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Erfinder von Fix und Foxi: Rolf Kaukas dunkle Seite

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Comicpionier Rolf Kauka Fix und Foxi beim Geheimdienst

Der »Fürst der Füchse« erschuf mehr als 80 Comicfiguren – und war zugleich ein kalter Krieger mit Nazivergangenheit. Schon früh pflegte Rolf Kauka, stramm rechter Verleger, enge Kontakte zum Bundesnachrichtendienst.

Jedes Kind kannte Fix und Foxi. Mit den Comic-Füchsen wuchsen ganze Generationen in Westdeutschland auf. Über vier Jahrzehnte, von 1953 bis 1994, erschienen die Bildergeschichten mit den beiden Latzhosenträgern. Mitte der Sechzigerjahre erreichten die Hefte eine wöchentliche Auflage von mehr als 400.000 Exemplaren, zeitweise war »Fix und Foxi« die größte deutsche Jugendzeitschrift.

Rolf Kauka, ihr Erfinder und Verleger, warf zudem allerlei Nebenprodukte, Sondereditionen und Taschenbücher mit den Fuchszwillingen auf den Markt, und er erschuf immer neue Serienhelden, etwa den Wolf Lupo oder den drolligen Bussi Bär. Am Ende tummelten sich mehr als 80 Figuren in Kaukas Comic-Kosmos.

Eine bisher weitgehend unbekannte Seite des Selfmade-Millionärs Rolf Kauka beleuchtet jetzt Bodo Hechelhammer, langjähriger Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes (BND), in einer neuen Biografie: die Beziehung des Bilderblatt-Produzenten zum westdeutschen Geheimdienst.

Ein Zufall, erzählt Hechelhammer, brachte ihn auf die Idee, sich mit Kaukas Lebensgeschichte näher zu befassen. Bei Recherchen zu seinem 2014 erschienenen Buch »Geheimobjekt Pullach« erfuhr er von Rosemie Wessel, der Witwe des von 1968 bis 1978 amtierenden BND-Präsidenten Gerhard Wessel, dass ihr Mann sehr eng mit Kauka befreundet gewesen war.

Als bloßer »Mitläufer« eingestuft

Die beiden hatten sich in den letzten Kriegsmonaten 1945 kennengelernt. Wessel war Oberstleutnant im Generalstab und hatte zuvor nachrichtendienstlich unter Generalmajor Reinhard Gehlen in der Abteilung Fremde Heere Ost gearbeitet. Nun war Wessel Dritter Generalstabsoffizier, sogenannter Ic-Offizier, der Heeresgruppe Weichsel, der hier Aufklärungsaufträge an die Ic-Offiziere der unterstellten Verbände erteilte. Kauka fungierte als Nachrichtenoffizier der Luftwaffe.

Nach dem Krieg ließ sich Kauka zunächst am Chiemsee und später in München nieder. Er war 1917 in Sachsen geboren worden, in einer Nazifamilie aufgewachsen, dann selbst ein glühender Hitlerjugend-Führer und ideologisch überzeugter Wehrmachtssoldat gewesen.

Im November 1945 bemühte sich der gelernte Drogist, der die Schule vor der Mittleren Reife abgebrochen hatte, mit einem frisierten Lebenslauf von der amerikanischen Militärverwaltung eine Lizenz für einen Buchverlag zu erhalten – vergeblich. Dabei legte er sich einen Doktortitel zu und führte ihn später zeitweise auch im Verlagsnamen. Die Entnazifizierung als bloßer »Mitläufer« erschlich er sich durch die falschen Angaben, da keine der konsultierten Behörden belastende Informationen ermitteln konnte.

Mithilfe verschiedener Geschäftspartner, durch die er die Lizenzpflicht unterlief, gründete er mehrere Verlage. Einer seiner Kompagnons war der Jurist Norbert Pohl, einst Chefrichter am SS- und Polizeigericht in Krakau. Kauka beschäftigte in seinem Verlag auch Traudl Junge, Adolf Hitlers letzte Sekretärin, und Ruth Irene Kalder, einstige Lebensgefährtin von Amon Göth, dem berüchtigten Lagerkommandanten des Konzentrationslagers Plaszów.

Kauka gab unter anderem einen »Leitfaden für Polizeibeamte« heraus, ein »Kriminalmagazin« und juristische Kurzlehrbücher, aber auch Liebesromane der am Tegernsee lebenden Autorin Hedwig Courths-Mahler. Wirtschaftliche Erfolge erzielte er jedoch erst mit seinen Comics in den Fünfzigerjahren.

