Geheimdienste Die 007 größten Mythen aus der Welt der Spione

Was hat James Bond mit BND und Stasi zu tun? War Aids eine US-Biowaffe, und floh Hitler nach Südamerika? Historiker Christopher Nehring hat Geheimdienstmythen geschüttelt und gerührt - hier die besten.

Ulrich Baumgarten/ Getty Images

Zum Beispiel diese spionierende Katze. Es gab sie wirklich, so absurd die Idee auch klingt, dass die CIA Katzen Abhörtechnik einpflanzte, um sie auf Botschafter und Staatschefs anzusetzen. Das teure Projekt "Acoustic Kitty" war ein voller Reinfall - schon die erste Kitty kam beim ersten Einsatz unter die Räder eines Taxis.

Christopher Nehring liebt solche Geschichten. Er ist "Leiter Forschung" im Deutschen Spionagemuseum in Berlin und hat zur Geheimdienstgeschichte promoviert. In seinem neuen Buch präsentiert er die "77 größten Spionagemythen enträtselt": Randseitiges bis Ernsthaftes, und natürlich darf James Bond nicht fehlen.

1. Mythos: Die Nazis hatten keine jüdischen Agenten

Die Verbindung klingt abwegig - durch die von den Nazis angestrebte Vernichtung alles Jüdischen in Europa scheint so etwas wie ein jüdischer NS-Spion unmöglich. Und doch gab es (mindestens) einen: Richard Kauder, Immobilienmakler aus Wien.

1940 wurde er als "Volljude" verhaftet. Aber ein Freund seines Vaters war seit dem "Anschluss" Österreichs Chef der "Abwehr", des Spionagedienstes der deutschen Wehrmacht. Oberst Rudolf von Marogna-Redwitz rettete Kauder vor dem sicheren Tod, indem er ihn als Spion mit dem Decknamen "Klatt" anwarb.

Aus Wien wurde Klatt in Bulgariens Hauptstadt Sofia geschickt, um einen Agentenring zu leiten, der dem "Luftmeldekopf Südost" Berichte über die Rote Armee und den Nahen Osten funkte. Nach seinem Lieblingsmärchen nannte Klatt diese Funksprüche "Max-Meldungen", wenn es um die Sowjetunion ging, und "Moritz-Meldungen" zum Nahen Osten. Seine Hauptquelle, den Exilrussen Longin Ira, hatte er im Budapester Gefängnis kennengelernt.

Die "Max und Moritz"-Meldungen erreichten bald die höchsten Kreise der deutschen Wehrmacht. Der spätere BND-Präsident Reinhard Gehlen, damals Leiter der Heeresaufklärung "Fremde Heere Ost", hielt große Stücke auf Klatt.

1943 hatte selbst Hitler von Klatt gehört - und verbot den deutschen Geheimdiensten, mit Juden zu arbeiten oder sie anzuwerben. Reinhard Gehlen hielt Kauder aber für seine beste Informationsquelle zur Roten Armee und wollte "den Juden Klatt", wie der Agent intern genannt wurde, nicht verlieren.

Darum trickste Gehlen: Den deutschen Diensten war es untersagt, jüdische Agenten zu führen, aber die Vasallen in Europa konnten damit durchkommen. Also brachte Gehlen den ungarischen Geheimdienst dazu, Klatt als Agenten zu führen. Die Informationen gingen weiterhin an Gehlen.

Richard Kauder mit seiner Geliebten Ibolya KaÌlmaÌn, 1942
Dr. Winfried Meyer

Richard Kauder mit seiner Geliebten Ibolya KaÌlmaÌn, 1942

Klatts Nachrichten hatten einen Makel, von dem niemand wusste: Sie waren falsch. Aufgrund ihres bemerkenswerten Wissens über die Rote Armee, deren Militärstrategie sowie zahlreicher Gespräche mit redseligen Beamten und Diplomaten in Sofias Nachtklubs hatten Ira und Kauder sämtliche Meldungen erfunden. Ihre Analysefähigkeit und ihr Riecher dafür, was gern gehört wurde, waren so gut, dass Abwehr und Wehrmacht bis zum Schluss alle Informationen begierig aufnahmen.

1943 wurde es jedoch zu heiß für Klatt. Er reiste über Sofia nach Budapest und 1944 weiter nach Salzburg, wo er die letzten Kriegsmonate überstand.

Das Kriegsende bedeutete nicht das Ende des Agenten. Reinhard Gehlen, größter Fan der Max-und-Moritz-Meldungen, arbeitete als Chef der "Organisation Gehlen" und des späteren BND 1947 wieder in der Spionage gegen die UdSSR, nun im Auftrag der US Army und der CIA. Klatt wollte er unbedingt reaktivieren, doch seine amerikanischen Dienstherren, die große Zweifel an der Integrität des Agenten hatten, untersagten es ihm. Noch im Krieg hatten die britischen Codeknacker um Alan Turing die deutsche Kommunikation entschlüsselt und wussten, dass die Max-Meldungen nicht stimmten.

Auch beim sowjetischen Geheimdienst hatte man vom sagenhaften Agenten gehört und sann auf Rache. Mehrfach versuchten sowjetische Agenten, Richard Kauder in Salzburg zu entführen. Doch er sprang auch ihnen von der Schippe. 1960 starb Richard Kauder völlig verarmt in Salzburg - eine der schillerndsten Figuren der Weltkriegsspionage, die mit List versucht hatte, die große Barbarei des 20. Jahrhunderts zu überleben.



insgesamt 4 Beiträge
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Sven Moede, 10.10.2019
1.
Mister Dynamit habe ich auch in der Reihe gesehen und ich muss sagen da ist selbst der schlechteste Bond noch Oscarverdächtig gegen. Allein bei dem spontanen Teppicheinrollen frage ich mich heute noch wie man als Filmmacher auf so einen Quatsch kommen kann^^
Marco Gembries, 10.10.2019
2.
Fehlt vielleicht noch der Hinweis das den BND im internationalen Spionagegeschäft keiner so richtig für voll nimmt.Der CIA hält die deutschen Beamten für tollpatschig, und der MFS hat sich halb tot gelacht, wenn man ab morgen den BND zur Kartoffelernte abkommandieren würde ,keiner würde es merken, außer die Bauern die dann Erntehelfer mit zwei linken Händen hätten
Hans-Gerd Wendt, 10.10.2019
3. Wertung
Man mag ja von Rainer Rupp alias "Topas" halten, was man will - aber dieser 7-teilige Beitrag zur Spionagegeschichte im SPON scheint nur geschrieben, um die Leistung Rupps herab zu mindern. Denn es gibt genügend anderslautende Quellen, die die Nervosität Moskaus gegenüber "Able Archer" und vor allem dem damaligen US-Präsidenten Reagan belegen. Das Damoklesschwert Atomkrieg schwebte ganz real schon seit Jahrzehnten über Europa, und die kritischen Monate 1983 verstärkten die Furcht im Kreml ganz erheblich. In dieser Situation kann die "Aufklärung" Rupps in der NATO-Spitze nicht hoch genug bewertet werden.
Werner Haertel, 10.10.2019
4. Korrekterweise...
muss es heißen, dass am 13.8.61 nicht "Berlin" abgeriegelt wurde - sondern nur der Westteil.
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