Geheimdienste Die 007 größten Mythen aus der Welt der Spione

Ulrich Baumgarten/ Getty Images

2. Teil: Der BND hatte keinen James Bond


2. Mythos: Der BND hatte keinen James Bond

"Das ist nicht wie bei James Bond." Oder: "Einen James Bond sucht man beim BND vergebens." Solche Sätze kennt man in der deutschen Spionageszene. Wolfgang Lotz, der schrille Champagner-Spion des israelischen Mossad, züchtete in Ägypten Pferde, um an Altnazis im ägyptischen Raketenprogramm heranzukommen. Er sagte einmal über den BND: "Keine Frauen, keine Bomben, keine Drogen, keine Erpressung. Was ist denn das für ein Geheimdienst?"

Den geheimen Klub in Pullach ordnete die öffentliche Meinung irgendwo zwischen Nazi-Verstrickungen, innenpolitischer Verschwörung und genereller Inkompetenz ein. Aber er hatte über 30 Jahre lang ein fiktionales Gegengewicht zu James Bond: Robert "Bob" Urban, Agent 18 des BND.

Preisabfragezeitpunkt:
08.10.2019, 13:22 Uhr
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Christopher Nehring
Die 77 größten Spionagemythen enträtselt

Verlag:
Heyne Verlag
Seiten:
256
Preis:
EUR 9,99

Schriftsteller Karl-Heinz Günther (C. H. Günther) hatte in den Fünfzigerjahren schon den FBI-Agenten "Kommissar X" erfunden. 1965 begann er eine Serie von über 300 Taschenbüchern über Bob Urban alias Mister Dynamit, James Bond in vielem ebenbürtig: Er war der Stolz seines Geheimdienstes, hatte Gardemaße, war als promovierter Ingenieur über die Bundeswehr zum BND gekommen, fuhr Porsche, BMW und Mercedes, wohnte in einem Penthouse in Münchens Nobelviertel Schwabing.

Zwischen 100.000 und 200.000 Exemplare der Bücher wurden zeitweise abgesetzt - eine Riesenauflage. Mister Dynamit war reif für die ganz große Bühne: die Kinoleinwand. 1967 war es so weit, "Mister Dynamit. Morgen küsst euch der Tod" kam in die Kinos.

"Der BND kommt ganz groß raus"

Gedreht werden sollte zunächst auch hinter den Mauern des Bundesnachrichtendienstes in Pullach. "Hauptperson des ganzen Stückes ist 'Bob Urban', ein Agent des BND. Er macht die tollsten Sachen", hieß es in einer Vorlage für BND-Übervater Reinhard Gehlen. "Jedenfalls kommt der BND ganz groß raus."

In bester Bond-Manier verführte Bob Urban Frauen, scherzte herum, setzte erstklassige Spionagetechnik ein und brachte den Schurken Bardo Baretti zur Strecke. Gespielt wurde "Mister Dynamit" von Lex Barker, weltbekannt in der Rolle des Old Shatterhand aus den Winnetou-Filmen der Sechzigerjahre.

DAVIDS/ Bildarchiv Hallhuber

Da sich die Produzenten aber spät an den BND gewandt hatten und dieser in seiner bürokratischen Arbeitsweise eine Weile brauchte, kam es zu keiner Kooperation. Für die erhoffte Fortsetzung war eine Zusammenarbeit fest eingeplant. Doch der Nora-Filmverleih ging 1967 pleite, so konnte der Film überhaupt nur zweimal gezeigt werden.

Das Kritikerurteil war hart: "Zeitweise geschmackloser Agentenfilm zwischen Brutalität und alberner Komik", urteilte das "Lexikon des Internationalen Films". 2017 wurde "Mister Dynamit" gar in einer Reihe als einer der fünf schlechtesten Filme aller Zeiten gezeigt.

Die Handlung bot einige Abstrusitäten. Warum etwa Bösewicht Baretti in jeder Stresssituation eine Flasche Grappa auf Ex trinkt und sich dann in einen Teppich einrollt - für den Zuschauer ein Rätsel. Anders als die Buchreihe war der deutsche James Bond ein Film-Flop, am Ende musste Lex Barker seine Gage einklagen.

Enthüllt hat diese jahrzehntelang vergessene Geschichte übrigens der BND selbst. Chefhistoriker Dr. Hechelhammer stellte "Mister Dynamit" 2014 der Öffentlichkeit vor. Seitdem ist auch der Film wieder auf DVD zu haben.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Sven Moede, 10.10.2019
1.
Mister Dynamit habe ich auch in der Reihe gesehen und ich muss sagen da ist selbst der schlechteste Bond noch Oscarverdächtig gegen. Allein bei dem spontanen Teppicheinrollen frage ich mich heute noch wie man als Filmmacher auf so einen Quatsch kommen kann^^
Marco Gembries, 10.10.2019
2.
Fehlt vielleicht noch der Hinweis das den BND im internationalen Spionagegeschäft keiner so richtig für voll nimmt.Der CIA hält die deutschen Beamten für tollpatschig, und der MFS hat sich halb tot gelacht, wenn man ab morgen den BND zur Kartoffelernte abkommandieren würde ,keiner würde es merken, außer die Bauern die dann Erntehelfer mit zwei linken Händen hätten
Hans-Gerd Wendt, 10.10.2019
3. Wertung
Man mag ja von Rainer Rupp alias "Topas" halten, was man will - aber dieser 7-teilige Beitrag zur Spionagegeschichte im SPON scheint nur geschrieben, um die Leistung Rupps herab zu mindern. Denn es gibt genügend anderslautende Quellen, die die Nervosität Moskaus gegenüber "Able Archer" und vor allem dem damaligen US-Präsidenten Reagan belegen. Das Damoklesschwert Atomkrieg schwebte ganz real schon seit Jahrzehnten über Europa, und die kritischen Monate 1983 verstärkten die Furcht im Kreml ganz erheblich. In dieser Situation kann die "Aufklärung" Rupps in der NATO-Spitze nicht hoch genug bewertet werden.
Werner Haertel, 10.10.2019
4. Korrekterweise...
muss es heißen, dass am 13.8.61 nicht "Berlin" abgeriegelt wurde - sondern nur der Westteil.
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