Fotostrecke

Kleine, große Frau - "Engagiert Euch! Akzeptiert keine Befehle!"

Foto: missingFILMs

"La Chichinette" Wie Marthe Cohn zur Weltkriegsspionin wurde

Ihre Schwester wurde in Auschwitz ermordet - sie spionierte Nazis aus: Marthe Cohn riskierte 1945 als Agentin ihr Leben. Sechs Jahrzehnte schwieg die französische Jüdin, nun, mit 100, ist sie nicht mehr zu stoppen.

1,50 Meter ist sie klein. Und so vogelleicht, dass die schneebedeckten Minen unter ihren Füßen nicht explodieren. Stundenlang stapft Marthe Hoffnung Gutglück nachts durch die verschneiten Vogesen - wieder und wieder versucht die junge französische Jüdin in diesem Winter 1945, die Front Richtung Deutschland zu überqueren.

13 Versuche scheitern: Mal wird die blonde, blauäugige Frau mit dem perfekten Deutsch von den eigenen französischen Soldaten festgenommen, die sie für eine feindliche Späherin halten. Mal bricht sie in einem zugefrorenen Kanal ein, verliert die Orientierung, irrt stundenlang im Kreis umher, muss wieder umkehren.

Erst beim 14. Versuch läuft die Agentin mit dem kleinen Koffer bei Schaffhausen über die Grenze. Ein Wachsoldat glaubt ihrer Legende, sie sei eine deutsche Krankenschwester und suche nach ihrem Verlobten Hans. Fortan setzt Marthe ihr Leben aufs Spiel, um den Feind auszuhorchen.

Ihre Erkenntnisse "trugen wesentlich zu den militärischen Erfolgen der französischen Armee in der letzten Phase des Krieges im Schwarzwald bei", hieß es in der Verleihungsurkunde, als das Militär der zierlichen Frau 1945 das Croix de Guerre mit silbernem Stern verlieh. Die 25.000 Francs Belohnung für ihre Spionagetätigkeit schlug sie aus. Marthe wollte kein Geld, nachdem der Krieg ihr das Liebste geraubt hatte: den Verlobten Jacques, die Schwester Stéphanie, 30 weitere enge Verwandte.

Sie alle wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Marthe überlebte. Was sie nie verwunden hat: "Ich habe das Gefühl, nicht genug für Stéphanie getan zu haben. Das lässt mir keine Ruhe, noch immer nicht", sagt die 100-Jährige im Video-Interview - eine zerbrechliche Frau mit großer Brille und schlohweißem Haar, versunken im Sessel, schwerhörig. Aber hellwach.

"Nach dem Krieg hat keiner gefragt"

Mit ihrem Ehemann Major L. Cohn lebt sie in einem Vorort von Los Angeles - der 95-Jährige hört rechts hinter ihr zu. "Voilà, er verwaltet meine Orden", sagt Marthe Cohn und lächelt. Lange war es genau umgekehrt: Er war der Arzt, sie seine Assistentin. Jahrzehntelang hüllte sie sich in Schweigen, nicht einmal ihm erzählte sie von ihrer Agenten-Vergangenheit.

"Nach dem Krieg hat niemand gefragt, alle schauten nur nach vorn", sagt Cohn. "Zudem hätte mir ohnehin keiner geglaubt." Erst 1996, als die USC Shoa Foundation von US-Regisseur Steven Spielberg einen großen Zeitzeugenaufruf startete, packte Marthe Cohn aus. Sie schrieb ihre Autobiografie "Im Land des Feindes. Eine jüdische Spionin in Nazideutschland", 2018 ins Deutsche übersetzt. Und begann, über ihr Leben zu sprechen.

Ein Leben viel zu groß für ein Hollywood-Epos. Weshalb sich Nicola Alice Hens , Regisseurin des jetzt im Kino angelaufenen Dokumentarfilms "Chichinette - Wie ich zufällig Spionin wurde", für eine leise, tastende Annäherung entschied: "Ich wollte Marthe im Jetzt und Hier präsentieren und zeigen, wie sie durch ihre Erlebnisse und Erfahrungen zu der wurde, die sie heute ist: eine Frau, die mit fast fanatischem Eifer durch die Welt reist, um die Erinnerung wachzuhalten", sagt Hens dem SPIEGEL.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Zweieinhalb Jahre begleitete die Filmemacherin die alte Dame auf ihren Vortragsreisen, kehrte mit Cohn zurück an die Orte ihrer Kindheit in Nordfrankreich. In Metz kam sie am 13. April 1920 zur Welt, 17 Monate nach Ende des Ersten Weltkriegs - Lothringen war soeben wieder zurück an Frankreich gefallen.

