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Charles Bukowski - der "dirty old man" der Literatur

Foto: Sophie Bassouls / Leemage / imago images

Legendärer US-Schriftsteller Dicht, Dichter, Bukowski

Vor genau 100 Jahren wurde Charles Bukowski geboren. Mit seinen Geschichten von der düsteren Seite des amerikanischen Traums prägte er eine ganze Schriftsteller-Generation.
Von Airen

Anfang der Siebzigerjahre, da war er bereits ein erfolgreicher Schriftsteller, hauste der "schmutzige alte Mann" der US-Literatur noch immer in einer heruntergekommenen Gegend von East Hollywood, zwischen leeren Weinflaschen, Zigarrenstummeln und Bierdosen der Marke Miller Light. In seinem Bungalow, wo jeden Moment Fans oder Groupies hereinschneien konnten, hackte er nachts bei klassischer Musik und befeuert vom Alkohol wüste Geschichten in die Tasten.

Seine Romane, die alle irgendwie Autobiografien sind, erzählen von einem Leben zwischen Bars und Pferderennbahn, von Huren, Maloche und Suff. Ein Alkoholiker und Eigenbrötler, entweder verkatert oder heillos betrunken, ein wortkarger Vagabund, vom Leben gezeichnet, aber innerlich ungebeugt. Henry Charles Bukowski Junior war das saufende Raubein unter den amerikanischen Schriftstellern und gebürtiger Deutscher.

Sein Großvater Leonard Bukowski hatte noch unter Bismarck seinen Wehrdienst geleistet und im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gegen Napoleon III. gekämpft. Er war danach in die USA ausgewandert; Vater Henry war Deutsch-Amerikaner und diente nach dem Ersten Weltkrieg als GI in Andernach bei Koblenz. Dort verliebte er sich in die Deutsche Katharina Fett, und dort wurde am 16. August 1920 Heinrich Karl Bukowski geboren. Drei Jahre später wanderte die Familie in die USA aus. In Mid-City, einer Vorstadt von Los Angeles, sollte der nun in Henry Charles umgetaufte Junge noch lange mit seinem deutschen Akzent ringen.

Vom Vater verprügelt, von Mitschülern ausgegrenzt

Den Traum der Eltern vom American way of life machte die Weltwirtschaftskrise zunichte. Der Vater verlor seinen Job als Milchmann, den Frust ließ er an seiner Frau und dem einzigen Kind aus.

Später beschrieb Bukowski ein sadistisches, wöchentliches Ritual. Jeden Samstagmorgen musste er nach einer minutiösen Prozedur den Rasen mähen: Zweimal in entgegengesetzter Richtung, dann mit dem Rasenkantenschneider, zuletzt musste er mit einer Schere jeden überstehenden Grashalm einzeln abknipsen. Und dann legte der Vater den Kopf auf den Rasen. Fand er nur einen herausragenden Halm, versohlte er dem Jungen im Badezimmer mit dem Streichriemen fürs Rasiermesser das nackte Gesäß.

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Charles Bukowski - der "dirty old man" der Literatur

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Ein Trauma. "Ich denke, da hat alles angefangen", sagte Bukowski später. "Die angewiderte Erkenntnis, dass es etwas Außergewöhnliches braucht, wie Trinken oder Schreiben oder klassische Musik, um solche Menschen hinter sich zu lassen."

In der Schule blieb er Außenseiter. Wegen schwerer Akne musste er zeitweise sogar die Schule verlassen; sein Gesicht ließ sie reptilienhaft vernarbt zurück. Seine schulischen Leistungen spielte Bukowski später gern herunter, sie passten nicht zum Image des Losers und Autodidakten. Dabei absolvierte er ein Ausbildungsprogramm der Streitkräfte als Unteroffizier und erhielt ein Journalismus-Stipendium am LA City College. Dort schrieb er auch seine ersten Kurzgeschichten, verschlang Werke von Ernest Hemingway und John Fante, seinem großen Vorbild. Der Alkohol trat in seine Welt und wurde ein lebenslanger Begleiter.

Leben unter Teerpappe

Die folgenden Jahre durchstreifte Bukowski die USA. Seine Jobs wechselten rasch: Schlachthofarbeiter, Lagerist, Leichenwäscher, Türsteher in einem Bordell in Texas. Nebenher schrieb er in rasantem Tempo über das Leben in einer unbekannten Stadt, in einem neuen Zimmer. Der Erfolg blieb - trotz erster Veröffentlichungen in Magazinen - weitgehend aus.

Mit 25 war er ganz unten angekommen: In Atlanta hauste Bukowski in einem Verschlag aus Teerpappe. Kein Strom, kein Bettlaken, nur eine Petroleumlampe ohne Öl. Nachts wurde es bitterkalt. Mit einem Bleistiftstummel schrieb er auf dem unbedruckten Rand von Zeitungen. Ihm blieb noch ein Laib Brot, von dem er jeden Tag eine Scheibe abschnitt, und ein Schokoriegel.

Der 1,83 Meter große Dichter war auf 60 Kilo abgemagert. In Briefen bettelte er den Vater um Geld für eine Rückfahrkarte nach Los Angeles an - vergebens. Am Ende zog er für zwei Jahre wieder ins Elternhaus ein. Eine Kapitulation.

