China nach dem Massaker 1989 Mit dem Fahrrad zu den Panzern

Kurz nach dem Tiananmen-Massaker vor 30 Jahren konnte sich Georg Blume frei durch Peking bewegen und traf auf ebenso kluge wie entsetzte Studenten. Trotz ihres Zorns urteilten viele über die KP verblüffend differenziert.

Vincent Yu/ AP

Gleich zu Reisebeginn belohnten die reizenden Stewardessen von Cathay-Pacific die Passagiere mit einem Wink in die erste Klasse. Solchen Luxus wie bei diesem Linienflug von Hongkong nach Peking hatte ich noch nie erlebt. Aber wir waren nur fünf Gäste in der großen Maschine. Und sollten am 6. Juni 1989, zwei Nächte nach dem Massaker auf dem Tiananmenplatz, unter den Panzern in Peking aussteigen.

Der alte Flughafen von Peking, heute nur noch für Armee und Staatsgäste in Gebrauch, war bereits überfüllt von westlichen Ausländern, die China so schnell wie möglich verlassen wollten. Im Flughafen übernachteten viele in Schlafsäcken und warteten auf den nächsten freien Platz in die Heimat. Ich reiste in umgekehrter Richtung. Doch das Risiko schien mir wohl kalkuliert, in der chinesischen Hauptstadt war es seit den Mittagsstunden des 4. Juni laut Hongkonger Medienberichten ruhig.

Diejenigen, die in Peking die Nacht des Massakers miterlebt hatten, waren verängstigt. Sie flohen zum Flughafen oder verließen ihre Wohnungen und Hotels nicht mehr. Von den westlichen Journalisten hatten viele den mutigen chinesischen Studenten bis zum Schluss beigestanden; auch sie zogen sich erst mal zurück.

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Peking 1989: Als die Studentenrevolte erschossen wurde

Die Weltöffentlichkeit aber hungerte weiter nach Berichten aus Peking. Also flog ich in Absprache mit der "taz"-Redaktion in Berlin, für die ich als Sonderkorrespondent aus Hongkong über die Proteste berichtet hatte, zum ersten Mal nach China. Ich glaubte nicht, dass man als westlicher Journalist vor den chinesischen Panzern jetzt noch Angst haben musste.

Ich umkurvte sie die nächsten Tage an fast jeder Kreuzung mit dem Fahrrad, das mir das Küchenpersonal des Hotels umsonst geliehen hatte. Die Panzer bewegten sich nicht mehr. Stattdessen rückte die "bewaffnete Volkpolizei" zu Razzien an die Unis, in die Wohnblöcke der Studenten und die ihrer Eltern aus. Tausende wurden verhaftet. Ich aber konnte mich kurz nach dem Massaker völlig frei in der Stadt bewegen und mit Studenten sprechen, die froh waren, dass ihnen nach den schrecklichen Ereignissen noch jemand in Ruhe zuhörte.

Peking versank im Staub

Von den damals wenigen Autos in Peking fuhren die meisten in diesen Junitagen nicht. Schon mein Taxi vom Flughafen blieb zwischen Pferdewagen stecken. Ganz Peking, so schien es mir auf den ersten Blick, war einstöckig. Mit Ausnahme einiger neugebauter Hochhäuser entlang der Allee zum Tiananmen-Platz. Aber sonst nur die grauen, kleinen Hutong-Häuschen, von denen heute nur noch Oasen für Touristen erhalten sind. Die nicht asphaltierten Wege zwischen den Hutongs waren voller Staub, aufgewirbelt von den vielen Verkehrsmitteln ohne Motor: Kohlekarren, Lasträder und Gemüsewagen.

In diesem Staub frühstückte ich, aß zu Mittag und Abend. Das Hotelessen war zu teuer. Doch alle Pekinger taten das. Ob privat oder in der Gaststätte, man aß Nudeln und Reis auf kleinen Holzhockern in der Hutong-Gasse. Ich kam gerade aus Hongkong und bereitete meinen Umzug nach Tokio vor. Kaum hatte ich begonnen, über ein neues, glitzerndes, dem Westen wirtschaftlich teils schon damals überlegendes Asien zu berichten, fand ich mich plötzlich in der tiefsten dritten Welt in Peking wieder.