Rohe Eier gegen antisemitische Pöbelei

Marthe und ihre sechs Geschwister wuchsen mit der französischen Sprache auf, während die Eltern nur Deutsch mit ihnen redeten. Als Kind jüdisch-orthodoxer Eltern konnte Marthe auch Hebräisch lesen - der Großvater hatte die Synagoge gegründet, im ärmsten Viertel von Metz. Jeden Samstag ging die tiefgläubige Familie Hoffnung Gutglück (abgekürzt zu "Hoffnung") dorthin.

Auf dem Rückweg wurde Marthe schon als Fünfjährige mit Steinen beworfen und als "dreckige Jüdin" beschimpft - auch in Frankreich gab es Antisemitismus. Ein anderes Mal pöbelte eine Gleichaltrige aus der Nachbarschaft sie an. Marthe schlug dem Mädchen eine Einkaufstasche mit rohen Eiern um die Ohren.

Fotostrecke

Kleine, große Frau - "Engagiert Euch! Akzeptiert keine Befehle!"

Foto: missingFILMs

Als die Nationalsozialisten Juden in Deutschland immer stärker drangsalierten und 1938 die Synagogen ansteckten, nahm die Familie jüdische Verwandte aus Düsseldorf auf. Nach Kriegsbeginn gerieten die Hoffnungs selbst ins Visier des NS-Terrors: Die Familie floh zunächst in den Westen Frankreichs. In Poitiers halfen Marthe und ihre 16 Monate jüngere Schwester Stéphanie jüdischen Emigranten aus Deutschland, in die (von den Deutschen noch nicht besetzte) "Freie Zone" im Süden Frankreichs zu gelangen.

Verlobter in Paris hingerichtet

Für die Hoffnungs zog sich die Schlinge nach und nach zu: Die Eltern wurden aus ihrem Laden gedrängt, Marthe verlor ihren Job als Übersetzerin im Rathaus. Ab Mai 1942 mussten Juden auch in Frankreich den gelben Stern tragen, jeden Abend kontrollierten SS-Männer, ob die Hoffnungs zur Sperrstunde daheim waren.

Am 17. Juni 1942 donnerten sie früher als sonst mit ihren Fäusten an die Tür: Stéphanie war als Flüchtlingshelferin aufgeflogen, wurde verhaftet - und nach Auschwitz deportiert. "Sie war so wunderschön", seufzt Cohn, "manchmal nannte ich Stéphanie im Scherz 'Dummchen'. Ich war nie so hübsch und beanspruchte deshalb alle Intelligenz für mich."

Im Jahr darauf verlor Marthe auch ihren Verlobten Jaques. Der Medizinstudent hatte sich im französischen Widerstand  engagiert, am 6. Oktober 1943 wurde er in Paris hingerichtet. Marthe, die sich mit ihrer Familie nach Südfrankreich gerettet hatte, schwor Rache. Die gelernte Krankenschwester meldete sich freiwillig fürs Militär - und weil sie Hochdeutsch konnte, landete sie bei einer Spionageeinheit der 1. Französischen Armee, 151. Infanterieregiment, Regimentsnummer 44-75802236.

"Das hatte mit Mut nichts zu tun. Nur mit Pflicht. So etwas schlägt man nicht aus", sagt Marthe Cohn. Sie lernte morsen, paukte Panzertypen, absolvierte Schießtraining. Und legte sich eine Legende zurecht: die der deutschen Krankenschwester "Martha Ulrich" aus Metz, unterwegs auf der Suche nach ihrem Verlobten, dem Infanteristen Hans. Einen Hans gab es wirklich: Der deutsche Kriegsgefangene wurde in Einzelhaft verlegt und gezwungen, Liebesbriefe an Marthe zu schreiben.

Spitzname "Kleine Nervensäge"

Bald tauften die männlichen Geheimdienstkollegen sie La Chichinette, "kleine Nervensäge". Weil sie ihre Vorgesetzten ständig mit Fragen löcherte und sich gegen jede Zudringlichkeit verwahrte. "So war das früher", lächelt sie. Aber: "Ein 'Non' war ein Non', das respektierten sie." Auch die Avancen von Geheimdienstoffizier Lemaire wies sie zurück, der sie am 11. April 1945 von Basel zur deutschen Grenze fuhr.

Nachdem sie 13 Mal gescheitert war, 13 Mal von Kollegen der Feigheit verdächtigt und verlacht wurde, passierte Marthe endlich die Grenze. "Eine Stunde lang hatte ich zuvor im Gebüsch gekauert, unfähig, mich zu bewegen", erzählt Cohn. "Eine solche Angst hatte ich nie wieder."

