Cocktail-Legenden Ein Gläschen Buntes

Caipi oder Piña Colada, Bellini oder Bloody Mary - wo kräftig gefeiert wird, wird auch geschüttelt, gerührt und geseiht. Kunterbunte Cocktails gehören längst zur Partykultur wie Knabbergebäck und das Kleine Schwarze. Dabei begann der Siegeszug der hochprozentigen Mixgetränke mit einem blutigen Hahnenkampf.

Corbis

Von Bettina Wolf


Ein Hahnenkampf irgendwo in Amerika, Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Stimmung ist angespannt, aufgeregt gestikulierende Männer bilden einen Ring um die zwei streitenden Gockel. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. Bei einem Tier schleifen die bunt schillernden Schwanzfedern schon über die Erde, ein letzter Angriff des Gegners und er liegt am Boden. Der Besitzer des siegreichen Tiers triumphiert, er bekommt die schönsten Schwanzfedern des Verlierers und streicht das Geld ein. Später stoßen alle miteinander zu Ehren des Siegers an: "On the cock's tail".

So könnte er entstanden sein, der Name "Cocktail" - zumindest ist dies eine der verschiedenen Legenden, die sich um die Namensgebung der wohl schillerndsten Form des Alkoholgenusses ranken. Andere mutmaßen, der Name gehe auf Hahnenschwanzfedern zurück, die als Verzierung der Getränke verwendet wurde. Wieder andere sehen die Schichtung der verschiedenen Alkoholika und aromatischen Zusätze im Glas, die an eine Hahnenfeder erinnern, als Namensgeber.

Ebenso wie über die Entstehung des Namens rätseln Kenner auch über die Entstehung der einzelnen Rezepte. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ausgerechnet die US-Amerikaner den Cuba Libre erfunden haben - wo sie doch seit Jahrzehnten mit dem südamerikanischen Inselstaat in Dauerfehde liegen? Vor etwas mehr als hundert Jahren sah das allerdings noch anders aus. 1898 befreiten US-Soldaten Kuba von den spanischen Kolonialherren, auf ihren Sieg im Spanisch-Amerikanischen Krieg tranken sie ein Mixgetränk: kubanischer Rum, Limonade und Limettensaft. Stolz prosteten sie sich zu: "Viva Cuba Libre" - es lebe das freie Kuba. Weil auch die USA sich den Karibikstaat zunächst untertan machten, statt ihm Unabhängigkeit zu gewähren, tauften viele Kubaner den Drink hingegen "Mentirita" - kleine Lüge. Erst später wurde die Limo im Cuba Libre durch die amerikanischste aller Brausen ersetzt - Coca Cola.

Schnaps mit Honig

Dass in diesem Falle die USA die Cocktail-Kultur exportierten, lag einigermaßen nahe, denn die Amerikaner haben von allen Nationen die längste Erfahrung im Mixen. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wurde in der Neuen Welt fleißig geschüttelt und gerührt - vor allem, weil dort Whiskey als alkoholisches Getränk am weitesten verbreitet war. Der war damals nicht weich und rund wie heute, sondern ein harter und ungelagerter Kornschnaps, das reinste Feuerwasser. In vielen Bars wurde er deswegen gestreckt, mit Zucker, Honig, Früchten oder Säften.

"Cocktail ist eine anregendes Getränk, zusammengestellt aus Spirituosen aller Art, Zucker, Wasser und Bitter", frotzelte der Herausgeber der amerikanischen Illustrierten "The Balance" schon 1806 über die neue Mode: "Er wird gemeinhin als 'bittered sling' bezeichnet und soll als ausgezeichneter Wahlkampfhelfer von Nutzen sein, da er das Herz kräftig in Schwung bringt und den Kopf beschwipst."

Der Siegeszug der Cocktails war nicht aufzuhalten. Die schmackhaften Getränke wurden in Liedern besungen, Filmen genossen und es wurde ihnen sogar in der Literatur gehuldigt. So verewigte beispielsweise der US-Literat und Nobelpreisträger Ernest Hemingway in seinem Roman "Über den Fluss und in die Wälder" einen absoluten Cocktail-Hot-Spot: Harry's Bar in Venedig. In den fünfziger Jahren ging hier der internationale Jetset ein und aus. Stars wie Orson Welles, Truman Capote und Peggy Guggenheim gaben sich die Klinke in die Hand - vor allem wegen eines legendären Mixgetränkes: des Bellinis.

Fruchtmus in der Bar der Stars

Sowohl die Eröffnung der Bar als auch die Erfindung des sagenumwobenen Cocktails hat die Welt einem mittellosen amerikanischen Studenten zu verdanken. Ende der zwanziger Jahre verbrachte Harry Pickering seinen Urlaub zusammen mit seiner Tante und deren Liebhaber in Venedig - vor allem aber an der Bar des Hotel Europa. Bereits morgens begann das Trio den Tag mit harten Drinks, nur um nahtlos bis zum Abendessen durchzuzechen. Der Barmann, Giuseppe Cipriani, war offensichtlich beeindruckt von so viel Stehvermögen: Als Pickerings Tante nach einem Streit mit dem Studenten erbost abreiste und ihren Neffen ohne eine Lira in der Tasche zurückließ, half Cipriani dem jungen Amerikaner aus der Patsche.

Kaum hatte Pickering die geliehenen 10.000 Lire eingestrichen, verschwand er von der Bildfläche und tauchte erst Monate später wieder auf - dafür mit dem vierfachen Geldbetrag in der Hand. Mit diesem Startkapital eröffnete Barman Cipriani am 13. Mai 1931 auf 45 Quadratmetern in einem ehemaligen Lagerhaus für Seile sein eigenes Lokal - und benannte es aus Dankbarkeit nach seinem amerikanischen Freund "Harry's Bar".

Jahre später, an einem heißen Sommertag, hatte Cipriani dann die brillante Eingebung, weißfleischige Paola-Pfirsiche zu pürieren und dieses Mus mit Prosecco aufzufüllen. 1948 wurde das Getränk dann zu Ehren des gleichnamigen venezianischen Renaissance-Malers Bellini genannt und von Ciprianis Stargästen in großen Mengen genossen - nur einer von Dutzenden legendärer Cocktails, die sich inzwischen feste Plätze auf den Getränkekarten von Bars zwischen Hamburg und Honolulu, Melbourne und Montevideo erobert haben und deren Geschichten einestages hier für Sie präsentiert.



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