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Cholera in London: "The Great Stink"

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Cholera-Ausbruch in London Der Gestank des Todes

Große Haufen Unrat verpesteten in der Sommerhitze des Jahres 1858 ganz London. Der "Great Stink" trieb die Bürger in die unfreiwillige Isolation - und brachte zugleich die Erforschung von Seuchen weit voran.
Von Susanne Wedlich

Bürger verbergen sich in ihren Häusern. Manche verhängen in Todesangst vor jedem Lufthauch die Fenster. Und die Regierung steht kurz davor, das Regieren aufzugeben. Was fast klingt wie Szenen aus einem dystopischen Roman, war der Ausnahmezustand der Stadt London im Jahr 1858. Es war ein herrlich sonniger Sommer - doch die Hitze legte ein lange ignoriertes Problem offen, bis es buchstäblich zum Himmel stank: Die Themse war von der Lebensader der Stadt zur offenen Kloake geworden.

Das veraltete und hoffnungslos überlastete Abwassersystem der Drei-Millionen-Metropole London mündete ungeklärt in den Fluss. Die Wasserqualität war miserabel, in dieser Jauchegrube konnten weder Fische noch andere Tiere überleben. Weil nun aber der Wasserspiegel in der Rekordhitze stark sank, sammelten sich Exkremente und anderer Unrat in hohen Haufen am Ufer und hüllten die Stadt in eine erstickende Dunstwolke.

Diese Art der Abfallbeseitigung war keine britische Spezialität. So fielen damals etwa in Hamburg die Ausscheidungen der Bewohner von Häusern an der Binnenalster direkt aus Erkern ins Wasser. Sonstige untaugliche Versuche, den Unrat mit Karren aus der Stadt zu entfernen, verteilten ihn eher gleichmäßig in den Straßen. Es gab keine richtige Kanalisation oder hygienische Wasserversorgung. Viele Hamburger tranken ungereinigtes Wasser aus der Alster oder Elbe, so wie die Londoner Armenviertel überwiegend von der Themse abhingen.

Angst vor dem "blauen Tod"

Dabei holten die Bürger sich immer wieder einen gefährlichen Gast ins Haus: die Cholera. Die Krankheit wird durch das Bakterium Vibrio cholerae ausgelöst, das aus Indien stammt, vor allem aus dem warmen Wasser des Golfs von Bengalen. Der zunehmende Seehandel sorgte dafür, dass die Seuche auch im Europa des 19. Jahrhunderts wiederholt in großen Wellen mit jeweils vielen Tausend Toten ausbrach.

Anders als beim langsamen Dahinsiechen der Patienten mit Tuberkulose schlägt die Cholera rasch zu. Bis zu 20 Liter hochinfektiöser Flüssigkeit verlieren die Betroffenen durch den extremen Brechdurchfall an einem Tag, wobei sich auch die Auskleidung des Darms ablöst. Augen und Wangen sinken ein, die Haut wird runzlig und nimmt durch die Dehydrierung eine charakteristische Tönung an - "der blaue Tod" wurde die Cholera auch genannt.

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Cholera in London: "The Great Stink"

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Kein Wunder also, dass London beim "Great Stink" des Jahres 1858 in Panik vor einer erneuten Cholera-Epidemie verfiel. Doch die Angst ging fehl: Die Theorie, dass Mikroben als Krankheitserreger fungieren, hatte sich damals noch nicht durchgesetzt. Stattdessen galt der Gestank selbst als Überträger von Verderben und Tod. Dies folgte der seit der Antike vorherrschenden Theorie von den Miasmen, also gefährlichen Ausdünstungen aus der Erde, aus Kadavern und anderer Verwesung.

Die Londoner verkrochen sich in ihren Häusern und hängten Tücher vor die Fenster. Das Gewebe war in desinfizierenden Chlorkalk getränkt, es sollte die Miasmen der Jauche und damit die Seuchengefahr bannen. Doch sterile Vorhänge richten wenig aus gegen die Cholera - vor allem wenn man weiterhin das Wasser aus der Themse trinkt.

Dieses Wasser hatte der Zeitzeuge und Physiker Michael Faraday von einem Boot aus getestet und als "trübe, fahlbraune Brühe" bezeichnet. Die britische Historikerin Rosemary Ashton nimmt in ihrem Buch "One Hot Summer" über den "Great Stink" an, dass die Menschen dieses widerliche Wasser irgendwann nicht mehr zu sich nahmen. Sicher kann man allerdings nicht sein.

