

Große Teile des europäischen Weins wurden ab den 1860er-Jahren durch Reblausbefall vernichtet, eine immense Bedrohung. Ohne die Züchtungen aus den USA, sagt die britische Weinexpertin Rebecca Gibb, würde es heute keine französische Weinindustrie mehr geben. Und vielleicht auch keine weltweit, denn die Rebläuse reisten überall hin.

»Die Armut wurde grauenvoll«

Bis heute ist die Struktur der Champagne besonders: Mit ihren meist nur sehr kleinen Parzellen lohnt es sich für die Weinbauern nicht, die Geräte und technischen Einrichtungen anzuschaffen, um Wein selbst zu keltern. Deshalb verkaufen sie ihren Wein an große Häuser wie Moet & Chandon oder Louis Roederer und müssen mit deren (mitunter verhassten) Vertretern über den Preis für die Ernte feilschen.

Die Ernten 1907, 1908 und 1909 waren schon schlecht, bedingt durch zu viel Regen, Hagel und Mehltau. Im September 1910 drohte den Weinbauern eine Katastrophe. Sie ernteten nur etwa vier Prozent der üblichen Menge. Zugleich stiegen die Brotpreise massiv. Niemand konnte noch Trauben an die großen Champagnerhäuser verkaufen. »Die Armut wurde grauenvoll«, schrieb 1961 Jean Nollevalle, früherer Sekretär der Winzergewerkschaft. In seinen Erinnerungen machte er vor allem Betrug, wirtschaftliche Not und grassierenden Hunger für den Ausbruch der Gewalt 1911 verantwortlich.

Im frühen 19. Jahrhundert waren nur 300.000 Flaschen jährlich produziert worden. Ursprünglich war Champagner ein stiller Wein, häufig eher rot statt weiß. Erst die Champagnermethode, bei der in der Flasche eine zweite Gärung stattfindet und Zucker und Hefe sich in Alkohol und Kohlensäure verwandeln, ließ Champagner zu einem Luxusgetränk werden, das teuer verkauft wurde und dem Adel vorbehalten war.

Der preußische König Friedrich der Große ließ sich seinen Kaffee mit Champagner zubereiten, gewürzt mit etwas Pfeffer. Prinz Albert Edward, ab 1901 der britische König Edward VII., badete angeblich gern in Champagner. Man nannte ihn auch »Dirty Bertie«. Gerüchteweise besuchte er öfter das Pariser Bordell Le Chabanais, wo er in einem für ihn reservierten Zimmer am liebsten eine kupferne Badewanne mit Champagner füllen ließ und dann mit mehreren Damen bestieg.

Schwindel in Flaschen – Rhabarbersaft zu Champagner

Der Champagnerdurst stieg weltweit unaufhaltsam. Zwischen 1890 und 1910 verdoppelte sich der Absatz, 1909 wurden weltweit schon 41 Millionen Flaschen Champagner geköpft. Dabei gab es in der Champagne kaum Trauben. Zum Ärger der Winzer wussten die Champagnerhäuser sich zu helfen: Obwohl die Ernte ausfiel, gab es genug Champagner für den Export. Was wie ein Wunder schien, war Schwindel in Flaschen.

Durch das französische Eisenbahnnetz ließen sich große Mengen Trauben aus der Loire oder dem Languedoc in die Champagne transportieren, zum halben Preis, den Produzenten Bauern dort zahlten. Die großen Häuser kauften auch Weine aus Spanien und Deutschland. Zeitungen veröffentlichten Gerüchte, wonach manche sogar Rhabarber aus England importierten, um daraus Wein zu machen.

Ein Gesetz, das den Betrug einschränken sollte, scheiterte. Die Champagnerhäuser argumentierten, man könne ihnen nicht verbieten, auch mit Weinen außerhalb der Champagne zu handeln. Die zugekauften Trauben verschwanden in den Kellern und kamen als prickelnder Champagner wieder heraus. Die Winzer waren außer sich.

Bis zum April 1911 verursachten sie mit ihren gewalttätigen Protesten Schäden in Millionenhöhe. Die Champagner-Unruhen sorgten weltweit für Schlagzeilen. So schrieb ein Korrespondent der »New York Times« am 16. April über einen Zwischenfall in Trépail, wo Barrikaden auf den Straßen errichtet wurden:

»Die Armee, die die Unruhe eindämmen sollte, wurde mit einem Regen zerbrochener Flaschen begrüßt. Den Soldaten, die ihre Säbel durch die Luft schwangen, gelang es, die Protestierenden zu vertreiben. In der Nähe von Reims marschierten Gruppen in die Weingärten, zerstörten 20 Hektar Rebland und verbrannten die Weinstöcke.«

»Das schwarze Buch der Mörder«

Die Bewohner organisierten auch Protestzüge durch die Champagne und malten die Parole »Champagner oder Tod« auf ihre Plakate. Im anonym verfassten Buch »Das schwarze Buch der Mörder« wurden Produzenten aufgelistet, die angeblich betrügerisch arbeiteten – nur die dort genannten Champagnerhäuser wurden zum Ziel der Angriffe.

Die Regierung gab dem Druck der Straße schließlich nach. »Die Unruhen hatten eine klare Wirkung«, schrieb die Weinexpertin Rebecca Gibb in einem umfangreichen Forschungspapier zu den Champagner-Unruhen. Allein in nun festgelegten Anbauzonen durfte Champagner produziert werden. Das Departement Marne blieb die berühmteste Zone; das Departement Aube wollte ebenfalls dabei sein und erhielt die Erlaubnis, dort einen Champagner zweiter Klasse zu produzieren. Das milderte die Spannungen zwischen beiden Gebieten.

Im Mai 1911 blühten wieder Knospen an den Weinstöcken. Die Ernte war reich, viele Trauben konnten verkauft werden, die Not wurde geringer. Doch wirklich zu Ende waren die Unruhen erst, als der Erste Weltkrieg ausbrach.

Die Spannungen zwischen Winzern und den Häusern bestehen bis heute fort: Jedes Jahr versuchen die Häuser die Preise zu drücken und die Erzeuger möglichst viel herauszuholen. 2008 gab es einen neuen Rekord beim Champagnerverkauf. Eine Neubegutachtung des Anbaugebiets hat das Ziel, die Anbaufläche um 1000 Hektar zu vergrößern. Mit großen Folgen: Wer als Besitzer zum Champagnerwinzer wird, kann für seinen Boden eine Million Euro pro Hektar erzielen. Wer jedoch auf der falschen Seite der Champagnergrenze bleibt, dessen Land ist oft nur 5000 Euro pro Hektar wert.

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