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Charité-Arzt Sauerbruch: Operieren gegen Hitler

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Charité-Arzt Sauerbruch "Halt die Klappe. In der Klinik sind viele Nazis!"

NS-Täter oder Judenretter? Starchirurg Ferdinand Sauerbruch ist bis heute umstritten. Nun hat ein Historiker ein unveröffentlichtes Tagebuch ausgewertet - und die ARD-Serie "Charité" zeichnet ein heldenhaftes Bild.

Adolphe Jung sehnt das Kriegsende herbei. Der Chirurg aus dem besetzten Elsass ist zwangsverpflichtet, für den Kriegsgegner Deutschland zu arbeiten: erst als Landarzt, dann ab 1942 in der Berliner Charité. Doch wo steht sein Chef, der weltberühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch? Kann er ihm trauen?

Denn Adolphe Jung wird in der Charité bald ein Doppelleben führen: als talentierter Operateur eng an Sauerbruchs Seite - und als Spion für den französischen Widerstand. Vorsichtig fragt er Sauerbruch also im Herbst 1942 nach dem Kriegsausgang. Und notiert im Tagebuch überrascht die Antwort hinter verschlossenen Türen:

"Wir werden nicht gewinnen. Wir werden bald geschlagen sein. Aber rede hier nicht darüber, halt die Klappe: In der Klinik sind viele Nazis."

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Charité-Arzt Sauerbruch: Operieren gegen Hitler

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Bald darauf ist Jung ganz sicher, als er mit Sauerbruch Silvester feiert: "Die Runde war heftig antinazistisch." Besonders beeindruckt ihn die flammende Neujahrsrede eines Gastes, der mit einer Jüdin liiert ist:

"Wir müssen jeden Tag, jede Stunde gegen den Griff dieses grotesken und blutigen Regimes ankämpfen. Wir sind in einem Gefühl der Verzweiflung gefangen (...). Und fühlen die Katastrophe kommen. Lasst uns hoffen, dass diese Phantasmagorie von Schrecken und Verbrechen in diesem neuen Jahr ihr Ende findet."

Danach habe Sauerbruch noch die verbotene BBC abgehört. Jungs Aufzeichnungen zufolge behandelt, schützt und versteckt Sauerbruch bis 1945 Juden in der Charité, auch in großer Bedrängnis, und gehört zu einem Zirkel mit Verschwörern des Hitler-Attentats von 1944.

Jungs bisher unveröffentlichtes Tagebuch hat der Historiker Christian Hardinghaus nun erstmals in einer Sauerbruch-Biografie ausgewertet. Es ist eine spannende Quelle, denn der Mann, der Jung vor Nazis warnt, gilt manchen bis heute selbst als NS-Täter.

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Hardinghaus, Christian

Ferdinand Sauerbruch und die Charité: Operationen gegen Hitler

Verlag: Europa Verlag
Seitenzahl: 248
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29.11.2022 14.00 Uhr

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Sauerbruch war Generalarzt des Heeres, Träger des Ritterkreuzes und des Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft; er soll Menschenversuche in Konzentrationslagern bewilligt haben. Daher prüft ein wissenschaftlicher Beirat der Stadt Hannover immer noch die Umbenennung des Sauerbruchweges.

Hardinghaus möchte mit bisher "nicht beachteten" Quellen "das verzerrte Bild" des Arztes "gänzlich neu beleuchten". Und am Ende belegen, "wie aktiv" Sauerbruch gegen die Nazis agierte.

"Großartiges Können"

Die Sauerbruch-Biografie erscheint kurz vor der zweiten Staffel der ARD-Serie "Charité" ab 19. Februar. Hauptfigur diesmal: Sauerbruch, gespielt von Ulrich Noethen. Auch die Drehbuchautorinnen hatten Einblick ins Jung-Tagebuch und folgern: Der Chirurg sei kein Nazi-Arzt gewesen, sondern zerrissen vom "Widerspruch zwischen medizinischem Ethos und ideologischen Zumutungen".

Sauerbruchs kometenhafte Karriere schon vor dem Ersten Weltkrieg macht ihn später für die Nazis interessant. Der groß gewachsene Mann, 1875 im westfälischen Barmen geboren, ist früh bekannt für seinen Operationsstil wie auch sein Temperament, beides explosiv. Sauerbruchs "großartiges Können", so ein Kollege, habe darin bestanden, dass er "blitzartig den Krankheitsherd anging und freilegte".

