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Colonia Dignidad heute: Leben am Ort des Terrors

Foto: Jann Höfer

Colonia Dignidad heute "Da muss ein Museum rein oder der Bulldozer!"

120 Menschen leben noch heute in der früheren Siedlung Colonia Dignidad - an einem Ort des Sektenterrors und der Folter. Warum nur? Ein junger Fotograf kam mit eindrucksvollen Bildern aus Chile zurück.

Die kleine Mauer hätte eine Chance sein können. Mit ein paar Gedenktafeln zu den Verbrechen, die in dieser Idylle begangen wurden: Kinder wurden mit Elektroschocks gequält, es gab massiven sexuellen Missbrauch, Zwangsmedikation mit Psychopharmaka. Rings um die Mauer sollten Sitzbänke stehen. Ein Ort zum Nachdenken, Erinnern, Trauern.

Etwa 15.000 Hektar Land umfasst das Gelände der ehemaligen Sekte Colonia Dignidad in Chile. Aber es gibt nicht einen Quadratmeter für die ehrliche Erinnerung. Nur ein nicht fertiggestelltes Museum und ein Schild, das die Zeit unter Kinderschänder und Sektenführer Paul Schäfer als "schwierige Jahre" einstuft.

Die Mauer stand schon, die Tafeln hingen noch nicht. "Ein paar Tage ist das erst her, da hat sie in einer Nacht- und Nebelaktion irgendjemand niedergerissen", sagt Ralf Peters (Name geändert) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE und klingt resigniert. Die Kämpfe um den Umgang mit der Vergangenheit haben ihn zermürbt. Gedenken ist auf dem Gelände, das heute Villa Baviera (bayerisches Dorf) heißt, ein heikles Thema - und meist unerwünscht.

"Viele sind noch nicht so weit", sagt Peters, der selbst lange von diesem Ort nicht loskam. Er wurde hier geboren, eingesperrt, kontrolliert. Heute wohnt er weit entfernt im Süden Chiles. Etwa 120 der einst 300 Bewohner der Colonia Dignidad, darunter zwei seiner Schwestern und ein Bruder, leben aber bis heute dort, wo sie einst gequält wurden.

Sie haben hier 2012 sogar ein Hotel eröffnet und verkaufen an chilenische Touristen Schweinshaxe mit Knödeln, serviert zu deutscher Volksmusik. Es gibt ein Oktoberfest, Bierwettrinken und Schuhplattler-Vorführungen. Einstige Opfer Schäfers arbeiten als Kellner oder Touristenführer inmitten der schrecklichen Erinnerungen.

Das beliebte Restaurant mit der urbayerischen Küche etwa hieß früher Zippelhaus: Hier rief Schäfer Versammlungen ein, drohte, erniedrigte. Vermeintliche Sünder ließ er kollektiv verprügeln. Und auf der Wiese vor seinem Wohnhaus, in dem er jahrzehntelang missbrauchte, können Hochzeitsgäste sich heute das Ja-Wort geben.

Küchen-Mitarbeiterin: Täglich deutsche Gerichte

Küchen-Mitarbeiterin: Täglich deutsche Gerichte

Foto: Jann Höfer

"Körperlich und psychisch ruiniert"

Viele Opfer, aber auch Profiteure des System Schäfers wohnen heute also in einer Gemeinschaft und versuchen, mit der Vermarktung eines deutschen Klischeebildes Geld zu verdienen. Man muss kein Traumaexperte sein, um zu ahnen, dass so etwas nicht gesund sein kann. Vom "Ausspannen im Folterlager" schrieben Zeitungen; Angehörige von in der Kolonie ermordeten Gegnern der Pinochet-Diktatur demonstrierten gegen das Hotel und zürnten, ebenso gut könne man in Auschwitz einen McDonalds eröffnen.

Es drängt sich die Frage auf: Warum sind diese Menschen geblieben?

Der Fotografiestudent Jann Höfer wollte mehr erfahren und hat sich Ende 2015 für drei Wochen in der Villa Baviera einquartiert. "Anfangs habe ich mich ein wenig geärgert über die schnellen Schuldzuschreibungen von Journalisten, die nur für ein paar Tage vor Ort waren. Ich wollte herausfinden, ob das wirklich so einfach ist."

Höfer gelangen eindrückliche Porträts der Bewohner (siehe Fotostrecke) - und das Thema wurde für ihn "noch viel komplexer". Seinen ersten Tiefpunkt hatte er nach drei Tagen. In der Abgeschiedenheit beschlich ihn das bedrückende Gefühl, nicht wegzukommen. Genau wie einst die Menschen nicht wegkamen, die er nun fotografierte - und denen er anmerkte, "dass sie noch tief traumatisiert sind".

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Opfer der Colonia Dignidad: Folter und Mord in der "Kolonie der Würde"

Foto: © Ivan Alvarado / Reuters/ REUTERS

Dann wieder war er berührt von der Zerrissenheit einiger Bewohner. Er lernte eine Familie kennen, die gern raus wollte. "Der Mann hat alles gemacht, um seine Situation zu verbessern", sagt Höfer. Er kaufte Bienenvölker und Ziegen, um Honig und Käse herzustellen. "Aber das Geld reichte nicht." Was also machen? Einen Kredit aufnehmen? Nach Deutschland ziehen, das er nie kennengelernt hat? "Er hat mir gesagt: Chile ist meine Heimat. In Deutschland müsste ich Hartz IV beziehen." Dazu sei er nicht der Typ.