30 Jahre Tiananmen-Massaker: Chinas dunkle Seite

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Das Urteil lag also nahe: Schuld an der Armut waren die bösen Kommunisten, die in der Not auch noch auf wehrlose Studenten schießen ließen. Die ganze westliche Welt erzählte damals diese Geschichte. Doch in Wirklichkeit, und das bleibt für mich die Lehre aus dem Juni 1989 in Peking, war alles viel komplizierter.

"Dieser Störfall ist unabhängig vom menschlichen Willen", zitierte ich in der "taz" vom 12. Juni Deng Xiaoping, den heimlichen Herrscher in Peking. Der "kleine Steuermann" Deng war zwar nicht offiziell Partei- oder Regierungschef, beherrschte aber den KP-Regierungsapparat. Nun stürzte er in den Augen des Westens von einem Tag auf den anderen in Ungnade. Eben noch war er der große Wirtschaftsreformer und Verbündete gegen die mächtige Sowjetunion, nun war er verantwortlich für den Tod von Hunderten, wenn nicht von Tausenden unschuldiger Studenten.

Erstaunlich viele Pekinger verteidigten Deng Xiaoping

Doch schon damals wollten viele Pekinger von Schuldzuweisungen an Deng nichts wissen, auch die Studenten nicht, mit denen ich sprach. Der "Schlächter vom Tiananmen" war für sie ein anderer: nämlich der unbeliebte Premierminister Li Peng, im Nachhinein eine Randfigur der Geschichte.

Deng Xiaoping aber war nie Randfigur und ist es bis heute nicht. Fast alle innerchinesische Kritik am heutigen Parteichef Xi Jinping entzündet sich daran, dass er Dengs politische Grundsätze der außen- und machtpolitischen Zurückhaltung angeblich zu früh aufgab. Das wundert mich nicht. Denn es war schon außergewöhnlich, wie die Pekinger auch damals, im unmittelbaren Licht des für sie durchaus als Katastrophe erlebten Massakers, noch ihren Deng verteidigten.

Die Studenten fühlten sich als heimliche Sieger

Denn erst kurz zuvor, Mitte der Achtzigerjahre, hatte Deng Xiaoping die Dorffabriken erfunden. Damit stieß er die nachhaltige Industrialisierung Chinas an, zuerst inmitten der armen Landbevölkerung, um sie später, in den Neunzigerjahren, auf die reicheren Städte auszuweiten. Darin liegt bis heute ein Schlüssel für die Teilhabe der Bauern am neuen Reichtum Chinas.

Um die Bauern ging es natürlich im Juni 1989 vordergründig nicht. Es ging um die Studenten. Und doch kämpften auch die Studenten der Peking-Universität, wie sie mir damals versicherten, nicht für sich und schon gar nicht für den Kapitalismus, sondern für eine demokratische Revolution, die sie mit mehr Teilhabe der armen Bevölkerung verbanden. Ihr dritter Stand waren die Bauern.

An der Universität fragten sie mich damals aus nach der französischen Revolution, die gerade 200 Jahre alt wurde. Ich war seit 1985 Frankreich-Korrespondent der "taz" und musste den Jung-Revolutionären Auskunft erteilen.

Die hatten sich vom Platz des Himmlischen Friedens in ihre Hochbetten in den Studentenwohnheimen zurückgezogen. Doch sie fühlten sich als heimliche Sieger: gebildet und weltoffen. Oft wurde ich von ihnen belehrt, auch was europäische Geschichte betraf. Manchmal fand ich sie ganz schön arrogant. Aber sie waren alle unheimlich gemeinschaftsbezogen, sehr bedacht auf die Bauern, auffallend differenziert in ihrem Urteil über die KP.