Seinen Ruhm begründet eine von ihm mitentwickelte Unterdruckkammer, mit der er als Erster am offenen Brustkorb operiert; ohne Druckausgleich kollabiert eine Lunge binnen Minuten. Nach erfolgreichem Test an einem Hund schreibt der Arzt 1903 einer Freundin euphorisch: "Er lebt, er liebt, er frisst, er säuft."

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Im Jahr darauf aber endet die Operation einer unheilbar an Speiseröhrenkrebs erkrankten Frau im Desaster. Der Unterdruck entweicht, die Patientin stirbt vor den Augen eines Fachpublikums. Doch Sauerbruch treibt eine zweite Wagemutige auf, entfernt ihr einen Tumor - und ist mit 28 der neue Starchirurg.

Im Ersten Weltkrieg sieht er als Frontarzt viele abgerissene Gliedmaßen und entwickelt nach ihm benannte Prothesen. Das alles wird ihn zur idealen Projektionsfläche der NS-Propaganda machen, zumal er 1919 Anton Graf von Arco auf Valley versorgt. Der Rechtsradikale hatte Kurt Eisner, den Ministerpräsidenten der Münchner Räterepublik, erschossen. Sauerbruch weigert sich, den lebensgefährlich verletzten Attentäter aus der Klinik auszuliefern; dieses Berufsethos missdeuten die Nazis später als Parteinahme.

Fortan buhlen sie um seine Nähe. Hitler trifft den Chirurgen schon 1923. Sauerbruch, deutsch-national und patriotisch eingestellt, sieht in ihm aber nur einen "halbgebildeten Vorstadtbarbier", wie er einem Charité-Kollegen damals sagt.

"Beim Führer. Er schimpft sehr auf Sauerbruch"

Dennoch lässt er sich nach der Machtübernahme bisweilen einspannen. So unterschreibt Sauerbruch im November 1933 ein "Bekenntnis" deutscher Professoren zu Hitler und betont in einer Rundfunkrede, das "ganze Volk" stehe "eisenstark" hinter der neuen Regierung.

Über seine Motive lässt sich nur spekulieren. Will er seine Forschung unabhängig halten? Eine "innere Heimkehr zum Nazismus" halten selbst Kollegen, die Sauerbruchs Worte verstören, für ausgeschlossen.

Denn andererseits weigert sich der Arzt bis zum Schluss, der NSDAP beizutreten. Er versucht, jüdische Ärzte in der Charité zu halten, und wagt sich auf die Beerdigung eines jüdischen Nachbarn. Bei einem Ärztekongress sagt er: "Die Wissenschaft hat eine Reinigung von außen nicht nötig." Und meint die Einmischung der Nazis, die von der Medizin Beweise für die Überlegenheit der Arier erwarten. Zur NS-Erbgesundheitslehre merkt er trocken an: "Der neue Weg, der empfohlen wird, ist keiner." Er lobt Einstein, dessen Relativitätstheorie die Nazis widerlegen wollen, und geißelt den Rausch der Hitlerjugend.

Das sitzt, wie Goebbels' Tagebuch am 18. November 1936 verrät: "Beim Führer. Er schimpft sehr auf Sauerbruch." Trotzdem hält der Propagandaminister an ihm fest. "Er wird sich wundern", notiert er und überrumpelt Sauerbruch mit der Verleihung des Staatspreises für Kunst und Wissenschaft. Sauerbruch mache "Eindruck", argumentiert Goebbels gegenüber Kritikern, die den Chirurgen für einen "Judenknecht" halten.

Ein Nest an Spionen

Das verschafft Sauerbruch Spielräume. Adolphe Jung beschreibt, wie er 1943 einen tuberkulosekranken Juden zwei Monate in der Charité versorgt, statt ihn - wie vorgeschrieben - einem jüdischen Krankenhaus zu übergeben. Sauerbruch ignoriert Drohungen, bis die Gestapo die Charité stürmt. Als die SS den Patienten am nächsten Morgen abholen will, ist er weg. Sauerbruch wird stundenlang verhört und der Fluchthilfe bezichtigt.

Beinah skurril erscheint die Häufung von Spionen in seinem Umfeld: Fritz Kolbe, Beamter im Außenministerium, spitzelt für die USA, ebenso dessen Verlobte Maria Fritsch, Sauerbruchs Privatsekretärin. Auch der OP-Assistent und spätere KGB-Spion Wolfgang Wohlgemut hat vermutlich schon damals für die Sowjetunion gearbeitet.

