Christian Schwarz-Schilling über den Sommer 1945 Warum mein Vater meiner Mutter Hitler-Unterricht gab

Musikkorps statt Westfront: Die Mutter hatte erreicht, dass der Vater als Komponist nicht Panzergrenadier werden musste. Überhaupt schien sie sehr einflussreich. Ihr größtes Geheimnis erfuhr Christian Schwarz-Schilling jedoch erst lange nach dem Krieg.
Von Christian Schwarz-Schilling
Ehemalige Zwangsarbeiter, 1945 von der 7. US-Armee befreit, tanzen auf dem Dach des »Dr.-Goebbels-Hauses« in Würzburg

Ehemalige Zwangsarbeiter, 1945 von der 7. US-Armee befreit, tanzen auf dem Dach des »Dr.-Goebbels-Hauses« in Würzburg

Foto: Horace Abrahams / Getty Images

Die Zeit ab Frühjahr 1945 war für unsere Familie eine Art Befreiung. Wir hatten zunächst die Hoffnung gehabt, dass die Amerikaner kämen. Die US-Truppen waren ja bis Dessau vorgestoßen. Dort blieben sie aber stehen, und so kamen die Russen.

Wir wohnten damals in Geltow bei Potsdam, am Schwielowsee. Mein Vater war offenbar durch die Protektion eines Verwandten davor bewahrt worden, in den Krieg ziehen zu müssen. Er sollte 1944 als Panzergrenadier an der Westfront eingesetzt werden, da war er immerhin schon 40 Jahre alt. Meine Mutter hat es dann mit einer unglaublichen Anstrengung erreicht, dass er zum militärischen Musikkorps Potsdam kam. Man holte ihn in Brandenburg aus dem Zug und beorderte ihn nach Potsdam zurück.

Ende April 1945 kam er zu uns nach Potsdam-Geltow. Er habe einen Marschbefehl erhalten, sagte er. Er solle wertvolle Instrumente nach dem Westen bringen, eine Oboe, zwei Trompeten und anderes. Er setzte mit einem Schlauchboot über die Elbe und kam so erst in amerikanische und später in britische Kriegsgefangenschaft, aber eben nicht in russische. Als er im Sommer 1945 entlassen wurde, lief er in umgekehrter Richtung von Hannover nach Geltow. An einer Brücke fiel er einem russischen Wachkommando in die Hände. Bei denen entdeckte er ein Klavier. Er setzte sich daran und spielte. Die Russen kamen hinzu, fragten, ob er auch russische Lieder könne – und ließen ihn laufen. Wir hatten seit seiner Abreise keine Nachricht von ihm erhalten; dann, im August, stand er eines Abends am Tor.

Während des Sommers kümmerte sich meine Mutter um mich und meinen jüngeren Bruder Fridolin. Sie war in Polen geboren worden und sprach Polnisch und Russisch; sie hat dafür gesorgt, dass ein polnischer Offizier, der in der Roten Armee diente, in unser Haus kam. Er beschützte meine Mutter und auch die Flüchtlingsfamilie, die mit ihren neun Kindern bei uns einquartiert worden war. Die russischen Soldaten waren nicht bösartig, aber wenn sie getrunken hatten, drohte Gefahr. Sie brachen in die Häuser ein und nahmen sich, was sie wollten. Als sie zu uns kamen, herrschte meine Mutter sie auf Russisch an: Was sie machten? Wir hätten lange auf die Russen gewartet – und jetzt führten sie sich in einer solchen Weise auf.

Ein andermal wäre ich beinahe von zwei Russen abgeführt worden, weil ich Radioprogramme abgehört hatte. Technisch war ich nicht unbegabt. Wir hatten zwei große Kastanienbäume im Garten, und da habe ich mit einem Detektor eine T-Antenne gebaut. So konnte man relativ gut mehrere Sender empfangen.

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Unser altes Radio war noch von den Nazis beschlagnahmt worden: ein Nordmende-Gerät, ein Zeiger wies auf die Ziffern, die die Frequenzen anzeigten. Ich lag davor, als die Gestapo über die Terrasse hereinkam. Sie schrien mich an: Halt, nicht bewegen! Damit ich nicht den Feindsender verstellte, den ich angeblich gerade gehört hatte. Das war aber nicht so. Ich hatte den Flaksender eingestellt, der auch sogleich wieder Nachrichten über anfliegende Bomber brachte. Ich war nämlich im Rahmen des Jungvolks in Potsdam zu einer Spezialabteilung gegangen, dem sogenannten Flugzeugerkennungsdienst. Dort lernte man die verschiedenen Flugzeugmodelle zu unterscheiden, auch am Geräusch.

Den Rundfunkapparat musste ich allerdings trotzdem auf einem Leiterwagen, rechts und links von zwei Polizisten eskortiert, auf die Wache bringen.

In diesem Sommer 1945 beschützte meine Mutter uns und andere, ich war damals sehr stolz auf sie. Als Polin war sie in Deutschland oft schlecht behandelt worden. Jetzt, wo die Naziherrschaft vorbei war, war sie plötzlich in einer anderen Position. Auf einmal traten Frauen und Familien an sie heran, sie hofften darauf, durch meine Mutter und ihre Kontakte beschützt zu werden.

