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Die Krankheit einfach wegglauben – ein oft tödlicher Versuch

Foto: Leonhard Simon / imago images

Krankheitsleugner Pandemie? Welche Pandemie?

Corona, Krebs, Aids, Polio, Diabetes, sogar Karies: Gibt's doch gar nicht – behaupten hartnäckige Leugner. Krankheiten einfach wegzuglauben, ist ein altes Phänomen. Und ein Geschäftsmodell für Scharlatane.

Weltweit bisher mehr als 108 Millionen Erkrankte und 2,4 Millionen Tote, trotz aller Schutzmaßnahmen: Wie real die Gefahren der globalen Covid-19-Pandemie sind, ist offensichtlich. Dennoch las man in den letzten Monaten häufig den Slogan »Corona ist eine Lüge« – auf Schildern von Demonstranten, als Aufkleber oder Graffiti auf Gebäuden, vor allem in den sozialen Medien.

Dass eine Krankheit, die weite Teile der Weltbevölkerung betrifft, geleugnet wird, ist keineswegs neu. Ob Aids oder Krebs, Diabetes oder Karies: Im Laufe der Geschichte wurden schon die verschiedensten Erkrankungen bestritten und ihre Symptome mit haarsträubenden Alternativbegründungen erklärt.

In einem Fall leugnete eine ganze Regierung die Bedrohung durch eines der gefährlichsten Viren – HIV. Thabo Mbeki, Präsident des schwer von der Aids-Pandemie betroffenen Südafrika, behauptete im Jahr 2000 entgegen aller medizinischen Erkenntnisse, die als Aids bekannte Erkrankung werde keineswegs durch das HI-Virus hervorgerufen. Die Symptome seien vielmehr auf Armut und Unterernährung zurückzuführen und daher auch nicht mit Medikamenten zu bekämpfen.

Vitaminkuren gegen Aids

Mbeki berief einen Beraterstab mit höchst umstrittenen Aids-Leugnern ein, darunter Peter Duesberg. Der deutsche Virologe beschrieb HIV als »harmlos« und führte die Symptome der Erkrankten auf Drogenmissbrauch oder sogar die Aids-Medikamente selbst zurück.

Der US-Biochemiker David Rasnick forderte sogar ein Verbot von HIV-Tests. Zur Behandlung HIV-Positiver rieten Rasnick und der deutsche Arzt Matthias Rath dringend von der Einnahme herkömmlicher Aids-Medikamente ab, da diese giftig seien. Stattdessen empfahlen sie Vitaminkuren – die verkauften die beiden Forscher gleich selbst. 2008 verbot ihnen ein südafrikanisches Gericht, die Vitamincocktails als Aids-Heilmittel zu vermarkten und Tests dazu durchzuführen.

Tragisch endete der Fall der amerikanischen Aids-Leugnerin Christina Maggiore. Nach ihrer HIV-Diagnose 1992 hatte auch sie den Zusammenhang des Virus mit Aids angezweifelt. Maggiore traf sich mit Duesberg und Mbeki, schrieb den Bestseller »What If Everything You Thought You Knew About Aids Was Wrong?« und trat in Talkshows auf.

Selbst als sie schwanger wurde, weigerte Maggiore sich, zum Schutz des Kindes Medikamente zu nehmen – schließlich wolle sie ihre Tochter nicht »Giftstoffen aussetzen«. Nach der Geburt lehnte sie einen HIV-Test der Tochter ab. Das Kind starb mit drei Jahren, laut Gerichtsmediziner an einer Aids-bedingten Lungenentzündung, und Christina Maggiore selbst mit erst 52 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Todesursache wurde auf Wunsch der Familie nicht genauer untersucht.

Hunderttausende Tote – durch Ignoranz

Die weitaus tragischsten Folgen der Aids-Leugnung hatte jedoch die Bevölkerung Südafrikas zu tragen: Laut Schätzungen von Forschern der Universität Harvard starben infolge Mbekis ignoranter Aids-Politik mehr als 330.000 Menschen.

Dass Menschen weitverbreitete Krankheiten mit abstrusen Alternativerklärungen oder Verschwörungstheorien infrage stellen, ist bereits aus dem 19. Jahrhundert bekannt. So waren britische Ärzte damals im Zuge der Cholera-Epidemie dem Vorwurf ausgesetzt, sie hätten die Krankheit nur erfunden – um Patienten in Kliniken zu locken und dort zu töten, damit sie die Körperteile zur Forschung nutzen könnten.

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Die Krankheit einfach wegglauben – ein oft tödlicher Versuch

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Und als nach immer verheerenderen Polio-Epidemien 1955 in den USA endlich Impfaktionen gegen Kinderlähmung begannen, widersprachen Chiropraktiker der Erkenntnis, dass die Kinderlähmung sich über Ansteckung mit Krankheitserregern verbreitet. Anstelle von Impfungen empfahl das »Journal of the National Chiropractic Association«, lieber seine Wirbelsäule von einem Chiropraktiker behandeln zu lassen.

»Eine Zerbrechlichkeit in ihrem Denken.«

Der US-amerikanische Psychologieprofessor Seth Kalichman

Das Bestreiten von Krankheiten und ihren Ursachen beschreibt Seth Kalichman als »Auswuchs einer grundlegenderen antiwissenschaftlichen und antimedizinischen Bewegung«. Ein Jahr lang tauchte der US-amerikanische Psychologieprofessor verdeckt in HIV-Leugnergruppen ein, um die psychologischen Hintergründe zu verstehen.