Vorsichtig offenbart der französische Spion Jung sich Kolbe, den er als "scharfsinnig, vorsichtig, nachdenklich" beschreibt. Bald sind die beiden ein Team:

Er brauchte jemanden, dem er vertrauen konnte, zu dem er gehen konnte, um die Dokumente, die er vom Ministerium [stahl], zu lesen, zu ordnen und zu verstecken. (...) In der Klinik arbeiteten wir bis spät in der Nacht an den Dokumenten. (...) Er hatte eine ausgezeichnete kleine Kamera, die Bilder von außergewöhnlicher Präzision machte.

Sauerbruchs Frau Margot hilft, die Dokumente ins Ausland zu schmuggeln. Dass ihr Mann Bescheid weiß, ist nicht belegt, aber denkbar. Denn Sauerbruch ist auch Mitglied einer elitären "Mittwochsgesellschaft" mit Wissenschaftlern wie Max Planck und führenden Militärs. In dieser "heftig antinazistischen Gesellschaft", so Jung, waren auch vier der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, darunter Generaloberst Ludwig Beck.

Dass Sauerbruch in diese Pläne mindestens grob eingeweiht ist, stehe "außer Frage", so Historiker Hardinghaus. Der Arzt trifft Stauffenberg mehrmals und stellt ihm und Mitverschwörern sein Privathaus für diskrete Gespräche zur Verfügung. Das alles bringt ihn nach dem gescheiterten Anschlag in Lebensgefahr. Kolbe meldet: "Sauerbruch meint, dass wir alle verloren seien."

Die Gestapo rückt in die Charité ein. Tagelang taucht der Chirurg unter; sein Sohn Peter ist wegen Stauffenberg-Kontakten bereits verhaftet. Dann stellt sich Sauerbruch der Vorladung von Ernst Kaltenbrunner, Chef der gefürchteten Sicherheitspolizei. Es retten ihn nur sein Renommee und die Fürsprache eines früheren Kollegen aus Münchner Zeiten: Karl Gebhardt, inzwischen oberster SS-Arzt, setzt sich bei Hitler persönlich für Sauerbruch ein.

Was wusste Sauerbruch?

Oder halfen Sauerbruch seine Bewilligungen von verbrecherischen Versuchen, an denen auch Auschwitz-Arzt Josef Mengele beteiligt ist? Diese Experimente - in einem Fall wird Senfgas an KZ-Insassen getestet - sind der schwerwiegendste Vorwurf, den auch Hardinghaus nicht ganz beseitigen kann. Denn nachweisbar hat Sauerbruch drei Anträge unterschrieben. Indes: Wusste er im Detail, was vor Ort geschah?

Genau das bezweifelt Hardinghaus: "Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit" sei Sauerbruch der "wahre Ausgang" ebensowenig bekannt gewesen wie der Test an lebendigen Menschen; der "verbrecherische Charakter" der Versuche sei in den Anträgen kaschiert. Doch ist das glaubwürdig bei jemanden, der sonst so gut vernetzt und informiert ist?

Zumindest "eingeschränkte Kenntnisse über inhumane Menschenversuche", so auch Hardinghaus, habe Sauerbruch bei einem Vortrag im Mai 1943 erlangt. Dabei berichtet Karl Gebhardt - der Mann, der sich später für Sauerbruch einsetzte - von Versuchen an polnischen Frauen: Sie wurden mit Gasbrand-Erregern infiziert, um die Wirkung eines Antibiotikums zu testen. Dafür wird Gebhardt nach dem Krieg zum Tod verurteilt.

Nach dem Hitler-Attentat kehrt auch in der Charité keine Ruhe ein. Eine Luftmine zerstört 1945 große Teile der Klinik. Sauerbruchs Team arbeitet in Kellerräumen wie am Fließband und operiert in den letzten Kriegstagen mehr als 2700 Verwundete, auch Juden. Sauerbruch erinnert sich in seiner Autobiografie:

Für mich ging das "Dritte Reich" wirklich und wahrhaftig inmitten von Blut, Eiter, Leichen und Gestank unter.

Dass er 1947 vor ein Entnazifizierungsgericht geladen wird, empfindet er daher als Frechheit, obwohl ihn 70 Zeugen entlasten - und keiner belastet. Die Verhandlung "kotzt" ihn an, wütet er: "Das höre ich mir nicht länger an. Ich gehe nach Hause."

Die Empörung ist echt, da sind sich die Berliner damals einig. Die Zweifel, ob sie auch berechtigt ist, mehren sich erst Jahre nach Sauerbruchs Tod 1951.

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