Für ihn waren es Bildergeschichten, keine Comics

Von Mai 1953 an erschien »Till Eulenspiegel«, Untertitel: »Die erste deutsche Bilderzeitschrift«. Den Begriff Comic mochte der deutschnationale Kauka nicht. Die Heftreihe war die Antwort auf die zwei Jahre zuvor erstmals in Deutschland erschienene Ausgabe von Walt Disneys »Micky Maus«. Aus »Eulenspiegel« ging »Fix und Foxi« hervor. 1957 konnte der prosperierende Verlag eine Villa in Grünwald beziehen.

Kaukas einstiger Vorgesetzter Wessel hatte seit 1947 im nahe gelegenen Pullach gelebt und insgeheim für die »Organisation Gehlen« gearbeitet, den Vorläufer des BND. Nach Wessels Aussage hatte er Kauka erstmals 1950 wiedergesehen.

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Bald trafen sie sich regelmäßig alle paar Monate, feierten zusammen Partys und verbrachten gemeinsame Urlaube. Bei Kaukas dritter Eheschließung 1970 fungierte Wessel als Trauzeuge des Bräutigams; Kauka war 1969 Gast bei der Hochzeit von Wessels Tochter Christa mit dem Journalisten und späteren Kulturstaatsminister Michael Naumann.

Wessel baute ab 1956 das spätere Amt für Sicherheit in der Bundeswehr auf, den Vorläufer des Militärischen Abschirmdienstes. Er verschaffte Kauka den Auftrag, Ausbildungsfilme für die Bundeswehr und für die Spionageabwehr zu produzieren.

Umfangreiche Schnüffelei im Inland

Über Wessel, der häufig den BND in Pullach besuchte, lernte Kauka auch Reinhard Gehlen kennen. Kaukas möglichen Nutzen für den BND umschreibt Hechelhammer so: »Ein Geheimdienst hat grundsätzlich immer Interesse daran, durch sogenannte ›Tipper und Forscher‹ Hinweise und Informationen über möglicherweise nachrichtendienstlich interessante Personen zu erhalten«, und der gut vernetzte Kauka »schien dafür der richtige Mann zu sein«.

Ob und in welchem Bereich Kauka dem BND zu Diensten gewesen sein könnte, kann Hechelhammer nicht konkret sagen. Denn auch der ehemalige Chefhistoriker, der weiterhin für den Dienst arbeitet, durfte im BND-Archiv ausschließlich offen zugängliche Quellen nutzen. »Aus den wenigen zu Rolf Kauka vom BND freigegebenen Dokumenten«, schreibt Hechelhammer, gehe nur hervor, »dass für ihn der Bereich 180,1 zuständig war«. Hinter der Chiffre »verbarg sich der Strategische Dienst von Wolfgang Langkau und dessen Stellvertreter Kurt Weiß«. Dieser Bereich sei »nicht nur für die ausländische Informationsbeschaffung zuständig« gewesen, »sondern auch für spezielle Kontakte zu Medienvertretern und öffentlichen Persönlichkeiten«.

Mit der diskreten Umschreibung verschleiert Hechelhammer die skandalöse Praxis dieser BND-Abteilung: Der »Strategische Dienst« betrieb eine umfangreiche und illegale politische Inlandsspionage. Ins Visier genommen wurden Institutionen, Personen und Milieus, die nicht in das konservativ-autoritäre Weltbild Gehlens und seiner Mitarbeiter passten. Erst jüngst belegten Aktenfunde, wie diese BND-Abteilung den SPD-Vorstand ausspähte und versuchte, die Presse zu lenken.

Der BND mauert bis heute

Für Kauka interessierte sich damals auch ein spezieller BND-Mitarbeiter: Heinz Felfe, der noch unerkannte Maulwurf des sowjetischen Geheimdienstes KGB, war im BND-Bereich Gegenspionage Sowjetunion beschäftigt. Er holte im Spätsommer 1958 bei Polizei und Sicherheitsbehörden Auskünfte über Kaukas Geschäfte und Privatleben ein. Über die Zollfahndung erfuhr Felfe, dass Kaukas Filmfirma mit der Bundeswehr zusammenarbeitete und ihre Trickfilme im kommunistischen, wenn auch blockfreien Jugoslawien herstellen ließ, von wo aus sie teilweise illegal über die Grenze geschmuggelt wurden.