Aus der stürmischen Phase danach schöpfte er in seinen Büchern: Das Vagabundenleben setzte Bukowski nun in Downtown Los Angeles fort, zwischen Schnapsladen und Ausnüchterungszelle, zwischen Neonreklame, Palmen und den Striplokalen um den Hollywood Boulevard. Er verliebte sich in die Tänzerin und Gelegenheitsprostituierte Jane Cooney Baker, zehn Jahre älter als er und mindestens genauso trinkfest. Sie sei, sagte er später einmal, die einzige Frau gewesen, die er wirklich liebte. Das streitlustige Trinkerpärchen blieb einander verbunden, bis sich Jane zu Tode getrunken hatte.

"Ich musste trinken, um alles zu vergessen"

Nach einer Magenblutung, die ihn beinahe umbrachte, nahm Bukowski einen festen Job im Hauptpostsortierbüro von Los Angeles an. An den Wochenenden fuhr er zur Pferderennbahn von Santa Anita. Für ihn war die Rennstrecke, was für Hemingway die Stierkampfarena gewesen war: "Die Pferde waren mir scheißegal; sie sahen schön aus und schissen das Stroh voll, das war alles, was ich wusste. Ich ging zum Rennen, um zu versuchen, aus den Fabriken rauszukommen, aus dem US-Postdienst rauszukommen. Ich ging zum Rennen, um zu überleben."

1960 erschien sein erstes Buch, die Gedichtsammlung "Flower, Fist and Bestial Wail" ("Blume, Faust und Tiergeheul"). Die Beatgeneration erkor den schreibenden Postboten zu ihrem Idol, sein Name stand bald in den Underground-Magazinen neben Jack Kerouac, William S. Burroughs und Henry Miller. Seine wöchentlichen "Notizen eines schmutzigen alten Mannes" waren die Attraktion der Gazette "Open City".

Doch Bukowski waren die jungen Bohemiens suspekt: zu abgehoben, zu intellektuell, zu viel Gemeinschaftssinn - nichts für den Poeten der Arbeiterklasse, der sein Geld hart in Post-Nachtschichten verdiente. Erst mit 50, nach insgesamt 15 Jahren im Dienst, hängte er den Brotjob an den Nagel und schrieb in wenigen Wochen "Post Office" ("Der Mann mit der Ledertasche"), einen Roman über seine Zeit als Briefträger und Postsortierer.

Bukowski beschrieb darin den Sadismus der Schichtleiter, die Monotonie des täglichen Trotts und Alkohol als einzige Erlösung: "So weit war ich nun also", sagt sein Alter Ego Henry Chinaski. "Schwindelanfälle und Schmerzen in den Armen, im Nacken, in der Brust, überall. Ich schlief den ganzen Tag, um mich für den Job auszuruhen. Am Wochenende musste ich trinken, um alles zu vergessen."

In "Post Office" war schon all das angelegt, wofür der Autor später gefeiert wurde: die einfache, sparsame Sprache, der lakonische Humor, seine Sympathie für die Pechvögel und Außenseiter, dazu eine Ehrlichkeit sich selbst und Mitmenschen gegenüber, die so schmerzhaft sein konnte wie der Streichriemen im Badezimmer seiner Kindheit. Einem Interviewer erklärte Bukowski sein Prinzip einmal so: "Ich mag es roh, leicht und einfach. Auf diese Weise lüge ich mich selbst nicht an."

Gefeiert wie ein Rockstar

Auf "Post Office" folgten "Factotum" (1975) über seine Wanderjahre als Hilfsarbeiter, "Women" ("Das Liebesleben der Hyäne", 1978) über turbulente Liebschaften mit all den Huren, Junkies und Groupies, die der wachsende Ruhm mit sich brachte, und der Coming-of-Age Roman "Ham on Rye" ("Das Schlimmste kommt noch oder fast eine Jugend", 1982).

In den USA blieb Bukowski immer ein Geheimtipp. Dagegen wurde er in seinem Geburtsland zum Star. Auf dem Zenit seines Erfolgs reiste er für eine Lesung nach Deutschland. Am Abend des 18. Mai 1978 drängten sich 1300 Zuhörer in der Hamburger Markthalle. Wer keinen Platz erwischt hatte, saß auf den Gängen oder auf dem Boden vor der Bühne, einige waren in den Dachstuhl hinauf geklettert.

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"Bukowski, Bukowski!"-Chöre hallten durch den Saal, eine Stimmung wie bei einem Rockkonzert. Aus einem Kühlschrank auf der Bühne bediente sich der Autor mit Weißwein. Gleich zu Beginn rannte ein Betrunkener nach vorn und beschimpfte ihn als "altes Arschloch". Bukowski war in seinem Element.

Später wurde der Womanizer oft als Frauenhasser bezeichnet. Tatsächlich ließen ihn seine Texte bereits im Licht der Frauenbewegung der Siebzigerjahre altmodisch aussehen. Nach zahllosen Affären heiratete Bukowski 1985 schließlich seine langjährige Freundin Linda Lee und lebte mit ihr bis zu seinem Tod zusammen.

Seine letzten Veröffentlichungen kreisten ums Sterben. "Die Worte sind einfacher und doch wärmer geworden, dunkler", schrieb er. "Ich werde aus verschiedenen Quellen gefüttert. Dem Tod nahe zu sein, ist belebend."

Henry Charles Bukowski, Jr. starb am 9. März 1994 im Alter von 73 Jahren. Nicht an Leberzirrhose, sondern an Leukämie. Daraufhin nahm sein Lieblings-Steakhouse in Los Angeles, Musso & Frank's Grill, die "Liebfrauenmilch" von der Karte. Bukowski war der einzige Kunde des Nobelrestaurants gewesen, der den lieblichsüßen Fusel aus Deutschland orderte.

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