Vor der Cholera gerettet - durch Freibier

In historischen Berichten aus dieser Zeit ist vor allem von der Angst vor den Miasmen die Rede. Ekel gegenüber den Fäkalien selbst ist dagegen kaum auszumachen. Was nicht bedeutet, dass es ihn nicht gab. Vielleicht war der Unrat aber ein so fest etablierter Bestandteil des Alltags, dass übertriebene Abscheu einfach nicht praktikabel war. Wie sonst ließe sich erklären, dass selbst Queen Victoria damals auf der fahlbraunen Themse eine Vergnügungsfahrt unternahm? Allerdings nahm die königliche Tour ob des Gestanks ein abruptes Ende.

Andernorts schienen Menschen sogar eine Vorliebe für das Dreckwasser zu entwickeln: Ein Bericht aus dem Hamburg des frühen 19. Jahrhundert erwähnt eine besondere Vorliebe mancher Stadtbewohner für eine Mischung aus stehendem Elbwasser mit Alsterwasser - trotz der sichtbaren Verunreinigungen. Auch in London entwickelten sich verhängnisvolle Präferenzen für verseuchtes Wasser, wie der britische Arzt John Snow schon vor dem "Great Stink" herausfand.

Mit dieser Entdeckung sollte er Medizingeschichte schreiben: Snow zweifelte an den Miasmen und vermutete eine Übertragung der Cholera durch Wasser. Um das zu beweisen, verzeichnete er nach einem Ausbruch der Seuche im Jahr 1845 erstmals alle Todesfälle präzise auf einer Karte der Stadt. Das eindeutige Muster: Die Krankheit war gehäuft im Umkreis einer öffentlichen Wasserpumpe aufgetreten, ein starkes Indiz für Snows Theorie.

Untermauert wurde sie aber ausgerechnet durch die Ausreißer in den Daten. Denn die Cholera war nicht gleichmäßig in der Nachbarschaft der Pumpe in der Broad Street verteilt. Ausgenommen war unter anderem eine Brauerei mit eigener Wasserversorgung, deren Arbeiter zudem so viel Bier trinken durften, wie sie wollten.

Endlich eine Kanalisation für London

Seltsamerweise fiel auch eine 59 Jahre alte Frau diesem Cholera-Ausbruch zum Opfer, obwohl sie gar nicht in der Nähe der Broad Street wohnte. Des Rätsels Lösung: Das Wasser der Pumpe hatte es ihr so angetan, dass sie sich täglich eine große Flasche davon abfüllen und liefern ließ. Nicht ahnen konnte sie von der Verseuchung des Wassers - durch eine nahe gelegene Fäkalgrube, in der die Windel eines an Cholera verstorbenen Kleinkinds lag.

Snows Argument gegen die Miasmen hätte also nicht klarer sein können. Auch weil er die Behörden auf der Grundlage seiner Daten beschwor, die Pumpe außer Betrieb zu nehmen. Die Epidemie war zwar ohnehin im Abklingen, kam so aber deutlich schneller zum Ende. Doch die Zeit war im Jahr 1845 noch nicht reif für Snows Entdeckung, sie blieb zunächst ohne weitreichendere Konsequenzen.

Für einen großen medizinischen Durchbruch sorgte erst der "Great Stink" 13 Jahre später. Dieser Ausbruch unterschied sich von früheren: Zuvor hatte die Cholera überwiegend arme Menschen in Londons überfüllten Quartieren dahingerafft. Jetzt aber herrschte zumindest Gleichheit in der Wahrnehmung, denn der "Great Stink" hielt wohlhabenden Parlamentariern die unhaltbar unhygienischen Zustände ebenso unter die Nase. Auch in Westminster war der Gestank so schrecklich, dass sich die Staatskassen auf wundersame Weise für die Bekämpfung der Krankheit öffneten.

In einem unerhört aufwendigen Bauprojekt bekam London ein für die damalige Zeit hochmodernes Abwassersystem, das Fäkalien größtenteils unterirdisch entsorgte. Eigentlich sollten so die gefürchteten Miasmen entschärft werden. Weil die Menschen dank der neuartigen Kanalisation aber nicht nur weniger mit Gestank behelligt wurden, sondern auch seltener mit kontaminiertem Material in Kontakt kamen, wurde die Cholera tatsächlich eingedämmt.

John Snow erlebte das nicht mehr. Er war schon 1858 verstorben, im Jahr des "Great Stink". Dank seiner bahnbrechenden Datenanalyse gilt er mittlerweile als ein Begründer der modernen Epidemiologie. Vollständig besiegt ist die Cholera allerdings bis heute nicht - und wird es wohl auch nie sein: Sie tritt noch immer dort auf, wo sich viele Menschen unter unhygienischen Bedingungen drängen müssen.

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