Aus seiner Beziehung zu BND-Leuten machte Kauka im privaten Umfeld kein Geheimnis. Dennoch wurde sie lange Zeit nicht öffentlich. Erst 2017 berichteten Buchautoren, Wessel habe in Kaukas Villa in Italien »eine Relaisstation aufbauen lassen« wollen, »wozu der italienische Nachrichtendienst jedoch die Zustimmung verweigert« habe. Hechelhammer beschreibt das Vorhaben als gescheiterten Deal Kaukas mit dem BND, der sich 1962 durch die »Einrichtung einer geheimen Funkresidentur« an den Baukosten für das Haus habe beteiligen sollen. Der BND habe jedoch entschieden, dies habe »aus politischen Gründen zu unterbleiben«.

Über Kaukas BND-Verbindung spekulierte im Mai 2020 die »Bild«-Zeitung: Kauka sei wohl »ein sogenannter Beschaffungshelfer« gewesen. Um Einsicht in Dokumente über Kauka zu erhalten, strengte »Bild« eine Klage am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gegen den BND an. Der Ausgang des Verfahrens ist offen, es wurde Anfang 2021 ausgesetzt.

Gegen eine Offenlegung seiner Beziehungen zu Kauka wehrt sich der BND vehement. »Die Einsichtnahme in die Unterlagen«, erklärte der Dienst laut »Bild«-Zeitung, »würde durch die Beeinträchtigungen des Quellenschutzes mit hoher Wahrscheinlichkeit den konkreten Nachteil der Einschränkung der aktuellen und zukünftigen Aufgabenerfüllung durch den BND bedingen und in der Konsequenz eine erheblich verschlechterte Informationsversorgung der Bundesregierung und damit eine Gefährdung der Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik Deutschland bzw. des Staatswohls ernsthaft befürchten lassen.«

Völkische Töne in Sprechblasen

Der BND bremste »Bild« aus und ist wohl auch über die private Publikation seines Mitarbeiters Hechelhammer wenig begeistert. »Am liebsten«, deutete der Autor gegenüber dem SPIEGEL an, »ist es einem Geheimdienst natürlich, wenn gar nichts zu diesem Thema veröffentlicht wird.«

Wie auch immer Kauka dem BND vielleicht dienlich war: Gehlens Dienst beschäftigte zahlreiche Altnazis, darunter auch Massenmörder, und zog Leute wie Kauka an, die aus der rechten Szene kamen. Der SPIEGEL lästerte seinerzeit über den »deutschen Volkspädagogen«, der Kinder im Stil des Kalten Krieges politisch indoktrinierte und dessen Bildergeschichten »voll von Chauvinismus und bräunlichem Mief« waren.

Selbst den gallischen Comichelden Asterix und Obelix, die Kauka in einer Lizenzausgabe zu Siggi und Babarras germanisierte, dichtete er völkische Töne in die Sprechblasen. Die beiden Landser grölten »O du schöner Westerwald«, schwärmten von den Zeiten, »als wir am Dnjepr standen«, und stänkerten gegen amerikanische Besatzer.

Dabei bediente Kauka auch antisemitische Klischees, indem der deutsche Siggi einen jiddisch sprechenden Händler namens Schieberius bekämpfte. Die Schöpfer von Asterix und Obelix, Albert Uderzo und René Goscinny, waren empört. Der französische Verlag entzog Kauka nach wenigen Ausgaben die Lizenz.

1973 verkaufte Kauka seinen Verlag, behielt aber die Rechte an seinen Figuren. 1980 veröffentlichte er mit der Expertise seines Freundes Wessel einen Roman über einen sowjetischen Angriff auf die Bundesrepublik (»Roter Samstag«), bei dem sogar Atomwaffen eingesetzt werden; die Nato opfert darin Deutschland, um einen dritten Weltkrieg zu vermeiden. Auch in der politischen Science-Fiction blieb Kauka seinem revisionistischen Weltbild treu, wonach die Deutschen »die Kollektivschuld für alle Verbrechen der Welt tragen« müssten.

Wegen seines Rheumas zog Kauka mit seiner vierten Ehefrau Alexandra 1982 in den US-Bundesstaat Georgia, 1987 ließ er sich dort einbürgern. Vor seinem Tod im Jahr 2000 vermisste er in der Wahlheimat jedoch die klassischen deutschen Werte und Traditionen, fühlte sich entwurzelt und »auf der falschen Seite des Atlantiks«. Jede Woche erhielt er deutsche Zeitschriften, darunter der SPIEGEL – aus seiner Sicht ein linkes Hetzblatt, das er aber »gegen das Heimweh« las.