"Manche haben tatsächlich keine Wahl", sagt auch Ralf Peters. "Sie sind alt, traumatisiert, schlecht ausgebildet, sprechen kaum Spanisch. Wohin sollen sie?" Peters selbst war erst 25, als Schäfer 1997 vor der Justiz floh. Er brauchte weitere vier Jahre, um ein Leben außerhalb der Gemeinschaft zu wagen. Schließlich studierte er Pädagogik und Grafikdesign, kehrte für den Versuch zurück, die Gemeinschaft zu reformieren, zog aber 2012 endgültig fort und arbeitet heute als Lehrer.

Arm und ohne Lebensperspektive

Die heutigen Bewohner teilt er in verschiedene Gruppen ein: Da sind die Pioniere, die 1961 mit Schäfer nach Chile kamen. Viele sind heute über 80, zu alt, um noch zu gehen, oft wohl auch zu unwillig. Denn anders als ihre Kinder, die nie eine Wahl hatten, folgten sie Schäfer einst freiwillig nach Chile. Wenn heute Journalisten die Kolonie besuchen, schweigen oft die Alten am beharrlichsten.

Von der Generation der Sektenkinder wiederum seien viele "körperlich und psychisch so ruiniert", dass es für sie unmöglich sei, woanders zu leben, so Peters. Diesen Menschen fehlt, wie allen Ehemaligen, zudem das Kapital: Schäfer hat nie Löhne gezahlt für die harte Arbeit auf den Feldern, im Steinbruch oder in der Schlosserei. "Wir sind eure Altersversorgung", versprach der Sektenchef seinen Jüngern.

Erst nach Chiles Rückkehr zur Demokratie wurden ab 1990 in der Kolonie Lohnzettel ausgefüllt. Allerdings nur dem Schein nach, denn Schäfer behielt alles ein. Das Geld verschwand, die Lohnzettel aber führten wenigstens dazu, dass die meisten heute eine Mini-Rente beziehen - oft nur 50 Euro. Eine Entschädigung, etwa durch Verteilung des Gutsbesitzes an die Opfer, wurde nie umgesetzt.

Gelände der Siedlung: Heute immer noch umzäunt

Gelände der Siedlung: Heute immer noch umzäunt

Foto: Jann Höfer

Peters erklärt, in beiden Altersgruppen fänden sich zudem die Unbelehrbaren, die alle Verbrechen allein auf Schäfer schöben - und die Vergangenheit sonst schönredeten.

Und schließlich blieben manche aus Bequemlichkeit, obwohl sie jung genug für einen Neustart seien: "Man kann in der Siedlung sehr billig leben und selbst mit einem abgebrochenen Studium einen Chefposten bekleiden. Sie melken die Kuh, solange sie noch lebt." Zwar ist die Villa Baviera verschuldet und das Land mit Hypotheken belastet, die Einnahmen decken meist nur die Zinsen. Doch insgeheim spekulieren einige wohl darauf, dass das Land irgendwann aufgeteilt wird - und es nur jene bekommen, die dann noch dort leben.

Und so wohnen heute Gebrochene und Gesunde, Kinder und ihre Eltern - von Schäfer einst systematisch getrennt - in einer Zweckgemeinschaft zusammen. Auch die umstrittene Tourismusidee entstand einst aus wirtschaftlicher Not. Einer ihrer Initiatoren: Ralf Peters.

Er weiß, das ist schwer zu vermitteln. "Wir wollten Touristen, damit sich die Leute nicht wieder innerlich einschließen", sagt Peters. Es seien sowieso viele Gaffer gekommen, um sich "Schäfers verrückten Kinder" anzuschauen. "Dagegen gab es in der Gemeinschaft Widerstände. Also wollten wir das steuern, die Gemeinschaft sinnvoll öffnen."

"Ihr müsst da raus!"

Für falsch hält Peters es jedoch, die Gäste in historisch belasteten Räumen wie dem Zippelhaus zu bewirten. "Das sollte nur eine Übergangslösung sein, bis wir genügend Geld haben, um neue Gebäude zu errichten." Doch das Geld kam nicht, alles blieb beim Alten. So spaltet das Projekt heute auch die Familie von Peters.

Seine Schwester Paula (Name geändert) betreibt bis heute das Tourismusprojekt federführend. "Ich habe ihr immer gesagt: Ihr müsst da raus, wie wir es geplant haben. Im Zippelhaus kann kein Tourismus entstehen. Da muss ein Museum rein oder der Bulldozer!" Als in Schäfers Duschkeller ein Karaoke-Singen veranstaltet wurde, war Ralf Peters empört: "Das ist so bizarr, so etwas kann man nicht machen!"

2012 stieg er endgültig aus. Bewusst hatte er sich zunächst in einem Gebäude einquartiert, in dem angeblich "nichts Schlechtes geschehen war", und sich dann auf eine einsame Steininsel außerhalb des immer noch umzäunten Geländes zurückgezogen. Hier fühlte er sich freier, weniger kontrolliert.

Vielleicht wird die Erinnerung von außen kommen müssen. Ein chilenisches Gericht hat im Mai 2015 verfügt, dass vor der Pforte der Villa Baviera ein Mahnmal errichtet werden muss und einige Gebäude unter Denkmalschutz gehören. Passiert ist bisher: nichts.

Ralf Peters Vater sitzt derweil hochbetagt in Haft. Er war für die Wirtschaft der Kolonie zuständig. Wenn er in zwei Jahren seine Strafe abgesessen hat, wird er mit seiner Mini-Rente wohl wieder in die Kolonie zurückkehren, sagt der Sohn. Und dort als freier, womöglich auch geläuterter Mann am Ort seiner Schuld sterben.

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