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Ich erinnere mich, dass wir damals wenig zu essen hatten. Ab und an brachten uns Bauern eine Kiepe Obst. Einmal bekamen wir eine große Fuhre von einem Mann, der Parteigenosse gewesen war und der meine Eltern während des Krieges bei der Gestapo angezeigt hatte: Wir würden Feindsender hören, hatte er behauptet, außerdem würden wir nie »Heil Hitler« sagen, wenn wir ein Geschäft betraten. Drei- oder viermal hatten meine Eltern zum Gestapo-Verhör nach Potsdam gemusst. Das war immerhin so ernst, dass sie unseren Nachbarn, zu denen wir ein sehr gutes Verhältnis hatten, unsere Lebensmittelkarten gaben und sie baten, auf uns Kinder aufzupassen, falls sie nicht wiederkämen. Auch meine Schwester wurde vorgeladen und sechs Wochen lang im Gestapo-Gefängnis in Potsdam festgehalten. Die Gestapo-Leute warfen ihr vor, ein Verhältnis mit einem polnischen Zwangsarbeiter gehabt zu haben.

Ich war deshalb entsetzt, dass meine Mutter Obst von diesem Mann annahm. Menschen, die uns so behandelt hatten und die sich jetzt als opportunistisch erwiesen, verachtete ich, ich wollte mit ihnen nichts zu tun haben – wie man als 14-Jähriger so denkt. Meine Mutter sagte nur: Wir haben nichts mehr zu essen.

Mutter war Jüdin

Was ich bis dahin nicht wusste, was ich in diesem Sommer nicht erfuhr und auch lange Zeit danach nicht: Meine Mutter war Jüdin. Das muss für meine Eltern furchtbar gewesen sein. Mein Vater, auch das erfuhr ich erst viel später, war 1938 nach Polen gefahren und hatte meiner Mutter einen neuen Namen verschafft. Mit einer Fälschung des Ahnenpasses. Er hat alle Namen geändert, Geburtsschein, Taufschein, die Angaben wurden dann durch die katholische Kirche bestätigt.

Der Geburtsname meiner Mutter war Blatt. Daraus wurde Blondowicz Blatjowna. Blondowicz ist ein polnischer Adelsname, mein Vater wählte ihn, damit man, wenn man den Namen hörte, gar nicht auf die Idee kommen konnte, dass das eine jüdische Familie ist. Das war unglaublich klug gemacht: Blatjowna hat er dazugesetzt, um gegebenenfalls die Ähnlichkeit zu »Blatt« erklären zu können. Bis dahin hatte die Musikhochschule, an der er lehrte, immer gemahnt, er müsse seinen eigenen und den Ahnenpass meiner Mutter einreichen. Er legte also den gefälschten Pass vor – und konnte seine Stelle antreten.

Meine Mutter muss ständig in der Angst gelebt haben, dass die Fälschung aufflog. Natürlich sprach sie nie darüber. Ich hatte lange keine Ahnung, was die Eltern bewegt haben musste. Einmal hörte ich, wie mein Vater meiner Mutter eine Art Hitler-Unterricht gab: wann er geboren war; wann er an die Macht kam – damit meine Mutter wenigstens Grundkenntnisse hatte.

Vater kam – und Stalin

Meine Eltern haben mir bis zu ihrem Tode nicht von der jüdischen Herkunft meiner Mutter erzählt. Ich habe ihnen das sehr übel genommen, weil unsere Familie für mich immer eine Art Trutzburg war. Ich habe später erfahren, dass es viele, die in einer ähnlichen Situation waren, so gemacht haben. Vermutlich aus Sorge, dass es irgendwann neuen Antisemitismus geben könnte.

Hinzu kam: Meine Mutter, das habe ich erst später herausgefunden, hatte sich in dem neuen Pass jünger gemacht. Sie war 1896 geboren worden, hatte aber 1904 eintragen lassen, das Geburtsjahr meines Vaters. Das sollte wohl nicht bekannt werden. Die meisten Blatts sind von den Nazis umgebracht worden. Einige haben überlebt, das Familiensuchteam fand sie später in Israel. Ernsthaft habe ich mich erst auf die Suche nach meinen Verwandten gemacht, als ich aus dem Bundestag ausgeschieden war und mich dieser Aufgabe wirksam widmen konnte.

Für uns war das Ärgste überstanden, als mein Vater wieder da war. Als er heimkam, konferierten Attlee, Stalin und Truman gerade in Potsdam. Ich erinnere mich, dass Stalin mit dem Zug aus Moskau kam – und dass die Gleise dafür auf die russische Spurbreite umgestellt werden mussten.

Mein Vater hat sich dann bei seiner alten Hochschule für Musik gemeldet. Er wurde als Dozent eingestellt, das brachte uns die offizielle Genehmigung, nach West-Berlin zu gehen. Damit hatte unser Leben wieder eine Ordnung bekommen. Er fand sogar ein Haus, im April 1946 zogen wir um. Wir organisierten für den Umzug einen Wagen, unseren Hausrat hatten wir in Kisten verpackt dabei. Wir passierten die Glienicker Brücke – aber kaum, dass wir hundert Meter im amerikanischen Sektor waren, hatten wir einen Platten.

Wir waren sehr erleichtert, dass uns das nicht in der Sowjetischen Besatzungszone passiert war. Es war das erste Mal, dass wir keine Angst vor der Polizei zu haben brauchten – das erste Mal, dass wir uns sicher fühlten. Der Umzug in den amerikanischen Sektor war für uns die wahre Befreiung.

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