Für manche, so Kalichman 2009 in einem Interview , gehe es nur um ein intellektuelles Spiel. Andere profitierten persönlich davon oder suchten »Aufmerksamkeit (...), die sie anders als Journalist oder Akademiker nie bekommen hätten.« Und dann gebe es selbst von HIV Betroffene: »Für sie ist es eine Bewältigungsstrategie.« Eine Gemeinsamkeit hätten sie alle: »Es gibt eine Zerbrechlichkeit in ihrem Denken, die sie stärker zu Menschen heranzieht, die sich leicht als Betrüger enttarnen lassen.«

Diese Anstifter seien psychologisch weit bedenklicher als ihre Anhänger: »Sie zeigen alle Anzeichen einer paranoiden Persönlichkeitsstörung«, sagte der Forscher dem »New Scientist« 2010 – nämlich Intoleranz gegenüber Kritik und übersteigerte Wahrnehmung der eigenen Wichtigkeit, gepaart mit Zorn. »Letzten Endes«, so Kalichman, »ist ihre systematische Leugnung ein psychisches Gesundheitsproblem.«

»Wunderheiler« Hamer: Karies aus Angst vor Migranten?

Eine der berüchtigtsten Leitfiguren wurde Ryke Geerd Hamer. Ab den Neunzigerjahren leugnete er eine Reihe von Krankheiten und gefährdete so das Leben schwer erkrankter Menschen. »Neue Germanische Medizin« nannte der 2017 verstorbene Internist seine alternativen, von antisemitischen Ansichten begleiteten Heilmethoden. Bereits 1986 hatte ihm das Oberverwaltungsgericht Koblenz die Approbation als Arzt entzogen. Dennoch betreute er weiter Patienten – als Heilpraktiker, obwohl ihm auch das verboten wurde.

Aids, so Hamer, gebe es in der öffentlich diskutierten Form eigentlich gar nicht. Es sei keine Erkrankung am HI-Virus, vielmehr handele es sich um eine »Smegma-Allergie«. Auch zu anderen Krankheiten vertrat er sonderbare Auffassungen: So sei Karies keine durch Säure und Mikroorganismen verursachte Zahnerkrankung, sondern ein psychischer Konflikt des »Nicht-zubeißen-Könnens« und entstehe etwa bei Kindern, die von älteren ausländischen Mitschülern eingeschüchtert würden. Statt auf Insulinmangel führte er die Diabeteserkrankung einer Patientin darauf zurück, dass sie sich »ekelt vor Spinnen, Fröschen und dem männlichen Glied«.

Besonders bekannt machte Hamer seine ebenso krude Haltung zu Krebserkrankungen. 1992 wurde er wegen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, nachdem er das Bein eines an Knochenkrebs erkrankten Jungen eingegipst hatte – um den Tumor zu »verkalken«. Das Bein musste amputiert werden, der Junge überlebte nach zehnwöchiger Chemotherapie.

Seine wiederholten Konflikte mit den Gesetzen schienen ihn kaum zu beirren: 1995 erging in Österreich ein internationaler Haftbefehl wegen ungeklärter Todesfälle von Patienten. Zwei Jahre darauf verurteilte ihn das Amtsgericht Köln zu 19 Monaten ohne Bewährung, da er ohne ärztliche Zulassung drei schwer kranke Krebspatienten behandelt hatte. Und 2004 wurde Hamer in Spanien festgenommen und nach Frankreich ausgeliefert. Das Urteil: neun Monate Haft, weitere neun Monate auf Bewährung sowie eine Geldstrafe.

Schulmedizin als Schreckgespenst

Mitte der Neunzigerjahre hatte er Olivia Pilhar »behandelt«, eine Sechsjährige mit Nierentumor. Hamer überzeugte die Eltern, sie nicht der Schulmedizin zu überlassen. Da Olivia einmal gesagt hatte, sie möge das Essen ihrer Oma nicht, lag der Fall für Hamer klar: Es handele sich um die körperliche Verarbeitung eines »Verhungerungskonflikts«. Schließlich flohen Olivias Eltern mit ihrer Tochter vor dem Zugriff der Behörden nach Spanien – mit Hamer.

Krebs sei nicht wirklich eine Krankheit, sondern »ein biologisch sinnvolles Sonderprogramm der Natur« und selbst schon Teil eines Heilungsprozesses, tönte Hamer, ausgelöst durch einen »Konflikterlebnisschock«, nicht etwa durch Veranlagung oder kanzerogene Stoffe. »Dirk-Hamer-Syndrom« nannte er die auf den psychischen Schock folgende Krebserkrankung – nach seinem eigenen Sohn, der mit nur 19 Jahren an den Folgen einer Schussverletzung verstorben war, wonach sein Vater an Hodenkrebs erkrankte. Nicht der Krebs, so Hamer, sei gefährlich, nur die dagegen eingesetzten Therapieformen der »Chemo-Mafia«, der »Medizyniker« und »Medizyankaliker«. Denn man wisse, »dass 95 Prozent der Patienten durch Chemo sterben«.

Erst als die kleine Olivia nach Hamers Nichtbehandlung fast im Sterben lag, übergaben die Eltern sie einem Wiener Krankenhaus. Die ihnen so verhassten Schulmediziner entfernten ihr den mittlerweile fußballgroßen Tumor und behandelten sie mit Radiochemotherapie. Olivia überlebte – doch der Vater hielt weiter zum »Wunderheiler« Hamer und behauptete: »Olivia befand sich bereits in der Heilungsphase, bevor sie auf die Intensivstation kam.« Wegen fahrlässiger Körperverletzung erhielten die Eltern Bewährungsstrafen, Hamer entkam nach Spanien.