Egal wie die Geschichte mit dem Massaker ausgeht, aus denen wird noch was, dachte ich. Und von heute aus gesehen hat die 89er-Generation China tatsächlich neu erfunden: nur anders, als es ihr damals für kurze Zeit vorschwebte. Nicht als Demokratie nach westlichem Muster, mehr so wie Hongkong oder Tokio - Japan hat ja bis heute auch Züge eines Ein-Parteien-Systems.

Die Kreativität lag bald woanders: im unternehmerischen, aber auch im kollektiven Handeln. Viele 89er reüssierten als Firmengründer, andere als vorausschauende Technokraten im Staatsapparat. Und wie den '68ern in Europa fehlte ihnen oft der letzte Wille zur Macht. Deshalb regieren heute in Peking andere.

Die mit der Revolte errichtete, auch geistige Brücke zum Westen aber brach nie wieder ein. Wenige Tage nach dem 6. Juni 1989 waren die Flüge von Hongkong nach Peking schon wieder voll. Und sind es bis heute.

insgesamt 7 Beiträge
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Heike Czcybulinski, 08.06.2019
1. Missverstaendnis
Vieles in dem Artikel ist erfrischend korrekt. Ausser die Bewertung, dass es sich bei den Ereignissen rund um die Ereignisse im Juni 1989 um eine demokratische Revolution gehandelt haette. Wo haetten denn in China zum damaligen Zeitpunkt 10 Jahre nach der Kulturrevolution die Millionen Demokratieexperten herkommen sollen? Ich war erfreut, dass kuerzlich die damalige ZDF Korrespondentin in Beijing dieser Fehlinterpretation in einer talk show ebenfalls entgegen trat. Es ging den Demonstranten um die Beseitigung der Korruption und des unglaublichen Privilegienwesens vieler Parteikader. Es entstanden riesige Einkommens und Vermoegensdisparitaeten und im Zusammenspiel mit einer Inflation, die zum Teil 40% p.a. betrug war der Unmut dann irgendwann so gross, dass es die Massen auf die Strassen trieb. Der Machtanspruch der kommunistischen Partei wurde allerdings zu keiner Zeit ernsthaft in Frage gestellt. Und was den folgenden Kampf gegen Korruption betrifft, duerfen sich die damaligen Demonstranten durchaus als Gewinner sehen.
Karsten Burger, 08.06.2019
2. Herr Scholl-Latour lässt grüßen...
... man sieht, es bringt immer etwas, vor Ort wirklich mit den Menschen zu reden, und nicht nur seine Vorurteile reflexhaft als Tatsachen zu verkaufen. Das ist guter Journalismus....
Daniel Stelter, 09.06.2019
3.
Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte. Schade, dass auf dem Bild mit dem Mann vor den Panzern immer der ausgebrannte Bus am oberen Rand weggeschnitten wird (bitte nach "Stuart Franklin's best shot" suchen oder in der englischen Wikipedia "Tank Man" - 3. Bild). Der ausgebrannte Bus war einer von denen mit denen die Regierung unbewaffnete Soldaten in die Stadt bringen ließ. Aufgebrachte Bauern und Arbeiter griffen diese an. Es wurden Soldaten umgebracht und die Busse angezündet. Erst danach kamen bewaffnete Truppen in die Stadt. Direkt auf dem Platz des himmlischen Friedens gab es kein Massaker an Studenten. Man ließ die Studenten abziehen. Es gab aber Tote bei den Auseinandersetzungen in umliegenden Stadtgebieten.
El Nido, 10.06.2019
4. Maerchen
Die echte geschichte is anders. Kein "massaker". Die totenzahl war um 200, die haelfte davon waren unbewaffnete soldaten, die teils von dem mob lebend verbrannt wurden CIA war dann auch sehr geschaeftigt. Der "westen", das luegen paradise.
Siegfried Wittenburg, 10.06.2019
5. @ El Nido
Darauf habe ich folgende Fragen: 1. Was haben unbewaffnete Soldaten in Uniform bei einer Demonstration von jungen Menschen zu tun, die ihre Parteiführung bitten, Reformen durchzuführen? 2. Warum werden die Studenten, die als Elite des kommunistischen Staates herangezogen wurden, als Mob bezeichnet?
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