In der Dämmerung zwang sie sich aufzustehen und loszulaufen. Niemand schoss, der deutsche Wachsoldat ließ sie passieren. Unverzüglich fuhr Cohn nach Freiburg und hörte sich um. Zwei zwangsweise von den Deutschen eingezogene Elsässerinnen, sogenannte Malgré-nous ("Wider unseren Willen"), verrieten ihr Details über Standort, Größe und Bewegungen deutscher Truppen.

Weil Cohn einen kollabierten Hauptfeldwebel medizinisch versorgte, lud der Mann sie zum Dank in sein Quartier am Westwall ein, dem in der NS-Propaganda als unbezwingbar verklärten Verteidigungssystem entlang der Westgrenze des Deutschen Reiches.

"Der Westwall ist die letzte Linie, die unbedingt gehalten werden muss. In ihm wird gestorben", hieß es in einem Befehl an das Oberkommando der 1. Armee am 5. Dezember 1944. Auch Adolf Hitler hatte stets die Bedeutung der Festungslinie betont: Die Bunker müssten "bis zum letzten Atemzug verteidigt werden" - hier gebe es "kein Zurück".

Obwohl das Kriegsende zum Greifen nah, die deutsche Niederlage unabwendbar war, wütete in den letzten Kriegswochen auch im äußersten Südwesten Deutschlands ein menschenverachtender "Durchhalte-Terror", wie Historiker Wolfram Wette betont. "Kampf bis aufs Messer mit allen Mitteln, mit letzter Kraft. Der Westwall muss mit fanatischer Härte verteidigt werden!": Solche Flugblätter sollten die Moral der deutschen Truppen im Oberrheingebiet aufrechterhalten.

Doch als Marthe Cohn im April 1945 nahe Freiburg am Westwall anlangte, fand sie ihn verlassen vor. Die wertvolle Information leitete sie ihrem französischen Vorgesetzten ebenso weiter wie die Nachricht von einem geplanten Hinterhalt deutscher Soldaten im Schwarzwald. Dieses Geheimnis hatte Cohn einem leitenden Sanitätsoffizier entlockt, den die vermeintliche "Martha Ulrich" im Südschwarzwald traf.

"Junge Französin von herausragendem Mut"

Angesichts ihrer Spionageerfolge spottete kein Kollege mehr über Marthe Cohn. General Charles De Gaulle ehrte sie als "junge Französin von herausragendem Mut", die "binnen weniger Tage ein Netz von Informanten aufbaute, mit dessen Hilfe sie dem französischen Nachrichtendienst wertvolle Erkenntnisse übermittelte". Den Orden stopfte Cohn zunächst in die Schublade - bis ihr Vorgesetzter sie aufforderte, das Croix de Guerre gefälligst zu tragen.

Nach Kriegsende blieb Cohn zunächst beim Militär: Stationiert in Lindau, sollte sie unter anderem Deutsche abwerben, die bereit waren, für Frankreich zu spionieren, außerdem in deutschen Fabriken geraubte Güter aufspüren. Als sie merkte, dass ihre Sympathien für die Deutschen wuchsen, reichte Cohn ihr Entlassungsgesuch ein und verließ das Land. Aus Angst, irgendwann zu vergessen, was die Deutschen ihrer Familie angetan hatten.

Vergessen hat sie es bis heute nicht. Erst 2012 betrat Cohn wieder deutschen Boden - und war erstaunt über die Schuldgefühle, die manche noch immer angesichts der NS-Barbarei empfinden. "Ihr seid nicht schuldig", betont die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. "Aber verantwortlich für die Zukunft. Engagiert euch! Akzeptiert keine Befehle!", rät sie im Interview den Jungen. Gegen den aktuellen Rechtsruck  kennt Cohn nur ein Rezept: Erinnern an das, was war.

Die Corona-Pandemie hat sie zwar ausgebremst in ihrem Reise-Elan. Doch Cohn ist nicht zu stoppen - sie hält ihre Vorträge einfach über Zoom. Viel mehr als die deutsche AfD treibt Cohn der US-Präsident um: Brandgefährlich sei der, schimpft sie. "Lügen, vertuschen, beschönigen - Trump bedient sich der Propaganda Goebbels' ."

Die kleine Frau wird immer wütender. Bis sie plötzlich in sich zusammensackt. Jetzt muss sie ausruhen. Ein Zehn-Minuten-Nickerchen reiche ihr zum Kraft-Auftanken, erklärt Cohn und winkt erschöpft in die Kamera.

"Je ne m'arretêrai pas", verspricht die 100-Jährige - "ich werde nicht aufhören."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.